25 November 2005

Kokosnüsse und Bananen

In einer "liberal" bashenden Puppenstube findet gerade zum Stückkostenargument ein Gedankenexperiment statt - in einer Welt der Kokosnuss-Produktion. Da wird gezeigt, dass höhere Löhne (hier ein Anstieg um 75%) bei konstanter Gesamtproduktion zu Beschäftigungsrückgang führen können.

Wenig originell.

Da hätte ich auch eine Version (nicht ganz ernst gemeint):

Die neoliberale Bananen-Welt

Nehmen wir mal an, wir lebten in der christlich-fundamentalistischen Volkswirtschaft Bananistan, recht klein, in der es zwei Arbeitskräfte A und B gibt, sowie den Unternehmer C.

A sammelt jeden Tag im christlichen Hain (Eigentümer: C) Bananen im Wert von 100 Euro auf, B ist langsamer und schafft nur Bananen im Wert von 60 Euro. Die Gewerkschaft hat einen einheitlichen Lohn von 40 Euro pro Arbeiter und Tag ausgehandelt. Die Lohnstückkosten bei Vollbeschäftigung betragen also genau 0,5. C hat hingegen ein Einkommen von 80 Euro pro Tag.

Leistung muss sich lohnen.


Nun schafft es der Sprecher des christlichen Unternehmerverbandes von Bananistan, der zufällig mit dem Unternehmer C identisch ist, eine virile Lohnkosten-Paranoia zu entfachen.

Zunächst - auch für den Schockeffekt - wird der Arbeiter B entlassen, mit dem Argument, es lohne sich nicht mehr.

Nur noch A sammelt weiterhin Bananen auf, muss sich aber - als Ausgleich für den Erhalt seines Arbeitsplatzes - mit einem reduzierten Einkommen von 30 Euro pro Tag begnügen, bei einer um 10 Prozent erhöhten Arbeitszeit.

Gleichzeitig investiert der Bananen-Kapitalist mit Leasingkosten von 20 Euro/Tag in eine Leiter, sodass A die Bananen nun auch direkt vom Baum ernten kann und der Wert der Gesamtproduktion an Bananen immerhin wieder bei 140 Euro liegt.

Die Lohnstückkosten betragen nun 0,214, sind also gesunken. Das Einkommen von C ist auf 90 Euro/Tag angestiegen, während A nur noch 30 Euro/Tag verdient und B nun, sagen wir mal, von seinen Ersparnissen lebt, solange, bis er auswandert.

Was haben wir da beobachtet? Wir haben sinkende Löhne gesehen, die Einkommensschere öffnete sich, es gab ein rückläufiges Bruttoinlandprodukt (es hätte ebenso gut ein wachsendes BIP sein können) und wir haben eine Substitution von Arbeit durch Kapital (also durch die Leiter) miterleben können, während der gesamtwirtschaftliche Wohlstand sank.

Und so etwas in der Art beschert uns in Deutschland die scheinbar so stringente Lohnkostendiskussion, welche tatsächlich dazu beiträgt, dass Unternehmer Erfolge zunehmend darüber zu erreichen suchen, indem sie bei den A´s die Lohnkosten senken, während die B´s (teils voreilig) arbeitslos werden.

Eine einseitige ökonomische Fokussierung von Lohnkosten seitens von Unternehmen ist also nicht, wie einige Neoliberale meinen, ein Grund zu jubeln. Sie ist vielmehr eine Übertreibung und führt zu einer schiefen und damit falschen wirtschaftlichen Ausrichtung - mit Folgen, welche den gesamtwirtschaftlichen Wohlstand vermindern.

Wenn die Unternehmer die Kosten der von ihnen getätigten - einseitig Beschäftigung reduzierenden - Entscheidungen nicht tragen müssen, während die übrigen Beschäftigten auch noch allzu schnell bereit sind, ihre eigenen Löhne durch Zugeständnisse zu reduzieren, dann wird eine Substitution von Arbeit durch Kapital

(a) beschleunigt und
(b) auf eine Weise beschleunigt, welche zu erheblichen externen Kosten führt (z.B. Arbeitslosigkeit nebst Folgen) und
(c) auf eine Weise beschleunigt, dass dadurch sogar der gesamtgesellschaftlich mögliche Wohlstand vermindert wird.

5 Comments:

At 25 November, 2005 23:54, Anonymous Rayson said...

Dieses Beispiel lebt u.a. davon, dass es irrationales Handeln (hier bei C) voraussetzt.

Das macht Insel-Beispiele angreifbarer, da man davon ausgehen kann, dass sich in einer größeren Volkswirtschaft bei Konkurrenz wirtschaftlich offensichtlich unsinnige Verhaltensweisen (im Beispiel: B zu entlassen, obwohl er den Gewinn von C erhöht) nicht durchsetzen können.

 
At 26 November, 2005 00:39, Blogger Dr. Dean said...

@Rayson
Völlig richtig.

Ich habe ja nicht umsonst gesagt: "nicht ganz ernst gemeint".

Immerhin ist mein C noch ein bisken rationaler als bei Statler, wo das Beispiel - wenn es tatsächlich durchdacht wird - sogar zur gegenteiligen Aussage führt, die Statler beabsichtigt hatte.

(siehe Diskussion dort)

*g*

Ich habe bei meinem Gegenbeispiel sogar darauf geachtet, dass der beim C verbleibende Teil der Einnahmen genauso hoch ist (pre und post) wie im Beispiel von Statler.

Nun, ich habe wenig gegen Insel-Beispiele. Sie müssen jedoch geprüft werden, und da hast du es sehr schnell und in bravoröser Kürze gezeigt, wie das geht.

Jedoch:

Wenn wir in meinem Beispiel so tun, als ob der "C" den sozusagen Gesamtunternehmer darstellt (bzw. die Gesamtheit der Unternehmer) und genügend (fast alle) Unternehmer sich gemäß dieser "Rationalität" verhalten - dann funktioniert es m.E. - bis zu einer gewissen Grenze - trotzdem.

Ich wollte zeigen - und meine, dass ich bis zu einem gewissen Grad damit recht haben könnte - dass ein schief-einseitiger Fokus auf Lohnkostensenkungen zu Wohlstand verringernden Wirkungen führen kann.

Tatsächlich glaube ich jedoch, dass wir dem Standort Deutschland Gutes antun würden, wenn es gelänge,
(a) die Lohnnebenkosten-Belastung (die im OECD-Vergleich zu hoch ist) deutlich abzusenken und
(b) einen vernünftigen und dauerhaft durchführbaren Modus für Langzeitarbeitslose fänden, welcher die realen Lohnkosten für diese Gruppe soweit absenkt, dass diese wieder produktuv in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten.

Grummel, bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass ich das lange versprochene OECD-Vergleich-Zahlenmaterial immer noch nicht aufbereitet habe.

Rayson, danke für deinen Beitrag!

 
At 26 November, 2005 02:20, Anonymous Karsten said...

Hallo Dr. Dean,

zunächst mal: Respekt, ordentliche Diskussion geht also auch, wenn wir uns alle mal richtig anstrengen - ich würde weniger Zeit bei PI und FF verbringen, das sorgt doch nur für Magengeschwüre. :)

Zu deinem Beispiel:
- C hat zunächst nicht etwa ein Einkommen (oder einen Gewinn, er ist ja Unternehmer), sondern lediglich eine Marge von 80 Euro. Davon müssen noch die Kosten für die Verwaltung und den Vertrieb der Kokosnüsse, für das Marketing und (etwas überzogener) den Betriebsrat D abgezogen werden, der von der Arbeit freigestellt ist, aber trotzdem weiter sein Gehalt bekommt. ;)

Und wenn man das ganze in die soziale Marktwirtschaft auf der Nachbarinsel Zuckerrohristan verlegt, dann sinken die Einkommen aller Beteiligten, weil die 22,5 Euro, die B als Stütze kriegt, ja auch von irgendwem getragen werden müssen. Um also sein Einkommen zu halten, erhöht C also auch noch die Preise und senkt damit den Lebensstandard von A und B weiter...

@Rayson: Warum setzt es irrationales Handeln bei C voraus? Alles hängt doch davon ab, ob dieser sich im Augenblick eher auf den Ausbau von Marktanteilen und das Wachstum konzentriert (dann wäre es nicht so wahrscheinlich, dass er den von Dean vorgezeichneten Weg geht), oder ob er sein Unternehmen in eine Konsolidierungsphase führen will (dann entspannt sich ziemlich genau das hier aufgezeichnete Szenario).

Wir erleben im Augenblick "die Strafe" für die New Economy, so gesehen - weil ein lächerlicher Hype alle Unternehmen gleichzeitig in wilde Expansion getrieben hat, lecken sie jetzt auch alle gemeinsam ihre Wunden und konsolidieren. Und die Privathaushalte ebenfalls, weil man ja an deren Vermögen ran gegangen ist, um die Blase noch eine Weile zu halten.

 
At 26 November, 2005 17:49, Anonymous Rayson said...

@Karsten

Wenn C den B zu einem Lohn von 40 oder gar nur 30 nicht einstellt, obwohl der ihm Bananen im Wert von 60 verschafft, er also auf einen "Mehrwert" von 20 oder 30 verzichtet, dann nenne ich das irrational. Und wenn du das unter "Konsolidierung" ablegen möchtest, dann ist eben die Konsolidierung bei der gegebenen Umwelt eine irrationale Strategie. Und wie gesagt: Nicht, dass so ein Blödsinn nicht gemacht würde, nur halte ich es auf eine Volkswirtschaft bezogen für insgesamt unwahrscheinlich.

 
At 26 November, 2005 20:59, Anonymous Karsten said...

Wobei hier das gilt, was ich auch bei Statler schon angemerkt habe - wenn die Leiter erst einmal angeschafft ist, produziert A eventuell allein schon genug, um den Markt zu sättigen. C hat also nicht unbedingt Interesse an der Arbeitsleistung von B. Wollen wir mal hoffen, dass dieser die Gelegenheit ergreift und aus den Fasern Körbe flechtet oder so was... und den allgemeinen Lebensstandard erhöht. :)

 

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