19 September 2008

Unverhoffte Renditen der globalen Finanzkrise: Frank Schirrmacher rückt in Richtung Linksliberalismus.
Man muss sich erinnern, dass dies uns über Jahre hinweg in Talkshows und auf Foren als „Rationalität“ angepriesen wurde. (...) Die rein semantische Schwierigkeit, überkommene Rechtsbegriffe auf die Untaten an den „Finanzmärkten“ anzuwenden, erlaubt den Handelnden, sich wie Wissenschaftler bei einem fehlgeschlagenen Experiment zu fühlen. (...) Als wäre das Versprechen in hundert Jahren Sabine Christansen plus Merz plus Westerwelle plus Henkel plus Merkel plus Clement nicht vielmehr gewesen, dass es um die Anleitung zum Glücklichsein unserer Gesellschaft geht. Wer das leugnet, sagt die Unwahrheit und kann überführt werden: Die neoliberale Ideologie hat einen Vernunft- und Glückszusammenhang zwischen Individuum und Globalisierung hergestellt, der ausschließlich ökonomisch begründet war. Unsere Gesellschaft bewegt sich in ein Zeitalter des Unglücks hinein.
Das muss man noch nicht unbedingt als deutlichen Richtungswechsel sehen -aber es kommt noch dicker.
Es begann mit der Zerstörung der politisch-moralischen Zuständigkeit beim Irak-Krieg, (...), die zweite Phase war die Selbstzerstörung des sozialen Wohlfahrtsdiskurses der Gesellschaft.(...). Es ging in all den Talkshows und Reden (...) [um] hemmungslose Idealisierung der globalisierten Rationalität.
Das Fehlen eines die Gesellschaft verbindenden und auch sozialen Werten verpflichteten Zukunftsentwurfes in Verbindung mit der Ökonomisierung und Neoliberalisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge, sagt Frank Schirrmacher, führte zu üblen Ergebnissen:
Die Ergebnisse sind nicht fiktiv, sie liegen vor Augen: Demoralisierung der nachwachsenden Generation, Zerstörung der Universitäten und Bildungsgänge, Zerstückelung von Biographien, Betrug über Alterssicherheit und Rente und so weiter - kurzum: Bedrohung oder Vernichtung des traditionellen Lebenszyklus in fast allen seinen Details.
Ob solch garstiger Worte zeigt man sich an der Brandtwiete, Ecke Ost-West-Straße, empört...

7 Comments:

At 20 September, 2008 13:07, Anonymous Dennis said...

Das überrascht doch sehr, habe ich doch Schirrmacher immer als glühenden Anhänger und publizistischen Wegbereiter der neoliberalen Ideologie gesehen. War dieser Herr Täter aus Überzeugung oder nur ein typisch bürgerlicher Opportunist? Ich werde wahrscheinlich ewig auf den Tag warten müssen, an dem mal einer der Apologeten des freien Marktes öffentlich, zur besten Sendezeit zugibt: "Okay, das war keine so gute Idee. Der Kapitalismus ist nicht die Lösung. Entschuldigung, Deutschland."

 
At 20 September, 2008 15:23, Blogger John Dean said...

Schirrmacher ist m.E. ein echter Intellektueller, also jemand, der auf einem hohen Niveau nachzudenken in der Lage ist (wenn er nicht gerade mit der Verfassung eines kassenschlägerischen Buches befasst ist) - und auf diesem Weg auf neue Gedanken findet.

Wie gesagt: Die eigene denkerische Leistung - die unterscheidet ihn von den vielen Diskurs-Nachäffern, die es in den bürgerlichen Feulletons gibt (verblüffend häufig in der Einheitsgeschmacksrichtung neoliberal...).

Als moderner Liberal-Konservativer, der er eigentlich ist, lässt er auch einmal ungewohnte Perspektiven an sich heran.

Um sie sich anzueignen, wenn sie für gut befunden werden.

Ich war verblüfft, wie er zu Zeiten, wo er noch deutlich konservativer positioniert war, z. B. mit dem deutschen Faschismus, dem Holocaust und dem deutschen Umgang damit umgegangen ist. Er pflegt (nicht nur hier) eine bürgerliche Tugend, die man garnicht hoch genug einschätzen kann:

Redlichkeit.

Er ist auch nicht zugenagelt - was wiederum in vielen anderen Fällen in der deutschen Publizistik beinahe schon wie eine Grundvoraussetzung wirkt...

Ich war verblüfft, wie empfindlich er sich gezeigt hat, als ich bei Thomas Knüwer eine etwas zu fest gedrechselte Polemik gegen bestimmte Ansichten von ihm gestartet hatte.

Er war nicht nur betroffen, weil da ein Vorwurf enthalten war, der da nicht hingehörte (leider: mein Fehler), sondern, weil ihn die Kritik traf, dort, wo sie für ihn schlüssig war.

Und genau das halte ich für eine Qualität, neben der Redlichkeit: Die anderenorts oft verloren gegangene Fähigkeit, sich von Kritik treffen zu lassen, und dann: neu- und umzudenken.

Insgesamt ist in der FAZ im letzten Jahr ein sehr positiver Wandel festzustellen, weg von bestimmten rechtsbürgerlichen Argumentations- und Sprachmustern, und auffallend deutlich hin zu einer gewissenhaften Unterrichtung der Leser.

Das ist spannend!

Vielleicht (aber nur vielleicht...) wird sie wieder zur "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", sogar zu einer neuen Vossischen Zeitung - und hält damit eine journalistische Fahne hoch, die im Erdrutsch von Boulevard- und rechtsbürgerlichen Kampangenjournalismus schon völlig verschüttet zu sein schien.

Ich bin jedenfall neugierig, in welche Richtung sich die FAZ entwickelt. Auch Don hat heute darauf hingewiesen, dass die FAZ inzwischen in vielen Fragen die einzige Zeitung ist, die in die Tiefe geht.

(zuletzt beim Südossetienkonflikt und jetzt aktuell zur Finanzmarktkatastrophe)

 
At 21 September, 2008 21:14, Blogger John Dean said...

Geradezu verwirrend finde ich es, wenn jetzt ausgerechnet auch Wolfram Weimer - bislang der Mann des hysterischen Tons - einen wohl abgewogenen, guten und sogar stellenweise pfiffigen Kommentar zustande bringt.

(der steht zwar in, *räusper*, gewissen Gegensatz zu Weimers vorherigen Veröffentlichungen, aber gut: auch hier kann der Weg weiter beschritten werden)

Die letzten drei Absätze hätte er sich allerdings sparen können; der anfängliche Schwung dieses Textes gerät ins Straucheln, wenn den Lesern allzu deutlich, und leider auch allzu banal Konsequenzen nahe gelegt werden.

Neugierig bin ich, wie lange wohl der neue Respekt von Wolfram Weimer anhält bzw.: wie schnell er ins Bashen zurückfällt.

 
At 21 September, 2008 21:22, Blogger John Dean said...

Huppa - ich stelle gerade fest, dass meine beiden sehr höflichen (aber: kritischen) Kommentare auf seinem Blog WW ziemlich getroffen haben.

Er lässt Kommentare nun nicht mehr zu. Vielleicht ist es ein wenig verständlich. Wer mag sich schon gerne ärgern. Aber nun - wenn ich mich recht entsinne, gehört das Wort "Feigheit" zum engeren Wortschatz des WW.

 
At 22 September, 2008 23:53, Anonymous Klaus Baum said...

was ist an der brandtwiete/ecke ost-west-straße? BILD?
danke für diesen beitrag von dir.

 
At 23 September, 2008 15:17, Blogger John Dean said...

------ schnipp --------
was ist an der brandtwiete/ecke ost-west-straße?
------ schnapp --------

Da steht ein hässlicher Funktionalbau, ein graues Hochhaus mit 13 Geschossen, erbaut Ende der 60er Jahre, welches den Stil von Mies van der Rohe teils nachahmt, das in seiner anonymen Gewöhnlichkeit allerdings den Geist der 50er Jahre atmet, auch frei von Fortschrittshoffnung - weil man Jahre nach der Erbauung die Innenräume statt vormals fröhlich bunt einheitlich grau-weiß getüncht hat, auf dessen Dach die meterhohe Reklame für den SPIEGEL installiert ist.

(übrigens: es wird bald abgerissen - und man wird dann wohl viel Asbest finden.)

 
At 29 September, 2008 18:48, Anonymous Anonym said...

Warum hat dieser Post keine Überschrift? Das macht es nicht übersichtlicher hier.

 

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