20 November 2005

Bestien (2) - zornige Jungmänner AYM Teil 1

Die Ereignisse in Frankreich der letzten Wochen - und Anregungen vom Haltungsturner - haben mich über das anwachsende Phänomen der "aggressive young man" [AYM] nachdenken lassen, welche meinen, dass die Gesellschaft ihnen vor allem "Respekt" schulde.

Der Pathologie der zornigen jungen Männer

Ich lenke den Blick auf die britische Gesellschaft, die AYM ebenfalls kennt. In bestimmten Schichten gilt dort "good kicking", was tatsächlich üble Tritte meint, als Teil der britischen Kultur. "Good kicking" ist hier nicht etwa ein Akt der Selbstverteidigung, sondern eine Form willkürlicher Bösartigkeit als Machtbeweis und Respektquelle.

Es gab in Großbritannien sogar eine Reihe von Fällen, wo Hunderte von Tritten die Zufallsopfer töteten. Die Täter, gewissermaßen AYM in Reinform, sind typischerweise voller Hass auf die Welt, die Gewaltakte geschehen eruptiv und zufällig. Alltägliche Gewalt ist in diesen Kreisen ohnehin breit akzeptiert. Ihre Macht, etwas zerstören zu können und ihre Aggressivität verschaffen ihnen in ihren eigenen Kreisen Bewunderung - und die Angst der Übrigen betäubt das Gefühl von Unterlegenheit.

Die Gewalttäter kommen fast immer aus einem radikal asozialen Umfeld, aus gewalttätigen Familien, wo es an Vorbild kaum mehr als Verwahrlosung gibt. Geordnete Verhältnisse sind ihnen fremd, erlebtes Mitgefühl und Solidarität schiere Seltenheit. Sie sind mit "Argumenten" wenig zu beeindrucken - dafür mit größerer Stärke. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, glauben diese Menschen, dass sie einen Anspruch auf materiellen Wohlstand und auf soziales Prestige hätten.

Diese Täter wissen oft um ihre Pathologie - und sind sich sicher, dass die Welt sie krank gemacht hätte, indem diese ihnen das vorenthalten hat, was ihnen zustehe. Insofern sind ihre Gewalttätigkeiten auch unmittelbare Kompensationsversuche. Der Hass auf die Welt ist ihnen nicht selten ins Gesicht gespannt, ihre Art sich auszudrücken, ihre Kleidung, ja, sogar die raubtierhafte Weise, mit der sie gehen, lässt sie aussehen, als ob sie einen unmittelbaren Angriff erwarten oder selbst planen.

Sie verachten Höflichkeit und zivile Umgangsformen. Je brutaler und wilder sie aussehen, desto mehr Respekt können sie von ihren Freunden erwarten, und zugleich gibt es ihnen selbst ein Gefühl der Sicherheit. Ihr inneres Leben ist von Ressentiments und Verbitterung geprägt - bei Abwesenheit der Befähigung zur konstruktiven Selbstkritik.

Sie sind schnell zu kränken, schon durch einen Blick - und verlangen für sich selbst "Respekt", ohne auch nur einen Funken davon für andere zu empfinden. Es steckt eine ungerichtete Wut in den AYM, die es Ideologen des Hasses leichter macht, sie für organisiertes Hooligantum, die Ziele des militanten Islam oder für Neonazismus zu begeistern.

Normalerweise sind die Köpfe dieser AYM jedoch angefüllt mit Tagträumen, die sich aus der bunten Werbewelt speisen, sowie den dürftigen Idealen ihrer eigenen sozialen Bezüge. Ihr Leben meist planlos verbringend, glauben sie an das mögliche Glück durch Konsum, Luxus und Entertainment, so innig und isoliert, wie sonst keine andere gesellschaftliche Gruppe.

Die gesellschaftliche Schuld von Respekt

Der Gedanke geschuldeten Respekts betrifft indes nicht allein asoziale Gewalttäter, sondern scheint für männliche Unterschichten-Jugendliche insgesamt typisch zu sein.

Die Idee, dass "die Gesellschaft" einem Menschen "Respekt schulde" ist schräg, aber gleichwohl ist hier eine Selbstverständlichkeit der conditio humana enthalten.

Fast jeder Mensch wünscht sich Anerkennung bzw. Respekt. Ohne diese Nahrung der Seele geht ein Mensch auf Dauer ein, wird depressiv oder aggressiv - bis hin zur Soziopathie.

Interessanterweise war die erste Forderung der gewaltsam rebellierenden Banlieue-Jugendlichen der Rücktritt des beleidigend polternden Innenministers, der "Mann der eisernen Faust", welcher Ressentiments und das gängige Schimpfwort vom kriminellen Abschaum - in eigener Sache politisch klug - immer wieder zu nutzten wusste.

Es geht tatsächlich um Respekt.

Hat ein Mensch den Eindruck (irrtümlich oder zurecht) , dass die Gesellschaft es ihm unmöglich macht, sich Respekt zu erwerben, fühlt er sich ausgegrenzt, so ist es nicht verwunderlich, wenn sich Missmut, vielleicht sogar Zorn auf "die Gesellschaft" entwickelt.

Und tatsächlich wird es in unserer Gesellschaft für viele Menschen schwerer, Respekt zu erlangen, erst recht, wenn der falsche Vorname "Ahmed" oder "Nuria" bereits einen faktisch weit reichenden Ausschlus aus dem "Markt" für Lehrstellen bewirkt.

Nun, man wird nicht automatisch gewalttätig und asozial, weil man sich zurückgesetzt fühlt. Da muss es weitere Faktoren geben.

Die Ausgrenzung

Es ist wenig verwunderlich, wenn ein Mensch gerne dafür anerkannt werden möchte, was ihn ausmacht, was er besonders gut kann.

Wenig schön wäre eine deformierte Gesellschaft, wo sozial Ausgegrenzte trotz ihrer Begabungen es maximal zum Postboten bringen können, wenig schön für eine lost generation, und ein Verlust für die ganze Gesellschaft, die ihr Kapital brach liegen lässt.

Zur erlebten und tatsächlichen Ausgrenzung gehört übrigens auch der spöttisch-arrogante Ton, mit dem mit dem in einem Teil unserer Intellektuellen auf den Ausgrenzungsvorwurf reagiert wird.

Schlimmer noch, es gibt eine sogar aufblühende "Kultur der Ausgrenzung", eine bis zum Ressentiment zelebrierte Fremdheit gegenüber Migranten oder "dem" Islam, was wie im Fall von Frau Onania Fellatio Oriana Fallaci späten Schriftsteller-Wohlstand und eine Millionenauflage ermöglicht.

Wenn hedonistisch-hysterisch agierende Islamkritiker meinen, dass die von ihnen betriebene Ausgrenzung Probleme löse, lässt das auf fundamentale Geistesschwäche schließen.

Wertesystem und Kultur der Gewalt

Die meisten AYM stammen aus Familien mit Gewalterfahrungen und einer Kultur der Gewalt, die sich nicht selten auch gegen Frauen richtet. Im Vergleich zur ihrer Aggressivität, mit der sie sich in ihrer Community Respekt verschaffen, ist die Befähigung zur Anteilnahme geradezu verkümmert.

In diesen Subkulturen spielen Machismo, Respekt und Ehre für die AYM eine tragende Rolle - Gewalt stiftet ihre männliche Identität. Dieses atavistische, auf die Auslösung von Angst gerichte Wertesystem kommt z.B. auch im Proll-HipHop à la 50 Cent zum Ausdruck.

Soweit Teil 1. Ich habe zum Thema noch viel in der Pipeline, u.a. zur "Macht der Chimäre", zu Erziehung und Familie, Veranlagung, Schichtphänomena - vor allem aber auch zu Gegenstrategien und Lösungen aus ordoliberaler Sicht. Daran feile ich noch.

1 Comments:

At 21 November, 2005 09:10, Blogger che said...

Ein scharfsinniger, gur geschriebener, schöner, richtiger Beitrag. By the way, nicht das gleiche Thema, fiel mir hierbei aber ein, weil zumindest eine verwandte soziopsychlogische Grundstruktur berührend: http://environ.de/us/che/?postid=64

 

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