13 März 2007

Erzählung (Entwurf): Sie nannten ihn Spasti

Vorab: Kinder und Jugendliche sind manchmal wie ein Labor. Sie ermöglichen es dann, wiederholbar zumal, Gesetzmäßigkeiten in unserer Welt zu verstehen.

Als Kind hatte Rudolf einmal im Monat einen epileptischen Anfall. Mit allem, was dazu gehört. Sowas macht die Runde. Sowas ist interessant. Sowas ist ein Problem. Indes waren die epileptischen Anfälle eher weniger das Problem, denn diese Anfälle konnte man handhaben, und höchst selten war es, dass einer dieser Anfälle jemals zu einer Verletzung führte.

Weniger handhabbarer und dafür umso stärker zu Verletzungen führend waren die Reaktionen seiner kindlichen und später jugendlichen Altersgenossen. Da zählte es wenig, dass Rudolf nett und hilfsbereit war, und noch weniger zählte es, wenngleich es desto häufiger in Anspruch genommen wurde, dass sich Rudolf zur personifizierten Hausaufgabenhilfe entwickelte.

Vor der Schule. Nach der Schule. In den Pausen.

Dann nannten ihn Spasti. Jedesmal, wenn sie ihn so nannten, schnitten sie das hässliche Wort tiefer in seine verletzte Seele. Richtige Verletzungen holte er sich, wie die Leser gerade erfahren haben, nicht über seine Anfälle, aber er holte sie sich seine Verletzungen von denen, die ihn Spasti nannten. Genauer gesagt von denen, denen das nicht genug war.

Denn Rudolf, die intelligente und gutmütige Hausaufgabenhilfe, war in deren Augen das personifizierte Böse. Daher, weil also Rudolf dem Reich des Bösen zugerechnet wurde, daher wurde er so regelmäßig verprügelt, dass dies seinen Altersgenossen als weitere Quelle des Spotts dienen konnte.

Das machte ihn, und zwar bis heute, zu einem sehr zurückhaltenden Typen und verstärkte seine teils sonderlingshaften Züge. Gleichzeitig fühlte er sich denen nahe, die ähnlich wie er angegriffen, schwach oder behindert waren. Er konnte sie gut verstehen. Dass seine Seele unter den Schlägen nicht zerbrach, lag nun zu nicht geringen Teilen daran, dass die Schule, eine sehr besondere Schule, die er besucht hatte, sich die Stärkung von Kinderseelen zum Programm gemacht hat.

Am gleichen Tag, an jedem gleichen Tag, an der er Prügel einstecken durfte, lernte er an dieser Schule, und zwar etwas überaus Bedeutendes: Nämlich, dass er etwas wert ist und etwas kann. Das fing ihn auf.

Inzwischen häuften sich Rudolfs epileptischen Anfälle von zuvor einmal monatlich auf mehrmals täglich. Mit 21 Jahren fand man den Grund dafür, nämlich einen langsam wachsenden Hirntumor im Kopf von Rudolf. Dieser Hirntumor wurde herausgeschnitten, und Rudolf war zunächst sprachlos.

Als er dann seine Sprache wiederfand, was wegen des bei der Operation entfernten Gehirnareals nicht ganz einfach war, stieg sein Intelligenzquotient von 108 (ein Wert, den er mit 15 Jahren hatte) auf nunmehr 135.

Es wäre eine schöne und sehr einfache Erzählung, wenn man nun davon berichten könnte, dass Rudolf im Leben danach umstandslos seinen Weg machte und sein Glück fand, ja vielleicht sogar zu den hochgelobten Leistungsträgern* unserer Gesellschaft zu zählen wäre. Aber so einfach ist es nicht. Unsere Gesellschaft tut sich schwer, oft sogar, für Menschen einen passenden Platz zu finden, zumal dann, wenn diese für sich selbst noch nicht zu kämpfen gelernt haben.

Wer Rudolf als jungen Mann kennenlernte, meint oft zunächst, dass es sich hierbei vor allem um einen merkwürdigen jungen Mann handelte. [Beschreibung einfügen]

Wie naheliegend schien es, zumal sich dieser junge Mann sehr zurückhaltend, und mitunter sogar linkisch gab, ihn in die Rubrik einzusortieren, welche unsere Gesellschaft für ihn umso bereitwilliger vorgesehen hat: Organisch-kognitive Persönlichkeitsstörung. Geistig behindert. 1-Euro-Jobber. Keine besonders günstige Kombination.

Rudolf wurde also erst einmal herumgereicht, als "geistig Behinderter", und dergestalt unter anderem als Betreuer anderer geistig Behinderter eingesetzt. Wie überall, wo man Rudolf eine Arbeit gibt (das setzt sich quasi seit der Zeit mit den Hausaufgaben fort), dort macht Rudolf seine Arbeit gut. Es gelang ihm beispielsweise, einen unintelligenten, zurückgebliebenen, hochgradig geistig Behinderten das Schachspielen beizubringen.

Ein Wunder.

Und das kam so: Rudolf hatte, wie für derartige Projekte üblich, eine soziale Umgebung mit lauter geistig Behinderten. Niemand konnte dort Schach spielen. Rudolf langweilte sich. Eines Tages erzählte, genauer gesagt, stammelte ihm ein geistig Behinderter, dass sein Kumpel ihn immer verspotte, nämlich, weil er nicht nur geistig behindert war (das war akzeptiert), sondern auch noch Epileptiker.

Rudolf kannte das Problem.

Rudolf fragte dann den verspotteten geistig Behinderten (vgB), ob sein Kumpel etwas besser könnte als er. Nein. Dann erklärte Rudolf dem vgB, dass er nicht mehr verspottet werden würde, sobald er etwas Besonderes kann, wenn er also Schach spielen kann. Das war ausgesprochen überzeugend, es gab nun leider ein nicht geringes Problem, und das bestand darin, ihm Schach beizubringen.

Kein Problem, für Rudolf.

Rudolf stimmte sich mit den Betreuern des vgB ab, und entwickelte danach einen Schlachtplan. Zunächst dachte sich Rudolf lauter kleine Schachgedichte aus, ein Gedicht für jede einzelne Figur. Zum Beispiel: "Zwei vor und einen Sprung zur Seite, genau so zieht der Reiter". Nach zirka vier Wochen geduldigen Übens beherrschte der vgB seine Gedichte und bekam dann die Schrittfolgen für die einzelnen Schachfiguren auf eine spezielle Weise visualisiert.

Den ganzen Lernprozess im Detail vorzustellen, würde ausufern, ich kürze die Erzählung ein wenig, und zwar mit dem Ergebnis ab, dass der vgB tatsächlich Schach spielen lernte. Der vgB wurde von seinem Kumpel nicht mehr verspottet, sondern als Schachspieler in seinen Kreisen immens bewundert. Und Rudolf, der zunächst selbst als geistig Behinderter galt, bekam das ernsthafte Angebot, sich zum Heilerzieher ausbilden zu lassen.

Nun, Rudolf wäre, und dies mit Sicherheit, ein brillanter Heilerzieher für geistig Behinderte geworden. Seine Liebe zu seinen Mitmenschen, sein Einfühlungsvermögen, nicht zuletzt auch seine immense Gutmütigkeit, Kreativität und Intelligenz, und viele weiterer seiner Talente hätten sich auf das Gelungenste: in diesem Berufsbild verbunden.

Rudolf wurde kein Heilerzieher.

Man könnte die Erzählung an dieser Stelle beenden und zum Lamento über eine Gesellschaft ansetzen, welche Menschen, leider, allzuoft und völlig unnötig zumal, herabdrückt. Man könnte darstellen, wie Rudolf dann weiter herumgeschubst wurde, und quasi als "Unbrauchbarer" behandelt und verkannt wurde. Das wäre eine unvollständige Erzählung, und überdies auch nur ein kleiner Teil dessen, was sich seitdem ereignet hat.

Wir leben im Heute. Das Heute kennt seine Zukunft noch nicht - insofern hat diese Erzählung eine offenes Ende. Und Rudolf ist inzwischen 25 Jahr alt und er weiß, dass er als Person ein Besonderer ist und dass er besondere Talente hat. Er vertraut auf die Zukunft. Er pflegt seine Talente.

Rudolf wird seinen Weg machen.

P.S.
Ein sogenannter "Leistungsträger" wäre Rudolf inzwischen, und dies gewiss sogar, wenn er mit Hilfe der Protektion seiner Eltern, sowie durch Unterstützung mit dem gehobenen Habitus seiner sozialen Klasse auf eine Position eines "Leistungsträgers" gespült worden wäre. Rudolf hätte sich dort gut gemacht. Überall.

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1 Comments:

At 13 März, 2007 18:25, Anonymous red.cloud said...

(Wenn Literaturkritik gestattet ist)Wäre schon wichtig, auszuführen, warum das mit dem Heilerzieher nicht geklappt hat, finde ich. Sonst hängt das Ende logisch etwas in der Luft. Ausserdem könnten ein paar Echtzeit-Szenen zwischendurch (Monologe oder Dialoge) das ganze etwas entzerren und für den Leser "mitfühlbarer" machen.

 

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