22 November 2007

Metzgers Herrenreiteransichten zu Sozialhilfe und Grundeinkommen

Der CDU-nahe Wirtschaftslobbyist Oswald Metzger tat sich am 20. November mit einer umstrittenen Äußerung im STERN hervor:
Sozialhilfeempfänger werden keineswegs schöpferisch aktiv. Viele sehen ihren Lebenssinn darin, Kohlehydrate oder Alkohol in sich hinein zu stopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen. Die wachsen dann verdickt und verdummt auf. Wenn das die schöpferische Wirkung des bedingungslosen Grundeinkommens sein soll, das die Menschen davon entbindet, sich um das Existenzminimum zu bemühen und nicht mehr arbeiten zu müssen, dann geht doch die Rechnung nicht auf.
Seine Argumentation enthält etwas durchaus Richtiges: Leistungslose Einkommen führen nicht unbedingt dazu, dass sich Menschen anstrengen. Oft laufen ihre Anstrengungen darauf hinaus oder erschöpfen sich sogar darin, sich das leistungslose Einkommen zu sichern. Vergleichbare Wirkmechanismen kann man in Fall von Monopolen erkennen. Die Idee, dass ein allgemeines Grundeinkommen automatisch* zu einer Entfaltung von Kreativität und Schöpfertum führt, ist illusorisch.

Dazu und zu seiner Äußerung gibt es m.E. mehrere Einwände:

Erstens ist das Niveau von ALGII bzw. Sozialhilfe [irrtümlich von Metzger verwendeter Begriff] nicht so hoch, dass deren Bezieher mit ALGII-Bezug materiell zufrieden sind. Wenn sie sich in ihren Anstrengungen zum Einkommenserwerb auf ALGII beschränken, wenn sie sich nicht verbessern "wollen", dann hat das neben Bequemlichkeit (das gibt es auch) vor allem mit widrigen Realitäten am Arbeitsmarkt zu tun, beginnend mit der Schwierigkeit Arbeit zu finden und ausbeutungsähnlichen Niedrigstlöhnen.

Dazu kommt auch ein verbreitetes (oft irrtümliches) Gefühl von Hoffnungslosigkeit, die mangelnde Förderung der ALGII-Beziehern, sowie die übel wirksame gesellschaftliche Degradierung. All das blendet der reaktionäre Lobbyist Metzger aus. Metzger zielt letztlich auf einen sozialdarwinistischen Schmarotzerdiskurs.

Zweitens, man kann derartige Degenerationsprozesse auch z.B. im Kreis von Erben sehen. Nur, wird man dann entdecken, dass diese Aussage so generell nicht gilt. Menschen sind sehr vielfältig, und ein Abgleiten in stumpfen Konsum ist keineswegs die Regel. Das allgemeine Wirtschaftsdogma unserer Zeit meint, es könne schöpferische Prozesse allein mit der Struktur monetärer Anreize erklären. Tatsächlich wirken hier andere Faktoren viel stärker, neben Erziehung, Bildung und Vorbild sind hier Anerkennung und soziales Umfeld zu nennen.

Drittens argumentiert Oswald Metzger wie ein blasierter Herrenreiter, der in autoritärer Pose seine wiederholte Abscheu gegen untere Schichten verkündet, denen er "keineswegs" (das hat er wirklich gesagt) schöpferische Leistungen zutraut, jedenfalls dann nicht, wenn diese ALGII-Zuwendungen erhalten. Woher will er wissen, dass "Sozialhilfeempfänger keineswegs" schöpferisch aktiv werden? Ich erinnere daran, dass die sogenannte "Ich-AG" zur allgemeinen Überraschung recht gerne genutzt wurde (und trotz ihrer teils guten Effizienz dann durch die Politik wieder abgeschafft wurde).

Das von Metzger mit Absicht betonte, für "viele" ALGII-Bezieher gezeichnete Bild von fetten Alkoholikern reduziert die soziale Wirklichkeit unzulässig und entwürdigt diejenigen, die auf ALGII-Bezug angewiesen sind. Er meint "sehr viele" - denn sonst würde seine Argumentation kaum Sinn machen.

Viertens ist Oswald Metzger ein Politiker mit festgefügten Weltbild, der weder sonderlich lernfähig ist, noch zu seinem Wort steht. Jetzt beklagt er, dass das Interview "nicht autorisiert und womöglich auch verkürzt" gewesen sei (Quelle).

Man erkennt den Herrenreiter.

* Ich persönlich würde ein "optionales Grundeinkommen" befürworten, beschränkt auf maximal drei Jahre und gebunden an selbst gewählten sozialen, unternehmerischen, schöpferischen oder künstlerischen Aufgaben - sowie Leistungsnachweisen. Allerdings bin ich auch hier skeptisch, ob unsere Gesellschaft reich genug dafür ist.

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4 Comments:

At 22 November, 2007 16:24, Anonymous Dieter Petereit said...

Ich bin Manns genug, mich hiermit bei Ihnen für so manches zu entschuldigen, was ich Ihnen schreibend an den Kopf warf. Sie haben offenbar doch das Hirn am rechten Fleck. 100 % Zustimmung zu diesem Beitrag.

 
At 22 November, 2007 18:27, Blogger Dr. Dean said...

Cool, danke!

 
At 22 November, 2007 22:28, Anonymous Anonym said...

Über den text habe ich mich bischen geärgert:

Wenn es so wäre, wie du und O. Metzger sagen, nämlich dass leistungslose Einkommen eher lähmen, wie hätte es dann je eine schöpferische Boheme geben können? Die in den Tag lebte, der reinen Zeit Bedeutung zumaß, und Poesie schuf? In diesem Dunstkreis sind einige der größten Kunstwerke unserer Zeit entstanden, finanziert durch Erbschaften, Apanagen, Zuwendungen, Stipendien, leistungslose Einkommen (überhaupt: der Adel zuvor, und seine ganze Kultur...größtenteils leistungsloses Einkommen.).

Und wenn ich mir so ansehe, was Menschen in ihrer Freizeit alles so tun, bekomme ich noch mehr Zweifel: So viele Vereine, gemeinnützige Tätigkeiten, Hobbies...

Nein, ich denke, hier sitzt ihr beiden einem Irrtum auf, einem rationalistischen Menschenzerrbild im Stil des homo oeconomicus, immer änsgtlich bedacht, die Leute auf Trab zu halten, in sinnlosen Hamsterrädern, damit sie nur nicht auf dumme Gedanken kommen.

Was Alkohol- und TV-Konsum bei von Hartz4-Betroffenen angeht: Diesen Menschen wird in unserer Gesellschaft das Selbstwertgefühl auf mehr oder weniger subtile Weise genommen: Wo der Wettbewerb alles ist, sind die, die nicht mithalten konnten, die Loser. Wo man immer zuhause erreichbar sein muss, und ständig unterwürfig zum Amt rennen muss, wo man finanziell an einem nackten Überlebensexistenzminimum gehalten wird, wo man vereinzelt in Wohnsilos sitzt, da kommt natürlich keine Lebensfreude und Kreativität auf.
Manche sind aber sogar noch unter diesen erbärmlichen Bedingungen kreativ, und schaffen bewundernswertes, das dann blos niemand sieht. Und ihr zwei verhöhnt sie hier gerade.

Man könnte ja auch mal fragen, warum denn das zweit- oder drittreichste Land der Welt, in dem 10% 66% besitzen, zu den Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum zählt, wo doch alles so toll ist.
Das beschränkt sich ja durchaus nicht nur auf Hartz-Empfänger, auch und gerade gestresste Manager sind da gerne gut dabei, hauptsache, sie funktionieren. Dazu passt der um 30% gestiegene Kokskonsum in der EU, siehe Berichte heute.

Aber nein, natürlich ist nicht der Kapitalismus mit seinen Auswirkungen auf die seelische Gesundheit der Bevölkerung (siehe auch steigende Depressionsrate) das Problem, sondern "leistungslose Einkommen".. schon klar.

Und was bedeuten deine und Metzgers Schlussfolgerungen eigentlich für privaten Kapital/Aktienbesitz? Bemitleidenswerte Menschen? Leistungsloses Einkommen, meist auf hohem Niveau. Na?

 
At 05 Januar, 2008 23:07, Anonymous Aki Arik said...

Dass sogar die FDP für ein „Bürgergeld“ eintritt („FDP will „Bürgergeld“ statt Mindestlohn“), sollte eigentlich alle Befürworter einer staatlichen Grundsicherung langsam stutzig machen. Ist doch das Bürgergeld für die Neoliberalen nur die andere Seite des Widerstrebens gegen einen fairen Mindestlohn.

Auffallend ist jedenfalls, dass immer öfter sogar Unternehmer wie Götz Werner (geschäftsführender Gesellschafter der dm-Drogeriemarktkette ), Konservative wie Dieter Althaus oder das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut ein staatliches Bürgergeld fordern.
Diese Form des Grundeinkommens bringt vor allem den Unternehmen Vorteile. Bei Licht betrachtet ist es damit eine rein neoliberale Idee. Historisch gesehen sind die Neoliberalen sogar die Erfinder des Bürgergelds.
Eine Grundsicherung, die allein durch die Mehrwertsteuer des “kleinen Mannes” finanziert wird, ist nichts anderes als ein mieser Trick. Eine Grundsicherung, die nicht zugleich das drängende Problem einer zukünftigen Verteilungsgerechtigkeit mit anpackt, dient allein den Reichen.

 

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