27 Oktober 2005

Das Appeasement-Argument taugt nichts

Amerikanische Falken behaupten überaus gerne, dass der Verzicht auf militärisches Handeln so etwas wie "Appeasement" sei, welches ja z.B. für Hitler verantwortlich ist. Fast immer, wenn es um die Begründung eines neuen Krieges geht, hört man auf der Seite von "strong republicans" (die nach unserem europäischen Verständnis eher eine Art christliche Faschisten sind) und von Neocons, dass "Appeasement" (das heißt: Diplomatie) für nahezu jedes Übel der Welt verantwortlich sei, angefangen bei der Existenz diktatorischer Regimes.

Ich vermute mal, dass hier etwas Entscheidendes in der der schulischen Ausbildung im angelsächsischen Raum schief gegangen sein muss, und zwar nicht nur, weil inzwischen fast jede Form von Diplomatie gegenüber gegnerischen Staaten sogleich "Appeasement" genannt wird.

Eigentlich meint der Begriff Appeasementpolitik einseitige Verzichtspolitik mit dem Zweck der Beschwichtigung eines militärisch drohenden Landes. Die richtige Anwendung des Begriffs "Appeasement" ergibt sich also nur gegenüber von Staaten, die mit Krieg drohen.

Wenn also Syrien stärker mit internationalen Anklägern zusammen arbeitet: Dann ist das ein echter Fall von Appeasement, in diesem Fall gegenüber den USA. Ein Nachgeben gegenüber militärischem Druck muss nicht immer falsch sen.

Ich benutze den umgewerteten Begriff dennoch im Folgenden so, wie ihn die angelsächsischen Falken gebrauchen (sowie europäische Neocon-Imitatoren), nämlich als Schmähung gegenüber dem Einsatz von Diplomatie im Konfliktfall an Stelle von Militärpolitik.

Weniger Appeasement = weniger Hitler?
Der von kriegs- und rüstungsinteressierter Seite gern propagierte Glaube, dass Hitler durch eine andere angelsächsische Außenpolitik im Jahre 1938 zu verhindern gewesen wäre, ist völlig unbegründet, was verblüfft, wenn man bedenkt, wie oft dieses "Argument" in die politische und historische Diskussion eingebracht wird.

War nun das Münchner Abkommens vom 29. September 1938 ein Wegbereiter Hitlers?

Nein. Es war Hitler nicht einmal eine sonderliche Hilfe, denn es schob den von Hitler angestrebten Krieg fast ein halbes Jahr auf, was in der Zeit nach dem Münchner Abkommen Großbrittannien die Zeit für ein ambitionietes Hochrüstungsprogramm gab, und damit womöglich eine Invasion Deutschlands in Großbrittannien verhindern half.

Ohnehin: Hitler hätte sein kriegerisches Mordsprogramm auch ohne die kurze Phase des Appeasements durchgezogen, und ein etwas zeitigerer Kriegsbeginn, z.B. am 29.09.1938 anstelle des Vertragsabschlusses, hätte insgesamt kaum etwas am geschichtlichen Verlauf geändert, außer, und dies ist eine bewiesene historische Tatsache, dass Frankreich und England noch weniger auf einen Waffengang vorbereitet gewesen wären.

Mit dem Bruch des Münchner Abkommens im März 1939 durch den Einmarsch in Prag wurde klar, das ein Krieg unvermeidlich war und in Kürze folgen würde.
Die Behauptung, dass Hitler durch "Appeasement" stark gemacht wurde, und dass das "Appeasement" schuld am Terror des Hitlerstaats war, ist zutiefst dämlich.
Begründeter ist die Annahme, dass der Hitler-Stalin-Pakt den Kriegsausbruch beschleunigte. Klug wäre die Vermutung, dass die Bedingugen von Versaille (die ja nun alles andere als "Appeasement" darstellten) eine der historischen Ursachen waren, z.B. dafür, dass die Hitlerbewegung so stark aufkommen konnte.

Auch fernab der beliebten, dennoch historisch falschen Propaganda um den Begriff "Apeasement", kann man die Überlegung anstellen, dass General Schleicher durch außenpolitische Zugeständnisse von Frankreich und England (die später dann ausgerechnet Hitler gemacht wurden), so sehr hätte gestärkt werden können, dass damit Hitler von Beginn an (also: vor 1933) verhindert worden wäre.

Einen General Schleicher (eine Mischung aus preußischem Offizier, Sozialdemokrat und Nationalist) mit außenpolitischen Erfolgen hätten 1933 genügend Deutsche an Stelle von Hitler gewählt. Hitler wäre von den Westmächten zu verhindern gewesen. Hier war also nicht "zu viel Appeasement" das Problem, sondern ein störrisches Festhalten an den ungerechten und kontraproduktiven Bedingungen von Versaille.
Die Geschichte der Entwicklung zum Zweiten Weltkrieg belegt die neokonservative Idee nicht, dass Krieg, "mehr Härte", militärische Drohnungen und "bloß keine Diplomatie" nachhaltige politische Konzepte darstellen.

2 Comments:

At 13 Dezember, 2005 18:38, Anonymous Anonym said...

Es ist allerdings schon spaßig, wenn Sie einen Wikipedia-Artikel verlinken, der genau das Gegenteil von dem aussagt, was Sie behaupten. Reparationen sind im Endeffekt eben nicht kontraporduktiv gewesen, sondern haben durch die mit ihnen verbundenen US-Kredite Deutschlands wirtschaftlichen Aufschwung bewirkt. "Goldene Zwanziger"

P.S.: Da bei Ihnen der Westen alles
Schuld ist und die Deutschen die Armen und General von Schleicher (National-Sozial) der Held, vermute ich eingies über ihre politische Ausrichtung.

 
At 27 Dezember, 2005 20:46, Blogger Dr. Dean said...

Ich mag es, wenn anonyme Autoren ihre strukturelle Leseuntüchtigkeit unter Beweise stellen. Der Wikipedia-Artikel steht meiner Sichtweise nicht entgegen. Ja, wo denn? Die Reparationen hätten mit "den verbundenen US-Krediten" den Aufschwung bewirkt?

Ja, wie lächerlich ist das denn?

Im Übrigen bekommen Sie den Preis für den dümmsten Kommentar des Monats. Bittschön!

Ihre Vermutungen in Bezug auf meinen politischen Standpunkt sollten Sie zentimeterdick einrollen und sich dergestalt in den Arsch schieben. Danke. Und tschüss!

 

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