12 September 2011

Eigentor: Regierungsarbeit in der Eurokrise

Als letzten Freitag aus Schäubles Ministerium (via A. und dessen Kreisen) gezielt durchsickerte, dass das dt. Finanzministerium sich bereits für den eventuellen Bankrott Griechenlands rüstete, was nebenbei bemerkt eine sehr merkwürdige Bewerbung für den Job bei der EU-Zentralbank darstellt, da dachte ich:

Spinnt Schäuble? Wie kann er das zulassen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sein Staatsassi in allen Gassen sich da ohne sein Wissen selbstständig gemacht hat, um mal so eben dem europäischen Finanzmarkt (und später auch: der deutschen Staatskasse) einen schweren Schlag zu versetzen. Inzwischen meine ich, anhand der ausgewogenen Äußerungen von Schäuble, dass ein ganz bestimmte Kandidat sich für ein Spitzenamt nicht eignet. Eigentlich: Hat Schäuble in den letzten Monaten und Jahren sehr viel richtig gemacht, quasi ein Lichtblick am konservativen Ministerhimmel.

Aber es kam noch schlimmer, fast wie bestellt. Der halbgare und politisch maximal halbverantwortliche Röslervizekanzler der FDP legte heute noch kräftig Zunder in die Finanzmärkte, so, als ob die Möglichkeit einer Profilstärkung (im Sinne, ausgerechnet, von "liberaler" EU-Skepsis) alle übrigen Erwägungen (zum Beispiel: Stabilität sowie die Kosten von Finanzmarktunruhen für den Steuermichel) überwiegt. Depp!

Pardon, wie kann man mit sowas nur koalieren??

Im Ergebnis haben Schäuble und Rösler (bzw. sein übergeschnappter Staatsassi) den DAX völlig unnötig 500 Punkte nach unten gejagt (was bereits in sich gewisse Gefahren birgt), die Refinanzierungskosten für diverse EU-Staaten nach oben getrieben und damit - leider unumkehrbar - auch die Kosten, die für die deutschen Steuerzahler entstehen. Mehr noch, eine beachtliche Destabilisierung der wirtschaftlichen Abläufe wurde ausgerechnet von jemanden veranstaltet, der sich als "Wirtschaftsminister" in der Nachfolge Ehrhards betrachtet (freilich: ohne Ehrhard überhaupt begriffen zu haben).

Ehrhard würde im Grab rotieren - soweit Nachtodbewegungen in Grabstätte überhaupt möglich sind. Mit elenden, völlig unnötigen Bankrottgeschwafel (oder noch gefährlicher/teuer: Rausschmissgeschwafel) die Kosten für die Wirtschaft und für die deutsche Gesellschaft hochtreiben. Weil:

"Es dürfe ja keine Denkverbote geben" (Rösler)

So ein Depp! Das letzte, was das Wirtschaftsministerium benötigt, das ist ein ignoranter Populist als oberster Funktionsträger, der Profilierungswünsche über das Gemeinwohl stellt. Aber, wenn - ganz richtig eigentlich - keine Denkverbote zulässig sind, dann sollte man sich in der schwarzgelben Regierung über die zügige Beendigung von Röslers Ministerkarriere ernsthaft Gedanken machen.

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05 Oktober 2009

Dieser Bauer ist immer noch ein Depp

Der Bauer ist immer noch ein Depp, jedenfalls in gesellschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Fragen. Auf die Fragestellung, was wohl die Hauptaufgabe des Staates sei, fällt ihm ein:
(...) vor allem verhindern, dass Wettbewerb ruinös wird, das ist die Aufgabe des Staates.
Anders gesagt: Für diesen speziellen Deppen ist es die primäre Aufgabe des Staates, dass er Konzernen wie der Deutschen Bank unverhältnismäßig hohe Gewinne sichert, indem er "ruinösen" Wettbewerb verhindert. Der Staat soll kleinere, konkurrierende Banken eleminieren helfen, er soll als Wettbewerber nicht störend (und vor allem: nicht erfolgreich) auftreten, der Staat soll freundlich sein zu Ballungen wirtschaftlicher Macht in Gestalt von Monopolen, Teil-Monopolen und Oligopolen, und auf diesem Wege den Wettbewerb zu Gunsten großer Konzerne beschränken. Der Staat soll des Weiteren nicht dabei stören, wenn Kunden balbiert werden.

Man aus dieser Auffassung lernen, dass das Gegenteil richtig ist: Der Staat muss durch sein Handeln im Bankgewerbe dafür sorgen, zum Beispiel durch Erzwingung von Transparenz, oder durch Zerschlagung der Deutschen Bank: dass eine hohe Wettbewerbsintensität zu Gunsten der Kunden stattfindet. Gleichzeitig müssen Über-Risiken, die massiv zu Lasten der Steuerzahler gehen, sowie Kunden-Benachteiligungen (mit denen Banken ihren Informationsvorsprung gewinnträchtig ausspielen) drastisch unterbunden werden.

Ganz anders also, wie es sich der Bauer denkt. Gleichzeitig nennt der Bauer ein entscheidendes Argument, warum der Staat im Finanzsektor zu besonders scharfen Regulationen aufgefordert ist:
Allein an die Moral des Einzelnen oder von Unternehmen zu appellieren, bringt in einer Wettbewerbsgesellschaft nicht die Lösung.
Die Intensität staatlicher Regulationen sollte sich am Schaden fehlender staatlicher Regulationen bemessen. Insofern bleibt für die Finanzbranche noch viel zu tun. Sogar sehr viel.

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20 Mai 2009

EuGH stützt berufsständisches Monopol - zum Apothekenurteil

Die ungerechten Schandrichter der EU-Kommission (EuGH) haben gestern erneut ein Urteil gegen die Verbraucher und zugunsten wirtschaftlicher Monopole gefällt. Um den Wettbewerb zu stoppen und den damit verbundenen, notwendigen Verfall der Handelsspannen in der Apothekenbranche, hat der EuGH Apothekenketten die Anstellung von Apothekern verboten. Der EuGH bestätigte (!) das Apothekenmonopol aus dem Jahre 1241 (quasi...) und untersagt erschwert hiermit die wirtschaftliche Tätigkeit für Apothekenketten wie DocMorris - und zwar erheblich.

Begrüßt wurde dieses "Urteil" von der üblen - und m.E. unsozialdemokratischen - Gesundheitsministerin U. Schmidt, die mit ihrer Politik das Gesundheitssystem i.d.R. zugleich verteuert und verschlechtert. Im Namen der Bundesregierung sagte sie:
"Mit seinem heutigen Urteil hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg Rechtsklarheit geschaffen. Die Bundesregierung begrüßt, dass der Gerichtshof das deutsche Fremdbesitzverbot bestätigt hat."
Die Fraktion der LINKEN hat dieses Drecksurteil ebenfalls sogleich bejubelt. Kein Zweifel: Die CDU begrüßt das Urteil auch, die pseudoliberale Klientelistenpartei FDP sieht sich "in ihrer Haltung bestätigt", und auch Heribert Prantl liegt deutlich daneben, in diesem Fall, weil nach seiner Auffassung endlich einmal ein Urteil zu Lasten privater Profite gefällt worden sei. Ich sehe es genau umgekehrt: Der EuGH urteilte hier zugunsten übergroßer privater Profite. Im deutschen Apothekenmarkt gibt es leider zu wenig Wettbewerb und Markttransparenz.

Wer nun aber glaubt, dass auf diese Weise die Apothekenkette DocMorris gestoppt werden könne, der irrt sich. Trotz EuGH-Urteil wird DocMorris seine Filialpräsenz weiter ausbauen - indem er (siehe Interview im Handelsblatt) auf sein Franchise-System setzt.

P.S.
Da der EuGH hier zugleich urteilte, dass Fragen des Gesundheitssystems von den Nationalstaaten souverän und unabhängig von der EU-Kommission geregelt werden dürfen, ist das Urteil trotzdem ganz okay. Das Problem ist diesmal also eher Ulla-Trulla denn die Machtfülle der EU-Kommission bzw. des Marionetten-Gerichtes EuGH.

+++ Update +++

Einen guten und differenzierenden Bericht zu den ordnungspolitischen Problemstellungen beim EuGH-Apothekenurteil liefert nicht etwa die selbst ernannte "Qualitätspresse" (SpOnFAZWELT usw.), sondern der ohnehin oft überragende Peter Mühlbauer im Magazin Telepolis.

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11 Mai 2009

Was sagt eigentlich... die FDP zur Idee mit den Bad Banks?

Nichts.

Die wortwörtliche Formulierung der Assistentin von Dr. Hermann Otto Solms lautet, auch im Namen von Herrn Solms und der FDP-Fraktion:
"Da haben wir nichts".
Man möchte seitens der FDP-Fraktion nichts Kritisches dazu sagen und erst einmal abwarten, wie der Vorschlag aus den Finanzministerium genau aussieht. Ein eigenes Alternativmodell könne man leider vorab nicht erarbeiten, deshalb, weil es hierzu an "Kompetenz und Expertise" innerhalb der FDP fehle. Soweit jedenfalls das Büro Solms. Ohnehin ist man seitens der FDP der Auffassung:
Das "Bad Bank-Modell geht in die richtige Richtung. Dieses Modell zur Bereinigung der Bankbilanzen war überfällig."
(Vervollständigungen zu diesem Bericht: Eine Nachfrage bei der FDP-Fraktion am heutigen Tage, Büro Solms - der finanzpolitsche Sprecher der FDP - ergab, via Frau Ẵnett Wỉtt℮, dass die FDP die Schaffung von "Bad Banks" grundsätzlich sehr unterstützenswert findet, dann, wenn es dabei nicht zur Schaffung einer zentralen "Bad Bank" kommt. Stattdessen soll, ganz wie von Herrn Jörg Asmussen - dem eng mit den Banken zusammen arbeitenden Staatssekretär von Steinbrück - vorgeschlagen, sowie von den vom Bundesfinanzministerium engagierten bankwirtschaftlichen Anwaltskanzlei rechtlich vorbereitet und ausgearbeitet, jeweils dezentrale "Bad Banks" geschaffen werden. Nach Angaben der FDP-Fraktion sei es so, dass innerhalb dieser Anwaltskanzlei spezielle Wirtschaftsberater tätig seien, welche für Herrn Jörg Asmussen die Politik ausarbeiten. Innerhalb des Finanzministeriums werde das Gesetz zur Schaffung von "Bad Banks" jedenfalls nicht formuliert, dazu sei es viel zu komplex. Das Finanzministerium verweigert sich im Übrigen jeder Rückfrage seitens der FDP. Der Plan der Anwaltskanzlei sei dennoch gut. Jedes Institut erhält also ihre eigene "Bad Bank". Das insgesamt hunderte Milliarden Euro umfassende Geld soll wiederum vom Steuerzahler kommen und es soll nach Ansicht der FDP-Fraktion via SoFFin in die "Bad Banks" gepumpt werden, welche damit wiederum ihre jeweilige Mutterbank finanzieren. Auf diese Weise könne der Interbankenhandel belebt werden. Das Beispiel Schweden habe, so die FDP-Fraktion, in hinreichender Weise gezeigt, dass der Staat auf diese Weise sogar noch Geld verdienen könne. Auf meine Gegenfrage, wie sich diese vermeintliche Werthaltigkeit toxischer Papiere ereignen solle und wie es denn passieren könne, dass beispielsweise a) wertlose und b) innerhalb der nächsten 10 Jahre endgültig verfallene amerikanische Immobilien-Anlagen wieder werthaltig werden können, antworte die Assistentin von Herrn Solms, im Namen der FDP-Fraktion, dass "man das ja noch garnicht wisse", außerdem sei ja "ein Teil werthaltig". Den möglichen Fall, dass die jeweiligen "Bad Banks" infolge nicht hinreichender Werthaltigkeit am Ende tatsächlich bankrott gehen und dementsprechend die Steuerzahler - via Soffin-Krediten - stark belasten, diesen Fall halte man für nicht erwägenswert. Im Augenblick gehe es darum, dass das Misstrauen der Privatbanken untereinander ausgeräumt werde und dass die Banken für ihre Geschäfte genügend Liquidität zur Verfügung gestellt erhalten. Dazu seien "Bad Banks" gut geeignet. Die relevanten Risiken würden dabei von privaten Institutionen getragen werden. Die Steuerzahler werden bei diesem Prozess über a) Zinsen für die Soffin-Kredite sowie b) "Garantien", welche die "Bad Banks" ausstellen, völlig ausreichend geschützt. Man sehe das Kernproblem bei der Schaffung der "Bad Banks" darin, das die FDP-Fraktion in diesem Prozess unzureichend eingebunden werde. Weitere Probleme habe man damit nicht. Man möchte seitens der FDP diesen Prozess zur Schaffung von "Bad Banks", welche vom Steuerzahler Liquidität in Hundertmilliardenhöhe erhalten, positiv anerkennend politisch begleiten, weil das alles in die "richtige Richtung" ginge. Kommentar: Wer mag, darf sich nun beruhigt fühlen. Oder er macht sich, das wäre eine Alternative dazu, starke Sorgen hinsichtlich der Wirtschaftskompetenz der FDP kurz vor dem Wahlsieg von Schwarzgelb. Quellen für diesen Bericht sind, neben meinen persönlichen Gesprächen, dies hier und dieses hier. Man könnte es so sagen: Die FDP stellt die Jubelperser für Steinbrücks Übelbanken.)

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03 Mai 2009

SPIEGEL spinnt (Teil 1416, zirka) - und sieht Singapur als "Musterland" mit einer idealtypischen professionellen Regierung

Das neoliberal-konservative Zeitgeistmagazin SPIEGEL hält ein autoritäres Regime, welche gegen die Menschenrechte massiv verstößt, für ein echtes "Musterland", deshalb, weil es einen hohen Sauberkeitskomfort bietet- sowie Idealbedingungen für internationale Wirtschaftskonzerne. Der sehr mäßige, und ggf. moralisch vollends verrottete, Journalist Mark Fehr schreibt (hier) für den SPIEGEL über Singapur:
"Darüber hinaus ist das Musterland ein wahres Paradies für Firmen aus aller Welt: Es herrschen stabile politische Verhältnisse ohne Korruption, eine professionelle Regierung sorgt für hervorragende Infrastruktur und öffentliche Sicherheit. (...) Luftverschmutzung, Kriminalität, miese Hygiene - sonst in Asien an der Tagesordnung - bleiben den Mitarbeitern in Singapur erspart."
Tjanun, deutlich weniger Gutes schreibt Amnesty International über Singapur und seine Regierung.

(Es ist so: Rechts"liberale" wie im SpOn haben i.d.R. nur ein rein taktisches Verhältnis zu den Menschenrechten)

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16 Oktober 2008

Ökonomen werden überschätzt

Ein schönes Beispiel dafür, dass Ökonomen Kompetenz nur vorgaukeln, liefert ein Interview mit Jeremy Rifkin (immerhin ein klingender Name in der Ökonomenzunft) in der Sueddeutschen Zeitung. Die von Kassandraschreien durchsetzten Aussagen von Rifkin sind vielfach falsch, aber das Highlight für mich ist diese Stelle:
Der steigende Ölpreis schlägt sich in jedem Produkt nieder. Unsere Nahrungsmittel gedeihen dank petrochemischen Düngers, (...)
Petrochemischer Dünger? Das ist völlig absurd. Auch sollte man bedenken, zumal als Ökonom, dass der Preis für Erdöl nur einen i.d.R. kleinen Prozentsatz an den gesamten Produktionskosten eines Landes ausmacht. Selbst der Preis für Logistikleistungen steigt nicht um 50 Prozent, weil der Ölpreis entsprechend angestiegen ist. Öl ist auch nicht die einzige Energiequelle. Apropos Ölpreis: Zum Zeitpunkt des Interviews liegt der Ölpreis bereits unter 68 Dollar und damit in etwa auf dem Niveau von Sommer 2005, wo er um die 60-Dollar-Marke schwankte.

Rifkin übersieht mit den sinkenden Rohstoffpreisen krisenstabilisierende Tendenzen, die es eben auch gibt, und ist von Panik ergriffen - er sieht eine neue Weltwirtschaftskrise kommen. Nur: Das stimmt eben nicht. Eine Wirtschaftskrise kommt, ja, aber eben nicht im Umfang der Weltwirtschaftskrise.

Was die angeblich kommende Weltenergiekrise betrifft, auch da bin ich anderer Meinung. Sollte der Ölpreis dauerhaft oberhalb von 50 Dollar liegen, dann lohnen sich Verfahren zur Kohleverflüssigung - und die Reichweite der auf Kohle basierenden Energiereserven beträgt noch rund 1000 Jahre. Mit anderen Worten: Wir werden vermutlich in den nächsten Jahrzehnten eine Abkehr von der Ölwirtschaft erleben, und ich denke, Elektroautos werden das nächste große Ding. Ich denke, ab dem Jahr 2011 ist die gerade beginnende ökonomische Krise ausgestanden, und dann geht es wieder aufwärts - und eben mit veränderten Grundlagen. So mangelhaft Kapitalismus, besonders bei unzureichender Regulation, auch sein mag: Die Stärke funktionierender Marktwirtschaften liegt in der Fähigkeit zu Innovation und Problemlösung.

Das sollte nicht vergessen werden, auch nicht mitten während einer sich gerade entfaltenden Krisenpanik.

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20 März 2008

Thema Staatsquote: Nimmt man bei der gegenwärtigen deutschen Staatsquote (43,9 Prozent im Jahr 2007) (PDF-Quelle) an, dass davon rund 3,5 Prozent auf das Konto der Wiedervereinigung gehen, so beträgt die zu vergleichende Staatsquote 40,4 Prozent. Das enspricht annäherungsweise dem Niveau von 1966 (37,3 Prozent), dem letzten Jahr, wo Ludwig Erhardt Kanzler war.

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25 Januar 2008

IWH: Das Propaganda-Institut aus Leipzig

Zunächst hatte ich geglaubt, dass folgende Berichterstattung ungenau sei:
Offen sei auch, wie sich ein Mindestlohn auf die Arbeitskosten der Unternehmen auswirken würde. Sollten die Unternehmen in der Folge die Preise ihrer Produkte erhöhen, bedeute dies einen sinkenden Reallohn. Auch das wäre hochgradig unsozial. "Das Ziel existenzsichernder Löhne würde so nicht erreicht", schreibt das IWH.
Leider ist es wahr - und es handelt es sich beim IWH in Halle offenkundig um volkswirtschaftliche Analphabeten, welche nicht einmal das volkswirtschaftliche Einmaleins beherrschen. Die Vorstellung, dass die Einkommenswirkung eines Mindestlohns (z.B. in Höhe von 7,50 Euro) umgehend durch "sinkende Reallöhne" neutralisiert würde, ist so atemberaubend dumm, dass man die umgehende Schließung des IWH fordern muss.
(Bild: Creative Commons von Aunt P)

Ein weiterer Defizitbereich ist die allzu unkritische Berichterstattung der Medien. Sie verbreiten derlei Meinungsmüll willig weiter, sobald er zuvor von von Nachrichtenagenturen wie Reuters oder DPA veröffentlicht wurde. Offenbar gibt es weder bei den Agenturen, noch in den Wirtschaftsredaktionen ausreichend Journalisten, welche die eklatante Unwissenschaftlichkeit derartiger Propaganda-Behauptungen zu erkennen vermögen. Bzw. sich trauen, diese angemessen zu kritisieren.

Ich persönlich halte einen pauschalen Mindestlohn in Höhe von 7,50 dennoch für zu hoch. Allerdings, bedingt auch durch die rasante Inflation bei Grundnahrungsmitteln und Heizkosten, plädiere ich inzwischen für ein Niveau in Höhe von 7,10. Zusätzlich sollten die Midijob-Regelungen bis in den Bereich von 1200 Euro ausgeweitet werden - refinanziert durch eine weitgehende Streichung von Großverdiener-Privilegien in der Sozialversicherung, dadurch, dass die Jahresarbeitsentgeltgrenze und die Beitragsbemessungsgrenze vervierfacht werden, bei gleichzeitiger Einführung von linear ansteigenden solidarischen Mindestbeiträgen für Bestverdiener.

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04 Dezember 2007

Die Wettbewerbsfeinde in CDU, FDP, EU und BDI

Geplant war, dass private "Konkurrenten" statt mit unternehmerischer Leistung mit Elendslöhnen in den Wettbewerb gehen. Jetzt, wo sie annähernd gleichen Wettbewerbsbedingungen unterliegen, meckert der CDU-Wirtschaftsrat, und sieht ein "Attentat auf den Wettbewerb". Auch die EU jault. Die FDP sowieso. Schließlich gibt für diese Klientelisten kaum schöneres als Elendslöhne. Der Staat solle via HartzIV die Hungerlöhne von privaten Postanbietern aufstocken. BDI-Präsident Thumann sieht nun 5 Millionen Arbeitsplätze in Gefahr.

Um sich die Narrenkappe noch tiefer ins Gesicht zu ziehen, fordert jetzt die CDU auf ihrem Parteitag, dass alle ausländischen Unternehmensbeteiligungen, die 25% überschreiten, einem Veto des Wirtschaftsministers unterliegen sollen. Außerdem solle es bei ausländischen Beteiligungen zu einer allgemeinen Meldepflicht kommen. Zur Abwehr unerwünschter Unternehmen. Das betrifft ganz besonders den Strommarkt, wo die einheimischen Monopolisten bereits damit einverstanden sind und - in Zusammenarbeit mit Minister Glos - jegliche neue Konkurrenz abwehren wollen.

Ich bin sicher, sie haben den Verstand verloren.

(Bild von la_imagen)

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26 April 2007

Heuschrecken @work: CeWe Color

Der an Wirtshaftsfragen Interessierte betrachte bitte dies, dies, dies, dies, dies und dies. Kurzum: CeWe Color soll sich nach den Wünschen bestimmter "Investoren" verschulden - um auf dieser Basis hohe Ausschüttungen vorzunehmen. Irre.

Die Öffnung des deutschen Finanzmarktes für sogenannte "Finanzinvestoren" wurde in der Politik (z.B. im Seeheimer Kreis) damit begründet, dass dies den Wandel in den Firmen fördert, damit also die "verkrustete Deutschland-AG" beflügelt, und zweitens erfolgte die Begründung damit, dass dadurch zusätzliche Investitionen nach Deutschland gelockt werden.

Den ersten Punkt vermag ich nicht zu beurteilen. Der zweite Punkt ist offenkundig Blödsinn, jedenfalls, wenn man dies am nicht untypischen Beispiel CeWe Color betrachtet. Viele sogenannte Finanzinvestoren befördern in der Summe eher eine Art Desinvestment (sofern man den Sonderbereich des "Venture Capital" ausspart).

Kürzer und (allzu) zugespitzt gesagt: Finanzinvestoren hauen, dort wo sie aktiv sind, (sogar gesunde!) Wirtschaftsstrukturen in Trümmer. Verblüffend. Wirklich verblüffend.

Wenn die i.d.R. übertrieben anspruchsvollen Renditeziele von den übernommenen bzw. beeinflussten Firmen verfehlt werden, beginnen - oftmals - Desinvestments, entweder verbunden mit einer zu diesem Zweck erhöhten Firmenverschuldung oder durch Abbau von Betriebsteilen, sogar solchen, welche Überschüsse abwerfen.

Wenn diese sehr grobe Beschreibung zutreffend ist, ergeben sich viele Fragen. Es ist z.B. ja eben nicht (!) "der" Kapitalismus, der sich in diesem Verhalten zeigt. Diese Finanzinvestoren verhalten sich im engeren Sinne sogar ausgesprochen unkapitalistisch:
  • Unrealistische bis idiotische Renditeziele anstelle kapitalmarktnaher Renditen
  • Destruktivkompetenz an Stelle von wirtschaftlicher Gestaltungskompetenz
  • Oft nur reines "Kostensparen" bei Nichtberücksichtigung anderer wirtschaftlicher Vorgehensmuster
Man könnte bei diesen Finanzinvestoren von einer Form eines dezidiert "unschöpferischen Kapitalismus" sprechen. Das wäre in meinen Augen jedenfalls ein Gesichtspunkt. Zudem ist es so, dass diese "private Equity"-Gesellschaften immense private Macht organisieren, auf Basis von Finanzkapital, und diese Macht regelmäßig sehr intransparent ist.

Überlegt man, dass gerade das Verfügen über Informationen für das Funktionieren von Märkten grundwesentlich ist, so spricht dies in meinen Augen für die Einführung scharfer gesetzlicher Berichtspflichten.

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19 April 2007

6.427.000 Erwerbslose

6.427.000 Erwerbslose aktuell. ALG1 + ALG2 (Quelle). Wie tief sind die Medien gesunken, die hochgelobten "Gatekeeper", dass man korrekte Zahlen nur noch aus scharf linksgerichteten Medien erhält? Zusätzliche Informationen enthält dies, dies und dies. Unklar ist, wieviele "Aufstocker" hier enthalten sind und wie prekär diese Tätigkeiten sind. Und: Wie es diesen Menschen geht. Ich entwickele gerade ein völlig neues Verständnis gegenüber dem medientheoretischen Begriff "Gatekeeper".

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18 April 2007

Arbeitsmärkte für "freie" Mitarbeiter

Gedankenhalde: [Aus einem Kommentar an Robert Basic]

Tja, das alte Thema: Der Markt und der Preis für Arbeit. Ich möchte hierzu zwei Aspekte beisteuern:

1. Die reine neoklassische Lehre haut auf dem Arbeitsmarkt nicht hin. Das haben zwar bis heute die meisten Wirtschaftsprofessoren nicht begriffen, aber: Arbeitsmärkte bilden nicht einfach nur Knappheiten ab (das auch), sondern zusätzlich auch Machtgefüge.

2. Was bestimmt den Preis z.B. von einem Arbeitnehmer? Tja, und schon zerhauts die hübsch einfache Theorie von Angebot und Nachfrage. Denn das Produkt "Arbeit" hat nicht so einfach einen Preis, den "der Markt" setzt. Es hat viel z.B. mit dem Selbstbewusstsein des Produkts zu tun, mit seinem Habitus und Auftreten, und, mit Vitamin B usw. Es hat enorm viel mit Zufall zu tun, dazu ein Beipíel:

Letzten Dezember habe ich zufällig einen Obdachlosen kennen gelernt, und eine Nacht bei mir übernachten lassen, damit er nicht wieder auf eine Parkbank muss. Der Mann hatte richtig Probleme, übrigens, ein ehemaliger Selbstständiger aus dem IT-Bereich. Unter anderem wurde der Mann von seinen ehemaligen Haupt-Auftraggeber nach Strich und Faden verarscht. Bis er halt buchstäblich in der Gosse landete. Dort rauszukommen: Das ist nicht einfach.

Schön und gut, könnte der primitiv-neoklassische Arbeitsmarkttheoretiker sagen können, dieser Obdachlose hat halt "seinen Preis", tja, Pech gehabt, der hat halt keine ausreichenden Fähigkeiten, um am Arbeitsmarkt interessant zu sein usw. usf.

Tjä, dieser Ex-Obdachlose (!) ist seit Anfang März Deutschland-Vertriebschef (!) einer IT-Firma, macht seine Sache dort sehr gut und verdient zur Zeit 7.000,- brutto plus Zulagen.

Was genau bildet dann der Arbeitsmarkt ab? Knappheiten? Produktqualität? Fähigkeiten?

Plötzlich hat die Ware Arbeit - wie im Fall des Ex-Obdachlosen - einen völlig anderen Preis. Das ist so, als ob das gleiche Kilo Erdbeeren auf dem Gemüsemarkt zu 10 Cent angeboten wird (und niemand will es haben), und wenige Stunden später geht es zum Preis von 50 Euro pro Kilo weg. Der erdbeerkaufende Kunde, der übrigens sehr auf Geld achtet, ist sogar äußerst zufrieden, und meint, er hat geradezu ein Schnäppchen gemacht. Der Arbeitsmarkt für Erdbeeren für IT-Professionals funktioniert nur zum Teil nach den Regeln der Neoklassik.

Nur, warum ist das so?

Ergibt sich nun der Preis am Arbeitsmarkt aus dem Produkt - im Rahmen einer einfachen neoklassischen Logik - oder gibt es da vielleicht noch andere Faktoren?

Sorry, dass meine Argumentation sich eigentlich noch ziemlich unausgegoren darstellt - man nehme sie als Gedankenanregungen. So, Robert Basic, und nun kommt mein eigentlicher Punkt:

Wenn es so ist, dass Arbeitsmärkte auch Machtgefüge und soziale Konstellationen
abbildet, wenn es so ist, dass assymetrisches Verhältnis auf dem Markt besteht, dann gibt es im Umgang mit "freien" Mitarbeitern seitens der Auftraggeber ein Fairnessgebot, auch, was die Höhe des Entgelts betrifft. Im Übrigen geht es um Menschen in ihrer Würde, und nicht um tote Gegenstände einer alles rechtfertigenden Marktlogik.

Ich behaupte: Es ist oft nicht einfach "der Markt", der den Preis macht. Das gilt besonders im Fall eines assymmetrischen Marktgeschehens. Fairness bzw. das Streben danach: Da wird dann im Fall asymmetrischer Verhältnisse besonders wichtig, sogar wichtig für das Funktionieren der Märkte.

Denn, wo diese Märkte "nach unten ausfransen", wo Sitte und Gebräuche verwahrlosen, dort sind am Ende die Märkte selbst bedroht. Die Qualität des Angebots verfällt, die Anbieter finden plötzlich nicht mehr das in ausreichender Menge, was sie suchen. Beispiel: Die Märkte für Versicherungsvertreter, für Outbound-Telefonagents oder "freie" Handelsvertreter. Sowas gilt Arbeitnehmer als "das Letzte" - wer immer woanders unterkommen kann, der meidet diese Märkte so gut er nur kann. Und ich behaupte, dass das diesen Märkten bzw. dem machtüberlegen "dezentralen Nachfragerkartell" nicht gut bekommt.

Es kann bei ins Prekäre abgerutschen Arbeitsmärkten sehr lange dauern, bis wieder das Vertrauen der anbietenden schwachen Marktteilnehmer hergestellt ist. Übrigens, die potentielle Schwäche von "freien" Anbietern von Arbeit, die von mir behauptete "Asymmetrie" auf "freien" Arbeitsmärkten ist m.E. teils strukturell bedingt - und kann im Fall eines völlig freien Marktgeschehens, nach meinen Beobachtungen, nur zeitweise, nicht aber auf Dauer überwunden werden. Ohne Fairness kommt man nicht aus.

Soweit meine eher ungeordneten und unausgearbeiteten Gedanken zum Thema.

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