08 Oktober 2007

Widersspruch zu Michal Sauga

Während ich gerade einen - in der Summe - qualitativ und von seinem Fokus her erfreulichen Artikel von Michael Sauga in SpOn lese, stolpere ich über einige Verzerrungen, Fehler und Ungenauigkeiten, und dann über die Frage, ob ein von Michael Sauga formulierter zentraler Zusammenhang tatsächlich, wie ich meine, eine "voreilige und letztlich falsche Bewertung" darstellt:
Mitten im stärksten weltwirtschaftlichen Aufschwung seit Jahrzehnten sind Deutschlands Arbeitnehmer einer Zangenbewegung ausgesetzt (...). Zum einen nimmt der Staat den Arbeitnehmern erhebliche Teile ihres Einkommens in Form von Steuern und Beiträgen ab, um seine Sozialsysteme zu finanzieren. (...) Zum anderen schwächt der globale Kapitalismus die wirtschaftliche Position der abhängig Beschäftigten. Was Karl Marx bereits vor 150 Jahren als "rasende Jagd der Bourgeoisie über die ganze Erdkugel" beschrieb, hat heute eine neue Etappe erreicht. Die Opfer sind die Arbeitnehmer in den alten Industrieländern, die ohnmächtig mit ansehen müssen, wie sie die neue Weltwirtschaftsordnung einer bislang unbekannten Konkurrenz aussetzt - und ihre Bruttolöhne drückt.*

Geht ein stark gewachsener Anteil der Löhne und Abgaben in die Finanzierung der Sozialsysteme? Nimmt man die letzten 15 Jahre als Ausgangspunkt der Überlegung, dann drängt sich für mich eher der Eindruck auf, erstens, dass sich Unternehmen und Selbstständige auf Kosten von Arbeitnehmern der allgemeinen Steuerlast entledigt haben, und zweitens, dass irrational hohe Pensionslasten (Beamtenversorgung) sowie die v.a. von Arbeitnehmern geschulterten Kosten einer älter gewordenen Bevölkerung zunahmen.

Nun, das kann man prüfen.

Ist es wirklich die "bislang unbekannte Konkurrenz" des weltwirtschaftlichen Wettbewerbszusammenhangs, welche die Bruttolöhne im unteren Einkommensdrittel drückt? Wenn diese Kraft so überaus stark wäre, dann müssten eigentlich die Löhne für Manager, Spitzeningenieure und Privigierte besonders stark verfallen. Auch müsste sich eine lohnbedingte Wettbewerbsschwäche in einem gesunkenen Exportvolumen zeigen. Davon ist nichts zu sehen. Ich vermute eher, dass es eine Frage der binnengesellschaftlichen Entwicklung ist, welche für zunehmende Ungleichheit in unserem Land sorgt.

Aber wie kann ich mir da sicher sein?

Um ein Indiz zu erhalten: Man könnte - für die letzten 15 Jahre - untersuchen, ob und wie stark der Gini-Koeffizient im europäischen Vergleich, sowie die Löhne im unteren Einkommensdrittel sowie deren Entwicklung: vom weltwirtschaftlichen Verflechtungsgrad abhängen. Wäre die "Globasierung" ein wesentlicher Faktor der Einkommensentwicklung, müsste ein Zusammenhang im Vergleich nachweisbar sein. Ich vermute: Dem ist nicht so.

In den Niederlanden, in Belgien, in der Schweiz und in Dänemark (um vier europäische Länder mit deutlich höheren weltwirtschaftlichen Verflechtungsgrad zu nennen) war die Entwicklung der Bruttolöhne NICHT so schlecht wie in Deutschland. Ganz im Gegenteil. Und diese Länder sind der sogenannten "Globalisierung" ökonomisch stärker ausgesetzt als Deutschland.

Aber gut, das müsste man mal genauer prüfen. Und dann könnte man gleich auch sehen, ob es Hinweise dafür gibt, dass die Entwicklung des BSP/Kopf ein stärkerer Indikator der Einkommensentwicklung darstellt - was ich vermute.

Auch meine ich, aber hier ist es eine schwerer beweisbare Spekulation, dass die deutsche Wachstums- und Konjunkturschwäche in einem erheblichen Maß damit zusammenhängt, dass den deutschen Arbeitnehmern in den letzten 15 Jahren unvergleichliche Lasten aufgebürdet wurden. Im OECD-Vergleich findet sich kein Land, wo die Arbeitnehmer mit Steuern und Abgaben so einseitig herangezogen werden! Das hat Arbeit entwertet, es verkürzt binnenkonjunkturelle Möglichkeiten und verteuert zu allen Überfluss den Produktionsfaktor Arbeit im Vergleich zu anderen Produktionsfaktoren, wodurch die Faktorauslastung verringert wurde - sichtbar an der Beschäftigungsentwicklung. Das ging auf Kosten des gesamtgesellschaftlichen Wohlstands.

Ich meine: Die deutsche Wachstums- und Konjunkturschwäche der letzten 15 Jahre ist mitverursacht durch eine grassierende neoliberale Ideologie unserer politischen und ökonomischen Eliten. Der "Faktor Arbeit" wurde systematisch belastet und verteuert, damit es den Unternehmern und Privilegierten gut und besser geht. Und richtig: Diesen geht es gut. Und nur diesen.

Neoliberalismus ist eine Wachstumsbremse.

* (Hinweis: Zitatrechtlich ist die Länge des Zitats als Großzitat abmahnbar, auch dank der gegenwärtig ziemlich obskuren Rechtsentwicklung. Dieses Zitat ist also eine dankbare Beutequelle für jedes sogenannte "Organ der Rechtspflege". Allerdings wüsste ich auf Anhieb keine Zitat-Kürzung, welche nicht zugleich auch den Grundgedanken verkürzen würde. Ach ja: Und ich scheiße auf Abmahnanwälte und ein Unrecht, das sich rechtlichen Anschein zu verschaffen weiß)

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3 Comments:

At 12 Oktober, 2007 00:12, Anonymous Anonym said...

Wer sind das "die Priveligierten"?

Die Reichen?
Die Juden?
Die Bürgerlichen?
Die Selfmademan aus einfachen Verhältnissen?
Mercedesfahrer?
Urlauber auf den Malediven?
Medienschaffende?
Erben?
Blogger?

 
At 16 Oktober, 2007 03:19, Anonymous Anonym said...

Es heißt "die Privilegierten", und so wurde es auch im Artikel geschrieben.

Beamte, Erben ab einer gewissen Summe sicherlich auch, Medienschaffende in Top-Positionen mit Gewissheit und sicherlich auch die Reichen.

Wer ziemlich eindeutig wie eine Weihnachtsgans ausgenommen wird, sind hingegen pflichtversicherte Arbeitnehmer, insbesondere wenn von der Krankenversicherung nicht noch weitere Familienmitglieder profitieren.

Ben

 
At 16 Oktober, 2007 03:51, Anonymous Anonym said...

"Wenn diese Kraft so überaus stark wäre, dann müssten eigentlich die Löhne für Manager, Spitzeningenieure und Privigierte besonders stark verfallen. Auch müsste sich eine lohnbedingte Wettbewerbsschwäche in einem gesunkenen Exportvolumen zeigen. Davon ist nichts zu sehen. Ich vermute eher, dass es eine Frage der binnengesellschaftlichen Entwicklung ist, welche für zunehmende Ungleichheit in unserem Land sorgt."

Danke dafür. Ich kann langsam nicht mehr hören, dass die Globalisierung in ihrem Lauf weder Ochs noch Esel aufhalten würden, man zwar gerne höhere Löhne zahlen würde, aber leiiider leider, Gürtel enger schnallen, wir schaffen das alle zusammen, Geist von Spiez, Taifun-Schmetterlinge leck mich am Arsch.

 

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