04 Januar 2006

Neokommunismus?

Christian sieht gewisse Gefahren, dass die Einseitigkeit der z.Zt. noch vorrückenden neu- bzw. neoliberalen Ideologie den Boden für eine neokommunistische Antwort bilden könnte.

12 Comments:

At 04 Januar, 2006 14:42, Anonymous C.Lapide said...

Die Neolinke wird sich sicherlich zu einem Problem entwickeln. Nicht unbedingt, weil ein angeblicher Neoliberalismus unerträgliche Verhältnisse für eine große Anzahl von Menschen schafft, sondern weil sich Politik auch in Wellenbewegungen vollziehen kann, und natürlich weil das abschreckende Bild des totalitären Kommunismus zunehmend verblasst.
Die Sehnsucht nach dem kommunistischen Gegenpol eines Jean Ziegler, der dutzende Millionen das Leben gekostet hat ist unerträglich und auch in der Sache meiner Meinung nach falsch.

 
At 04 Januar, 2006 15:10, Anonymous frank said...

Vorschlag für den nächsten Blogeintrag:

"Alarm - Neoliberalismus ist am schlechten Wetter schuld!"

Kennt jemand schon diese Seite?

http://neo.liberalismus.at/

 
At 04 Januar, 2006 15:27, Anonymous Anonym said...

Ich finde es falsch linke Strömungen mit totalitären Kommunismus gleichzusetzen.
Ich verstehe unter Links auch die Forderung nach mehr Solidarität und Chancengleichheit - und dafür muss man nicht gleich kommunistisch veranlagt sein.
Tatsache ist allerdings, dass die Verlierer des jetzigen Systems - und die Zahl wächst - sich neu formieren werden.

 
At 04 Januar, 2006 17:14, Anonymous C.Lapide said...

Verlierer ist natürlich auch eine relative Betrachtung. Gehe ich in meiner Familei ein oder zwei Generationen zurück, ging es den Arbeitenden (auch mit Diplom) teilweise schlechter als den heute Nichtarbeitenden. Die Einstellung ist natürlich eine andere. Entweder hatte man das Gefühl, daß es voran geht, oder aber man war nichts anderes gewohnt (Bauern). Dazu kommt natürlich heute noch ein diffuses Gefühl irgendwie "von den Bossen beschissen zu werden". Daß die Wirtschaft an dieser Einschätzung nicht unschuldig ist, ist auch klar.
Das Problem ist, daß die Menschen Globalisierung als Konsument verstehen schätzen (Chinesische Billig-DVD-Player aus dem Geiz-Markt) aber als Teil der Anbieterseite (also als Arbeitnehmer) nicht wirklich verstehen bzw. akzeptieren können, was natürlich selbstverständlich ist. Hier sehen sich die Menschen einer diffusen Zukunft ausgeliefert, von der sie glauben, sie nicht beeinflussen zu können. Gleichzeitig sehen Sie nicht, daß die bisherigen Reformen was begracht hätten, was zu Reformmüdigkeit führt bzw. gänzlich an Sinn und Richtung der Reformen zweifeln läßt.

Weder Politk, noch Wirtschaft und Gesellschaft haben m.E. eine tragfähige Vorstellung davon, wie Deutschland in Zukunft positioniert sein soll. Dies ist das eigentliche Problem. Wenn keiner eine Plan davon hat wohin die Reise gehen soll, helfen Reförmchen auch wenig, da sie eben nicht zielgerichtet sondern symptombezogen sind. Dieses fehlende Zukunfsbild sorgt dann bei den Betroffenen für die fehlende Akzeptanz, was sich dann z.B. Neokommunisten oder die attac-Fanatiker zu Nutze machen können, indem sie "klare" Zukunftsbilder liefern.

Daß in Afrika Neoliberalismus am Elend Schuld ist, dürfte wohl außer Jean Ziegler niemand glauben, da in Afrika wohl kein einziges Land als neoliberal zu bezeichnen ist. Afrika hat ein Korruptionsproblem und gleichzeitig als großtes Hindernis für wirtschaftliche Entwicklung, keinen ausreichenden Schutz von Privateigentum.

Gleichzeitig wird Afrika von internationalen Organisatione, wozu ich Entwicklungshilfeminsiterien und Hilsorganisationen ausdrücklich dazurechne, wie ein unmündiges Kind am Gängelband geführt.
Das von Ziegler erwähnte Äthiopien leidet eben nicht nur an einem angeblich zu niedrigen Kaffeepreis, nein es leidet eben auch immer noch an den Folgen der kommunistischen Terrorherrschaft Mengistus.
Die bis heute staatliche Industrie und das Verbot privaten Landbesitzes, allesamt keine neoliberalen Erscheinungen, dürften der Hauptgrund für die wirtschaftliche Misere sein. Dazu möchte ich daran erinnern, daß das von Dürre geplagte Land durchaus über Wasserreserven verfügt (Blauer Nil) die aber aus verschiedenen Gründen quasi nicht genutzt werden.

 
At 05 Januar, 2006 09:52, Blogger che said...

@lapide: Das Problem Afrikas ist kein ausreichender Schutz des Privateigentums, sondern die Tatsache, das der Afrikaner als solcher über Jahrhunderte als Privateigentum betrachtet wurde.

"Am Ende des 16. Jahrhunderts verloren die Spanier und Portugiesen die Seeherrschaft. An ihre Stelle.....traten Holländer, Engländer und Franzosen. Mit dem Auftreten der Europäer nahm der Handel mit Sklaven, der vorher noch begrenzt war, die erste Stelle ein. Es wurde Krieg geführt, um Sklaven zu rauben. Die Europäer verkauften den Königen und Kriegern Waffen und Pferde, mit denen sie Kriegeführen und Gefangene machen konnten. Um sich Menschen zu verschaffen, die als Sklaven an die Europäer verkauft werden konnten, wurden die Könige und ihre Krieger zu Räubern. Jetzt gab es in ganz Afrika Krieg, da der Sklave die begehrteste Handelsware war. Die Negerjäger plündeten, töteten und brandschatzten; die Menschen flohen und versteckten sich in den Wäldern und in den Bergen....Der Sklavenhandel hat Afrika um Millionen und Abermillionen Menschen beraubt. Hunderte von Dörfern verschwanden. Jahr für Jahr verkauften die Europäer Hunderttausende von Sklaven. Auf der Insel Gore (vor der Stadt Dakar) bauten die Europäer große Lager, um doert die Sklaven zu stapeln , bis sie auf die Schiffe verladen werden konnten. Mit den Männern, die in die Sklaverei geführt wurden, verlor Afrika ebensoviele Bauern, Weber und Schmiede. Im Busch wurden die Felder verlassen, und als Folge dieser Verelendung lebten viele Menschen wie die Wilden in den Wäldfern und ernährten sich von Wurzeln....Die Reeder von Nantes und Bordeaux, Amsterdam und Liverpool und anderen Hafenplätzen häuften unermessliche Vermögen an. Dieser nach Europa fließende Güterstrom, der aus dem Negerhandel und der Ausbeutung der Sklaven in Amerika stammte, ermöglichte später die Entwicklung des europäischen Kapitalismus." - Temming, Illustrierte Geschichte derSeefahrt, Braunschweig 1974, zit. nach Niane, Djibril Tamsir und J.Suret-Canale: Afrikanisches Geschichtsbuch. Geschichte Westafrikas. Darmstadt 1963, , Original Accra 1960

Ein paar Jahrhunderte europäisch-amerikanische Reparationszahlungen könnten das Problem schon richten.

 
At 05 Januar, 2006 13:51, Anonymous C.Lapide said...

@che

Dein Artikel ist m.E. auch kein Einwand gegen meine Argumentation. Daß die Sklaverei in Afrika durch Krieg und Entvölkerung gewachsene Strukturen zerstört hat und dies vielleicht bis heute Folgen hat, ändert nichts an der Tatsache, daß in meinem Beispiel Äthiopien immer noch am kommunistischen Terror leidet. Ein Land übrigens, daß nicht Opfer des Sklavenhandels nach Westindien wurde.

Privateigentum ist immer unabdingbar um eine gute wirtschaftliche Entwicklung zu erzielen. Man kann das auch leicht im Selbstversuch rausfinden. Man vergleiche sein eigenes Verhalten in einer Miet- und einer Eigentumswohnung oder Abstrakter gesprochen das Allmende-Problem der Volkswirtschaft. Ohne Privateigentum ist Nachhaltigkeit und sorgsamer Umgang mit Eigentum wesentlich unwahrscheinlicher als mit. Auch der gute Lenin hatte das erkannt und es finden sich in der Geschichte überall Beipiele, wo auf privatem Grund die Produktion wesentlich höher ist, als auf einsprechendem Staatsland / Gutherrenland usw. Das war im Mittelalter so und das war in der Sowjetunion, in den kurzen Zeiten wo es möglich war, so.

In Afrika gibt es Länder, wie Botswana, wo eine erfolgreiche Politik getrieben wurde und die wirtschaftliche Entwicklung, d.h. die Entwicklung des Wohlstandes aller, deutlich besser aussueht als in anderen Ländern, wo Eigeninitiative und Korruption jeglichen Fortschritt verhindern. Beispiel ins Simbabwe, wo man nichtmal die weißen Farmer betrachten muß, deren Enteignung die landwirtschaftliche Produktion auf einen Bruchteil reduziert hat. Nein es genügt wenn man die mit Bulldozern niedergewalzten Siedlungen der Ärmsten betrachtet, die nicht nur ihre Häuser verloren, sondern auch ihre kleinen Äcker und Gemüsegärten, die einen Anteil an ihrer Nahrungsmittelversorgung hatten.

 
At 05 Januar, 2006 14:48, Blogger che said...

Bestes Gegenbeispiel wäre Tansania: Eines der ärmsten Länder der Welt überhaupt, fast das einzige Land Schwarzafrikas, wo es keinen Massenhunger gibt. Auf einem gewissen, niedrigen Niveau schafft Sozialismus erstmal die Lebensvoraussetzungen für alle, ähnliches ließe sich vielleicht von Vietnam oder dem indischen Unionsstaat Kerala sagen. Ich gebe allerdings zu, dass ich als grundsätzlicher Gegner des Privateigentums an Produktionsmitteln da voreingenommen bin :-)

 
At 05 Januar, 2006 15:09, Anonymous C.Lapide said...

@Che
Klar wer für seine Arbeit nur nen Kugelschreiber und nen Block braucht, der muß sich nicht über das Privateigentum an Produktionsmitteln und dessen Vorteile für die Menschheit Gedanken machen ;)

Zu Tansania: Der Sozialismus dort funktioniert auch nicht gerade prächtig. Die Dorfgemeinschaften sind auch keine Kibbuzim ;) Ich bin der Überzeugung, daß sie die Lage verbessern würde, wenn die Leute mehr Lohn für ihre Arbeit behalten könnten, also der Eigentanteil an ihrer Arbeitsleistung erhöht würde. Die Landwirtschaft ist generell ein problematisches Gebiet, vor allem, wenn es um den Übergang von der Subsistenzwirtschaft zur Überschuß/Marktproduktion geht. Da hier Kapital und Wissen notwendig sind, die der Kleinbauer auch mit Privateigentum kaum hat oder aufbringen kann, kann es natürlich Phasen geben, in denen Kollektive, also sozialistische Einrichtungen, gegenüber dem unabhängigen Kleinbauern Vorteile haben, da dort Kaptal und Wissen gebündelt werden können. Diese Vorteile bestehen aber keineswegs auf Dauer und die Nachteile überwiegen, da das Potenzial eben nicht ausgeschöpft wird.

Wenn ich mir meine Bücher zu Tansania in den 70ern ansehe, wo Linkslinkprotestanten die Lage in Tansania schildern, wird mir allerdings ganz sozialistisch warm ums Herz ;)

 
At 05 Januar, 2006 16:25, Blogger che said...

Lapide: Meine Sozialismusvorstellung hat auch nichts mit dem Kasernenhofkommunismus knutorussogermanischer oder gar barbarokonfuzianischer Prägung zu tun, sondern läuft eher auf ein Genossenschaftsmodell hinaus: Die Beschäftigten als Miteigentümer ihres Unternehmens, mit Gewinnbeteiligung und unter Umständen auch Risikohaftung. Die von Dir beschriebene Motivation durch Privateigentum sehe ich auch, und gerade darauf könnte ein anderes Gesellschaftssystem basieren. Also, meine Konkrete Utopie (ja, ich habe so etwas noch) wäre eher eine Mischung aus Kibbuz, ex-jugoslawischem und sandinistischem Selbstverwaltungssozialismus, der Einbindung ehrenamtlicher Initiativen in die Sozialsysteme nach norwegischem Muster und eine Demokratie der direkten Partizipation (ähnlich der Schweiz, nur ohne deren patriarchalen Nationalismus). Eigeninitiative ist da hoch angesagt! Waren nicht die Anarchisten auch Sozialisten?

 
At 05 Januar, 2006 17:35, Blogger Dr. Dean said...

Tansania und andere Fälle in Afrika sind aus ganz anderer Perspektive noch interessant. Man kann nämlich zeigen, dass die von "Liberalen" verachteten Landreformen - mit dem Ziel möglichst breiten und fairen Landbesitzes - erhebliche positive Effekte haben.

Sehr beeindruckend!

Sozusagen ein jederzeit wiederholbares Gegenbeispiel (zum Nutzen der Umverteilung) zur Propaganda der Wirtschaftsliberalen, welche in in Wahrheit bestenfalls Halbliberale sind, die sich den Interessen der Eliten und verwandter Klientel verschrieben haben.

Diese überaus gut funktionierenden Beispiele, die durchaus auch in bestimmten Bereichen (z.B. Landmaschinennutzung) teil-kollektivistisch ausgestaltet werden können, zeigen einen dritten Weg zwischen kapitalitischer Elitenherrschaft und sozialistischer Träumerei.

Diese Beispiele zeigen aber auch, welche Potenz der Faktor Eigentum hat, sobald er einigermaßen fair (d.h.: breit) verteilt ist.

 
At 05 Januar, 2006 23:25, Blogger che said...

Liberalismus meint ja keineswegs nur Wirtschaftsliberalismus, sondern zunächst eine Gesellschaft, in der persönliche Freiheitsrechte verankert sind. Ob dabei Privateigentum Grundlage des Gemeinwesens ist oder ein Ausgleich zwischen kollektivem und privatem Eigentum gefunden werden kann, ist eine Fragestellung, bei der sich Linksliberale und libertäre Sozialisten begegnen. Die französischen Radikalsozialisten, die DDP und die Radikaldemokratische Partei der Weimarer Republik, aber auch die Sandinisdten und Zapatisten hatten/haben da schon interessante Ansätze. Die Reduktion auf Marktanarchismus, konservativen Korporatismus oder Staatssozialismus ist nur ein System von Scheuklappen, das ganz andere Lösungen undenkbar macht. Schade eigentlich!

 
At 07 Oktober, 2009 13:48, Blogger Gray Moon Gallery said...

Europa ist ein neo-korporatistische System, das sich zeichnet bei der Schaffung von sozialen Ängsten (Zitat von Jan Theuninck, September 2009)
http://www.flickr.com/photos/26915283@N07/3896400202/

 

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