16 Oktober 2007

Wissenschaft, Fortschritt und Politik (eine ungeordnete Gedankenhalde)

(Vorsicht: Die folgenden Worte sind ungeordnet, wirr und stellen eher eine Art Stichwortsammlung dar)

1. Ich bin unzufrieden. Immer noch habe ich den Eindruck, dass es keine ausreichend hilfreiche und angemessene Wissenschaftstheorie für die Sozialwissenschaften gibt. Im Wesentlichen mäandere ich zwischen Popper, Kuhn und Feyerabend - und werde doch nicht froh. Mein Eindruck ist der, dass der Forschungsgegenstand einen verheerenden Einfluss auf den Wissenschaftsprozess ausüben kann. Bei den komplexen und vielfältig deutbaren Fragen in den Sozialwissenschaften gibt es - so scheint mir - zahlreiche Einfallstore dafür, dass aus Wissenschaft Priestertum wird bzw. epigonenhafte Züge entwickelt, im Übelsten Fall wandelt sich "Wissenschaft" in ein Hilfssystem für Ideologien, inklusive der Abwehr von Erkenntnisfortschritten.

2. Der diesjährige Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften sollte mich eigentlich milde stimmen - und meine Verzweiflung mäßigen. Immerhin zeigen die Forscher, vor allem über die Anwendung von Spieltheorie, dass das Ergebnis von Marktprozessen mitnichten ein bloßes "Ergebnis von Angebot und Nachfrage" ist. Je nach institutionellen Rahmen, je nach verwirklichter Rahmen- und Regelordnung für den Marktprozesse fallen die Marktergebnisse (z.B. der Preise einer Transaktion) stark unterschiedlich aus. Es ist also Humbug, Preise und ökonomische Prozesse schlicht als Ergebnis "des Marktes" zu betrachten, ohne zuvor nach den Marktbedingungen, institutionellen Rahmen- und Regelbedingungen und Machtverhältnissen auf den Märkten zu fragen.

Es lässt sich z.B. zeigen, spieltheoretisch, in der Praxis und über die hierzulande immer noch unterschätzte Experimentalökonomie, dass Informations- und Machtassymetrien der Marktteilnehmer die Prozessergebnisse und die Prozessrichtung bestimmen. Es wird gehörig am Nukleus der eigentlich verdienstvollen Neoklassik gerüttelt - und doch bin ich nicht froh.

Der diesjährige Nobelpreis zeigt auch, dass wesentliche und bahnbrechende Erkenntnisse, sogar dann, wenn sie beweiskräftig sind, von der Mehrzahl aller Wirtschaftswissenschaftler über viele Jahrzehnte hinweg ignoriert werden können. Schlimmer noch: Die zahlreichen neuen Fragestellungen, die untersucht werden könnten, werden hemmungslos ignoriert, sofern sie mit dem herrschenden ideologischen System inkompatibel sind.

3. Ich frage mich immer noch (und dies seit vielen Jahren ohne Antwort), wie der Wissenschaftsprozess der Sozialwissenschaften adäquat dargestellt werden kann. Vielleicht ist es hilfreich, wenn man die Sphäre der Wissenschaft zunächst unterteilt in a) seinen Elementarnukleus (die Erkenntniskerne - der Bereich, wo Aussagen sehr sicher oder sogar beweisbar sind) , b) wesentliche Kerntheorien und - axiome, c) die Form der Gelehrsamkeit sowie d) den priesterlich-ideologischen Bereich. Es ist wohl aber ein Fehler, den "priesterlich-ideologischen Bereich", so sehr und so oft dieser in der Wissenschaftsgeschichte Erkenntnisfortschritte behindert hat, für vernachlässigenswert oder unwichtig zu halten. Priestertum ist ein Teil dessen, was Wissenschaft zu leisten hat.

Vielleicht ist es eine gute Idee, die Wissenschaftsgeschichte systematisch auf zweierlei Weise hinsichtlich wissenschaftlicher Entdeckungen zu untersuchen. Erstens in Hinblick auf Beispiele, wo sich wesentliche wissenschaftliche Entdeckungen schnell und elegant durchgesetzt haben und zweitens in Hinblick auf Beispiele, wo wesentliche Erkenntnisfortschritte (wissenschaftliche Entdeckungen) behindert wurden oder sich erst spät durchsetzen konnten. Man könnte auf diese Weise - fernab dogmatischer Wissenschaftsphilosophie - fördernde und hemmende Faktoren des Wissenschaftsprozesses finden.

Gerade für Sozialwissenschaften stellen sich zahlreiche Fragen, beispielsweise: Wie muss die Wissenschaftscommunity beschaffen sein? Wie ist der Umgang mit wissenschaftlicher "Häresie"? Welchen Einfluss hat wissenschaftliche Autorität und woraus speist sie sich? Welche Wertigkeit haben Neugierde und erkenntnistheoretische und soziale Offenheit? Wie bilden sich wissenschaftliche "Schulen" - und was ist ihre Bedeutung?

(Und ich weiß: alle diese Fragen sind viel zu groß für mich. Ich werde vermutlich nicht einmal begreifen, warum ein guter und bewunderungswürdiger Wirtschaftswissenschaftler wie Frank H. Knight keine Schule gebildet hat - ganz im Gegensatz zum Knallkopf und Scharlatan Ludwig Mises)

4. Politik. Mir ist eine (vermutlich stark bezweifelnswerte) Idee gekommen, warum sich Liberalismus so schnell auf Interessen dienende Weise (i.d.R. für das Besitzbürgertum) deformiert. Es hat m.E. mit dem Wesen von Politik zu tun.

(Vorsicht, spätestens jetzt beginne ich zu schwafeln)

Im ideologischen System des Liberalimus sind Besonnenheit und Interessenausgleich zentrale Werte. Eine politische Partei sollte, wenn sie Erfolg haben will, anderseits aber einen für Anhänger attraktiven "Überbau" bzw. ein entsprechend parteiliches ideologisches System haben, und ist darauf angewiesen, die Interessen ihrer Anhänger gut zu repräsentieren, idealerweise auch in Abgrenzung zu politischen Gegnern und Feinden. Ein deformierter Liberalismus der Eigentümer und Wohlhabenden hat insofern eine zuverlässige, wenngleich kleine Basis.

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1 Comments:

At 16 Oktober, 2007 16:47, Blogger Solon said...

Ich weiß nicht, wie stark es in Deutschland verbreitet ist, dass in Forschungsinstituten (universitär oder außeruniversitär) eher Ideologien angehangen wird als einem "offenen Forschergeist". Ich kann nur sagen, dass zumindest in der Kognitionspsychologie in Deutschland die Ergebnisse der Spieltheorie allergrößte Beachtung finden und hier auch ein reger Wissensaustausch zwischen Kognitionspsychologie und spieltheoretisch ausgerichteten (amerikanischen) Wirtschaftswissenschaftlern besteht.

Ich sehe das Hauptproblem eher in dem, was Du auch kurz streifst: Dass nämlich ganz allgemein sozialwissenschaftliche Erkenntnisse im "Alltag", also in der Politik oder in der Unternehmensführung oder in der Arbeit von Behörden, selten beachtet werden. Man sieht dies beispielsweise auch an solch einem System wie "Hartz IV". Dem Staat dient dies insgesamt nicht. Im Gegenteil. Oder auch an der Bildungspolitik mit dem frühen Aussortieren angeblich nicht förderungswürdiger Schüler. Eine Katastrophe... Aber beides dient natürlich der Herrschaftssicherung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen.

Eine allgemeine Ignoranz in der deutschen Politik oder deutschen Unternehmen und Behörden gegenüber der Wissenschaft kann es nicht sein, die für das Ausblenden der Sozialwissenschaften verantwortlich ist. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse aus anderen Fachgebieten (beispielsweise aus den formallogischen oder Naturwissenschaften) übernimmt man ja gerne. Aber Sozialwissenschaften haben halt Politik, Unternehmensführung, Organisationen, Institutionen und so weiter selbst zum Thema. Und in diesen gibt es immer althergebrachte Herrschaftsstrukturen, die sich gegen jede Form von drohenden Veränderungen wehren. Denn jede von Außen angestoßene Veränderung birgt das Risiko eines Machtverlustes.

Leider finden in Deutschland die Erkenntnisse aus den diversen Sozialwissenschaften auch in den Medien kaum Gehör. Somit entsteht keine kritische öffentliche Masse, die gegen die herrschenden Strukturen in Politik und Wirtschaft eine praktische Anwendung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse verlangen könnte. Vermutlich, weil die Medien längst einverleibt wurden von diesen "Strukturen", die Angst haben vor den Erkenntnissen aus den Sozialwissenschaften.

 

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