09 Januar 2006

Freie Software und "Sozialismus"

Für die heutige Zeit ist es typisch, dass eine Orientierung auf das Gemeinwohl, sofern diese Geschäftsinteressen entgegensteht, für bekämpfenswert erklärt und demnach "Sozialismus" genannt wird:

Ein "Sozialismus" rund ums geistige Eigentum sei aber das Schlimmste, was einer auf den Schutz kreativer Leistungen setzende Gesellschaft widerfahren könne, betonte Agassi, der bereits als möglicher Nachfolger des SAP Vorstandsvorsitzenden Henning Kagermann gehandelt wird.(Quelle)



Herr Shai Agassi, bei SAP bis 2010 für Produkt- und Technologieentwicklung zuständig, würde Open Source am Liebsten verbieten. Im Rahmen des i.d.R. auf EU-Ebene ausgefochtenen Kampfes um die weitere Verschärfung von Urheber- und Patentrechten wird in Frankreich seitens von Verwertungsgesellschaften sogar das Verbot freier Software angestrebt.

Neuliberalismus: Hier geht es nicht um freie Menschen oder um das Gemeinwohl, sondern in erster Linie um die Geschäftsinteressen der Mächtigen.

Der globale Trend zur Ausweitung sogenannten "geistigen Eigentums" ist eine Form der "Globürokratisierung". Man könnte hier sogar Züge eines neuen Kolonialismus sehen, der "geistiges Eigentum" weltweit durchsetzen will, um auf diese Weise in den Genuss von Monopolgewinnen zu kommen.

Ginge es darum, eine möglichst gute Anreizwirkung zur Schaffung von Wissen, Technik und Erfindungen mit den Interessen der Allgemeinheit zu verbinden, dann müsste eine Beschränkung der Schutzfristen auf 7 Jahre (bei großer Schöpfungshöhe ggf. die doppelte Frist) ausreichen! Denn der durchschnittliche Amortisationszeitraum für Investitionsprojekte in der privaten Wirtschaft liegt bei unter 4 Jahren.

Überlange Schutzfristen schaffen keine gesteigerte Anreizwirkung, sondern - dies zeigen auch die zahlreichen Streitigkeiten im Bereich des Patentrechts (z.B. Trivialpatente) - eine massive, wirtschafts- und allgemeinwohlfeindliche Prohibitivwirkung. Chirac sprach kürzlich davon, dass man hier ein Gleichgewicht der Interessen schaffen müsse.

Wer hier ausschließlich über das "Elend der Allmende" argumentiert, verkennt das z.B. den Nutzen von Projekten wie Wikipedia - welches Lexikonverlagen ein großes Ärgenis ist. Wird die ganze Gesellschaft unter das Primat von Geschäftsinteressen gestellt, erhält man keine freie Gesellschaft.

5 Comments:

At 09 Januar, 2006 11:18, Anonymous Rayson said...

"Herr Shai Agassi, bei SAP bis 2010 für Produkt- und Technologieentwicklung zuständig, würde Open Source am Liebsten verbieten. "

Das ist, gemessen an den Aussagen Agassis, z.B. hier (bei Heise am 15.11. zitiert), einfach falsch oder nichts weiter als die unbewiesene Unterstellung, der Mann sei ein Lügner.

Der Rest des Beitrags wird durch diese Versuche, sich das Feindbild erst zurechtzubasteln, leider abgewertet.

 
At 09 Januar, 2006 13:55, Blogger Dr. Dean said...

@Rayson

Vielen Dank für den Hinweis auf den Rechtfertigungstext von Shai Agassi!

Hat er denn nicht Open Source "Sozialismus rund um das geistige Eigentum" genannt oder nicht?

Nun sagt er zurückhaltender: "We are not fanatics about the movement (...)" Okay, seine PR-Lektion hat er also gelernt. Er sagt nun in Bezug auf ein öffentliches geistiges Eigentum, wie es von Open-Source-Programmierern geschaffen wird:

--- schnipp ---
"I work for an IP company, and we believe in the importance of inventors owning the IP they create. (...) The one thing we do not believe in is the attempt to kidnap the whole Open Source topic by the "socialize IP ownership" movement. (...)

--- schnapp ---

Eingepackt in eine Reihe nett klingender Worte, da ist er also wieder dieser, sorry: Hirnfick. Was mosert dieser Typ eigentlich rum? Wenn Leute sich dafür entscheiden, der Allgmemeinheit Werte zu schaffen, wie dreist ist es, dies "socialize-IP-ownership-movement" zu nennen?

Gehen wir mal weg von dieser von PR-Firmen ausgearbeiteten Stellungnahme, die nur in verdünnter und euphemistisch dargestellter Weise Meinung des Herrn Shai A. wiedergibt. Allgemein gefragt:

Gehört SAP zu den Firmen, die Open Source unterstützen (wie Sun oder IBM) oder eher zu den Firmen, die Freie Software bekämpfen?

Nun?

SAP kann hier machen, was es will, aber Open Source oder öffentliches geistiges Eigentum "Sozialismus" oder "Extremismus" (auch das tat er in seiner Stellungnahme) zu nennen, das ist Hirnfick - und zeigt, dass das Wesen "geistigen Eigentums" von vielen nicht recht verstanden wird, besonders dann, wenn Ideen mit materiellen Gütern gleichgesetzt werden.

Ein geistiges Gut, dass der Allgemeinheit gestiftet wird, das unterliegt nämlich nicht (!) dem Elend der Allmende. Hier gilt sogar das direkte Gegenteil:

Je öffentlicher geistige Güter sind, umso größer ist der Nutzen! Das unterscheidet geistige Güter von materiellen Gütern.

Damit sage ich nicht, dass persönliche Leistungen bzw. Leistungen von Firmen nicht honoriert werden sollten. Ich spreche mich nur eben für die Beschränkung von Schutzfristen auf eine sinnvolle und Interessen ausgleichende Weise aus.

Diese Schutzfristen, das bitte ich zu bedenken, stellen in Wahrheit eine Art staatlich gewährter Verwertungsmonopole dar, die vom Staat mit teils sehr erheblichen Aufwand (!) durchgesetzt werden müssen. Es ist erst der Staat, der die exklusive Verwertung von "geisigen Eigentum" möglich macht.

Auch hier besteht ein Unterschied zu materiellen Gütern, welche ein natürlichen in-sich eklusiven Status haben. Ein materielles Gut kann nur ein Mensch zugleich nutzen, eine geistige Idee kann hingegen vielen Menschen gleichzeitig zur Verfügung stehen, ohne, dass damit eine Beeinträchtigung der übrigen eintritt.

Während die materielle Allmende übernutzt und unterpflegt wird, es sei denn aufwändige Organisationsprinzipien verhindern dies, ist dies bei der "geistigen Allmende" genau anders herum.

Der Nutzen steigt mit der Zahl der Nutzer an!

Rayson, ist Herr Shai A. mit seinen glattgebügeltem Marketingsprech ein Lügner? Oder ist er aus kommerziellen Interessen heraus einfach nur ein Gegner Freier Software, der in seinem "Blog" ein umstrittenes, viel diskutiertes Statement glattbügeln wollte?

 
At 09 Januar, 2006 14:25, Blogger che said...

Was soll man schon von jemandem halten, der mit Vornamen Tee heißt :-) Was Anderes: Man ist jetzt neosozial:
http://girl.twoday.net/stories/1382740/#1382802

 
At 09 Januar, 2006 16:49, Anonymous Rayson said...

Ich würde den guten Herrn Agassi auch nicht wirklich als Freund von OSS ansehen, aber dass er diese "am Liebsten verbieten" würde, das kann man selbst seiner ursprünglichen negativen Aussage nicht entnehmen.

Es fällt im Übrigen auf, dass er nur von OSS redet und den Bazaar-Ansatz preist (also Richtung ESR geht), aber auf Free Software im Sinne von RMS nicht eingeht.

Was er unter "Sozialismus" versteht, kann ich mir gut vorstellen. Zum Beispiel sowas hier. Aber ich habe keinen Grund, Hassos Liebling zu verteidigen. Wenn ich genug Zeit und Konzentration aufbringen kann, um meine Sammlung dazu zu sichten und meinen Standpunkt komprimiert darzustellen, werde ich das mal selbst bloggen.

 
At 09 Januar, 2006 17:19, Blogger Dr. Dean said...

@Rayson
Du hast recht, wenn du sagst, dass das Ganze eine komplexe Angelegenheit ist. Auch ich bin bei diesen Themen noch lange nicht am Ende meines Nachdenkens gelangt.

Trotzdem meine ich, dass Herr Shai A. ein politisches Statement abgegeben hat, und durchaus gegen den "Sozialismus rund um das geistige Eigentum".

Zum Feindbild taugt er mit seinem Statement nicht, aber er zeigt m.E. ein Symptom an - und eignet sich mit seinem Standpunkt als gedanklicher Ausgangspunkt.

Ich meine, dass Shai A. lizenzrechlich und in letzter Konsequenz gegen die Verbreitung frei verfügbarer Freier Software eingestellt ist - und aus geschäftlichen Interesse heraus formuliert er einen entsprechenden politischen Standpunkt.

Er sähe es lieber, und sagt das auch, wenn sich die OS-Szene darauf beschränken würde, kostenlosen Code rund um eine geschützte API herum zu programmieren.

Das nennt Herr Shai A. "offen" - und so etwas unterstützt SAP ja auch tatsächlich.

Wenn er aber diejenigen, die Freie Software programmieren, und zwar um ihrer allgmeinen kostenlosen Verfügbarkeit wegen, als Erscheinungen eines "Sozialismus" betrachtet, was er sogar als schädlichen "Extremismus" (hat er tatsächlich gesagt) bekämpfen möchte, dann zeigt das m.E. durchaus Besorgnis erregende Tendenz.

Man könnte das einen politischen Kampf gegen die geisige Allmende nennen.

In dieses Bild passen m.E. bestimmte, durchaus massive lobbyistischen Aktivitäten im Umfeld der EU, die auf die Behinderung oder Verhinderung Freier Software zielen.

 

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