10 Oktober 2005

"Du bist Deutschland"

Und liebst du Deutschland? Frage ohne Sinn!
Kann ich mein Haar, mein Haus, mich selber lieben?
Ist Liebe nicht auch Wagnis und Gewinn?
Viel wahllos tiefer bin ich mir selbst verschrieben
Und diesem Land, das ich, ich selber bin

In einer fremden Welt würde all dies nicht gedeihn
In der Fremde würd ich nur mich selbst entwurzeln
Lahm geflügelt hilflos gegen Mauern purzeln
Was wär ich, dürft ich nicht mehr Deutschland sein!

- frei nach Julius Bab -

Okay, das war jetzt kein Spottgedicht zur 30 Millionen schweren Werbekampagne, wie ich es mir ursprünglich vorgenommen habe.

Aber:

Mit der jung-matten schneegetriebenen Erweckungbewegung, welche uns kritiklose Taifunstürme von Leistungsbereitschaft "egal wo du arbeitest" abfordert, ohne dass wir im Gegenzug fragen dürfen, was "die anderen für dich tun", damit hat das eben nichts zu tun.

Als Deutscher hat man ja schließlich auch seine Würde.

Gegenmanifest

Ich bin Deutscher, weil ich hier eingewurzelt bin, in die Sprache, in das Land, in die Menschen um mich herum. Nicht mit blinder Liebe, nicht im Größenwahn des Übertreffen-müssens, nicht mit nationalen Tomaten vor den Augen, aber mit Liebe zu deutscher Vernunft, Toleranz und menschlichem Mitgefühl. Wie andere gute Europäer haben wir eine ausgeprägte Friedensliebe, wir lieben die Freiheit und ich wünsche uns, dass dies auf sehr lange Zeit so bleibt.

Ich erkenne an, dass es grundsätzlich sinnvoller ist, auf eigene Leistungen stolz zu sein, aber ein klein wenig Mitfreude über kollektive Leistungen braucht nicht schädlich zu sein. Jeder wie er mag, ob nun mit patriotischen Gefühlen, ob mehr oder minder heimatverbunden oder auch nicht - bei uns soll jeder nach seiner eigenen Fasson glücklich werden können!

Wir haben uns den Schrecken der Vergangenheit ehrlich und ohne Feigheit gestellt, und wir haben eine humanistische Lehre daraus gezogen. Bei uns steht die Menschenwürde als oberster Wert im Staat fest und alle Staatsorgane sind darauf verpflichtet. Wir streben nach freundschaftlichen Beziehungen zu unseren Nachbarn. Dem Nationalchauvinismus werden wir keinen Raum mehr geben.

Wir haben uns in unserem Haus eingerichtet und pflegen dort einen Sinn für Fortschrittlichkeit, für Bildung, Kultur und Wissenschaft. Bei uns darf man freimütig Kritik üben - und das ist gut so. Mag es auch mal Probleme geben, wir schauen zu, dass wir sie auf eine Weise lösen, dass damit alle vernünftig leben können. Nachhaltigkeit und Fairness zählen zu unserem Wertekanon. Wir werfen unseren Sozialstaat nicht einfach weg, weil die Gier der oberen Zehntausend das von uns verlangt.

Wir sind Deutschland.

4 Comments:

At 10 Oktober, 2005 11:19, Anonymous mspro said...

hört hört, Habermas lässt grüßen ;-)

 
At 11 Oktober, 2005 13:14, Blogger Boche said...

Das Gegen des Gegenmanifests kann ich nicht so ganz identifizieren.
Gut - es ist weniger in pseudo-junger Werbesprache, mehr in konsensträchtiger Wir-sind-alle-grundgesetztreue-Nachkriegsdeutsche-Sprache verfasst. Aber sonst?
Etwas misslungen, die Gegenrede, finde ich.

 
At 12 Oktober, 2005 00:29, Blogger Dr. Dean said...

@Boche

Der Punkt geht an dich.

Identifikation ist halt auch etwas Individuelles. Es ist ziemlich gewagt, sowas im "wir"-Ton zu schreiben.

Ich finde aber, wenn es in einem reichlich widersprüchlichen Erguss heißt: "Du bist Deutschland", dann gibt mir dies das Recht, "wir" zu sagen.

Ich wollte damit zeigen, dass die bei mir formulierten Ansichten deutlich mehr "wir" sind als das "Manifest" der gemeinsam ruckenden Jung van Matt/Bertelsmannstiftung.

 
At 12 Oktober, 2005 15:16, Blogger Boche said...

Gerade weil eine solche kollektiv betriebene (oder beworbene) Identifikation (was ja, wie du richtig schreibst, nur individuell sein kann) Nonsens ist, ist auch eine Gegenrede dazu Nonsens. ;-)

 

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