22 Januar 2006

Anthropologisches Basiswissen (1) - von Strafe, Mitgefühl und Politik

Wie in diesem Telepolis-Beitrag von Katja Seefeldt dargestellt, gibt es offenbar einige Grundmuster des Menschen im Umgang mit Strafe und Mitgefühl. In einem Experiment wurden Schauspieler eingesetzt, welche sich gezielt unfair verhielten - und die Reaktion der Probanden gemessen. Im Ergebnis erhielt man u.a.:

Diese Resultate zeigen, dass Fairness im sozialen Umgang die gefühlsmäßigen Beziehungen formt, die uns mit unseren Mitmenschen verbinden. Die Menschen fühlen mit anderen mit, wenn diese kooperieren und fair handeln. Wohingegen eigennütziges und unfaires Verhalten dieser emphatischen Beziehung entgegenläuft. Wenn also ein unfairer Spieler einen schmerzhaften Elektroschock erleidet, zeichnet sich bei den Männern so gut wie keine Reaktionen in den mit Mitgefühl korrelierten Gehirnregionen, wohingegen das Belohnungs-Areal aktiv wurde. Männer scheinen mehr Zufriedenheit zu empfinden, wenn unfaire Menschen körperliche Strafe bekommen, die sie als gerecht empfinden.

Wird eine Person als unfair, böse oder feindlich betrachtet, so wächst der Strafwunsch (besonders bei Männern), und das Mitgefühl nimmt ab.

Vieles kann daraus ableitet werden, auch für den Bereich des Politischen. Zum Beispiel, wie politische "Strafwünsche" gezielt ausgelöst und intensiviert werden können, nämlich durch eine "Verböserung" bzw. Dämonisierung politischer oder sozialer Gruppen. Man arbeitet mit Hysterie, es werden Ängste aufgebaut und Feindbilder erschaffen.

Wir wissen, wie weit das führen kann.

Es ist gefährlich, wenn Politik in erster Linie als Feld feindlicher Gegensätze verstanden und betrieben wird, statt als gemeinsame Bemühung um das Allgemeinwohl und den Ausgleich von Interessen.

Mit Vernunft, Fairness, Dialog und Ausgewogenheit, mit Anständigkeit, Respekt und der wahrhaftigen Bemühung um Wahrheit und realistischer Sichtweise: Damit wird politische Kultur zivilisiert.

Eine gewisse Gefahr liegt also z.B. in denen, die dem Nazi-Theoretiker Carl Schmitt explizit nachfolgen, z.B. amerikanischen Neocons, welche dem Schmittbegleiter Leo Strauss folgen, oder in den Hassblogs deutscher Neoconnards. Hier wird die Kultur von Hysterie, Feindsinnigkeit und Dialogverweigerung gepflegt. Unkultur.

Ohne ohne zivilisatorische Mäßigung erhalten wir in der Politik Barberei. Daher müssen (!) politische Ansätze bekämpft, entkräftet oder auf dem Weg von Überzeugungskraft gemindert werden, welche zu Ressentiment, Feindlichkeit und Krieg aufrufen.

Das ist eine Frage politischer Kultur: Unkultur eindämmen.

7 Comments:

At 22 Januar, 2006 20:59, Anonymous C.Lapide said...

Ich sehe nur, daß Sie hier "Neoconnards" und Cheney dämonisieren. (auch wenn das Bild wohl nicht von Ihnen stammt) Allerdings disqualifizieren sich Diskutanten, die Hitlervergleiche verwenden in der Regel selbst. In Ihrem Blog und vielen Ihrer Kommentare anderswo lassen Sie leider erkennen, daß sie gegenüber von Ihnen definierten "Feinden" keineswegs frei von Hysterie sind. Um sich selbst zu beruhigen, erklären Sie die aber kurzerhand zur Pflicht ("müssen(!) bekämpft werden")

Die von Ihnen beschriebenen Mechanismen finden sich natürlich auch in der Politik, fraglos auch bei Personen der momentanen amerikanischen Regierung.

"Mit Vernunft, Fairness, Dialog und Ausgewogenheit, mit Anständigkeit, Respekt und der wahrhaftigen Bemühung um Wahrheit und realistischer Sichtweise."

Dies sind natürlich hehre Worte, aber vielleicht könnte es eine kleine Diskrepanz zwischen "Vernunft, Fairness, Dialog und Ausgewogenheit" sowie der "realistischen Sichtweise" geben. Daß der Mensch keineswegs stets rational handelt, haben Sie in diesem Blog ja auch immer gerne dann verwendet, wenn Sie damit "Neoliberalen" Fehler in ihrem ökonomischen Weltbild nachweisen wollten. Dies bedeutet natürlich nciht, daß man deswegen "Vernunft, Fairness, Dialog und Ausgewogenheit, mit Anständigkeit, Respekt" im politischen Diskurs und Handeln für untauglich halten soll, nein. Man mß sich blos darüber im Klaren sein, daß es Situationen gibt, wo ich diese Prämissen nur als Stärkerer durchsetzen kann, oder wo Verhandlungen unter diesen Prämissen garnicht möglich sind, weil sie bei einer Seite nicht akzeptiert werden.

Ihr "müssen bekämpft werden" bedeutet natürlich, daß sie dieses Problem erkennen, und sich die Deutungshoheit darüber zuschreiben, wer außerhalb dieser Prämissen agiert und deswegen kein Anrecht darauf hat, fair behandelt zu werden.

 
At 22 Januar, 2006 22:24, Anonymous stefanolix said...

Die schöne Aufzählung "Vernunft, Fairness, Dialog und Ausgewogenheit" habe ich mir mal herauskopiert: vielleicht kann ich die auch als böser und verräterischer "Neo*irgendwas" noch mal brauchen ...

Es freut mich, dass Sie auf beiden Augen gut sehen und beide Seiten des politischen Spektrums sehr aufmerksam beobachten :-)

 
At 22 Januar, 2006 23:51, Blogger Dr. Dean said...

@Stefanolix

Es freut mich, dass meine kleine Auflistung gefiel - ich hoffe, nicht nur als mögliche Waffe gegen mich.

Der Spruch mit den "Neo-Irgendwassis", nun, bitte:

Der bezieht schwerlich auf Sie als Person. Habe ich Sie direkt so genannt? Nein. Ich kann zwar im Moment noch nicht richtig nachvollziehen, warum Sie in der Vergangenheit Unterstützer einer Richtung waren, in der auch Hassblogs und Verbreiter von Ressentiments eine erhebliche Rolle spielten, indes, es mag auch am Mangel attraktiver Alternativen gelegen haben.

Ich schätze Sie so ein, dass Sie durchaus noch ein offener Mensch sind, der sich seine Gedanken nur ungern von einer Ideologie oder politischen Richtung bestimmen lässt.

Eigentlich sind Sie kein Parteigänger.

Sie haben das auch in letzter Zeit wiederholt deutlich gemacht. Dass ich einigen Ihrer politischen Freunde, genauer gesagt, gegenüber dem dort vertretenen ideologischen Schema skeptisch bin, und hier auch mal von "Neo-Irgendwassis" spreche, bitte ich zu verzeihen.

Vielleicht haben Sie für meinen Standpunkt irgendwann einmal etwas mehr Verständnis.

@c.lapide

Nun: Das Bild sollte genau zeigen, dass hier Cheney dämonisiert wurde, und zwar als "Satan" bzw. in Verbindung mit Hitler.

Ich dachte, ich hätte das mit meinem hellgrünen Text deutlich gemacht. Vielleicht sollte ich diesen Aspekt, den ich für völlig selbstverständlich halte, noch ergänzen. Immerhin gehört C.lapide zu den Lesern, die eigentlich eine gute Vorstellung haben sollten, wie ich etwas meine. Ich denke, ich were es gleich überarbeiten, der Klarheit wegen.

Der Treppenwitz im Zusammenhang mit dem abgebildeten Cover eines Schundbuches ist für mich allerdings auch, dass Cheney selbst zu denen gehört, die im politischen Meinungskampf ganz besonders mit dem Mittel der Dämonisierung und Hysterie arbeiten.

Neoconnards, die den aggressiven und hochressimenten Kern der Neocons darstellen, darf man natürlich so nennen - oder nicht?

Feinde politische Blog-Kultur, um ein Beispiel zu nehmen: wie "Gegenstimme", die gehören selbstverständlich auf eine vernünftige und abgewogene Weise bekämpft.

Wo Ihrerseits zwischen einer realistischen Sichtweise und den übrigen aufgeführten Idealen eine "kleine Diskrepanz" liegen soll, das können Sie vielleicht noch erläutern?

Sie spielen auf den Iran bzw. dem irren Präsidenten des Iran an, habe ich recht? Nun, Vernunft gebietet es, nicht gleich den Weg der Militarisierung zu gehen, wenn sich ein Konflikt zuspitzt.

Oder?

Aber gewiss gehört der Irre aus Bagdad zu denen, die außerhalb jeglicher wünschenswerten politischen Kultur stehen. Wenn es eine Möglichkeit gibt, seine Macht im Iran zu mindern oder sogar abzulösen, um bessere politische Kräfte (z.B. auch innerhalb des iranischen Klerus!) zu unterstüzten:

Warum nicht?

Es wäre doch genau das, was ich fordere: Derartige politische Unkultur-Träger zu bekämpfen.

Was die ökonomischen Grundlagenerkenntnisse angeht: Die neue wirtschaftswissenschafliche experimentelle Richtung, die ich sehr schätze, steht erst am Beginn eines Aufstiegs - und ist noch recht weit entfernt davon, Grundlage z.B. eines neuen ökonomischen Modells zu werden bzw. eine (?) grundlegende Variante des neoklassischen Denkens zu befördern, das m.E. durch die sog. "neue Institutionenökonomik" und eine fast schon Vergötzung des Eigentumsbegriffs ideologisch verzerrt ist (d.h.: sich von der Realität entfernt hat).

Wie gesagt: Bei diesen Themen, z.B. in Bezug auf subrationales Verhalten des homo oeconomicus steht man noch am Anfang.

Erstaunlich jedenfalls ist der hohe Wert von "Fairness" - wie aus praktisch allen experimentalökonomischen Ansätzen heraus vorgeht.

Ein paar Andeutungen einer Übertragung auf makroökonomische Fragen habe ich ja in der Diskussion bei Statlers fehlerhaftem Modell bzw. bei "Bananistan" (Suchwortvorschlag) gegeben.

Das Missliche für mich im Augenblick ist daran: Die modifizierte Theorie wird im Vergleich zur Neoklassik zunehmend uneindeutig. Meine ich.

Und auch in Bereich der Erforschung von Marktunvollkommenheiten steht man m.E. erst am Anfang.

Im Bereich der Diskussion um die "Gesundheitsreform" deutet sich für mich der Befund an, zur Verbesserung der Wettbewerbsqualität, nicht etwa die vielen kleinen, und kaum kompetent als Nachfrager auftreten könnenden Patienten zu entscheidenden Akteuren des Wettbewerbsgeschehens zu erklären (das wäre reichlich unrealistisch), sondern sich andere Methoden zu überlegen, die Wettbewerbsintensität zu erhöhen und in eine vernünftige Richtung zu lenken.

Ich schweife ab. Ich werd erstmal die Grafik instruktiver gestalten.

 
At 23 Januar, 2006 00:10, Anonymous stefanolix said...

Ich führe eigentlich keine Waffen -- außer einer spitzen Feder. Und diese Worte taugen ja auch nicht als Munition ...

Das Thema der Fraktionsbildung und Unterstützung hatten wir doch schon so oft: Analysieren Sie doch bitte einfach mal nicht die Blogrolls, sondern die Diskussionen und Inhalte. Ich habe hier den kompletten Inhalt des damaligen Wahlblogs und den kann sich ja auch jeder herunterladen:

Bekanntlich war ich etwa seit dem Termin der NRW-Wahl für einen Regierungswechsel und habe diese Meinung auch bis nach der Wahl beibehalten. Ich glaube auch in Anspruch nehmen zu dürfen, dass ich sie in relativ anständiger Sprache & Form vertreten habe. Aber ist das nicht ein urdemokratisches Recht?

Momentan ist im Zusammenhang mit diesem unglückselig agierenden Werber so viel von politischer Meinungsfreiheit (nicht nur auf Klowänden) die Rede. Dann sollte dieses Recht /hoffentlich/ auch für FDP-Wähler gelten ...

Und mir ist relativ gleichgültig, ob man von "Parteigängern" spricht: ich bin in keiner Partei, aber ich musste schließlich eine der demokratischen Parteien wählen. Auch wenn ich mich ungern von Ideologien bestimmen lasse ...

 
At 23 Januar, 2006 00:12, Anonymous C.Lapide said...

@Dr. Dean
Dann habe ich das mit dem Bild falsch verstanden und ziehe die entsprechenden Abschnitte meines Kommentars selbstverständlich zurück. Ich hatte mich schon gewundert, daß Sie hier nen Hitlervergleich posten. Auf solch argumentatorisches Glatteis begeben Sie sich ja in der Regel nicht ;)

Zum Rest schreibe ich morgen vielleicht noch was. Und daß Militarisierung stets der vernünftige Weg ist, würde ich nie behaupten.

 
At 23 Januar, 2006 02:28, Anonymous Matthias B. said...

@Dean

Wie gesagt: Bei diesen Themen, z.B. in Bezug auf subrationales Verhalten des homo oeconomicus steht man noch am Anfang.

Da bist Du, glaube ich, falsch informiert. Die von Dir so geliebten Ökonomen Hayek und Mises gehören beispielweise der "Österreichischen Schule der Nationalökonomie an".

Diese ökonomische Schule, die bereits eine über 100jährige Tradition vorweisen kann, schließt die Existenz eine homo oeconomicus grundsätzlich aus.

Daß sich jetzt so langsam auch die Mainstreamökonomie dieses Themas annimmmt ist natürlich mehr als löblich.

 
At 23 Januar, 2006 10:49, Anonymous C.Lapide said...

"Wo Ihrerseits zwischen einer realistischen Sichtweise und den übrigen aufgeführten Idealen eine "kleine Diskrepanz" liegen soll, das können Sie vielleicht noch erläutern?"

Politik funktioniert nunmal anders. Politik war und wird immer auch ein schmutziges Geschäft bleiben. Das heißt nicht, daß die von Ihnen angeführten Ideale in der Politik keine Rolle spielen. Sie tun es natürlich und es ist wünscheswert anzustreben, daß ihre Rolle größer wird. Aber es bringt nicht, sie als gegeben anzunehmen (was Sie ja auch nicht tun).
Ein aktuelles Beispiel, fern von der Dramatik der Iranfrage: War die Ostseepipeline vernünftig? War sie fair (gegenüber den Balten und Polen), war das deutsch russische Verhalten Ausgewogen, anständig und respektvoll? War es realistisch anzunehmen, daß diese Lösung die bestmögliche oder einzigmögliche war? Diese Fragen sind keineswegs rein rhetorisch gemeint oder implizieren eine Gegnerschaft meineseits zum Projekt. Ich behaupte, ich kann zu jedem Punkt Argumente dafür und dagegen finden.

 

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