18 April 2007

Arbeitsmärkte für "freie" Mitarbeiter

Gedankenhalde: [Aus einem Kommentar an Robert Basic]

Tja, das alte Thema: Der Markt und der Preis für Arbeit. Ich möchte hierzu zwei Aspekte beisteuern:

1. Die reine neoklassische Lehre haut auf dem Arbeitsmarkt nicht hin. Das haben zwar bis heute die meisten Wirtschaftsprofessoren nicht begriffen, aber: Arbeitsmärkte bilden nicht einfach nur Knappheiten ab (das auch), sondern zusätzlich auch Machtgefüge.

2. Was bestimmt den Preis z.B. von einem Arbeitnehmer? Tja, und schon zerhauts die hübsch einfache Theorie von Angebot und Nachfrage. Denn das Produkt "Arbeit" hat nicht so einfach einen Preis, den "der Markt" setzt. Es hat viel z.B. mit dem Selbstbewusstsein des Produkts zu tun, mit seinem Habitus und Auftreten, und, mit Vitamin B usw. Es hat enorm viel mit Zufall zu tun, dazu ein Beipíel:

Letzten Dezember habe ich zufällig einen Obdachlosen kennen gelernt, und eine Nacht bei mir übernachten lassen, damit er nicht wieder auf eine Parkbank muss. Der Mann hatte richtig Probleme, übrigens, ein ehemaliger Selbstständiger aus dem IT-Bereich. Unter anderem wurde der Mann von seinen ehemaligen Haupt-Auftraggeber nach Strich und Faden verarscht. Bis er halt buchstäblich in der Gosse landete. Dort rauszukommen: Das ist nicht einfach.

Schön und gut, könnte der primitiv-neoklassische Arbeitsmarkttheoretiker sagen können, dieser Obdachlose hat halt "seinen Preis", tja, Pech gehabt, der hat halt keine ausreichenden Fähigkeiten, um am Arbeitsmarkt interessant zu sein usw. usf.

Tjä, dieser Ex-Obdachlose (!) ist seit Anfang März Deutschland-Vertriebschef (!) einer IT-Firma, macht seine Sache dort sehr gut und verdient zur Zeit 7.000,- brutto plus Zulagen.

Was genau bildet dann der Arbeitsmarkt ab? Knappheiten? Produktqualität? Fähigkeiten?

Plötzlich hat die Ware Arbeit - wie im Fall des Ex-Obdachlosen - einen völlig anderen Preis. Das ist so, als ob das gleiche Kilo Erdbeeren auf dem Gemüsemarkt zu 10 Cent angeboten wird (und niemand will es haben), und wenige Stunden später geht es zum Preis von 50 Euro pro Kilo weg. Der erdbeerkaufende Kunde, der übrigens sehr auf Geld achtet, ist sogar äußerst zufrieden, und meint, er hat geradezu ein Schnäppchen gemacht. Der Arbeitsmarkt für Erdbeeren für IT-Professionals funktioniert nur zum Teil nach den Regeln der Neoklassik.

Nur, warum ist das so?

Ergibt sich nun der Preis am Arbeitsmarkt aus dem Produkt - im Rahmen einer einfachen neoklassischen Logik - oder gibt es da vielleicht noch andere Faktoren?

Sorry, dass meine Argumentation sich eigentlich noch ziemlich unausgegoren darstellt - man nehme sie als Gedankenanregungen. So, Robert Basic, und nun kommt mein eigentlicher Punkt:

Wenn es so ist, dass Arbeitsmärkte auch Machtgefüge und soziale Konstellationen
abbildet, wenn es so ist, dass assymetrisches Verhältnis auf dem Markt besteht, dann gibt es im Umgang mit "freien" Mitarbeitern seitens der Auftraggeber ein Fairnessgebot, auch, was die Höhe des Entgelts betrifft. Im Übrigen geht es um Menschen in ihrer Würde, und nicht um tote Gegenstände einer alles rechtfertigenden Marktlogik.

Ich behaupte: Es ist oft nicht einfach "der Markt", der den Preis macht. Das gilt besonders im Fall eines assymmetrischen Marktgeschehens. Fairness bzw. das Streben danach: Da wird dann im Fall asymmetrischer Verhältnisse besonders wichtig, sogar wichtig für das Funktionieren der Märkte.

Denn, wo diese Märkte "nach unten ausfransen", wo Sitte und Gebräuche verwahrlosen, dort sind am Ende die Märkte selbst bedroht. Die Qualität des Angebots verfällt, die Anbieter finden plötzlich nicht mehr das in ausreichender Menge, was sie suchen. Beispiel: Die Märkte für Versicherungsvertreter, für Outbound-Telefonagents oder "freie" Handelsvertreter. Sowas gilt Arbeitnehmer als "das Letzte" - wer immer woanders unterkommen kann, der meidet diese Märkte so gut er nur kann. Und ich behaupte, dass das diesen Märkten bzw. dem machtüberlegen "dezentralen Nachfragerkartell" nicht gut bekommt.

Es kann bei ins Prekäre abgerutschen Arbeitsmärkten sehr lange dauern, bis wieder das Vertrauen der anbietenden schwachen Marktteilnehmer hergestellt ist. Übrigens, die potentielle Schwäche von "freien" Anbietern von Arbeit, die von mir behauptete "Asymmetrie" auf "freien" Arbeitsmärkten ist m.E. teils strukturell bedingt - und kann im Fall eines völlig freien Marktgeschehens, nach meinen Beobachtungen, nur zeitweise, nicht aber auf Dauer überwunden werden. Ohne Fairness kommt man nicht aus.

Soweit meine eher ungeordneten und unausgearbeiteten Gedanken zum Thema.

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