08 Januar 2006

Deutsche Bank killt 2 Boulevardtheater

Zum Vorgang: Die DB Real Estate sah sich gezwungen, die traditionsreichen Berliner Boulevardbühnen im "Ku’damm-Karree" zu kündigen, um neue Läden unterzubringen. Noch Mitte Dezember teilte der offenkundig angeschlagene DB-Immobilienfonds den beiden Theatern mit, dass bislang noch nichts entschieden sei. Von wegen.

Interessant ist m.E. hier, mit welcher Rücksichtslosigkeit die Deutsche Bank vorgeht. Es spielt für DB offenkundig weder eine Rolle, dass damit rund 100 Menschen arbeitslos werden (trotz der Erfolge der Theater), noch spielt es eine Rolle, dass das Ku’damm-Karree ursprünglich um die Traditionsbühnen herumgebaut wurde. Gespräche werden verweigert, auch mit mit dem Senat.

Ob es immobilienwirtschaftlich pfiffig ist, sich von den Publikumsmagneten zu trennen, kann ich nicht beurteilen. Ich habe jedoch allgemein den Eindruck, dass sich wirtschaftliches Handeln der eigenen Grundlage beraubt, sobald dieses Handeln mit großer Rücksichtslosigkeit einher geht. So wird Vertrauenskapital verspielt.

Was auch die rüpelhafte Durchsetzung der Marke "Heidi Klum" zeigt. Ich bezweifle, dass Märkte gut funktionieren, wenn die allgemeine Vertrauensbasis erodiert. Kaum ein Kaufmann überlebt auf Dauer, wenn er rücksichtslos und nur als Profit maximierender Homo Oeconomicus auftritt.

7 Comments:

At 08 Januar, 2006 21:52, Anonymous stefanolix said...

Die Deutsche Bank hat allerdings auf diesem Gebiet seit dem legendären 'peanuts'-Spruch im Zusammenhang mit einem großen Immobilienskandal (Schneider) keinen Ruf mehr zu verlieren ...

 
At 10 Januar, 2006 13:19, Blogger Boche said...

Kaum ein Kaufmann überlebt auf Dauer, wenn er rücksichtslos und nur als Profit maximierender Homo Oeconomicus auftritt.

Wenn das so ist, ist die Funktionsweise der Marktwirtschaft doch ausreichend zur Lösung des Problems.
Abgesehen davon sollte die Erhaltung von Kultureinrichtungen nicht privaten Firmen als Aufgabe aufgezwungen werden.

 
At 10 Januar, 2006 23:16, Blogger Dr. Dean said...

@Boche
Man könnte fast zum Eindruck gelangen, dass du den Beitrag nicht gelesen hast oder nicht verstehen kannst.

Ist der Gedanke so abwegig, dass ein Kaufmann auch eine gewisse Dosis Verantwortung hat, in dem Feld, wo er aktiv ist?

 
At 11 Januar, 2006 11:37, Blogger Boche said...

@Dr.Dean

"Man könnte fast zum Eindruck gelangen, dass du den Beitrag nicht gelesen hast oder nicht verstehen kannst."

Wieso?

Ist der Gedanke so abwegig, dass ein Kaufmann auch eine gewisse Dosis Verantwortung hat, in dem Feld, wo er aktiv ist?

Nicht unbedingt. Die Deutsche Bank betreibt aber meines Wissens keine Theater, oder?
Abgesehen davon bringst du die Marktlogik selbst ins Spiel, wenn du behauptest, dass Rücksichtslosigkeit die eigene wirtschaftliche Grundlage beraubt. Ich habe das doch nur bestätigt.

 
At 11 Januar, 2006 18:45, Blogger Dr. Dean said...

@Boche
Ich wollte darauf hinaus, dass es über eine Marktlogik (gemeint: individuelles bzw. firmenorientiertes Profitstreben) hinaus Verantwortung gibt.

Gerade dann, wenn ein Immobilienobjekt extra (!) um zwei Traditionstheater herum gebaut wurde, wenn Gesprächstermine nicht eingeräumt werden und der Gesprächspartner, obwohl es um dessen Existenz geht, gelinkt bzw. gezielt falsch informiert wird:

Dann geht das zu weit.

Es gibt ein Auseinanderklaffen zwischen individuellem Handeln bwz. individueller (bzw. von Firmen betriebener) Verantwortungslosigkeit und dem gesellschaftlichen Ergebnis.

Gemeinwohl und Profit laufen eben nicht immer parallel. Und das sollte eigentlich auch eine Immobilientochter der Deutschen Bank begreifen können, ohne, dass sie sich dafür wirtschaftlich umbringen muss.

Ein einzelner Kaufmann kann wirtschaftlich sehr erfolgreich sein, wenn er in seinem Handeln absolut rücksichtslos ist.

Für eine ganze Volkswirtschaft sieht dies jedoch anders aus. Dazu kommt ein zweiter Gesichtspunkt: Wenn pures Ellenbogendenken das Gros der wirtschaftlichen Akteure prägt, dann ist dies für das Funktionieren des Marktmechanismus m.E. nicht unbedingt nützlich.

Dies gilt besonders dort, wo wir es mit Märkten zu tun haben, die von ungleich verteilter Information bzw. Macht geprägt sind.

Ungleich verteilte Information bzw. Macht ist in der ökonomischen Wirklichkeit nicht einmal ein seltener Fall.

Der - so nenne ich ihn mal - "ehrenvolle und verantwortliche Kaufmann" wird vielleicht auf lange Sicht hin 10 Prozent weniger Gewinn machen. Das bringt ihn nicht um - aber für den marktwirtschaftlichen Prozess wirkt sich kaufmännische Rücksicht und Vertrauen m.E. wohlfahrtssteigernd aus. Es ist sogar für das Funktionieren von Märkten wichtig.

Ich formuliere einmal als Hypothese:

Überschreitet das Verhaltensmodell "völlige Rücksichtslosigkeit" ein bestimmtes Ausmaß in der Wirtschaft, dann kommt es dabei zu Prozessen der Negativauslese.

Ein Beispiel dafür wäre der "amerikanische 20er-Jahre-Typus eines aggressiven Verkäufers". Wirklich spannend:

Ab einem bestimmten Punkt nämlich entwickelte sich auf Basis dieser Rücksichtslosigkeit ein allgemeines Misstrauen gegenüber Verkäufern. Das führte dann dazu, dass auch seriöse Außendienstler ganz allgemein - und zum Schaden des Marktprozesses - von den potentiellen gemieden wurden.

Das heißt, verkürzt formuliert, dass sich nach dem Überschreiten eines bestimmten Ausmaßes von Rücksichtslosigkeit die wirtschaftsnotwendige Ressource Vertrauen aufgebraucht wurde - mit dem Ergebnis, dass ganze Märkte zusammenbrachen.

In gewisser Weise kann man darartige Prozesse und Formen - durchaus ungesunde Züge tragend - von schädlichen Misstrauen in vielen Wirtschaftsbereichen feststellen.

Eine gewisse, nicht gesetzliche aber stabile kulturelle Übereinkunft über z.B. Rücksicht und Vertrauenswürdigkeit von Marktteilnehmern halte ich für sinnvoll - gerade für Kaufleute.

 
At 11 Januar, 2006 22:00, Blogger Boche said...

Einer kulturellen Übereinkunft bedarf es doch gar nicht. Wer sich so verhält, dass die Kunden es abstoßend finden, der wird von diesen bestraft.

Ich kann nicht so recht erkennen, wie du das Kriterium "Vertrauenswürdigkeit" oder "Verzicht auf Rücksichtslosigkeit" einführen willst, ohne massiv regulierend einzuwirken.

 
At 12 Januar, 2006 21:53, Blogger Dr. Dean said...

@Boche
Das, was du sagst, trifft in einer oft recht anonymen Wirtschaft nicht unbedingt zu. Ein Vermieter kann z.B. ganz wunderbar brutal rücksichtslos sein - schon der nächste Kunde weiß nichts davon.

Sobald erhebliche Informationsassymetrien auftreten (und das ist der Normalfall), funktionieren Märkte und Selektionsmechnanismen nicht mehr exakt so, wie es in der klassischen Theorie gelehrt wird.

 

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