12 Februar 2008

Ein paar rohe, ungeschliffene Anmerkungen zur Obama-Kampagne und ihrem heutigen Stand

1. Ich denke, heute Nacht wird es für Hillary Clinton einen Überraschungserfolg in Virginia geben, vielleicht sogar einen knappen Wahlsieg. Es gibt zwar eine (und zwar: nur eine!) aktuelle Umfrage, welche Obama in Virginia mit deutlich über 15 Prozentpunkten vorn sieht, aber die Umfragen haben sich in letzter Zeit allgemein als reichlich fehlerhaft erwiesen. Wenn ich mir via Youtube die Reaktionen auf Obama in Virginia anschaue, dann sehe ich deutliche Probleme eines inzwischen müden Kandidaten, Begeisterung bei der Bevölkerung in Virginia auszulösen.

2. Ich denke, dass das in der politischen Berichterstattung beliebte Bild eines "politischen Messias" bzw. einer Art "religiösen Begeisterung" für Obama ein schiefes Bild ist. Nimmt man die jugendlichen Obama-Anhänger, so findet man eher so etwas wie eine Art Woodstock-Stimmung (Youtube-Link - man schaue sich die Stelle bei min. 1:40 mal genauer an!). Was - zumal für einen ziemlich ernsthaften Politiker - eine Besonderheit darstellt. Und tatsächlich, es ist der politische Aufbruch einer Generation, die sich weniger für militante politische Grabenkämpfe interessiert, und dafür mehr für Dialog und Kompromiss - und zugleich Hoffnung hat auf ein neues politisch progressives Zeitalter. Bei jüngeren Erwachsenen findet sich zwar Begeisterung, nach wie vor, aber diese hat keine religiösen oder hysterischen Züge, sondern fällt überraschend nüchtern aus. Wenn es sowas wie eine rationale, "nüchterne Begeisterung" geben sollte, zumal in amerikanischen Präsidentschaftskampagnen, dann wird man hier fündig.

3. Das Endorsement von "Moveon" für Obama wurde von politischen Kommentatoren regelmäßig klein geredet. Ich denke, das ist ein Irrtum. Schon jetzt hat "moveon.org" deutlich über 500.000 Dollar für ihren Kandidaten gesammelt und nimmt zur Zeit - allein über das moveon-Portal, fast 100.000 Dollar pro Tag für Obama ein, das sind fast 10 % seines gesamten aktuellen Spendenzustroms. Selten war die Macht von Graswurzel-Organisationen in einem amerikanischen Wahlkampf größer. Sieht man sich an, von wem das Geld kommt, und wie die Menschen auf ihn reagieren, dann ist Obama "the people's candidate".

4. Die Wahl in Wisconsin nächste Woche könnte für das Obama-Camp schwierig werden. Die dort besonders zahlreichen Katholiken und ungebildeten Wähler sprechen auf Hillary Clinton und ihrem politischen "Markenwert" deutlich stärker an.

5. Trotzdem wird Obama in einer Woche in der Delegiertenzählung vorn liegen, deutlich sogar, ich schätze rund 80 bis 100 Delegierte, und zwar inklusive der sogenannten "superdelegates", welche Clinton (noch) stark zuneigen. Dieser - eigentlich überraschende - Vorsprung stärkt die Position Obamas als ernsthaften und chancenreichen Bewerber, und erschwert es Hillary Clinton, sich als "die" demokratische Kandidatin zu präsentieren.

6. Hillarys Umfragerückstand bei Vergleichen mit McCain, wo sie ca. 4-5 Prozent schlechter abschneidet als ihr Konkurrent, wird bei den März-Vorwahlen ein wichtiges Thema werden.Wenn sie sich in Pennsylvania, Texas und Ohio nicht deutlich zweistellig absetzen kann, dann heißt der nächste amerikanische Präsident Barack Obama.

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4 Comments:

At 12 Februar, 2008 22:48, Anonymous Avantgarde said...

In Virginia dürfte es knapp werden, aber Caucuses bevorzugen Obama enorm.

Aber verliert er wirklich Virginia, wäre das ein Menetekel.

Ich habe allerdings auch den Verdacht, dass Hillary Texas und Ohio holt. Schafft sie das, dann kriegt sie auch Pennsylvania.

Und dann ist es vorbei für Obama, selbst wenn er bei den "pledged delegates" noch vorne liegen sollte. Hillary dürfte dann bei dem popular votes vorne liegen, sie hat die "großen" Staaten geholt, das Parteiestablishment will sie.

Und Obamas "messianische Begeisterung" ist überschätzt. Die wird in den General Elections eiskalten Gegenwind bekommen. Da ist zuwenig Substanz.

Im Gegensatz zu den meisten Kommentatoren momentan glaube ich, dass Hillary gegen McCain bessere Chancen hat. Klingt jetzt komisch aber:

Hillary muss nur alle Kerry-Staaten gewinnen, und das wird sie. Sie braucht "nur" Ohio (Florida wäre toll, wird aber schwierig).

Das ist ihre Strategie.

Obama wird mit seiner 50-Staaten-Kampagne grandios scheitern.

Ihren "besten" Kandidaten, Edwards, haben die Demokraten ja auf grandiose Weise entsorgt.

Hillary wird allerdings Obama irgendwie einbinden müssen. Obama als VP? Durchaus möglich, auch wenn das jetzt heftig dementiert wird.

Edwards wird, glaube ich, zuwarten, und am Ende in Richtung Hillary gehen, wenn die nicht völlig absackt.

Sollte wider Erwarten Obama Texas und Ohio gewinnen, dann allerdings hängt Hillary in den Seilen.

 
At 13 Februar, 2008 01:34, Anonymous Avantgarde said...

OK, es ist überhaupt nicht knapp in Virginia und ich trete meine Analse in die Tonne.

Obama schafft das

 
At 13 Februar, 2008 16:42, Blogger Dr. Dean said...

Obamas großer Erfolg in Virginia war sehr überraschend für mich. Eigentlich ging ich davon aus, dass er mit vielleicht 5 bis 10 Prozent führen würde - was ich wiederum als Erfolg für Clinton gewertet hätte, zumal Umfragen sie 18 hinter Obama gesehen haben. Nun lag sein Vorsprung bei nahezu 30 Prozent.

Bei der Analyse der exit polls ist mir aufgefallen, dass sich eigentlich nicht viel geändert hat...

Okay, Obama ist in viele Bereiche eingebrochen, wo Clinton normalerweise deutlich vorn liegt (z.B. weiße Frauen) - nicht unbedeutend war aber, dass unabhängige Wähler in Virginia (auch: Maryland) bei den Demokraten mitwählen konnten. So beteiligten sich knapp 10 Prozent Republikaner (!!!) an den Vorwahlen - welche Obama klar favorisierten, sowie 20 Prozent Unabhängige, die ebenfalls Obama deutlich bevorzugen.

Anders gesagt:

Rund 40 Prozent seiner Stimmen bekam Obama bei den Wahlerfolgen gestern Nacht von Unabhängigen und Republikanern.

Was bedeutet das nun für Ohio und Texas?

Nichts Gutes für Obama, denn Ohio ist eine "closed primary", gleiches gilt für Texas.

In Texas legt allerdings seine Basisorganisation im Moment los, wie ein Sturm. Wo immer sich Obama-Unterstützergruppen in Texas treffen, bilden sich riesige Aufläufe - und zwar unter voller Beteiligung von Latino-Wählern. Die Latinos in Kalifornien und Texas unterscheiden sich, und es sieht im Moment so aus, als ob Obama in Texas viele Latinostimmen erobern könnte.

Wenn die Dinge für Obama optimal laufen, dann holt er einen knappen Überraschungserfolg in Texas, indem er dort mit 5 Prozent unterliegt, und unterliegt mit rund 10 Prozent in Ohio.

Auch in Pennsylvania handelt es sich um eine "closed primary", was ein großer Vorteil für Clinton ist. Dazu kommt, dass in diesem Staat enorm viele Katholiken wohnen, bei denen Clinton ohnehin deutlich stärker punktet. Ein wenig wird das davon aufgewogen, dass es in der demokratischen Wählerschaft von Pennsylvania recht viele Wähler deutsche Vorfahren haben - und, was bislang in den Analysen kaum aufgefallen ist: Diejenigen Wähler, die für sich meinen, deutsche Vorfahren zu haben, neigen außerordentlich stark zu Obama. Trotzdem, auch in Pennsylvania wird Obama verlieren, und vermutlich zweistellig.

Vorher liegt aber die Wahl in Wisconsin. Zur Zeit wird ihm dort ein Vorsprung in Höhe von 10 Prozent eingeräumt. Weil es sich hier um eine "open primary" (d.h. viele Unabhängige Wähler und Republikaner) handelt, und weil über 50 Prozent (!) der demokratischen sich auf deutsche Vorfahren berufen, vermute ich für Wisconsin inzwischen an einen Erdrutschsieg für Obama.

Das ist zwar schön für den damit ausgebauten Vorsprung bei den Delegiertenstimmen, aber zugleich gefährlich, wenn es danach (was ich zur Zeit annehme) zu deutlichen Rückschlägen kommt.

Die Obama-Kampagne könnte kollabieren, wenn die Erwartungen vor Ohio/Texas/Pennsylvania zu hoch liegen - und stark enttäuscht werden.

Ich hoffe (und bin da eigentlich zuversichtlich, denn mit David Axelrod hat die Obama-Kampagne einen extrem guten Analysten), dass man all dies antizipiert, und Clinton für Texas und Ohio zur Favoritin ausruft, welche dort ihre "must wins" erzielen muss.

Gelingt es, dies in den Medien zu kommunizieren und kommunizieren zu lassen, kommt es zudem in Texas und Ohio zu sehr knappen Ergebnissen oder sogar Überraschungserfolgen für Obama (und die Chance besteht), dann ist er durch.

McCain mag zwar ein respektabler Gegner sein - aber ich kann nicht erkennen, wie der gegen Obama bestehen kann.

 
At 13 Februar, 2008 17:29, Anonymous Avantgarde said...

Gewinnt er noch Hawaii und Wisconsin, zieht er mit 10:0 nach Texas. Da geht noch was.

Die Demokraten müssen sich im Klaren darüber sein, dass Hillary bei den "pledged delegates" annähernd gleichziehen muss.

Denn wählen die Superdelegates trotz grandiosen Abschneidens von Obama doch Hillary, steht dicker Ärger ins Haus.

Andererseits sollte zu denken geben, dass so viele Independents und Republikaner Obama wählen.

Wer die Reden von Obama und McCain (unmittelbar hintereinander bei CNN live) gesehen hat, der kann McCain nicht viele Chancen einräumen.

Da müsste es schon sehr schmutzig werden (das macht McCain) nicht mit.

Ob eine Videobotschaft Osamas reicht, wage ich auch zu bezweifeln.

 

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