26 Oktober 2005

Wie faschistisch ist Russland?

Der mehr minder schöne Schein von "Reformen" kann nicht verbergen, dass Russland Züge eines faschistischen Staates aufweist. Man erkennt Faschismus am einfachsten in der Art und Weise, wie er mit Macht, und vor allem daran, wie er mit politischen Gegnern umgeht.

Während man zulässt, dass eine Mixtur aus KGB, Oligarchen und Mafia frühkapitalistische Verhältnisse entstehen lässt und sich an der Gesellschaft maßlos bereichert, sichert der Staat sich selbst und die mafiöse Oligarchien ab, indem er politische Gegner massiv unterdrückt.

Wer es noch nicht bemerkt hat: Die Mafia in Russland ist der Bluthund des neureichen und staatlich abgesicherten russischen Kapitalismus, welcher fast nur mittels Mafia und Korruption Geschäfte zu machen versteht. Putins eifrig inszenierter "Kampf gegen die Oligarchen" ist zugleich deren gemeinsame Absicherung vor dem Zorn des russischen Volkes.

Die Medien in Russland sind durch eine autoritär-faschistoide Regierung praktisch gleichgeschaltet, das Beamtentum korrupt, Russlands Bodenschätze werden ausgeräubert, die hochgradig privatisierte Ökononomie ist weitgehend gescheitert, was im Übrigen auf gewisse Mängel neoliberaler Dogmen hinweist.

Die Vertragstheorie besagt, dass die soziale Verteilung von Privatisierungen nicht wesentlich sei, solange ökonomischer Wettbewerb in Folge entstehe. Auch die Korruption oder andere Mängel des wirtschaftlichen Wettbewerbes in Russland sind nicht die springenden Punkte; die beiden Hauptfragen sind, erstens, wie eine Sozialstaatlichkeit und Teilhabe am Wohlstand hergestellt werden kann, und zweitens, wie man die breite Bevölkerung produktiv am Wirtschaftsleben zu beteiligen vermag. Die neoliberale Ideologie der Privatisierung weiß darauf keine ernst zu nehmende Antwort.

Doch weiter zu Russland: Hinter der verlogenen Fassade eines angeblichen Rechtsstaates wird die Opposition unterdrückt, teils durch Staatsorgane und Bürokratie, teils mit manipulativer Öffentlichkeitsarbeit, welche modern-unfairer politischer Kommunikation in den USA abgeschaut wurde - jedoch im totalitären Rahmen ungleich effizienter ist. Zur Fassade gehört, dass man auf Inseln von Meinungsfreiheit verweisen kann - während man diese aus dem Mainstream auszusperren versteht, oder übernimmt, falls sie störend wird.

Russland siecht in schwerer Krankheit, während ausländische Regierungschefs die glänzenden Eiterpusteln schwärmend anpreisen, Putin und seine Regierung, um uns anschließend die Anzeichen kräftigster Gesundheit zu vermelden, zuvorderst unser nunmehr ehemaliger eigener Regierungschef, der sich für dieses Schauspiel auch in Zukunft nicht zu schade sein wird.

Im totalitären Staat ist nicht Chancengleichheit, sondern Unfairness und Gewalt die Richtschnur, hinzu kommen einflussreiche Geldinteressen, welche die Begriffe "Gedankenfreiheit", "Demokratie", "Freiheit des Gewissens" und "Meinungsfreiheit" in Russland zu parasitären Kunstworten umformen, oder diese beliebig mit "Ordnung", "nationale Sicherheit" und "Kampf gegen den Terror" vertauschen.

Russische Liberalismus, dessen allererstes Zeichen das völlige Fehlen sozialer Verantwortung ist, konzentriert sich auf die Freiheit, das Land und die Menschen zu berauben - deshalb arrangiert er sich mit Putin und allen übrigen, die ihm dies garantieren können.

Die russischen Eliten, welche allein schon aus Desinteresse keine Perspektive für 90 Prozent des Landes bieten können, sie glauben, dass man der Bevölkerung jeden Unfug, jede Lüge und jeden Irrsinn wie ein glattes Reklamemärchen oder als Heilsgewissheit verkaufen könne, dass man überdies noch die Trumpfkarte des Nationalismus als Ass im Ärmel frei hat, falls es unvermutet eng werden sollte.

Die faschistische und faschistoide Struktur des heutigen Russlands, an dessen Spitze sich Putin als leibhaftige und allmächtige Inkarnation des Rechtsstaats inszeniert, dient neben der russischen Bürokratie vor allem ökonomischen Interessen, z.B. von Privatisierungsgewinnern und Großinvestoren, welche sich fernab störender Zivilgesellschaft und Sozialgesetzgebung vor allem "Freiheit" für fortgesetzte Raubzüge wünschen.

Russlands Transformation seit 1990 ist bislang kaum mehr als eine Transformation in einen neuen Typus:
marktwirtschaftlichen Faschismus.

Väterchen Russland, mache deine Augen auf!

8 Comments:

At 27 Oktober, 2005 14:36, Blogger Boche said...

Definitionsdefinitionen sind ja häufig unergiebig und ermüdend - aber meinst du nicht, hier zu vieles zu wild durcheinander gewürfelt zu haben?

Wie bringst du Kapitalismus/Marktwirtschaft und einen totalitären Staat (ob es so weit ist, wäre noch zu diskutieren) in logische Übereinstimmung, wo doch ersteres den Rechtsstaat und die Sicherheit des Eigentums (z.B. vor einer politischen Mafia) als Grundvoraussetzung kennt?

Das Entsetzen über die russischen Verhältnisse teile ich voll und ganz. Deine Schlussfolgerungen erscheinen mir aber zum Teil nicht durchdacht.

 
At 27 Oktober, 2005 14:37, Blogger Boche said...

Ähem. Das erste Wort sollte "Definitionsdiskussionen" heißen.

 
At 27 Oktober, 2005 15:48, Blogger Dr. Dean said...

@Boche

1. Dass Russland die Züge eines geschickten Totalitarismus aufweist (z.B. nur so viel Pressefreiheit gestattet - systematisch - dass der vom Staat manipulierte Mainstream ungefährdet bleibt) kann meiner Meinung nach mit Argumenten nicht ernstlich bestritten werden. Oder siehst du keine totalitären Züge in Russland?

2. Nicht ich bringe hier etwas in eine logische Übereinstimmung, sondern ich stelle eine Entwicklung dar. Habe ich falsch beobachtet? Es ist - wenn man auf Russland schaut - in der Tat eine fragile Übereinstimmung, denn die russische Freiheit des (Groß)Eigentums hat einen eigentümlich fragilen Charakter, hat Züge einer Günstlingswirtschaft, und bedient sich einerseits einer korrumpierbaren Staatskaste, wie sie (sehr verblüffend) sich teils auch in Konkurrenz zu ihr befindet und sich ihrer Zugriffe erwehren muss. Die Staatskaste ist ein mächtiger Player auch innerhalb des Spiels des Privateigentums.

Anders gesagt: Es gibt wegen teilweiser Konkurrenz gewiss keine Übereinstimmung, aber die Gemeinsamkeiten überwiegen.

Der russische "Rechtstaat" dient de fakto mehr den Privatisierungsgewinnern, als dass er ihnen schadet, zum Beispiel dadurch, indem er selbstverständliche zivilgesellschaftliche Ansprüche (z.B. Lohnzahlung) eben nicht durchsetzt.

Die Übereinstimmung und Kumpanei zwischen faschistoid-faschistischem Staat und (Groß)Privateigentum überwiegt - nicht nur in diesem Fall.

Man kann m.E. im Fall Russland behaupten, dass Faschismus und Marktwirtschaft sich nicht per se ausschließen, sondern dabei sind, eine neue Form der Kooperation zu finden.

Die (Groß)Unternehmen in Russland benötigen keine echte Zivilgesellschaft! (dazu gehören neben Gewerkschaften auch die sozialen Ansprüche aus der breiten Bevölkerung)

Sie benötigen vor allem den Schutz ihrer Eigentumsprivelegien und ökonomische Freiheit, und diese nicht einmal auf klassische Weise.

Ich behaupte, dass sich in Russland zeigt, dass die liberale Zivilgesellschaft, wie wir sie verstehen, sich in direkter Wertekonkurrenz zum Großeigentum befindet, nicht nur in sozialen Fragen und ökologischen Fragen, sondern auch in Fragen der Demokratie.

Für Großinvestoren und (Groß)Privatisierungsgewinner ist es deutlich bequemer, eine staatliche Kaste (die einen neuen Typus von Faschismus organisiert) zu bestechen als sich mit Ansprüchen der Bürger auseinander setzen zu müssen, z.B. Lohnzahlung (die in Russland mitunter kaum durchgesetzt werden kann) oder Umweltauflagen.

3. Meine Schlussfolgerungen, wo ich überhaupt welche vornehme, erscheinen weit mir besser durchdacht als das Festhalten am Dogma, dass sich gesellschaftliche Probleme bzw. die Entwicklung der Gesellschaft zuallererst auf dem Wege von Privatisierungen lösen lassen.

Was soll man denn in Russland - ausgehend von diesem Dogma - noch unternehmen? Weniger Staat und noch mehr Freiraum für die Mafia? Weit weniger Korruption und damit wären alle bedeutenden Fehlentwicklungen beseitigt, und die vernachlässigten 90 Prozent in Russland können endlich auf deutlich bessere Zeiten hoffen?

Nicht im im Ernst!

Das Versprechen, dass Marktwirtchaft, Privatisierungen, Demokratie und Liberalität zusammen gehören, ist in Russland inzwischen eine fade und vor allem völlig haltlose Story, die mit den tatsächlichen Verhältnissen nichts zu tun hat.

Nicht die Verhältnisse in Russland sind erschreckend, sondern m.E. ist es vielmehr erschreckend, dass die Entwicklungen in Russland unsere (hier meine ich mich selbstveständlich mit) Vorstellungen von Liberalität in Frage stellen.

Es scheint eine ökonomische Liberalität zu geben, die man von politischer Liberalität getrennt denken kann.

Meine Abschlussthese im Text, nämlich ein neuer Typus "marktwirtschaflichen Faschismus" mag schräg, vor allem aber ungewohnt klingen, lässt sich aber mit den Verhältnissen in Russland und z.B. auch mit den Verhältnissen in Singapur belegen, wobei - das unbenommen - über die Begrifflichkeit, wie man solche Entwicklungen nun nennen sollte, gerne noch gestritten werden kann.

Marktwirtschaftlicher Autokratismus?

Nun, wer tatsächlich eng am Umgang mit politischen Gegnern die russischen Verhältnisse untersucht, der kommt meiner Meinung nach - im Fall von Russland - am Begriff des Faschismus nicht vorbei.

Es wäre beunruhigend, wenn man behaupten könne, dass sich faschistische Entwicklungen (neuen Typs, nicht so umfassend totalitär wie wir es in der Idealform annehmen, sondern geschickter) und Marktwirtschaft ohne allzu große Probleme in Deckung bringen lassen.

Jedenfalls bin ich keineswegs verwirrt, wenn ich behaupte, dass ökonomische Freiheit für (Groß)Privateigentum keine gesellschaftliche (und soziale) Freiheit zwingend nach sich zieht.

Verwirrt sind für mich nach den Erfahrungen in Russland diejenigen, die von Marktwirtschaft und politischer Freiheit meinen, dass diese zwingend zusammen gehören.

Das ist leider nicht der Fall.

4. Im Übrigen geht man fehl, wenn man von mir meint, dass ich mit als Gegenmodell zu solchen Entwicklungen Bürokratismus vorstelle.

5. Mag ich auch meinen, dass Hermes ein Gott der Diebe und Kaufleute ist, dass ich also die Verteilung von privaten Eigentum nicht für sankrosankt halte, und, sehr unmodern in den heutigen "liberalen" Zeiten, zum Beispiel die Enteignung von Fürsteneigentum und eine möglichst breite Verteilung von Eigentum für wünschenswert halte, unabhängig von dieser erheblichen weltanschaulichen Differenz kann man sich bestens darüber unterhalten, was getan werden muss, um Marktwirtschaft und politischen Liberalismus in Deckung zu bringen.

Denn dies ist kein Automatismus.

So ist es zum Beispiel eine spannende Frage, wie verhindert werden kann, im Fall einer tatsächlich freien öffentlichen Meinungsbildung in Russland, dass sich der aufgestaute berechtigte Zorn der Bevölkerung dahingehend entlädt, dass sie dann nationalitischen, kommunistischen, militaristisch-chauvinistischen oder anderen demokratievernichtenden Fehlentwicklungen das Tor zur Macht öffnet.

6. Ich behaupte: Die Unfähigkeit "der" Liberalen, eine funktionierende und nachhaltige Idee von Sozialstaatlichkeit (fernab verlogener Hinweise auf privates Wohltätertum) zu entwickeln, ist zugleich eine Krise des Liberalismus schlechthin.

Dies macht seine Unattraktivität aus, auf lange Zeit hin, und ist auch sonst keine Petitesse.

Verglichen damit ist das in manchen Ländern zu beobachtende Auseinanderdriften von Marktwirtschaft und politischen Liberalismus eher eine Randfrage.

Ich vermute: Sobald die soziale Frage im Liberalismus ernsthaft und nachhaltig gelöst wird, und sei es in einer neuen liberalen Richtung, ist damit zugleich auch das russische Problem gelöst.

 
At 28 Oktober, 2005 13:44, Blogger Boche said...

@Dr.Dean

"Oder siehst du keine totalitären Züge in Russland?"

Züge durchaus, ja.
Zu meiner Definition einer totalitären Gesellschaft gehört aber ein wichtiges Element, das in Russlan (noch?) fehlt: Die umfassende Kontrolle und Indoktrinierung des Privaten (und damit letztlich der Versuch dessen Auslöschung).
Aber auf Diktatur können wir uns problemlos einigen.

"...die russische Freiheit des (Groß)Eigentums hat einen eigentümlich fragilen Charakter, hat Züge einer Günstlingswirtschaft, und bedient sich einerseits einer korrumpierbaren Staatskaste, wie sie (sehr verblüffend) sich teils auch in Konkurrenz zu ihr befindet und sich ihrer Zugriffe erwehren muss. Die Staatskaste ist ein mächtiger Player auch innerhalb des Spiels des Privateigentums.

Das ist meiner Meinung nach eine etwas ungenaue Beschreibung. Das "Spiel des Privateigentums" kann ja letztlich schon dann gar nicht im marktwirtschaftlichen Sinne funktionieren, wenn der Staat zu jedem ihm genehmen Zeitpunkt in der ihm genehmen Weise und zurückgehalten von keiner Rücksichtnahme auf Recht und Gesetz eingreifen kann. Die Konkurrenz, der sich der Staat angeblich stellen muss, ist dabei doch gar nicht wirklich gegeben. Aber ich verstehe, dass du deren Chimäre für deine Argumentation brauchst.

"Der russische "Rechtstaat" dient de fakto mehr den Privatisierungsgewinnern, als dass er ihnen schadet, zum Beispiel dadurch, indem er selbstverständliche zivilgesellschaftliche Ansprüche (z.B. Lohnzahlung) eben nicht durchsetzt."

Der russische Rechtsstaat ist praktisch wertlos, weil er von regierungsseite ganz offensichtlich beliebig manipuliert werden kann. Deshalb ist eine Diskussion, wem er dient, kaum von größerem Interesse.
Abgesehen davon sind Lohnforderungen natürlich genauso privatrechtliche und marktwirtschaftliche Ansprüche wie die Ansprüche der Unternehmer. Der Unterschied, den du mit "zivilgesellschaftlich" einführen möchtest, geht mir nicht ein.
Ich sehe nur einen Unterschied: Die eine Seite, nämlich die von der Staatsmafia abhängigen oder direkt gesteuerten Unternehmen genießen Schutz, die anderen (unabhängige Unternehmer, Arbeitnehmer) genießen weniger bis keinen Schutz.

"Die Übereinstimmung und Kumpanei zwischen faschistoid-faschistischem Staat und (Groß)Privateigentum überwiegt - nicht nur in diesem Fall.

Man kann m.E. im Fall Russland behaupten, dass Faschismus und Marktwirtschaft sich nicht per se ausschließen, sondern dabei sind, eine neue Form der Kooperation zu finden."


Kein Widerspruch zur Kumpanei. Was das aber mit Marktwirtschaft zu tun haben soll, bleibt von dir unerklärt. Marktwirtschaft bedeutet doch etwas mehr, als dass irgendwer Produktionsmittel besitzt. Und genau dieses Mehr ist es, was deinen Überlegungen fehlt - wodurch deine Definitionen m.E verquer gehen.

"Die (Groß)Unternehmen in Russland benötigen keine echte Zivilgesellschaft! (dazu gehören neben Gewerkschaften auch die sozialen Ansprüche aus der breiten Bevölkerung)"

Kein Machthaber braucht die Zivilgesellschaft (die ich übrigens nicht so traurig und armselig sehe wie du).

"Sie benötigen vor allem den Schutz ihrer Eigentumsprivelegien und ökonomische Freiheit, und diese nicht einmal auf klassische Weise."

"Ihre ökonomische Freiheit" - verstehst du, dass du hier den Begriff Freiheit missbrauchst? Mit Freiheit hat es ja nichts zu tun, wenn jemand auf Gewalt gegründet seine Ansprüche schützen kann.

"Ich behaupte, dass sich in Russland zeigt, dass die liberale Zivilgesellschaft, wie wir sie verstehen, sich in direkter Wertekonkurrenz zum Großeigentum befindet, nicht nur in sozialen Fragen und ökologischen Fragen, sondern auch in Fragen der Demokratie."

Selbstverständlich. Und?

"Für Großinvestoren und (Groß)Privatisierungsgewinner ist es deutlich bequemer, eine staatliche Kaste ... zu bestechen als sich mit Ansprüchen der Bürger auseinander setzen zu müssen, z.B. Lohnzahlung (die in Russland mitunter kaum durchgesetzt werden kann) oder Umweltauflagen."

Den Beispielen für Dinge, mit denen sich die Unternehmen der Staatsmafia nicht auseinandersetzen müssen, möchte ich doch gleich noch eines hinzufügen:
Sie müssen sich mit keinem nach fairen Regeln stattfindendem Wettbewerb auseinandersetzen.

"3. Meine Schlussfolgerungen, wo ich überhaupt welche vornehme, erscheinen weit mir besser durchdacht als das Festhalten am Dogma, dass sich gesellschaftliche Probleme bzw. die Entwicklung der Gesellschaft zuallererst auf dem Wege von Privatisierungen lösen lassen."

Wer ein solches Dogma vertritt, das du da als Gegenposition formulierst, argumentiert tatsächlich undurchdacht. Denn wichtig ist zuerst der Wettbewerb. Dass Wettbewerber private statt staatliche Unternehmen sein sollten, folgt dann von allein.

"Was soll man denn in Russland - ausgehend von diesem Dogma - noch unternehmen?"

Das muss uns nun, da ich dieses Dogma ja ebenfalls verworfen habe, nicht mehr interessieren.

"Das Versprechen, dass Marktwirtchaft, Privatisierungen, Demokratie und Liberalität zusammen gehören, ist in Russland inzwischen eine fade und vor allem völlig haltlose Story, die mit den tatsächlichen Verhältnissen nichts zu tun hat."

Dass diese "Story" mit den tatsächlichen Verhältnissen nichts zu tun hat, ist uns ja beiden bewusst. Warum soll sie aber haltlos sein?

"Nicht die Verhältnisse in Russland sind erschreckend, sondern m.E. ist es vielmehr erschreckend, dass die Entwicklungen in Russland unsere (hier meine ich mich selbstveständlich mit) Vorstellungen von Liberalität in Frage stellen."

Wenn Russland keine liberale Politik kennt, können russische Verhältnisse liberale Politik ja eigentlich nicht in Frage stellen, oder?

"Es scheint eine ökonomische Liberalität zu geben, die man von politischer Liberalität getrennt denken kann."

Wie du zu diesem Schluss kommst, bleibt mir verborgen.

"Meine Abschlussthese im Text, nämlich ein neuer Typus "marktwirtschaflichen Faschismus" mag schräg, vor allem aber ungewohnt klingen, lässt sich aber mit den Verhältnissen in Russland und z.B. auch mit den Verhältnissen in Singapur belegen,..."

Schräg ist diese These aus meiner Sicht deshalb, weil du Marktwirtschaft irgendwie anders zu definieren scheinst als ich (und, meiner Ansicht nach, alle wichtigen liberale Theoretiker).

"Nun, wer tatsächlich eng am Umgang mit politischen Gegnern die russischen Verhältnisse untersucht, der kommt meiner Meinung nach - im Fall von Russland - am Begriff des Faschismus nicht vorbei."

Es scheint in diese Richtung zu gehen, ja.

"Es wäre beunruhigend, wenn man behaupten könne, dass sich faschistische Entwicklungen (neuen Typs, nicht so umfassend totalitär wie wir es in der Idealform annehmen, sondern geschickter) und Marktwirtschaft ohne allzu große Probleme in Deckung bringen lassen."

Mit Marktwirtschaft lässt sich Faschismus nicht in Deckung bringen. Du bleibst den Beweis dafür leider schuldig. Musst ihn wohl schuldig bleiben, weil deine Definition von Marktwirtschaft irgendwie darauf verengt zu sein scheint, dass einer Produktionsmittel besitzt und einer nicht.

"Jedenfalls bin ich keineswegs verwirrt, wenn ich behaupte, dass ökonomische Freiheit für (Groß)Privateigentum keine gesellschaftliche (und soziale) Freiheit zwingend nach sich zieht."

Ob du verwirrt bist, vermag ich nicht einzuschätzen. Ich bin es aber. Und zwar, weil ich den Begriff "Freiheit" bisher nie so definiert bekommen habe, dass einer die "Freiheit" besitzt, sie dem anderen vorzuenthalten.

"Verwirrt sind für mich nach den Erfahrungen in Russland diejenigen, die von Marktwirtschaft und politischer Freiheit meinen, dass diese zwingend zusammen gehören."

Liegt (siehe oben) vielleicht an deiner mir nicht nachvollziehbaren Definition von Marktwirtschaft.

"...dass ich also die Verteilung von privaten Eigentum nicht für sankrosankt halte, und, sehr unmodern in den heutigen "liberalen" Zeiten, zum Beispiel die Enteignung von Fürsteneigentum und eine möglichst breite Verteilung von Eigentum für wünschenswert halte,...

Mit Fürsten meinst du die russische Staatsmafia?
Und wie stellst du dir die Verteilung konkret vor? Per Mehrheitsentscheid?

"So ist es zum Beispiel eine spannende Frage, wie verhindert werden kann, im Fall einer tatsächlich freien öffentlichen Meinungsbildung in Russland, dass sich der aufgestaute berechtigte Zorn der Bevölkerung dahingehend entlädt, dass sie dann nationalitischen, kommunistischen, militaristisch-chauvinistischen oder anderen demokratievernichtenden Fehlentwicklungen das Tor zur Macht öffnet."

Durch liberale Überzeugungsarbeit. Das mag aber durchaus hoffnungslos sein. Wenn sich das russische Volk mal wieder für eine neue Despotie entscheidet, wird man es nur durch eine Despotie daran hindern können - also: nicht daran hindern können, ihre schlechte Wahl mal wieder so zu wiederholen.

"6. Ich behaupte: Die Unfähigkeit "der" Liberalen, eine funktionierende und nachhaltige Idee von Sozialstaatlichkeit (fernab verlogener Hinweise auf privates Wohltätertum) zu entwickeln, ist zugleich eine Krise des Liberalismus schlechthin."

Was funktionierend, nachhaltig oder gar verlogen ist, ist nun einmal subjektive Wertung.

"Dies macht seine Unattraktivität aus, auf lange Zeit hin, und ist auch sonst keine Petitesse."

Auch ökonomische Logik mag man unattraktiv finden, das hat in Europa ja durchaus Tradition.

"Ich vermute: Sobald die soziale Frage im Liberalismus ernsthaft und nachhaltig gelöst wird, und sei es in einer neuen liberalen Richtung, ist damit zugleich auch das russische Problem gelöst."

Ich fürchte, darauf wirst du umsonst warten. Du gehst von anderen Defintionen und Grundlagen als der Liberalismus aus, verstehst die grundlegenden, durch ihn dargelegten Argumente nicht, bzw. anders. Wenn sich der Liberalismus also dem anpassen würde, was du erwartest, wäre das wohl kein Liberalismus mehr. Auch, wenn du ihn dann so nennen solltest.

 
At 31 Oktober, 2005 15:15, Blogger che said...

Politische Liberalität und neoliberales Wirtschaftsmodell haben in der Tat nicht zwingend etwas miteinander zu tun, es gibt sogar einen marktliberalen Faschismus (Chile unter Pinochet, Türkei unter Evren), vgl. http://rebellmarkt.blogger.de/stories/340649/#340914. Dennoch weiß ich nicht, ob "Faschismus" die richtige Bezeichnung für das von Dir sehr gut und sachkundig dargestellte Modell ist. Ich würde es eher als autoritäres Staatsystem neuen Typs bezeichnen, in dem zugleich ganz alte Muster (Klanwirtschaft, Klientelismus) wirksam werden, die z.T. geradezu an die Zarenzeit erinnern. Im Unterschied dazu würde ich, wie rot die Fahne immer sein mag, das neue China als faschistischen Staat bezeichnen.

 
At 05 November, 2005 00:10, Anonymous Anonym said...

Das Wort "Markt" ist da völlig unangebracht, Russland hat gezeigt wohin ein wuchernder Kapitalismus führt und zwar zur Oligarchenherrschaft die ihrerseits wiederum die Regeln des Marktes ausser Kraft setzt. Darin liegt ja das Paradox der "Marktwirtschaft", Unternehmen versucht sich einen möglichst grossen Marktanteil zu sichern, sobald dies gelungen ist wird versucht das entstehen von Konkurrenz mit allen Mitteln auszuschalten. Durch Klagewellen oder durch Bestechung bei der Vergabe öffentlicher Aufträge. Allerdings ist der Kapitalismus keine Marktwirtschaft, auch wenn er daraus entsteht. Der Kapitalismus ist die Dikatatur des Kapitals, indem allein das Recht des Stärkeren und die Auslöschung von Konkurrenz mit allen Mitteln steht. Genau deshalb ist es auch ein Faschismus weil eben ausschliesslich das Recht des stärkeren gilt, im Kampf um Profite und die alleinige Marktdominanz, die man allein zur Abschaffung des Marktes anstrebt, zeigt sich die faschistischen Züge. Die stabile Marktwirtschaft hingegen kann nur staatlich (demokratisch) gelenkt existieren, der Staat muss die Oberhand behalten um die Chancengleichheit garantieren zu können. Tatsächlich gab es bereits zu Zeiten der Sowjetunion florierende Märkte, zwar nicht offiziell, aber doch sehr zahlreich. Möglicherweise war das überhaupt die einzige Marktwirtschaft, da kaum jemand darauf angewiesen war seinen Lebensunterhalt dadurch bestreiten zu müssen, daher verlief der Tausch von Waren und Dienstleistungen (Handwerker, etc.) im allgemeinen friedlich und fair. Der Markt wird gemeinhin als "System von Tauschgefschäften gesehen" wobei ein Tausch immer ein freiwilliger(!) Wechsel von Waren und Dienstleistungen ist. Wenn jemand darauf angewiesen ist etwas zu verkaufen (bspweise die Arbeitskraft um seinen Lebensunterhalt zu verdienen) ist das wohl eher Zwang oder Erpressung. Da der Anbieter hier uner Druck steht verkaufen zu müssen kann der Käufer den Preis praktisch beliebig nach unten drücken.

 
At 12 November, 2005 18:53, Blogger Dr. Dean said...

@ Anonym
Sehe den Beitrag von Ihnen jetzt erst. Ihren Teminus "Kapitalismus ist die Diktatur des Kapitals" werde ich wegen seiner Gelungenheit bei Gelegenheit nutzen und recyceln.

Danke dafür!

Oh, ich sehe/google gerade, es gibt schon knapp 10.000 Nennungen von diesem Terminus. Christina Kreuz hat dies sogar zum Titel einer CD gewählt.

 
At 12 November, 2005 18:57, Blogger Dr. Dean said...

Verbesserung:
1. Christian Kreuz
2. Mit Hörbeispielen: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B0000D9R28/qid=1131818145/sr=8-11/ref=sr_8_xs_ap_i11_xgl/028-0076334-6272515

 

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