25 Oktober 2005

Braut und Bräutigam

Hätte ich Berliner Kurier, Tip und Berliner Zeitung für ca. 180 Mio verticken können - jederzeit! Selbst bei optimaler Bewirtschaftung sind kaum mehr als 100 Mio Wert im Ganzen zu sehen, trotz des letzten Jahresgewinns in Höhe von 9 Mio Euro, der eine einmalige, mehr bilanzielle Erscheinung sein dürfte. Für den Verkäufer war das ein guter und notwendiger Deal, welcher voraussichtlich dem Tagesspiegel, der ZEIT, diversen Verlagsprodukten und Autoren/innen und digitalen Versuchen der Holtzbrinck-Gruppe zu Gute kommen wird, sowie neuen Zeitschriftenprojekten.

Dass die Investoren ausgerechnet in Berlin und Umland das Anzeigengeschäft in einem bereits sarnierten Unternehmen flott kriegen wollen: Kaum zu glauben.

Egal, interessant ist doch, wessen Geld hier verbrannt wird. Jedenfalls finde ich es nett, dass dieses Geld in den "Standort Deutschland" gepumpt wird. Doch: wirklich nett.

Am Ende werden die beiden übernommenen Zeitungen überlebt haben, deshalb, erstens, weil die Berliner Zeitung solide wirtschaftet, zweitens, weil der Brite und VSS schlechtem Geld gutes hinterher werfen werden, aufgrund ihrer großen Ambitionen am deutschen Zeitungsmarkt. Egal, wie diese glücken: Im Anschluss findet sich für die beiden Zeitungen ein neuer Bräutigam.

Ich verstehe den Kummer nicht, der sich allenthalben rührt. Haben denn die Investoren (was für ein höhnisches Wort für Geldverbrenner) gekauft, um die Zeitungen zu schließen? Wird dies das zwangsläufige Ergebnis sein? Oder ist es einfach nur die Unwilligkeit zur Veränderung, zumal diese Veränderung im Augenblick schwer ausrechenbar ist?

Wenn von den betroffenen Redakteuren gerufen wird: "Presse-Freiheit ist nicht die Freiheit von Finanzjongleuren", dann sehe ich das genau gegenteilig. Auch darin besteht Freiheit!

Wie können wir sicher sein, dass die bösen Finanzinvestoren die Arbeitnehmer und Journalisten nun nach völlig neuen Regeln fernab deutscher Gewohnheiten behandeln werden, zudem mit Hungerlöhnen und Massenentlassungen?

Es muss kein Drama sein, dass über Finanzinvestoren neues Kapital herein kommt und die Vielfalt im deutschen Presse- und Verlagswesen erhöht wird.

Ich verstehe die Aufregung wegen der zu teuer verkauften Braut nicht.

Der Brite Montgomery bekommt seinen Eintritt in den deutschen Boulevard, und der Springerkonzern (BZ u.a.) Konkurrenz.

Meine Trauer hält sich in Grenzen.

5 Comments:

At 25 Oktober, 2005 22:05, Anonymous Rayson said...

So sehe ich das auch. Gut, der Herr Montgomery hat nicht wirklich das, was man auf bankerneudeutsch "proven track record" nennt, aber bevor man die Zeitung an einen weiteren der üblichen deutschen Verdächtigen weiterverscherbelt, sollten wir doch erstmal froh sein, dass die Chance auf Vielfalt gewahrt bleibt.

 
At 25 Oktober, 2005 22:33, Anonymous Rayson said...

Btw und OT (in Ermangelung einer verlässlichen E-Mail-Adresse): Ich lese gerade deine Beiträge bei "rebellen ohne markt" zu stefanolix: Ich halte deine bemühten Versuche der Etikettierung für ziemlich unsinnig, bestenfalls denkfaul. Wundert mich eigentlich, woher deine Kreuzzugsattitüde gegen S&W & Co kommt.

 
At 25 Oktober, 2005 22:56, Blogger Dr. Dean said...

Was meinen Beitrag an Stefan angeht, glaube ich, das ein kleines Missverständnis vorliegt. Ich habe mich mit ihm über die Problematiken von Lagerdenken und "Schützengräben" unterhalten. Ich denke, dass er mich verstanden hat, und auch, dass der Ton von Don ihm gegenüber von mir nicht geteilt wird.

War mein Vorwurf, er hätte zu sehr aus Schützengräben heraus agiert, unfair? Ich denke nein, zumal mich dieser Vorwurf auch betrifft.

@Rayson
Ich finde, dass du ein sehr gutes Beispiel gibst, z.B. für geistige Offenheit und Dialogbereitschaft. Diese beiden Haltungen: So wollte ich von Stefan verstanden werden, und ich hoffe und glaube, dass er mich so verstanden hat.

 
At 25 Oktober, 2005 23:15, Anonymous Rayson said...

@dr. dean

Ich habe es auch so verstanden, dass du stefanolix wohlgesonnen bist, aber was ich nicht begreife, ist, dass Sites wie S&W unbedingt auf LGF "eingenordet" werden müssen. Einverstanden, dass man mit S&W nicht immer übereinstimmen muss, aber gerade in punkto Offenheit sehe ich da doch deutliche Unterschiede zu Sites wie LGF.

Die Kritik an den Grabenkämpfen teile ich natürlich ausdrücklich, und ich danke dir, dass du meine Postings hier als das auffasst, was sie sein sollen. Ich brauche keine Bestätigungen meiner eigenen Meinung (wenn ich etwas gut finde, sollte das reichen ;-)), sondern eher ihre ständige Überprüfung. Leider ist diese Erwartung, die wir beide trotz aller übrigen Unterschiede wohl eher teilen, in der Blogosphäre nicht sehr verbreitet.

Gerade stefanolix aber zeichnete sich meist durch besonders begründete und nachdenkliche Beiträge aus. Schade.

 
At 26 Oktober, 2005 00:05, Blogger Dr. Dean said...

Es ist richtig, dass er meistens sich viel Mühe bei den Begründungen gibt, aber so etwas wie "Graben-Mentalität" war eben doch sehr häufig ruchbar. Meiner Meinung nach.

Zu S & W
Es gibt eine Menge Gründe dafür, warum ich meine, dass dort LGF nachgeeifert wird. Ich meine, da gab es mal ein Statement von Statler dazu. Unabhängig davon ist die verfolgte Internetstrategie und die eingenommene Haltung (stets mit der besonderen Dosis Häme und Basing) ähnlich, in politischer Hinsicht kann man Unterschiede wie Ähnlichkeiten feststellen.

Was die Kommentarpolitik angeht: Ich erinnere mich noch gut daran, dass sich S & M über das Wort "rechtsextrem" lustig machten, frei nach dem Motto: "sind wir etwa rechtsextrem?". Ich habe dann ganz sachlich die vier Charakterisierungen des Verfassungsschutzes angegeben.

Offenbar war aber das, was der Verfassungsschutz dazu meint, für S & W inakzeptabel, zumal das in Bezug auf das Ausgangsposting für S & W etwas peinlich sein musste.

Ich meine, dass S & W "intelligent" löscht: und zwar ausgesucht dort, wo die eigene Position bröckelig wird. Gegenüber harmlosen Beschimpfungen und Müll gibt man sich dann "liberal". Und das kam diverse Male vor.

Das erinnert mich ganz exakt an das Löschverhalten von einer bestimmten CDU-MDB-Kandidatin. Üble Beschimpfungen und Lächerliches ließ sie (bzw. ihr PR-Mann) drin, frei nach dem Motto: "schaut mal wie doof unsere Gegner sind" - jeden, aber wirklich jeden sachlichen Widerspruch löschten sie umgehend.

Eine eigentümliche Liberalität.

 

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