02 Oktober 2007

Naomi Klein irrt sich

Ich habe Naomi Klein geschätzt dafür, die Wirklichkeit z.B. von sweat shops sichtbar zu machen. Auch dafür, hinter die Markenfassaden zu schauen. Das wäre eigentlich eine Aufgabe der Wirtschaftspresse gewesen, die jedoch leider i.d.R. zu wirtschaftshörig ist, um die Öffentlichkeit zu informieren. Insofern halte ich sie für eine wichtige Intellektuelle.

Für eine große Denkerin habe ich sie nie gehalten.

In ihrem aktuellen Buch, "Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus." reduziert sie den Neoliberalismus auf eine neoliberale Schockstrategie - und zieht einen Zusammenhang zu militärischen Schockstrategien, sowie zu Elektroschocks und Folter.

Bei Lichte betrachtet, ist schon fragwürdig, eine Vielfalt wirtschaftspolitischer Bestrebungen mit dem Begriff "Neoliberalismus" zu vereinfachen. Das Bild der Wirklichkeit wird vereinfacht, oft sehr grob, aber immerhin, wesentliche Züge werden damit i.d.R. gezeigt.

Naomi Klein begeht jedoch den ersten Kardinalfehler in ihrer Analyse, indem sie die Vielfalt neoliberaler Gestaltungsideen und Ideologeme - unzulässig und von der Wirklichkeit wegführend - auf die Person und die Ideologie von Milton Friedman und dann auch auf neoliberale Schocktherapien (bzw. - versuche) reduziert. Damit verengt sie ihre Kritik auf einen Teilbereich, der in der heutigen Politik kaum noch eine Rolle spielt.

In ihrem Versuch, den Neoliberalismus zu dämonisieren, zeichnet sie ein Zerrbild.

Der zweite Kardinalfehler besteht darin, dass sie sehr unterschiedliche und eher unverbundene Phänomene unter dem Begriff "Schock" subsummiert. Ökonomische Schocktherapien sind in erster Linie Überrumpelungsstrategien - aber nicht notwendigerweise Repressionsstrategien. Der zu Folterzwecken eingesetzte "Schock" ist von grundsätzlich anderer Bedeutung, er zielt direkt auf Unterdrückung und die Brechung des freien Willens.

Man kann zwar durchaus behaupten, dass die politische Umsetzung eines möglichst radikalen Neoliberalismus mit politischer Repression verbunden ist. Dafür spricht auch die Erfahrung, die in vielen Ländern damit gemacht wurden. Aber, das meine ich, das gilt praktisch immer, wenn versucht wird, eine Wirtschaftsideologie möglichst radikal umzusetzen.

Tatsächlich zielt ein radikaler Neoliberalismus auf die vollständige Zerschlagung von Gewerkschaftsmacht, Mitbestimmung, Schutzgesetzen und demokratischer Teilhabe bis hin zur Entmachtung von Demokratie und Zivilgesellschaft, damit sich wirtschaftliche Macht möglichst ungehemmt entfalten kann.

Wer solche gesellschaftlichen Veränderungen beabsichtigt, mag überdies autoritär, reaktionär und militaristisch gesinnt sein, sicherheitspolitische Angstbilder propagieren und vielleicht auch außenpolitische Konflikte begrüßen, um damit die eigene Machtposition zu stabilisieren. Aber erstens kommt derlei politisches Wollen auch ohne "Schocks" aus, und zweitens tut man den Neoliberalen in ihrer Mehrheit unrecht, wenn man Ihnen derartige Ideen für die Organisierung des gesellschaftlichen Miteinanders unterstellt. Auch ist der IWF inzwischen von seiner Politik eines neoliberalen "shock treatment" abgekehrt.

Naomi Klein irrt sich also elementar.

Nichtsdestotrotz ist der Neoliberalismus (in seiner Gesamtheit und Vielfalt) eine weitgehend realitätsferne und in der Wirkung für die Mehrheit der Bevölkerung eine wohlstandsfeindliche Ideologie. Neoliberalismus entdemokratisiert Gesellschaften und begünstigt, zumal bei radikaler Umsetzung, tatsächlich faschistoide Strukturen.

Dazu kommt, dass dort, wo Institutionen ausgehend von Ideologemen des Neoliberalismus "reformiert" werden, sich diese i.d.R. auf eine recht menschenfeindliche Weise verändern. Naomi Klein hätte ein besseres Buch geschrieben, wenn sie diese Prozesse beschrieben hätte.

Labels:

4 Comments:

At 02 Oktober, 2007 19:38, Anonymous Anonym said...

Ich habe das Buch nicht gelesen. Sollte Naomi Klein tatsächlich den Neoliberalismus auf eine neoliberale Schockstrategie reduzieren, würde das dem Neoliberalismus nicht gerecht.

Ich verstehe die Schock-Doktrin allerdings etwas anders. Kleins These ist für mich völlig einleuchtend. Dass sich im Chaos nach einem Schock bzw. einer Katastrophe der Stärkste durchsetzt wirkt ja wie ein Naturgesetz. Wenn der Staat als Institution im Chaos (Naturzustand) außer Kraft gesetzt ist, funktioniert der Ausgleich zwischen stark und schwach, arm und reich nicht mehr. Der Staat (Gesellschaftsvertrag) soll ja gerade das Chaos (Naturzustand) beenden.

Deshalb bieten die chaotischen Momente nach einer Katastrophe für die Starken eine große Chance, eine bestimmte (derzeit eben eine neoliberale) Politik durchzusetzen, wie Naomi Klein in ihrem Buch anhand vieler Beispiele darzulegen versucht.

RJ

 
At 05 Oktober, 2007 13:17, Blogger Paul13 said...

Könnte mir zwar angesichts Deines liebevollen Umgangs mit uns armen NeoCons eigentlich egal sein, aber als netter Mensch wünsche ich auch dem politischen Gegner keine Hackerangriffe, daher folgende Info:

Hab eben in meinem WordPress-Dashboard auf einen simplen Referrer von StatCounter geklickt, der offenbar von Dir kam, mit dem Ergebnis, daß ich in Deinem Account drin war und alles sehen konnte und wohl auch hätte ändern können.

Frag mich jetzt nicht wie das technisch möglich ist, aber falls das ein Bug ist, ist das ziemlich beunruhigend, zumal ich auch StatCounter benutze und mir das vermutlich dann genauso passieren könnte.

Ich hab sicherheitshalber mal ein logout gemacht, danach kam ich dann auch nicht mehr rein. Falls Du eben in StatCounter angemeldet warst wäre das vielleicht ein Hinweis auf eine Sicherheitslücke. Auf jeden Fall nicht wundern, wenn Du plötzlich die Loginmaske kam.

Hab leider Deine eMail nicht (die hätte ich mir vielleicht vor dem logout besser mal gemerkt ;-), aber das solltest Du recht zeitnah wissen, deswegen schreib ich's hier (nach Kenntnisnahme einfach den Kommentar löschen, bevor sich's rumspricht).

Paul13 (No Blood for Sauerkraut!)

http://nbfs.wordpress.com/

P.S.: Falls Du da was rauskriegst, laß es mich wissen. Meine eMail lautet admin.nbfs@googlemail.com.

 
At 18 Oktober, 2007 12:30, Blogger classless said...

Naomi Kleins Auftritt im Kulturkaufhaus Dussmann: "Dussmann baut Festung Europa aus"

 
At 11 November, 2008 03:25, Anonymous Leighanna said...

Good for people to know.

 

Kommentar veröffentlichen

Links to this post:

Link erstellen

<< Home