18 September 2008

Freiheitsbegriff: Machtausgleich zentral – Grundlagen des Linksliberalismus (5)

Ein pragmatischer und lebensnaher Freiheitsbegriff ist meiner Meinung nach wertvoller als vermeintlich denkscharfe Unterscheidungen (z.B. zwischen "Freiheit von" vs. "Freiheit für"), denn es gibt sehr unterschiedliche und vielfältige Freiheitsquellen – und Freiheitshindernisse, welche über das Raster „positiv“ vs. „negativ“ hinaus ragen.

Im Übrigen ist jede "negative Freiheit" auch als "positive Freiheit" umformulierbar. Auch die von heutigen Neo"liberalen" hochgeschätzten Wirtschaftsfreiheiten, die sie gerne als "Freiheit von" auffassen (also: Freiheit vom Staat), sind mit nur leicht veränderten Blickwinkel kaum etwas anderes als eine "Freiheit zu", indem Fall eben die Freiheit, weitgehend frei wirtschaften zu können.

Wie noch gezeigt wird, mutiert die falsche Vorstellung vorrangiger negativer Wirtschaftsfreiheiten fix zu einer bösen Erscheinung einseitiger Eliteninteressen, sobald davon abstrahiert wird, dass für die Wahrnehmung von Wirtschaftsfreiheiten weitere Voraussetzungen notwendig sind - vor allem eine Gesellschaft, die in ausreichenden Maß eine allgemeine Chancengleichheit bietet.

Freiheit ist in der pragmatischen Vorstellung unterschiedlicher Freiheitsquellen (im Gegensatz zu sektiererhaften Marktlibertären u.ä.) nie etwas Absolutes, sondern immer etwas Relatives, ständig Abzuwägendes und sogar etwas, worum stets gerungen werden muss, und sei es, weil die "innere Freiheit" noch wachsen muss. Es ist also nicht allein eine Frage der politischen Ordnung. Die Freiheitsbedürfnisse unterschiedlicher Gesellschaftsschichten sind untereinander fair auszugleichen - einzelne Freiheitsquellen können sogar untereinander in Konflikt geraten, was nicht einmal selten der Fall ist, denn schließlich handelt es sich oft um Fragen der ganzen Gesellschaft und damit (teils) auch um Konfliktfragen - entsprechend widersinnig ist es, eine einzelne (echte oder vermeintliche) Freiheitsquelle zu verabsolutieren.

Zur wirtschaftlichen Freiheit gehört im Übrigen, und hier wird es kompliziert, auch ein gewisses Maß an Gleichheit bzw. "Gleich-Mächtigkeit" unter den Vertragspartnern. Denn bei totaler vertraglicher oder ökonomischer Übermacht der Wenigen verschwindet auch die wirtschaftliche Freiheit, und eine womöglich noch formal bestehende Wirtschaftsfreiheit mutiert dann zur "Freiheit" weniger Wirtschaftsmächtiger. Um es sehr deutlich zu sagen:

Wer z. B. wirtschaftliche Freiheit zum Kern jeglicher Freiheit erklärt, ist ein Depp. Genauso deppenhaft ist in meinen Augen aber auch derjenige, der in der Beschränkung der Freiheit von Konzernen automatisch als ein Freiheitsgewinn der Übrigen ansieht.

So einfach ist es nicht.

Die Degeneration des Freiheitsbegriffes bzw. seine Verengung würde ich als Merkmal von Ideologie und weiterhin, wenn dieser Prozess stark fortgeschritten ist, als Merkmal von Totalitarismus einstufen.

Insofern, von seinen verengten Freiheitsbegriffen her, steht der heutige, am Elitenwohl orientierte Neo"liberalismus" (Freiheit für wenige Wirtschaftsmächtige statt für die Vielzahl der Individuen) m.E. näher am Faschismus (Freiheit für die "Nation" statt für die Vielzahl der Individuen) als beispielsweise ein "demokratischer Sozialismus" (den ich ebenfalls ablehne).

Noch zugespitzter formuliert: Radikaler Wirtschaftsliberalismus übt mit seinem neofeudalen Charakter strukturelle Gewalt aus und hat sogar eine innere Tendenz zu Autoritarismus und Faschismus.

Aber, es gilt auch: Die Dinge sind in Bewegung, ja, sogar die Begriffe selbst. Sobald "demokratische Sozialisten" eine gesellschaftliche Vormachtsstellung erringen (davon sind wir heute sehr weit weg), stehen sie in größter Gefahr - m.E. schlimmer noch als die heutigen Neo"liberalen" - einen repressiven Freiheitsbegriff zu entwickeln.

Aber eben, weil die gesellschaftlichen Machtverhältnisse in Bewegung sind, und ein Ausgleich von Macht notwendig ist, entscheide ich mich für die "leichtere Waagschale", d.h. für die Untermächtigen.

Ich behaupte: Ohne Machtausgleich gibt es keine Freiheit.

Ein Liberalismus, der die tatsächliche Lage der Mehrheit der Bevölkerung vergisst und deren Freiheitsnotwendigkeiten vergisst, ein Liberalismus, der sich gleichzeitig kaum Gedanken über die Verwirklichung von Machtausgleich macht, während seine führenden Vertreter die Demokatie zu diskreditieren versuchen, dieser Liberalismus wird zu einer bigotten und geradezu überflüssigen Veranstaltung.

Neoliberalismus in seiner heutigen Form ist weder freiheitsdienlich, noch ist er überhaupt noch Liberalismus.

Ältere Folgen:
Grundlagen des Linksliberalismus (4)
Grundlagen des Linksliberalismus (3)
Grundlagen des Linksliberalismus (2)
Grundlagen des Linksliberalismus (1)

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4 Comments:

At 23 September, 2008 09:06, Anonymous Martin Hedler said...

Also wenn ich das richtig verstanden habe, lehnst du die negative definierte Freiheit, also frei zu sein von körperlicher Gewaltanwendung anderer Menschen, ab.

D.h. du befürwortest also eher die Anwendung bzw. die Androhung von Gewalt anderen Menschen gegenüber?

Anders aus gedrückt gibt dein Freiheitsverständnis also anderen Menschen das Recht mir den Schädel einzuschlagen, richtig?

Da habe ich dich doch ganz sicher falsch verstanden oder?

 
At 24 September, 2008 02:26, Blogger John Dean said...

Martin Hedler, du hast leider rein garnichts verstanden.

Möglich wäre: Das Thema liegt dir nicht.

Es ging hier nur um eine Diskussion unterschiedlicher Kategoriensysteme zur Einteilung und Systematisierung des Freiheitsbegriffes bzw. zur Auffüllung seines Inhaltes.

Weniger abstrakt formuliert:

Die von dir bitterlich beklagten, weil vermeintlich verschwundenen, "negativen Freiheiten" (= Freiheit vom Zwang) sind bei mir tatsächlich nicht verschwunden, sondern in den Rahmen einer größeren und besseren Begrifflichkeit subsummiert:

Freiheitshindernisse bzw. normativ, deren Abwendung. Zwang ist ein Freiheitshindernis - aber eben nur eines von mehreren möglichen.

Der Tod ist selbstredend - ein sehr elementares Freiheitshindernis, ganz egal, ob er als Zwang definiert wird (Sichtweise z.B. von ideologisierten Rechtslibertären und Isiaiah Berlin, Stichwort: negative Freiheit), oder in der geeigneteren Form, die ich vorschlage.

 
At 24 September, 2008 09:45, Anonymous Martin Hedler said...

Hallo John Dean,

ich möchte Dir gerne meinen Gedankengang offen legen, so dass Du direkt den Finger auf die intellektuelle Wunde meiner Begriffsstutzigkeit legen kannst:

Wenn ich Deinen Ausführungen korrekt folgen konnte, siehst Du körperliche Gewalt, die ein Mensch einen anderen Menschen antut als Freiheitshindernis an. Darin stimme ich Dir zu. Also sollte jeder Mensch für sich versuchen anderen Menschen keine Gewalt anzutun, um deren Freiheit nicht zu behindern.

Eine Gesellschaft die der sie organisierenden Institution (z.B. dem Staat) die Aufgabe gibt, genau diese Regel durchzusetzen, würde ich als eine freie Gesellschaft bezeichnen. In einer solchen Gesellschaft würde auch institutionell nichts dagegen sprechen, dass sich die Menschen gegenseitig helfen und unterstützen.

Jetzt sprichst Du Dich aber gegen eine solche Gesellschaft aus, weil diese Deiner Meinung nach „eine innere Tendenz zu Autoritarismus und Faschismus“ aufweist.

Ich würde mich freuen wenn Du die Schlussfolgerung mir genauer darlegen könntest.

Bis dahin stellt sich mir die Sache so dar, dass Du die oben beschriebene gesellschaftliche Regel ablehnst, da sie dir nicht weit genug geht. Du willst nicht nur eine „Freiheit von“ willkürlichen Zwang, sondern auch „Freiheiten für“ „Bildung“, „Gesundheit“, „Zugang zu Natur, Kultur und öffentlichen Gütern“.

Wenn Du diese Freiheiten verwirklichen willst ohne dafür anderen Menschen Gewalt anzutun, bin ich auf Deiner Seite. Dann habe ich Dich wirklich falsch verstanden und ich bitte um Entschuldigung.

Nur wenn Du es aber für gerechtfertigt hältst, dass für die Erreichung dieser Freiheiten Gewalt angewendet werden darf (oder, als Auftrag an z.B. einen Staat, soll), habe ich verständlicher Weise Angst um mich und meine Nächsten.

 
At 03 Oktober, 2008 20:12, Blogger John Dean said...

------ schnipp ------
Wenn Du diese Freiheiten verwirklichen willst ohne dafür anderen Menschen Gewalt anzutun, bin ich auf Deiner Seite. Dann habe ich Dich wirklich falsch verstanden und ich bitte um Entschuldigung.
------ schnipp ------

Natürlich ohne Gewalt!

Und auch ohne Staatsüberdehnung (bzw. Etatismus). Es ist am Ende eine Abwägungsfrage - elementare Freiheitsgüter wie Leben und Gesundheit haben grundsätzlich Vorrang.

Im Übrigen habe ich mich zu entschuldigen!

Meine inzwischen von mir gelöschte Antwort war etwas zu heftig ausgefallen. Das tut mir leid. Und, was meine Lesekünste betrifft, die sind diese offenbar noch ausbaufähig - ich hatte dich ursprünglich falsch verstanden, martin hedler.

 

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