07 September 2006

Was ist los mit unseren Wirtschaftssachverständigen?

Die vermeintlich oder tatsächlich klügsten ökonomischen Köpfe unseres Landes, jedenfalls vier der insgesamt fünf "Sachverständigen" haben nun Vorschläge gemacht, welche nichts weniger als einen Verfassungsbruch darstellen. Und überdies einen Anschlag auf die Menschenwürde.

Ist es ein unterschwelliger Hass auf die Arbeitslosen, welche jeden Tag erneut und gleich siebenmillionenfach die Kompetenz dieses möglicherweise weit überschätzten Berufsstandes unterminieren? Oder gibt es einen anderen Grund dafür, zu fordern, dass Arbeitslose bitteschön hungern und beachtliche 30 Prozent unterhalb des Existenzminimums versorgt sein sollten? Trotz der Kritik der letzten Tage haben sie diese Vorschläge nicht zurückgenommen:
"Das Arbeitslosengeld II bietet sich aus mehreren Gründen als Ausgangspunkt für eine Reform geradezu an. Um einen Beschäftigungseffekt zu erzielen, müsse es um 30 Prozent gesenkt werden."
Sie sind in nahezu jeglicher Hinsicht privilegiert, bestens bezahlt, hoch gebildet, und noch höher geachtet und dennoch fällt vier dieser Experten nichts weiter ein als eine Bitte an die Regierung, Notleidende bitteschön endlich richtig hungern zu lassen.

Ich halte es vor diesem Hintergrund für durchaus erwägenswert, diese menschenverachtenden "Sachverständigen" wegen Aufrufs zum Sturz unserer verfassungsmäßigen Ordnung zu belangen bzw. in Bezug auf die von ihnen betriebene Politiker- und Volksverhetzung zu bestrafen wie z.B. neonazistische Drecksäue.

Was ist los mit unseren Wirtschaftssachverständigen?

Guten Tag!

9 Comments:

At 07 September, 2006 16:18, Blogger che said...

Auf solche Leute hege ich nur noch blanken Hass. Bezüge auf 2/3 Hartz 4 Level kürzen, und ab zum Ernteeinsatz in 14-Stunden-Schichten. Es ist nur recht und billig, dass, wer so etwas vorschlägt, mit gutem Beispiel vorangeht.

 
At 08 September, 2006 15:01, Anonymous Lara said...

Nun, sie werden schon wissen, was sie damit bezwecken wollen, die Herren...:

DIE HERREN WIRTSCHAFTSFÜHRER

Stets hat die Menschheit ihre Helden gehabt: Priester oder Ritter, Gelehrte oder Staatsmänner. Bis zum 14. Juli 1931 waren es für Deutschland die Wirtschaftsführer, also Kaufleute.

Die Kaufleute sind Exponenten des Erwerbsinnes; sie haben immer ihre Rolle gespielt, doch wohl noch nie so eine große wie heute. Weil das, was sie in Händen halten, das wichtigste geworden ist, werden sie in einer Weise überschätzt, die lächerlich wäre, wenn sie nicht so tragische Folgen hätte. Die deutsche Welt erschauert, sie braucht Götzen, und was für welche hat sie sich da ausgesucht - !

Man sollte meinen, daß der gesunde Menschenverstand wenigstens eines sehen könnte: den Mißerfolg. Aber damit ist es nichts. Niemand von denen, die diese Wirtschaftsführer bewundern, behielte auch nur einen Tag lang einen Chauffeur, der ihm die Karre mit Frau und Kind umgeworfen hätte, auch dann nicht, wenn dem Chauffeur die Schuld nicht nachzuweisen wäre. Er kündigt, denn solchen Chauffeur will er nicht. Aber solche Wirtschaftsführer, die will er.

Der unbeirrbare Stumpfsinn, mit dem diese Kapitalisten ihre törichte Geldpolitik fortsetzen, immer weiter, immer weiter, bis zur Ausblutung ihrer Werke und ihrer Kunden, ist bewundernswert. Alles, was sie seit etwas zwanzig Jahren treiben, ist von zwei fixen und absurden Ideen beherrscht: Druck auf die Arbeiter und Export.

Für diese Sorte sind Arbeiter und Angestellte, die sie heute mit einem euphemistischen und kostenlosen Schmeichelwort gern >Mitarbeiter< zu titulieren pflegen, die natürlichen Feinde. Auf sie mit Gebrüll! Drücken, drücken: Die Löhne, die Sozialversicherung, das Selbstbewußtsein - drücken, drücken! Und dabei merken diese Dummköpfe nicht, was sie da zerstören. Sie zerstören sich den gesamten inneren Absatzmarkt.

Sie scheinen ihn nicht zu wollen - dafür haben sie dann den Export. Was dieses Wort in den Köpfen der Kaufleute angerichtet hat, ist gar nicht zu sagen. Ihre fixe Idee hindert sie nicht, ihre Waren auch im Inland weiterhin anzupreisen; ihre Inserate wirken wie Hohn. Wer soll sich denn das noch kaufen, was sie da herstellen? Ihre Angestellten, denen sie zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel geben, wenn sie sie nicht überhaupt auf die Straße setzen? Die kommen als Abnehmer kaum noch in Frage. Aber jene protzen noch: daß sie deutsche Werke seien, und daß sie deutsche Kaufleute und deutsche Ingenieure beschäftigen - und wozu das? „Um den Weltmarkt zu erobern!"

So schlau wie die deutschen Kaufleute sind ihre Kollegen jenseits der Grenzen noch alle Tage. Es setzt also überall jener blödsinnige Kampf ein, der darin besteht, einen Gegner niederzuknüppeln, der bei vernünftigem Wirtschaftssystem ein Bundesgenosse sein könnte. Die Engländer preisen rein englische Waren an, die Amerikaner rein amerikanische, und das Wirtschaftsinteresse tritt als Patriotismus verkleidet auf. Eine schäbige Verkleidung, ein jämmerlicher Maskenball.

Schuld - ? Vielleicht gehört eine große geistige Überlegenheit dazu, aus diesem traurigen Trott des Geschäftes herauszukommen und auch einmal ein bißchen weiterzublicken als grade bis zum nächsten Ultimo. Aber das können sie nicht. Sie machen weiter, wie sie es bisher getrieben haben. Also so:

Niederknüpplung des Inlandskunden; Spekulation auf einen Export, der heute nicht mehr so durchzuführen ist wie sich die Herren das träumen; Überlastung der gesamten Industrie durch ein gradezu formidables Schreibwerk, das hinter dem Leerlauf der Staatsbürokratie um nichts zurücksteht. Was da an Pressechefs, Syndicis, Abteilungsleitern, Bürofritzen herumsitz und Papierbogen vollschreibt, ohne auch nur das leiseste zu produzieren, das belastet uns alle. Aufgeblasen der Verwaltungsapparat - man sehe sich etwas das Verwaltungsgebäude der IG-Farben in Frankfurt am Main an: Das Ding sieht aus wie eine Zwingburg des Kapitalismus, weit ins Land dräuend. Früher haben die Ritter die Pfeffersäcke ausgeplündert; heute hat sich das gewandelt.

Wie immer in ungesunden Zeiten ist der Kredit in einer Gradzu sinnlosen Weise überspannt. Das Wort >Wucher< ist ganz unmodern geworden, weil der Begriff niemand mehr schreckt, er erscheint normal.

Nun haben aber Kartelle und kurzfristige Bankkredite die Unternehmungslust und die sogenannte >freie Wirtschaft< völlig getötet - es gibt sie gar nicht mehr. Fast jeder Unternehmer und besonders der kleinere ist nichts als der Verwalter von Bankschulden; geht’s gut, dann trägt er den ungeheuren Zins ab, und geht’s schief, dann legen die Banken ihre schwere Hand auf ihn, und es ist wie in Monte Carlo: die Bank verliert nicht. Und wenn sie wirklich einmal verliert, springt der Steuerzahler ein: also in der Hauptsache wieder Arbeiter und Angestellte.

>Das Werk<, dieser Götze, hat sich selbständig gemacht, und stöhnend verrichten die Sklaven ihr Werk, nicht mehr Sklaven eines Herrn, sondern Sklaven ihrer selbst. Auch der Unternehmer ist längst zu einem Angestellten geworden, nur kalkuliert er für sich ein derartiges Gehalt heraus, daß er wenig riskiert. Die fortgeschrittenen Kommunisten tun recht daran, den Unternehmer nicht mehr damit zu bekämpfen, daß sie ihm Sekt und Austern vorwerfen, dergleichen verliert von einer gewissen Vermögensgrenze ab seine Bedeutung. Aber daß diese Kerle die Verteilung von Ware und Verdienst ungesund aufbauen, daß sie ihre Bilanzen vernebeln und den Angehörigen der wirtschaftlich herrschenden Klassen so viel Geld zuschieben, daß den anderen nicht mehr viel bleibt: das und nur das ist Landesverrat.

Ohnmächtig sieht der Staat dem zu. Was kann er machen? Nun, er kann zum Beispiel eine Verordnung erlassen, wonach das zu verkaufende Brot sein Gewicht auf der Kruste eingeprägt erhalten muß, und das ist ein großer Fortschritt. Seine Gesetze berühren die Wirtschaft gar nicht, weil sie ihm ebenbürtig an Macht, weil sie ihm überlegen ist. Sie pariert jeden Schlag mit den gleichen Mitteln: mit denen einer ausgekochten Formaljurisprudenz, mit einer dem Staat überlegenen Bürokratie, mit Geduld. Schiebt ihm aber alle Lasten zu, ohne ihm etwa das Erbrecht zu konzedieren. Er hat zu sorgen. Wovon? Das ist seine Sache.

Also unsre Sache. Für wen wir gelitten? Für wen wird gehungert? Für wen auf Bänken gepennt, während die Banken verdienen?

Für diese da. Es ist nicht so, daß sie sich mästen, das ist ein Wort für Volksversammlungen. Sie mästen den Götzen, sie sind selber nicht sehr glücklich dabei, sie führen ein Leben voller Angst, es ist ein Kapitalismus des schlechten Gewissens. Sie schwindeln sich vom Heute in das Morgen hinein, über viele Kinderleichen, über ausgemergelte Arbeitslose - aber das Werk, das Werk ist gerettet.

Selbst die >Frankfurter Zeitung<, die sich in einer gradezu rührenden Weise bemüht, diesen störrischen Eseln des Kapitalismus gut zuzureden, wobei jene wild hinten ausschlagen, gibt zu, daß >nach den Erhebungen, die das Institut für Konjunkturforschung und eine deutsche Großbank unabhängig voneinander durchgeführt haben, noch entbehrliche Läger im Werte von mehreren Milliarden vorhanden sind> - man male sich das angesichts dieser Not aus! Aber die Läger bleiben. Und das Werk ist gerettet.

Wo steht geschrieben, daß es gerettet werden muß? Warum ist die Menschheit nicht stärker als dieser Popanz? Weil sie den Respekt in den Knochen hat. Wiel sie gläubig ist. Weil man sie es so gelehrt hat. Und nun glaubt sie.

Noch ist die andre Seite stärker als man glaubt. Zu warnen sind all jene, die die Arbeiter sinnlos in die Maschinengewehre und in die weitgeöffneten Arme der Richter hineintreiben. Drei Jahre Zuchthaus - zwei Jahre Gefängnis - vier Jahre Zuchthaus... das prasselt nur so. Noch sind jene stärker. Die Arbeiterparteien sollten ihre Kräfte nicht in einem zunächst aussichtslosen Kleinkrieg verpulvern, solche Opfer haben einen ideologischen Wert, ihr praktischer ist noch recht klein. Drüben ist viel Macht.

Also muß gekämpft werden. Aber so wenig ein geschulter Proletarier individuelle Attentate auf Bankdirektoren gutheißen kann, so wenig sind Verzweiflungsausbrüche kleinerer oder größerer Gruppen allein geeignet, ein System zu stürzen, das jede, aber auch jede Berechtigung verloren hat, Rußland zu kritisieren. Wer so versagt, hat zu schweigen.

Doch schweigen sie nicht. Sie haben Dreistigkeit, unter diesen Verhältnissen noch >Vertrauen< zu fordern, dieselben Männer, die das Unglück verschuldet haben. Und keiner tritt ab, nur die Gruppierung ändert sich ein wenig. Das verdient die schärfste Bekämpfung.

Kampf, ja. Doch unterschätze man den Gegner nicht, sondern man werte ihn als das, was er, immer noch, ist: ein übernotierter Wert, der die Hausse erstrebt und die Baisse in sich fühlt. Sein Niedergang wird kommen. Das kann, wie die gescheiten und weitblickenden unter den Kaufleuten wissen, auch anders vor sich gehen als auf dem Wege einer Revolution.

Bleiben die Wirtschaftsführer bei dieser ihrer Wirtschaft, dann ist ihnen die verdiente Revolution sicher.

http://www.sozialistische-klassiker.org/Tucholsky/Tuch12.html

Die Revolution ist dann ja doch nicht gekommen und statt dessen der Postkartenmaler aus Österreich. Die Herren Wirtschaftsführer haben aber ja auch an dem ganz gut verdient.

Sieht so aus, als sei es mal wieder soweit.

 
At 08 September, 2006 17:13, Anonymous red.cloud said...

Hallo Dr. Dean,

Vielleicht sind ja die Herren Wirtschaftssachverständigen als Kinder regelmäßig von Unterschicht-Kindern verhauen worden, auf dem Weg von ihrem Nobel-Vorort ins Elite-Gymnasium? Mal im Ernst, ich habe den Eindruck, wie auch schon bei dem Tiefensee-Vorschlag und anderen "kreativen" Ideen, dass es sich um ein "Vor"pfeifen im Walde handelt: Lebensberechtigung künftig nur noch für Individuen, die dem System "von Nutzen" sind.

Gruß - Berlin - red.cloud

 
At 08 September, 2006 17:51, Anonymous C.Lapide said...

Lebensberechtigung künftig nur noch für Individuen, die dem System "von Nutzen" sind.

Dies ist eigentlich ein altes Prinip des Kommunismus, vorgedacht bei den marx'schen und den unproduktiven Klassen, politisch umgesetzt durch Lenin.

Diese Logik scheint rein materialistischen Weltanschauungen inhärent zu sein.

---------

zur Sache:

Die ständigen, zum Teil grotesken, Überlegungen, wie man nun mit den Arbeitslosen verfahren könne, was sie tun und zu lassen hätten, sind natürlich ein Armutszeugnis für die jeweiligen Politiker. Allerdings muß eine Debatte darüber, inwieweit die bisherigen Maßnahmen hinreichend und zielführend sind, erlaubt sein, ohne daß sofort der von Dr. Dean inflationär gebrauchte Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit, erhoben wird.

HartzIV krankt an zwei Dingen. Als junger Single kann man mit Wohngeld / gelegentlicher Schwarzarbeit zu einem erträglichen Auskommen gelangen, während ältere Arbeitnehmer mit Kindern und Hypothek nach einem Jahr ohne Arbeitsplatz quasi in die Armut stürtzen und ihre immobile Altersversorgung gleich mitverlieren. Dies mag in einem Arbeitsmarktumfeld funktionieren, in dem Arbeitslose in weniger als einem Jahr eine neue Arbeitstelle finden, befördert aber in einem Arbeitsmarkt, wie er aktuell in Deutschland vorherrscht, Existenzängste einer breiten Schicht, die sich deswegen natürlich mit dem Konsum zurückhält. Und das sind jetzt die rein volkswirtschaftlichen Gesichtspunkte, ohne darauf einzugehen, daß jede Nummer in der Statistik für ein menschliches Schicksal steht.

 
At 09 September, 2006 00:59, Blogger Tom Schaffer said...

unfassbar, wie weit egozentrik und dummheit neoliberaler gehen können

 
At 09 September, 2006 13:34, Anonymous Telegehirn said...

Eigentlich eine gute Idee.

Vielleicht radikalisiert das einmal die Massen und sie merken dann, daß von den Etatisten nur Unheil, Not und Armut kommen.

Wenn es zu Hungeraufständen und einem Anschwellen der Kriminalität kommt, dann ist die soziale Revolution auch nicht mehr weit. Aber wie ich "meine" Deutschen kenne, würden sie auch so eine Maßnahme begrüssen und stillschweigend schlucken oder radikale Etatisten wie NPD,WASG, SED-PDS wählen.

 
At 09 September, 2006 17:37, Anonymous red.cloud said...

Telegehirn

Die Linke.PDS hat im Osten fast den Charakter einer Volkspartei, gewissermaßen einer Art Ost-SPD. Das ständige "in einen Topf werfen" der PDS mit Rechtsaußenparteien seitens euch "Wessis" wirft ein bezeichnendes Licht auf euer Demokratieverständnis.

Vielleicht hätte man den Ossis nach der deutschen Einheit erstmal für 30 Jahre das Wahlrecht aberkennen sollen, Herr Telegehirn?

Gruß aus Friedrichshain nach Neuköln - red.cloud

 
At 09 September, 2006 20:49, Anonymous MartinM said...

Ich weiß, die Linke/PDS ist im Gegensatz z. B. zur NPD eine demokratische Partei (die ich übrigens tatsächlich mal gewählt habe). Dennoch gebe ich dem Telegehirn recht - sie ist erz-etaistisch und profitiert eindeutig von den selben autoritären Strukturen, die auch z. B. die Rechtsextremisten für frustrierte "Normalbürger" "wählbar" machen. Wobei: mit einer "Linken" Bundesregerung könnte ich leben, eine Regierung mir NPD-Beteilung wäre eine Katastrophe.

 
At 14 September, 2006 10:55, Blogger che said...

Ich poste mir hier ja die Finger schartig, aber: Ich kenne die Linke Liste/PDS nur so, wie sie sich in Nordwestdeutschland darstellt, und da würde ich sie als eine etwas radikalere Variante der Grünen beschreiben, von denen auch etwas über ein Drittel ihres Personals übergelaufen ist.

 

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