05 Juni 2006

Freiheit und Freiheitsquellen - Grundlagen des Linksliberalismus (3)

Freiheit ist das Vorhandensein und die Schaffung von Wahlmöglichkeiten.

Hanna Ahrend meinte:
"Ursprünglich erfahre ich Freiheit im Verkehr mit anderen und nicht im Verkehr mit mir selbst. Frei SEIN können Menschen nur in Bezug aufeinander, also nur im Bereich des Politischen und des Handelns; nur dort erfahren sie, was Freiheit positiv ist und dass sie mehr ist als ein Nichtgezwungen-werden."
Ein selbstbestimmtes und ausgefülltes Dasein ist stets mehr als die bloße Folge davon, von staatlichen Zwang verschont zu sein. Auch sind „freie“ Märkte, Privateigentum und privatrechtlich begründete Vertragsabhängigkeiten noch keine hinreichende Freiheitsbedingung.

Freiheitsquellen sind darüber hinaus:

Bildung/Empowering/Talententfaltung, innere Freiheit, individuelle und soziale Wahlmöglichkeiten, ökonomische und gesellschaftliche Teilhabe/Mitwirkungsmöglichkeiten, Rede- und Handlungsfreiheit, materieller Wohlstand/Freiheit vor Not, Zugang zu Informationen und Märkten, Autonomie/Selbstverantwortung, Vorhandensein und Qualität sozialer Netzwerke, mitmenschliche Solidarität, Gesundheit, Gewaltlosigkeit, Zugang zu Natur, Kultur und öffentlichen Gütern, Toleranz, Schutz vor Machtmissbrauch bzw. Freiheit von Zwang/Repression.

Freiheiten sind keine Automatismen, sondern setzen ihre Benutzung, Pflege und Weiterentwicklung voraus, und zwar nicht allein in individueller Hinsicht, sondern auch in sozialer Hinsicht.

Der Mensch ist keine Insel.

(das bedeutet auch, dass ich diesen Artikel in den nächsten Tagen mehrfach umschreiben werde und für Anregung dankbar bin - Diskussion auch hier und hier)

+++ Update 08.06.06 +++
Diskussion jetzt auch bei Metalust . Über meine neuen Anmerkungen im Kommentarbereich hinaus stelle ich die Frage (auch: mir selbst), in welchem Zusammenhang die
Bedürfnisse nach Bindung und Freiheit, nach Liebe und Ichstärke, Sozialität und Selbstbehauptung stehen. Individuelle Freiheit ohne Bindung wird ein „einsamer Weg“ (Theaterstück Arthur Schnitzler, 1904). Die Spur von Thaleia zur Antike und ihrem Freiheitsbegriff werde ich auch noch genauer verfolgen. Das Gespräch über den Begriff der Freiheit geht weiter.

16 Comments:

At 05 Juni, 2006 19:27, Anonymous a.h.g.g. said...

der freiheitsbegriff, den du hier skizzierst, hat herzlich wenig mit dem freiheitsbegriff derjeniger zu tun, die freiheit als abwesenheit des staates und abwesenheit von grundrechten - sofern sie der freiheit des kapitals entgegenwirken - interpretieren. würdest du also sagen, dass die marktradikalen den begriff "freiheit" in einem gewissen sinne pervertiert verwenden?

 
At 05 Juni, 2006 19:57, Anonymous Karsten said...

@a.h.g.g.
Freiheit als Abwesenheit des Staates - das sehe ich tatsächlich als Freiheitsverständnis vieler Liberaler. Freiheit als Abwesenheit von Grundrechten, dieses Verständnis hingegen würde ich als einen Strohmann bezeichnen, auf den du dann einschlagen kannst. Selbst die Marktradikalen unter den Liberalen sind für gewöhnlich entschiedene Verteidiger von Grund- und Menschenrechten, etwa Deans Lieblingsgegner jo@chim und statler.

@Dean:
Damit nicht jeder meinen ganzen verlinkten Beitrag lesen muss, hier eine Kurzfassung: Ich halte den Versuch, den Begriff Freiheit auf Felder auszudehnen, die außerhalb der Abwesenheit von Zwang liegen für falsch. Allerdings halte ich es auch für einen Fehler, von einer Gesellschaft nicht mehr zu erwarten als nur die Gewährung und den Schutz von Freiheit. Ich bin da mit Popper, der auch Sicherheit und allgemeine Wohlfahrt zu den gesellschaftlichen Aufgaben rechnet, die mit der Freiheit als wichtigster Aufgabe abgewogen werden müssen. Auch, wenn mancher Diskussionspartner genug vom "Rumgepoppere" hat. :)

 
At 05 Juni, 2006 21:39, Anonymous a.h.g.g. said...

@karsten: die befindlichkeiten irgendwelcher blogger interessieren mich hier eher peripher, da sie durchaus als irrelevant bezeichnet werden dürfen. ich fragte nach den marktradikalen und nicht nach ihren studentischen erfüllungsgehilfen.

 
At 05 Juni, 2006 23:10, Anonymous Anonym said...

@ a.h.g.g.:
ich fragte nach den marktradikalen und nicht nach ihren studentischen erfüllungsgehilfen.

Man hat es dir bereits gesagt, aber du willst es ja nicht wissen, da du offensichtlich zu vernagelt bist, um eine andere Meinung als deine eigene Meinung als richtig anzusehen.

 
At 05 Juni, 2006 23:55, Anonymous a.h.g.g. said...

@anonym: habe ich eine meinung geäußert? würden sie diese bitte kurz referieren? danke.

 
At 06 Juni, 2006 11:44, Blogger Dr. Dean said...

@a.h.g.g.
Ich versuche, zu den Wurzeln zu gehen, also zu den Frage: "Ich fühle mich frei, wenn..." oder "...mich frei gefühlt".

Das ist vom Ausgangspunkt ein radikal subjektiver Ansatz, zugleich personalistisch und an der Menschenwürde orientiert. Mein Ansatz fragt nach den Freiheitsquellen und stellt den Begriff der Wahlmöglichkeit in den Mittelpunkt.

@Karsten
Ich halte diese Berlin-Denke, diese Dualität und Trennung zwischen positiven und negativen Freiheiten für gewillkürt, vor allem deshalb, weil sie dem tatsächlichen Freiheitsgefühl des Menschen i.d.R. nicht gerecht wird.

Daher habe ich vor allem nach Freiheitsquellen gefragt, aus subjektiver Perspektive, aus der Perspektive des Individuums in seiner personalen Existenz als soziales Wesen. Das macht den Freiheitsbegriff komplexer, und, wie ich finde, angemessener.

Die übersimplifizierende Unterscheidung zwischen "positiven" (Frage: Freiheit wofür) und "negativen" (Frage: Freiheit wovon), zudem von der sozialen Umgebung: Dies Isolation in der Projektion eines autonomistischen Individuums hat grundsätzliche Mängel.

Das fängt damit an, dass diese Unterscheidung "positiv" vs "negativ" nur im ersten Moment eindeutig ist. Wird Dir - z.B. durch ökonomischen Zwang bzw. "Mechanismus" - eine überaus wichtige Möglichkeit eines "wofür" genommen, so wandelt sich dieser Mangel an positiver Freiheit unmittelbar in einen Zwang, in eine Kategorie der negativen Freiheit! Dein "Nichtkönnen" kann sich (muss aber nicht) in ein "Nichtdürfenkönnen" wandeln.

Beispielsweise könnte der Entzug Deiner Studienberechtigung (sagen wir mal, Du hast deine Studiengebühren zu spät gezahlt), ein Entzug von positiven Freiheiten, direkt in direkte Zwänge führen. Plötzlich wird Deine Situation prekär (gut: bei dir nicht), Du bekommst kein Bafög mehr, Du musst - als einzig vorgefundene Möglichkeit - in einem Call Center arbeiten, Du musst dort Menschen anrufen ums diese zu betrügen, anderenfalls landest Du auf schwarzen Listen - und dank der Zusammenarbeit des Call Centers mit dem Arbeitsamt - bist Du unmittelbar gezwungen, diesen miesen Drecksjob durchzuziehen, denn im Fall der Kündigung gilt eine Sperrfrist von 3 Monaten, bevor Du Hilfe beanspruchen darfst, was wiederum in Wohnungslosigkeit enden würde usw. usf. Aus einem Mangel an positiver Freiheit wurden unmittelbar Mängel an negativer Freiheit, echte Zwänge...

Ich meine, dass "positive Freiheit" und "negative Freiheit" i.d.R. miteinander verbunden sind:

Ein Nicht-Angebot positiver Freiheit (z.B. Schutz vor Not) reduziert nicht nur Wahlmöglichkeiten, sondern drängt die davon Betroffenen (z.B. prekäre Arbeitnehmer) direkt in Zwangsverhältnisse.

Oder nehmen wir einmal die privatrechtlich begründete Zwangs- und Abhängigkeitsverhältnisse (Verträge unter Ungleichen):

1. Schüler von Isaiah Berlin würden sagen, dass "Vertragsfreiheit" und der Mangel an staatlicher Regulation ("Zwang") von Privatverträgen die Forderung nach der Gewährung "negativer Freiheit" (verstanden als Zurückhaltung des Staates) erfüllen.

2. Gleichzeitig können die angeblich stets "Freiheit" begründenden bzw. repräsentierenden Privatverträge Zwang konstituieren, wenn man es gedanklich auf die Spitze treibt, bis hin zur "freiwilligen" Selbstentwürdigung und Selbstversklavung.

--- Exkurs/Gedankenexperiment: ---

Nehmen wir einmal an, ein Fernsehsender mit einem neoliberalen Werteverständnis sendet ein Sendeformat namens "Todesspiel" mit 10 Teilnehmern. Diese wurden aus extrem armen und zudem akut selbstmordgeführdeten Menschen rekruitert. Ein sensationelles Medienformat! Denn ein Teilnehmer wird über im Laufe der Sendung über Interviews und ein Zuschauer-Abstimmungsverfahren ausgewählt, um in einem Löwenkäfig zerfleischt zu werden, die übrigen 9 Teilnehmer erhalten als Belohnung ein kleines Vermögen und das Ende ihrer Not.

Ergebnis nach der Freiheitslogik von Isiah Berlin: Durch die Ausstrahlung dieser Sendung gibt es mehr Freiheit, weniger Zwang...

(Anmerkung: Von den 10 selbstmordgefährdeten Teilnehmern würden sich ohne Sendung 3-4 Menschen das Leben nehmen, durch die Sendung stirbt jedoch nur 1 Mensch)

--- Ende Exkurs/Gedankenexperiment ---

So, und jetzt analysiere das Geschehen (Sender, Zuschauer, die 9 glücklichen Teilnehmer, der 1 unglückliche Teilnehmer, der gesellschaftliche Rahmen) mit den Kategorien "positive" und "negative" Freiheiten, Karsten...

Ich meine, mein subjektiver und an Kategorien der Menschenwürde ausgerichteter Ansatz der Freiheitsquellen mit einem Fokus auf Wahlmöglichkeiten wird dem Geschehen schneller und präziser gerecht - und zwar nicht nur in diesem zugespitzten und extremen Gedankenexperiment.

Besonders die für Linksliberale wichtige Denkkategorie des Vertrags unter Ungleichen wird damit adäquater behandelt.

Ich halte das für sehr wesentlich, dass man genauer hinschauen muss, inwieweit und an welcher Stelle ein Zusammenhang eine Freiheitsquelle darstellt - ohne sich mit der Scheidung zwischen "postiven" und "negativen" Freiheiten bereits vor dem Durchdenken und Analysieren der Situation voreingenommen zu machen: durch eine vorschnelle Grundsatzkategorisierung.

Eine ganz andere Frage ist allerdings die Frage nach den Aufgaben des Staates. Bei dieser Fragestellung halte ich die Trennung zwischen "positiven" und "negativen" Freiheiten durchaus für attraktiv, aber auch auch für überaus gefährlich, weil damit Vieles verdeckt wird:

a) Dass durch aktive und regulative (d.h.: zwingende!) Staatstätigkeit (z.B. prüfende Kontrolle privater Verträge und Tätigkeit) bereits mit geringen Aufwand eine Vielzahl privatrechtlicher Zwangsverhältnisse verhindert oder gemindert werden können. Hier muss man doch abwägen, und nicht nur nach "negativer Freiheit" fragen, sondern eine Gesamtabwägung vornehnmen!

Dass es positive Freiheiten wie der Zugang zu Information und öffentliche Güter gibt, welche schutz- und förderungswürdig sind. Sie sind sogar eine elementere Freiheitsgrundlage, z.B. das Recht, Begriffe in der Öffentlichkeit weitgehend frei benutzen zu dürfen, oder die Möglichkeit, an qualitativ hinreichende Informationen zu gelangen bzw. diese weiterverwenden zu können. Exemparische Begründung: Theoretisch könnte man auch einzelne Akkorde privatisieren. Das wäre aber das Ende der Musik.

c) Oder nimmt den Begriff der Politik und Demokratie: Man kann Demokratie durchaus als "Zwangsmechnanismus" diffamieren, und als Einschränkung negativer Freiheiten. Wozu dann Demokratie? Mit Berlins Freiheitsbegriff ist Demokratie eigentlich überflüssig, und ein nichtdemokratisches Sysem, welches negative Freiheiten gewährt, wäre nach Isaiah Berlin grundsätzlich sinnvoller! Berlin verkennt nämlich die personale (d.h. soziale und indivuelle) Konstitution des Menschen und damit auch, dass eine demokratische Gemeinschaft eine Freiheitsquelle sein kann.

d) - ... to be followed

Berlins Freiheitsbegriff ist im Kern antidemokratisch.

Karsten, wenn Du meine Liste der Freiheitsquellen durchgehst, wirst du dort "positive" und "negative" Freiheiten finden und sogar Freiheitsgüter, die - teils - gegenseitig konkurrieren.

Die Abwägung hier ist notwendig und schwer, erst recht die Frage, wo der Staat sinnvoll tätig ist, wo er überhaupt effizient tätig sein kann.

Nun kommt der Clou meiner Argumentation, behalte meine Liste der Freiheitsquellen bitte dabei im Blick:

Würde aber der Staat sich im Kern nur um reine und eindeutige "negative" Freiheiten kümmern, so mündet dies am Ende sogar in Refeudalisierung, Pauperisierung und eine anti-freiheitliche Gesellschaft!!

 
At 06 Juni, 2006 12:11, Blogger Thaleia said...

Hallo Dr. Dean,

verwendet man Hannah Arendts von Dir gebrauchtes Zitat in unserem heutigen Verständnis von Freiheit, Staat und Politik beraubt man sich meiner Meinung nach durchaus nachdenkenswerter anderer Perspektiven auf diese Bereiche, über die nachzudenken wir aufgrund bereits besetzer Begrifflichkeiten kaum noch in der Lage sind.

Die Stärke Hannah Arendts liegt meiner Meinung nach in ihrer Auseinandersetzung mit der antiken griechischen Polis. Folgt man Arendts Denkrichtung gelangt man zu einem größtenteils anderen Verständnis von Freiheit, als der heutzutage geläufige (ob es Sinn macht, diesen Arendtschen Freiheitsbegriff in den doch recht engen Kontext „linksliberal“ einzubauen, sei dahingestellt).

Wie auch in der von Dir verlinkten Arbeit von Lars Marsaller deutlich wird, ist Arendts Freiheitsbegriff von einem völlig anderem politischen Verständnis abhängig, als wir es heute haben.
Heutige „Politik“ ist für Arendt bereits eine Freiheitsberaubung, da sich das Staatswesen in einen gigantischen Privathaushalt verwandelt hat, der nur noch zu verwalten ist. In dieser Art von „öffentlichem Raum“ (der laut Arendt keiner mehr ist) sind Freiheit, und damit eng verknüpft, bzw. von Arendt gleichgesetzt, Handeln, nicht mehr möglich.
Das „Private“, welches Einzug in die öffentlichen Angelegenheiten gehalten hat und diese mit seinen Notwendigkeiten dominiert, ist bereits eine Freiheitsberaubung. Die Sorge um die eigenen oder heutzutage auch staatlichen Lebensnotwendigkeiten, schließen freies Handeln aus. Freies Handeln ist nicht utilaristisch, erfordert den Mut, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Diese Art des freien Handelns bedingt einen öffentlichen Raum, der das Zusammenkommen von Gleichen unter Gleichen ermöglicht. Diese „Gleichen“ definieren ihr Menschsein als von der alltäglichen Sorge befreite Wesen, die in diesem öffentlichen Raum Taten vollbringen, die nicht direkt dem eigenen Wohl, der eigenen Sicherheit, dem eigenen Lebensunterhalt dienen. Sie setzen neue Impulse für die gesamte Gemeinschaft, initiieren Prozeße, deren Ergebnis im vorhinein noch voraussagbar ist.
Arendt führt zur Verdeutlichung beispielsweise Wikingerfahrten in unbekannte Gefilde an, die für sie zweckungebundenes, mutiges Handeln erfordern, ohne zu wissen, wo es einen hinführen wird.

Die Chance, die ich bei Hannah Arendts Freiheitsbegriff sehe, ist, aus einer völlig anderen Perspektive auf unser modernes öffentliches Leben zu schauen und sich zu fragen, ob nicht auch heutzutage zweckunabhängige Räume für freies Handeln erforderlich wären, um auch gesamtgesellschaftlich weiter zu kommen und neue Lösungsansätze für aktuelle Probleme zu erarbeiten. Mit Deiner Definition der Freiheit, ohne Arendts spezielle Sichtweise mit zu berücksichtigen, beraubt man sich der Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand zu schauen und auch andere, für uns heute fremd anmutende Freiheitsdefinitionen in die aktuelle Diskussion mit einzubeziehen. Aber wie erwähnt, ist all das bereits sehr schön in Lars Masallers Arbeit dargelegt. Eine Auseinandersetzung mit den dort vorgestellten Thesen wäre sicher lohnenswert.

Wie so ein Ansatz in moderner Variante vielleicht aussehen könnte, findet sich z.B. ansatzweise hier:

http://axonas.twoday.net/stories/2100130/

Schöne Grüße,

Thaleia

 
At 06 Juni, 2006 13:37, Anonymous Matthias B. said...

Leider muss man wieder feststellen, daß "die Freiheit" wieder mal als "negative Freiheit" bezeichnet und Abhängigkeitsverhältnisse in den Freiheitsbegriff miteinbezogen werden.

Materieller Wohlstand und Freiheit vor Not sind in dem Sinne überhaupt keine Freiheitsquellen sondern Ansprüche auf Leistungen von anderen und stellen höchstens ein Abhängigkeitsverhältnis dar. Als Beispiel könnte man den wohlversorgten Haussklaven eines Großgrundbesitzers erwähnen, der zwar über materiellen Wohlstand verfügt, der aber keineswegs über (negative) Freiheit verfügt.

Hayek hat mal das Beispiel eines verarmten Landstreichers gebracht, der auf keinen Befehl zu hören braucht, und dem gegenüber der gut versorgte Kasernensoldat. Nach dem positiven Freiheitsbegriff wäre der Soldat ein freier Mensch während der Landstreicher unfrei wäre.

Mit Freiheit hat dies herzlich wenig zu tun, mal ganz abgsehen davon, daß materielle Ansprüche von irgendjemandem bezahlt werden müssen und auf diese Weise Unfreiheit bei anderen Menschen produzieren.

Positive Freiheit ist keine Freiheit.

Ich ziehe da lieber einen liberalen Freiheitsbegriff vor:

Individiuelle Selbstbestimmung unabhängig vom willkürlichen Zwang anderer Menschen oder Menschengruppen.

 
At 06 Juni, 2006 14:36, Anonymous Karsten said...

@a.h.g.g.
Wenn du in deiner Perspektive so weit über den Bloggern stehst, dann frage ich mich, warum du überhaupt in der Kommentarspalte eines Blogs diskutierst. Und weiter: Die Diskussion in der Blogosphäre spiegelt die politische Diskussion auf höherer Ebene wieder. Wenn du mir ein paar Beispiele von Marktradikalen nennen würdest, die deiner Ansicht nach Grundrechte beseitigen wollen (und in entsprechend hoher Position sind, dass sie deiner Betrachtung wert sind), dann könnte man weitersprechen. So sehe ich bei dir vor allem eins: Arroganz.

@Dean:
Ich stimme dir doch durchaus zu, dass der Staat und die Gesellschaft auch andere Aufgaben zu erfüllen haben, als die (negative) Freiheit zu gewährleisten. Ich verstehe nur nicht, warum man unbedingt den Freiheitsbegriff bis zur Unkenntlichkeit erweitern muss, um diese Aufgaben zu definieren. Wie immer allerdings sind deine Ausführungen so lang, dass ich sie noch einmal ausführlicher studieren muss, um weiterdiskutieren zu können. Mache ich dann spätestens morgen.

Übrigens würde meine Situation durchaus prekär, wenn ich meine Studienberechtigung verliere (allein schon wegen des BAFöG); ich habe schon in Call-Centern gearbeitet und auch schon darum kämpfen müssen, keine Sperre bei Sozialleistungen zu erhalten, nachdem ich einen unmoralischen Job geschmissen habe (Staubsaugervertrieb mit betrügerischen Methoden). Ich brauche mir das alles also nicht vorzustellen, sondern mich nur zu erinnern - so gut, wie du glaubst, kennst du mich offenbar nicht. :)

 
At 06 Juni, 2006 17:55, Anonymous benny said...

@Dr.Dean: Es ist toll wenn du dich persönlich frei fühlst, umso mehr Möglichkeiten du hast. Du übersiehst aber einfach die anderen Menschen, denen du Freiheit wegnimmst. Es ist einfach zu sagen, ja ich persönlich fühl mich frei, wenn ich dieses und jenes habe und machen kann, um es dann einfach so auf alle Personen einer Gesellschaft zu übertragen. Dabei verlieren auch Leute Freiheit, weil sie die von dir genannten Möglichkeiten bereits besaßen und ihnen noch etwas weggenommen wird. Blick doch mal über den Tellerrand deiner eigenen Wünsche... (haben, haben, haben).

Du kannst außerdem gar nicht wirklich liberal sein, wenn du so etwas wie Verantwortung für das eigene Leben abstreitest, weil man sich nicht für die Universität zurückmeldet und dann vor lauter Dummheit sein ganzes Leben gegen die Wand fährt und nur noch im Call Center arbeiten kann. Freiheit bedeutet in hohem Maße Verantwortung für das eigene Leben tragen.

Deine tolle freiheitliche Gesellschaft kontrolliert die Menschen, dass sie auch ja alles richtig machen und sich blos nicht vertun. So eine Gesellschaftsordnung ist wird betreffenderweise Sozialismus genannt.

 
At 06 Juni, 2006 20:53, Anonymous Rayson said...

Es wäre in meinen Augen eine Begriffsverwirrung und -inflationierung, die Lösung des Problems der Ressourcenknappheit unter Freiheitsaspekten zu diskutieren. Da bin ich ganz bei Benny und Matthias.

Aber auch bei Karsten. Denn wenn wir einmal geklärt haben, was Freiheit ist, was sie ausmacht und was sie bedroht, dann können wir auch über Einschränkungen von Freiheit nachdenken. Nur bitte nicht zuviel.

 
At 06 Juni, 2006 21:27, Anonymous Anonym said...

karsten, matthias, benny, rayson: ihr seid typische vertreter einer generation, für die vor allem eines gilt: "talking loud, saying nothing!" euer geschwalle von "freiheit" und "liberalismus" ist nichts anderes als das pseudoelitäre geschwätz von leuten, die es nicht zu mc kinsey geschafft haben, weil sie letztlich doch nicht "samrt" genug waren.

 
At 06 Juni, 2006 21:28, Anonymous Anonym said...

"smart" sollte es heißen. ;-)

 
At 07 Juni, 2006 02:52, Anonymous crazumble said...

@ anonym um halb zehn
es wird ja schon einiges relevantes gesagt, auch wenn das eher dagegen spricht, freiheit als politischen begriff zu verstehen, auf den man sich emphatisch beziehen sollte.
freiheit als politischer begriff impliziert nämlich immer, dass sie gewährt bzw. eingeschränkt wird.
wenn rayson z. b. sagt:
"Denn wenn wir einmal geklärt haben, was Freiheit ist, was sie ausmacht und was sie bedroht, dann können wir auch über Einschränkungen von Freiheit nachdenken. Nur bitte nicht zuviel.",
dann kann man das polemisch so paraphrasieren, dass freiheit definiert wird, um sie als gegenstand der verwaltung handhabbar zu machen, also ggf. auch genau definiert einschränken zu können. über die einschränkung der eigenen freiheit befindet man für gewöhnlich nicht selbst. kann man dann für freiheit sein?

 
At 08 Juni, 2006 13:10, Blogger Dr. Dean said...

MomoRules, schönen Dank dafür, => hier den Diskussionsfaden um den Begriff der Freiheit ergriffen zu haben, und auch dafür, dass Du einige Worte gefunden hast, nach denen ich noch gesucht hatte.

Rayson meinte:

"Aber ein Entgegenkommen im Freiheitsbegriff wird es da nicht geben, sondern eine klare Abgrenzung."

Was soll denn das, Rayson? Wozu "Abgrenzung", und warum nicht einfach Dialog? Hinterher kann sich ja jeder immer noch abgrenzen, soviel er mag.

So etwas wie "Diskurspolizei", wie es MomoRules nannte, ein "Weltbild-Grenzschutz" ging mir nämlich auch durch den Kopf..., obwohl dies jeweils natürlich zu harte Worte sind.

Zu harte Worte für ein bedauerliches *inhaltliches* Abwürgen (so kam es mir vor) der Diskussion, z.B. durch eifriges Aufschütten des ideologischen Grenzwalles, frei nach dem Motto:

"negative Freiheit gut, positive Freiheit böse".

Darüber hätte man ohne Grenzwall diskutieren können:

Ob es Freiheiten gibt, die in ihrem Charakter gleichermaßen "postiv" wie "negativ" sind.

Die gegenseitige Interdependenz (!), aber auch das Konkurrenzverhältnis der jeweiligen Freiheitsquellen wäre z.B. eine interessante Diskussion gewesen, aber auch, inwieweit und wann sich positive und negative Freiheiten gegenseitig bedingen.

Oder die Frage, ab welchem Punkt die Bemühung um "mehr Freiheit" scheitern muss.

Es gibt jedoch einen sachlichen Grund, warum der humorvoll-ernste Begriff "Diskurspolizei" m.E. zu kurz greift:

Ich meine, dass die Ideologisierung (und: eigentlich Aushöhlung!) des Freiheitsbegriffs u.a. bei den Wirtschaftsliberalen schon so weit fortgeschritten ist, dass ein Gespräch über den Inhalt des Freiheitsbegriffs schwer fällt.

Wirklich schwer.

(zum Beispiel: Was führt konkret dazu, dass *DU* Dich freier fühlst? Was be-freit eine Gesellschaft? Was be-freit mich? Inwieweit werden damit Freiheiten anderer oder der Gesellschaft berührt?)

Deshalb, auch zur Überwindung der ideologischen Grenzwälle halte ich eine Orientierung am Begriff der "Wahlmöglichkeit" für zentral, denn dies betrifft "negative" wie "postive" Freiheiten immer gleichzeitig.

Was soll eine "liberale" Freiheitslithurgie ohne inhaltliche Ausgestaltung, Behauptung von "Freiheit" statt der Betrachtung realer Verhältnisse bwz. das Abfeiern bloßer Formeln?

(und in dieser erstarrenden Formel-Lithurgie sind wir schon mitten in der Art und Weise, wie totalitäre Systeme und Ideologien sich vor Kritik und freiheitlichem Dialog abgesichert haben!)

Interessant ist in meinen Augen dann auch, dass bestimmte Freiheiten (und auch: gesellschaftliche, individuelle Bemühungen darum) relativ einfach erreichbar sind, also ohne (!) das Schreckgespenst eines sklerotischen Sozialstaats.

Darüber lohnt zu sprechen, zum Beispiel über Bildung als Freiheitsquelle. Ist es wirklich so, dass "freie" Bildung im Sinne einer vollständigen Privatisierung freier ist und zu mehr Freiheit führt? Oder gibt es eventuell doch einen Begriff von Teilhabe, der unmittelbar mit Freiheit verbunden ist?

Oder gehen wir einmal in das Nicht-Staatliche, was auch Thaleia angeprochen hat.

Ein bestimmtes Maß an Rücksicht (z.B. aufgrund gesellschaftlicher Konvention) kann insgesamt die Freiheit erhöhen (z.B. der Verzicht auf ein feindseliges Meinungsklima), während andere Konventionen in ein "gut gemeint" umschlagen und das gesellschaftliche und invividuelle Maß an Freiheit eher herab setzen.

Das wäre eine interessante Diskussion gewesen.

Alle diese Feinheiten und Inhalte werden im Freiheitsdiskurs der Sekte der Hayekianer ausgeblendet. Was *tatsächlich* geschieht, scheint innerhalb dieser Weltanschauung völlig (!) gleichgültig zu sein, und genau das ist es dann m.E. auch, was das Gespräch schwierig macht, einfach, weil es den Hayekianern an Grundlagen, an Kenntnis des Wesens der Freiheit fehlt!

Ich zitiere Horst Friedrich Wünsche:

"Das liberale Bemühen dürfe sich nicht im immer wiederholten Bekenntnis zur Freiheit erschöpfen. Der Liberalismus sei keine Sekte, die mit dem lauten Absingen einer vorgegebenen Litanei zufrieden sein kann. (...) Es gibt in allen neoliberalen Positionen – so verschieden sie sein mögen – ein Gemeinsames, nämlich den unaufgelösten Widerspruch zwischen Gewährleistung und Begrenzung von Freiheit. Ich halte das für eine weitreichende und erschütternde Feststellung. Sie besagt: Die Freiheitsapostel [der Neoliberalen] haben keine klare Vorstellung von Freiheit. Sie predigen, aber sie wissen nicht genau, was sie sagen. Sie betören viele, aber ihre Botschaft ist prekär.“

(Und Horst Friedrich Wünsche war noch nicht einmal linksliberal...)

Die Zunahme individueller und sozialer Wahlmöglichkeiten beruht ja schließlich SOWOHL in Freiheit von Zwang ALS AUCH im Angebot von Wahlmöglichkeiten.

Was nützt Dir die perfekte "negative" Freiheit, ohne Zwang auswählen zu können, wenn Du nicht zum Auswählen hast?

Mit einer bloßen, schnittfesten Unterscheidung zwischen zwei Freiheitstypen ist hier, sorry, nichts erreicht. Den Ansatz, nach den konkreten Freiheitsquellen zu fragen, halte ich für weitaus produktiver.

Dann nämlich erst kommt man dazu, die Interdepependenzen und Konkurrenenzen genauer zu erfassen, und auch die Frage nach der civitas humana, also, wo sich Staat und Gesellschaft darum bemühen sollten, und wo nicht.

Es wird dann erst einfacher zu fragen, wo, wann und wie ein "Markt" ein guter Anbieter von Freiheitsgütern sein kann, und wann z.B. Regulation von Märkten oder außermarktliche Aktivitäten zu einem Plus an Freiheit führen.

In einer civitas humana sollte es darum gehen, dass die Individuen freier bzw. be-freit sind, dort verbindet sich eine "lebenswerte Gesellschaft" mit einer "freien Gesellschaft".

Im Übrigen bedanke ich mich u.a. bei Rayson, Karsten, Matthias B., A.H.G.G., Thalaia, Benny, Crazumble, für die Teilnahme und Fortsetzung der nicht immer ganz einfachen Diskussion.

Die Verweigerung von Dialog, ideologisierte Nicht-Eingehen auf die Angabe von Gründen, ist in meinen Augen unfreiheitlich.

Und im Übrigen auch ein Kennzeichen innerer Unfreiheit...

 
At 08 Februar, 2010 16:29, Anonymous Anonym said...

Setzen, sechs!

 

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