09 Februar 2008

Gedichtesonntag: Der Businessplan

Der Businessplan

Der Businessplan lag zerlegt in Häufchen und Fetzen auf dem Tisch. Seine Heißkleber-Bindung war rot, rot-rosa schimmerten deren Reste seitlich an denjenigen Teilen des Planes, die noch nicht sogleich zur Seite gelegt wurden. Auch sie werden den Weg zum Recycling finden. Die Luft war verbraucht, das Büro schien nach mehreren Stunden der Lektüre noch grauer und geschäftsmäßiger zu sein, als es vorher schon war – ein leiser Hauch des Todes durchzog die von Zigarettenqualm angereicherte Luft. Drei Kaufleute saßen mir gegenüber, teure schwarze Anzüge, Einheitsschuhe und deren allgemein eher üblen oder überheblichen Launen hatten sich schon mittags verfinstert. Im nächsten Monat sollte es beginnen, die riesige Werbekampagne hätte Menschen in Massen erobert. Aber sie kostet. Als wir es erneut nachrechneten, kam Angst auf. Freiwillig hatten wir uns, bei noch lebendigem Leib, hierher begeben, hingesetzt und uns bei kontinuierlicher Kaffeezufuhr zusammen mit diesem Businessplan einschließen lassen. Latte aus dem Automaten. Da fing der erste, schon etwas ältere und von zahlreichen Falten durchfurchte, etwa 64 Jahre alte Geschäftspartner an, die Geduld zu verlieren. Es wurden durch seine Einrede sehr schwermütige Gedanken der Lebensmüdigkeit erzeugt, Gefühle von Sinnlosigkeit, die umso stärker wurden, je genauer wir die krachend vorgetragenen Pläne prüften. Sie waren kaum mehr als ein Abbild der längst untergegangenen NE-Ökonomie, welche mit ihren nichtwirklichen Ankündigungen ein Spiel der nichtwirklichen Schweinwirklichkeit betrieb. Uns wurde immer klarer, die Anzeigenkrise hat uns im Griff, nie wieder wird es eine so wilde Bewegung geben. Während ich mein strähniges blondes Haar durchfurchte, hörte ich mich murmeln, dass ich lieber endlich tot sein wolle, als immer wieder über solche Pläne beraten zu müssen. Die Tür ging wieder auf. Im Flur konnte man auf einem eigens eingerichteten Massagestuhl von EXIT SHIHATSU durchkneten lassen: Wünschen Sie drei Minuten Entpannung, fünf einhalb Minuten oder gleich die große Entspannungsprophylaxe für die nächsten Tage, fragte mich das freundliche Display. Ich bestätigte, irgendwas – auf einer Digitalanzeige wurde die restliche Massagezeit des Businessplanverspannten in Sekunden und wenigen Minuten angezeigt. Ohne nachzurechnen, stürzte ich mich wieder in den Beratungsraum und brüllte mit aller Kraft und unüberhörbar laut: „Nein!“. Wir nickten einander zu und schauten aus dem Fenster hinaus. Wie in der anderen Welt des echten Lebens zogen am Himmel die Wolken dahin, erschütternd echt und schön.

gez. Lothar Lammfromm
(Plagiat hiervon, Erstveröffentlichung bei shifting reality)

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