16 Oktober 2008

Ökonomen werden überschätzt

Ein schönes Beispiel dafür, dass Ökonomen Kompetenz nur vorgaukeln, liefert ein Interview mit Jeremy Rifkin (immerhin ein klingender Name in der Ökonomenzunft) in der Sueddeutschen Zeitung. Die von Kassandraschreien durchsetzten Aussagen von Rifkin sind vielfach falsch, aber das Highlight für mich ist diese Stelle:
Der steigende Ölpreis schlägt sich in jedem Produkt nieder. Unsere Nahrungsmittel gedeihen dank petrochemischen Düngers, (...)
Petrochemischer Dünger? Das ist völlig absurd. Auch sollte man bedenken, zumal als Ökonom, dass der Preis für Erdöl nur einen i.d.R. kleinen Prozentsatz an den gesamten Produktionskosten eines Landes ausmacht. Selbst der Preis für Logistikleistungen steigt nicht um 50 Prozent, weil der Ölpreis entsprechend angestiegen ist. Öl ist auch nicht die einzige Energiequelle. Apropos Ölpreis: Zum Zeitpunkt des Interviews liegt der Ölpreis bereits unter 68 Dollar und damit in etwa auf dem Niveau von Sommer 2005, wo er um die 60-Dollar-Marke schwankte.

Rifkin übersieht mit den sinkenden Rohstoffpreisen krisenstabilisierende Tendenzen, die es eben auch gibt, und ist von Panik ergriffen - er sieht eine neue Weltwirtschaftskrise kommen. Nur: Das stimmt eben nicht. Eine Wirtschaftskrise kommt, ja, aber eben nicht im Umfang der Weltwirtschaftskrise.

Was die angeblich kommende Weltenergiekrise betrifft, auch da bin ich anderer Meinung. Sollte der Ölpreis dauerhaft oberhalb von 50 Dollar liegen, dann lohnen sich Verfahren zur Kohleverflüssigung - und die Reichweite der auf Kohle basierenden Energiereserven beträgt noch rund 1000 Jahre. Mit anderen Worten: Wir werden vermutlich in den nächsten Jahrzehnten eine Abkehr von der Ölwirtschaft erleben, und ich denke, Elektroautos werden das nächste große Ding. Ich denke, ab dem Jahr 2011 ist die gerade beginnende ökonomische Krise ausgestanden, und dann geht es wieder aufwärts - und eben mit veränderten Grundlagen. So mangelhaft Kapitalismus, besonders bei unzureichender Regulation, auch sein mag: Die Stärke funktionierender Marktwirtschaften liegt in der Fähigkeit zu Innovation und Problemlösung.

Das sollte nicht vergessen werden, auch nicht mitten während einer sich gerade entfaltenden Krisenpanik.

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5 Comments:

At 16 Oktober, 2008 23:29, Anonymous Anonym said...

Die Herkunft mineralischer Dünger ist in letzter Konsequenz fast immer in der bergmännischen Gewinnung von Mineralien (oder fossiler Energie) zu sehen. Meist ist dem Einsatz eine mehr oder minder intensive chemische Veränderung vorgelagert (Haber-Bosch-Verfahren; Phosphataufschluss).

http://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%BCnger#Mineralischer_Feststoffd.C3.BCnger

 
At 16 Oktober, 2008 23:29, Anonymous Anonym said...

Achja, vorallem: Problematisch sind die synthetischen Dünger in Anbetracht des enormen Energieaufwandes bei der Herstellung.

 
At 17 Oktober, 2008 10:38, Anonymous Anonym said...

Also wir haben im Geographie Unterricht auch gelernt, dass bei der Herstellung von Dünger irgendwie Öl beteiligt ist..

Jetzt bin ich verwirrt ;)

 
At 17 Oktober, 2008 10:42, Anonymous Anonym said...

http://www.peakoil.de/

hier wird auch erwähnt, dass für Dünger Öl benötigt wird.

Ist das jetzt eine weit verbreitete Fehlannahme? Würde mich nun sehr interessieren

 
At 18 Oktober, 2008 15:38, Anonymous martinm said...

Zu Anonym 1: weder das energieaufwendige Haber-Bosch-Verfahren zur Ammoniaksynthese noch die nachfolgende Umsetzung in Salpetersäure im Oswald-Verfahren noch der Phosphataufschluss sind auf fossile Energieträger angewiesen. Das in der Praxis dafür fossile Energieträger eingesetzt werden (in den letzten Jahrzehnten vor allem Erdgas) ist eine reine Kostenfrage. Es gab in den 1970ern Studien, wie sich Kernreaktoren vom Typ HTR für energieaufwendige chemische Verfahren, u. A. Haber-Bosch, nutzen lassen. In Island und Neuseeland gibt es geothermisch betriebene Haber-Bosch-Reaktoren.

Erdgas ist auch die heute bevorzugte Wasserstoffquelle für Haber-Bosch, es könnte aber auch z. B. elektrolytisch mittel Solarstrom gewonnener Wasserstoff eingesetzt werden.

Wie dem auch sein: Mineraldünger ist kein petrochemisches Produkt, die Herstellung von Ammoniak aus Luftstickstoff und Wasserstoff ist energieaufwendig, aber nicht zwingend auf fossile Energieträger, und schon gar nicht auf Öl, angewiesen. Wobei der Energieaufwand pro Volumeneinheit Ammoniak z. B. dank verbesserter Katalysatoren auch ständig sinkt. Außerdem sind biochemische und biotechnische Verfahren zur Stickstofffixierung eine mögliche Alternative zu Haber-Bosch.

 

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