01 November 2006

Nachtrag zu Think Tanks: Beeinflussungsapparate

"Think Tanks" verfolgen Ziele von i.d.R. rechtsgerichteten Geld- und Politeliten. Warum ihnen Journalisten so regelmäßig auf den Leim kriechen, das hat m.E. mit einem süßlichen Geruch zu tun, sowie mit schlichter und kritikloser Bequemlichkeit.

Es hat m.E. auch damit zu tun, dass durchaus nachgefragte Politikberatung und "Journalismusberatung" (d.h. kostenlose Contentlieferung an Journalisten und Redaktionen) durch andere Stellen bislang unzureichend erfolgte. Wissenschaftliche bzw. andere der Objektivität verpflichteten Stellen liefern kaum, was hier nachgefragt wird.

Andererseits unterscheidet sich der Drive von Think Tanks, nämlich der Wille zur Beeinflussung und Platzierung von Inhalten, essentiell von wissenschaftlichen und neutralen Stellen. Dabei gäbe es jede Menge guter Fachleute und Professoren/innen, welche sich für Anfragen aus den Medien und der Politik zur Verfügung stellen könnten - in bester Qualität.

Es wird jedoch, aus Unkenntnis und Bequemlichkeit, oft nicht angefragt, leider, - und damit höchst fragwürdigen Propagandafabriken ein unverhältnismäßig großer Einfluss eingeräumt. Vielleicht würde es aber Politik und Medien helfen, wenn sie "Think Tanks" zunächst als das betrachten, was sie in erster Linie sind:

Beeinflussungsapparate.

14 Comments:

At 01 November, 2006 13:12, Anonymous perspektive2010 said...

Man könnte sie auch einfach Lobbyisten, Propagandisten und Manipulatoren nennen. Experten wie Prof. Butterwegge - http://www.nachdenkseiten.de/cms/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=7&idart=340 - härt man viel zu selten, die Sprachrohre der Think Tanks und anderen Manipulatoren wie der INSM aber zu häufig, z.B. Friedrich Merz, Paul Kirchhof und Prof. Un-Sinn.

Gruß

alex

www.perspektive2010.de

 
At 01 November, 2006 15:41, Blogger che said...

Würden unabhängige Professoren anstelle der Thinktanks und Consultings angesprochen, wie sähe die abgeleitete Politik aus? Man stelle sich vor, statt Sinn & CO würden Leute wie Rudolf Hickel, Elmar Altvater, Ernst-Otto Czempiel, Peter Lösche, Franz Walter und Niels Beckenbach unsere Politiker beraten, oder statt des ifo die Memorandum-Gruppe....

 
At 01 November, 2006 19:31, Blogger Dr. Dean said...

Ich denke, dass die Vielfalt der gegebenen Politikempfehlungen größer wäre - würden sich die Medien zunächst an Experten/Profs wenden, und "unempfindlicher" sein gegenüber den Beeinflussungsversuchen aus der Think-Tank-Szene.

@Perspektive 2010
Butterwegge schätze ich nicht so sehr - jedoch als ergänzende Stimme halte ich ihn für wertvoll. Richtig ist aber, dass der marktliberale Einheitsbrei eine deutliche Auflockerung gebrauchen könnte.

@Che
Wenn Du Dir die "Hamburger Erklärung" anschaust, dann siehst Du, dass es genügend, ähem, reaktionär gesinnte deutsche Professoren gibt.

Aber die Vielfalt würde zunehmen, die Unabhängigkeit von Partialinteressen erst recht, und nicht zuletzt würde ein Professor mit seinen Empfehlungen, wenn sie denn zu einseitig sind, seine Reputation aufs Spiel setzen.

Die wissenschaftliche Diskussion und die daraus abgeleitete Politikberatung ist m.E. aber eine Sache, die Öffentlichkeit und öffentlichen Diskurs gut vertragen könnte. Insofern:

Profs sind besser als Think Tanks, welche oft genug nur auf PR-Zwecke dressierte Affen zu bieten haben.

 
At 01 November, 2006 23:38, Anonymous Matthias B. said...

"Profs sind besser als Think Tanks, welche oft genug nur auf PR-Zwecke dressierte Affen zu bieten haben."

Nun ja, da das Bildungswesen in D weitestgehend verstaatlicht ist, kann man auch auf Professorenseite wohl kaum neutrale Wissenschaft, zumindest in politisch "heißen" Themengebieten, erwarten.

Das Prinzip: "Wes brot ich esse des Lied ich singe" - gilt sicher nicht nur für von der Industrie bezahlte Think Thanks.

 
At 02 November, 2006 12:40, Anonymous maloXP said...

Weiss nicht, ob's schon erwähnt wurde. Zum angrenzenden Thema PR-Agenturen (bi der INSM z.B. Scholz&Friends) gab's mal einen guten(!) Spiegel-Artikel: Meister der Verdrehung (PDF)

 
At 02 November, 2006 12:44, Blogger Dr. Dean said...

@ matthias b

Ähem. Dass ein verbeamteter Professor völlig unabhängig ist, ganz im Gegensatz zur "freien" Wirtschaft: Ist Dir das schon aufgefallen?

Oder hat die libertäre Sektiererei Dir bereits den Rest an Differenzierungsvermögen ausradiert?

@MaloXp

Stimmt, der Artikel von Nils Klawitter ist ziemlich großartig. Den könnte man durchaus auch mal bezahlten (Geld vorausgesetzt).

 
At 02 November, 2006 14:42, Blogger Dr. Dean said...

@maloxp

Riesendank nochmal! Ich hatte damals vergessen, mir den Artikel zu sichern.

 
At 03 November, 2006 00:10, Anonymous flatter said...

Nachschlag: Wenn ich glaube, daß der Bezug auf Wahrheit im Diskurs nicht ganz auszulöschen ist und darin ein Problem der Think Tanks besteht, so kann das auch ganz trivial bedeuten: Sie scheitern an der unübersehbaren Wiklichkeit. Der Irakkrieg etwa ist ein fast lupenreines Projekt von Think Tanks. Er mündete in das bekannte Desaster. Nun mag man sich aussuchen, ob ein groteskes Versagen vorliegt, das die Branche als solche diskreditiert (was schön wäre) oder Think Tanks ohnehin die verlängerte PR-Abteilung von Parteien sind. Eines aber sind sie ganz sicher nicht: Eine Stärkung der Macht, die über plumpe Propaganda hinausgeht. Ich halte sie deshalb im Endeffekt für wenig einflußreich.

 
At 03 November, 2006 09:12, Blogger che said...

Obwohl, Flatter, Du in der Zustandsbeschreibung teilweise recht hast, in einem Punkt irrst Du sehr entscheidend: Think Tanks haben Macht. Sehr viele Politikerentscheidungen gehen überhaupt nur auf deren Empfehlungen zurück, ich würde soweit gehen zu sagen, dass Think Tanks (neben informellen politischen Frühstückskartellen) völlig an den Parlamenten vorbei die wesentlichen politischen Entscheidungsprozesse in dieser Gesellschaft modellieren.

Buchtipp hierzu: Detlef Hartmann | Dirk Vogelskamp
Irak.
Schwelle zum sozialen Weltkrieg
Nachkriegsstrategien der US-Regierung und ihrer Think Tanks

 
At 03 November, 2006 19:44, Anonymous matthias b. said...

@dean

"Dass ein verbeamteter Professor völlig unabhängig ist, ganz im Gegensatz zur "freien" Wirtschaft: Ist Dir das schon aufgefallen?"

Nein, ist es nicht.

Wie gesagt, wes Brot ich esse, des Lied ich singe. Wer bezahlt denn den "unabhängigen Professoren"?

Denk immer schön dran, Dean.

 
At 03 November, 2006 23:47, Anonymous Anonym said...

Aber, matthias b.: Der Staat sind doch wir. Das Staatsvolk. Der Souverän. Und wir leisten uns eben u.a. diverse Professoren, die dies und das erforschen und meinen und verkünden, den Prof. Sinn genauso wie den Prof. Butterwege. Pluralismus. Wettbewerb auf dem Markt der Ideen. Sie singen viele Lieder. We decide.

Wenn dagegen etwa die Versicherungswirtschaft Professoren anstellt und durch Talkshows schickt, die den "Kontakten" dann z.B. medial verklickern sollen, die Renten sein z.B. nicht sicher und Privatvorsorge daher unbedingt angesagt und das alles sei selbstverständlich wissenschaftlich erwiesen, etcpp; dann ist das eben eine ganz andere Baustelle, nicht Wissenschaft, sondern PR. Und von solchen Dingen war hier, denke ich, die Rede.

Man mag vom Staat halten, was man will, auch augenblicklich noch übertrifft er selbstverständlich jedes Großunternehmen und jeden Konzern, was Pluralismus, Demokratie, Partizipation und Repräsentation der Interessen des Einzelnen, des Bürgers, angeht. Solange die Konzerne keine Genossenschaften mit gleichem Stimmrecht werden, ändert sich daran auch zukünftig nichts. Egal, wie mangelhaft und verbesserungswürdig die gegenwärtige Demokratie auch sein mag. Deshalb ist diese ganze Privatisiererei ja auch so scheußlich, sie entzieht die Welt immer weiter, Stück für Stück, der demokratischen Kontrolle durch UNS, und schanzt sie dann zerstückelt irgendwelchen renditeträchtigen Einzelinteressen Wohlhabender zu.

Das sind aber natürlich ganz andere Interessen als die Interessen, sagen wir mal, z.B. der Kunden der Bahn, also der Leute, die sich eine Staats-Bahn erspart und gekauft haben, um damit durchs Land zu fahren.

(Mir ist vollkommen klar, dass die Bahn hier eigentlich ein schlechtes Beispiel ist, denn gemessen an ihrer Wichtigkeit für den Einzelnen ist der Anteil an Partizipation der dort Arbeitenden und, vor allem, der sie Besitzenden, geradezu lächerlich gewesen. Warum haben wir da nicht mitentscheiden können? Es gab diesen ominösen Fahrgastverband, ok. Aber wäre nicht viel mehr drinnen gewesen? Man kann sie ja nur deshalb privatisieren, weil es sowieso scheinbar niemanden mehr schert, weil man nämlich bei dieser DB, in dieser Form, niemals wirklich das Gefühl hatte, einer der Eigentümer zu sein, man war eher Bittsteller bei einem bürokratischen teuren Monstrum. Und dennoch... so laut sie auch klapperten, es waren unsere ICEs. Herrlich auch Mehdorn im TV, wie er auf die Frage, was für den Kunden, für den es wohl zukünftig teurer wird, denn eigentlich besser würde, herumdruckste.)

Das ist der große Denkfehler Liberaler deiner Sorte: "Der Staat" wird stets als der große Buhmann aufgebaut, als verselbstständigte bürokratisch-anonyme Macht a la Stalinismus, als steuerneinziehender, passivitätsalimentierender Moloch. Als wärt ihr Anarchisten. Als wären Unternehmen nicht längst für sich kleine Staaten. Undemokratische kleine Staaten. Kleine Diktaturen.

Und: Beim alten Staat waren immerhin auch die noch irgendwie an Bord, die der Markt schon längst als "überflüsssig" ausgespuckt hatte, und wie Abfall behandelte. Hier und anderswo.

Der Markt selbst hat zu all dem wenig zu sagen, es kümmert ihn nicht weiter, "not my business".

Zurück aber zum Thema: Wessen Lied singen die ganzen staatlich bezahlten Professoren denn, hört es sich an wie ein lieblicher Unisono-Knabenchor, wenn sie alle gemeinsam singen, oder doch eher wie eine wüste Kakophonie? Wenn sie ihr Brot gegessen haben, das wir ihnen spendieren? Na, siehste.

 
At 04 November, 2006 00:42, Anonymous flatter said...

@ che:
"völlig an den Parlamenten vorbei die wesentlichen politischen Entscheidungsprozesse in dieser Gesellschaft modellieren" - Das ist in der Tat richtig. Allerdings sind das Strukturen, die von Parlamentariern allgemein genutzt werden. Die Kaffeekränzchen, in denen "parlamentarische" Entscheidungen "vorbereitet" werden, sind zahlreich und undurchsichtig. Think Tanks dokumentieren ihre Pläne immerhin und machen wenigstens im Rückblick eine Analyse möglich. Das schwächt sie im Vergleich zu den anderen Klüngelrunden rund um Entscheidungsträger.
Macht ist das entscheidende Phantasma, dem die Think Tanks frönen. Meine Hoffnung geht dahin, daß eindimensionalen Denkstrukturen, die kurzfristig Wirklichkeit prägen, am Ende an der Komplexität eben dieser Wirklichkeit scheitern. Bis sich das als Erkenntnis durchgesetzt hat, kann solch primitiver Machtgebrauch reichlich Schaden anrichten, aber Macht kann Kommunikation und Realität immer nur verzerren und nicht langfristig bestimmen.

 
At 08 November, 2006 13:22, Blogger che said...

Die Geschichte der Inquisition zeigt oder der Verzahnung von Staat und Religion, wie lange Macht Realität bestimmen kann. Wenn Jahrtausende nicht lasngfristig ist, hast Du natürlich recht. Das Gerede neoliberaler Klimakatastrophenleugner wie Maxeiner wird schlagartig ein Ende haben, wenn die Seehäfen von Hannover und Bielefeld eröffnen und der neue Leuchtturm auf dem Deister eingewiht wird.

 
At 08 November, 2006 22:15, Anonymous Matthias B. said...

"Wessen Lied singen die ganzen staatlich bezahlten Professoren denn, hört es sich an wie ein lieblicher Unisono-Knabenchor, wenn sie alle gemeinsam singen, oder doch eher wie eine wüste Kakophonie?"

Nun, sagen wir es einmal so. Wohl kaum ein Professor, der vom Staat bezahlt wird, würde wohl eine Theorie, z.B. im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich, vertreten, die dem Staat eine stark eingeschränkte Rolle zusprechen würde, selbst wenn diese Theorie objektiv richtig wäre.

"Der Staat sind doch wir."

Nein, das sind "wir" eben nicht. Staat und Gesellschaft sind nicht ein und dasselbe. Der Staat ist in einer Gesellschaft eine Institution neben vielen.

 

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