17 September 2006

Der Antiglobalisierungspilz und das antiamerikanische Parfüm

Es gibt ihn. Er ist der klassische Vorgartenpilz und gedeiht im Spätsommer nach längeren Wärmeperioden, unverzüglich nach einem Regenguss. Dann schießt dieser rätselhafte und schmackhafte Pilz aus der Erde, welcher sich jedem längeren Transport entzieht, und zwar durch Selbstauflösung in eine tintenartige, stinkende Flüssigkeit. Sozusagen ein Antiglobalisierungspilz.

Der Schopftintling (endlich habe ich in meiner Nähe einen Standort gefunden!) hält sich nach der Ernte nur etwa 2-4 Stunden, hier nutzt auch keine gekühlte Lagerung und er muss daher unverzüglich nach dem Fund zubereitet werden. Doch das lohnt sich: Ein mild gesalzenes und gepfeffertes Pilzomelett mit Schopftintlingen schmeckt sensationell!

Durchaus lohnenswert, wenngleich nicht sensationell, ist der Film "Das Parfüm". Mir persönlich ist die Geschichte zu simpel erzählt, der Film beginnt mit einem zu geruhsamen Rhythmus, es gibt eine Reihe von Unstimmigkeiten, außerdem sind die Bilder oft zu opulent und übertrieben. Müssen tatsächlich alle Verkäufer auf einem Pariser Fischmarkt gänzlich dreckverschmiert sein? Sehr glaubwürdig ist das nicht. Muss es gleich eine Massenorgie sein, wenn das behandelte Thema eigentlich nicht Sex, sondern Zuneigung ist?

Einzelne Einstellungen (z.B. die Selbstmordszene des Massenmörders nach dem Entstöpseln der Parfümflasche) sind zu gedehnt und fast schon werbefilmartig übertrieben. Und warum soll ein winziger Windhauch des Parfüms in der Lage sein, Massen zu hypnotisieren, wenn zum Schluss ein der Parfümflasche entweichender ganzer Tropfen auf dem Fischmarkt überhaupt nichts mehr bewirkt? Einiges in diesem Film ist m.E. unlogisch bzw. schlecht erzählt.

Die Filmemacher hätten sich selbst, dem Autoren und den Zuschauern einen Gefallen getan, wenn sie den Täter emotionaler und packender dargestellt hätten. Man hätte die Zuschauer an der inneren Not des Geruchtsfetischisten besser teil haben lassen können, an Grenouilles Leiden an der Lieblosigkeit in seiner Existenz. Die seltsame und streckenweise langweilige Hauptfigur wirkte zwar unheimlich, aber in der gezeigten Form leider auch reichlich unpersönlich.

Und doch lohnt es sich, diesen Film anzuschauen, der eine Aufmachung zwischen Kostüm- und Märchenfilm hat. Mich selbst hat zunächst die Filmmusik in den Film gelockt, die durchaus nett ist, aber sie ist leider doch nicht so vordergündig und kreativ, wie ich ursprünglich gehofft hatte. Mit den Choralstimmen haben es die Komponisten übertrieben, deren Harmonik hätte komplexer und weniger repetiv ausfallen können.

Trotzdem schön.

Das Publikum im rappevollen Kino war ziemlich ergriffen, allerdings hatte ich den Eindruck, dass sich viele Leute wegen der drastischen Parfümgewinnungsszenen ordentlich geekelt haben. Schön fand ich die hübschen rothaarigen Frauen, und alle Marktplatzszenen bis zur Orgie, welche mit ihren Bildern interessant ist, aber doch nicht wirklich zum Film passt.

Amerikakritik

Die vorherige Szene, wo die Massen gnadenlose, absurd brutale Rache fordern, wirkt wie eine Kritik an Bushs Amerika. Sicherlich nicht zufällig, wenn man bedenkt, dass quasi Rumsfelds Waterboarding als Foltertechnik vorgeführt wurde, quälend, sinnlos und grausam. Und auch die beiden anderen Filmstellen, die auf Folter Bezug nehmen, kritisieren mit der Darstellung von Fehlverurteilungen jegliche Folter sowie einen Rechtsstaat, der auf Basis erpresster Geständnisse überaus harte Handlungen vollzieht.

Übergangslos wandelt sich die Marktplatz-Szenerie in eine Art Popstar-Aufführung, leicht satirisch verfremdet, und das ist m.E. ganz wunderbar dargestellt. Das Casting der Nebenrollen gelang hervorrangend. Dustin Hoffmann war großartig und gab dem Film an entscheidenden Stellen eine leichte Note. Überaus wunderbar auch immer wieder die schöne Erzählstimme von Otto Sander.

Doch, der Film hat sich gelohnt. Interviews zum Film: hier, hier, hier, hier und hier.

P.S. Neoconnards werden sich ärgern - und sollten den Film besser nicht gucken.

3 Comments:

At 17 September, 2006 17:49, Anonymous Joerg said...

Neoconnards werden sich ärgern - und sollten den Film besser nicht gucken.

Bist Du Dir sicher, dass sie die entsprechenden Szenen genauso wie Du als Anspielungen verstehen werden?

Willste daraus einen Beitrag fuer den Karnival machen, der nächsten Sonntag stattfindet?

Oder wie wäre es mit einem Vergleich von "Bush Derangement Syndrome" und "Schroeder Derangement Syndrome": Ansatz dazu im letzten Absatz hier.

 
At 18 September, 2006 17:13, Anonymous gnokii said...

Hast Du das Buch eigentlich gelesen? Bis auf zwei Fehler die ich gefunden hab, war das Buch eigentlich gut umgesetzt und dass war zu 100% nicht ganz einfach. Ja und Fischverkäufer im damals dreckigsten Moloch der Welt müssen im Film so aussehen, eben genauso schmutzig und stinkend als wie sie im Buch beschrieben werden.

 
At 18 September, 2006 19:21, Blogger nickpol said...

Bei uns zu Hause wird der Schopftintling noch im geschlossenen Zustand geerntet, dann sieht er aus wie ein Ei, er heisst dann auch Teufelsei, offen, mit Stiel isst den dann keiner mehr.
Ist aber lecker der Pilz, stimme ich dir zu.

 

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