20 Januar 2006

Ökonomische Gedankensprengsel (9) - Subrationales Verhalten

Liebhaber der neoklassischen reinen Lehre, z.B. die postliberalen Kapitalismusanbeter in der Blogosphäre, gehen in Fragen wirtschaftlichen Verhalten vom rational handelnden und eigennützigen Homo Oeconomicus (Achtung, klasse Link!) aus. Das ist nicht verkehrt, indes die Praxis ist eine andere.

Der zivilisierte Mensch mag sich um Rationalität bemühen, aber erstens berücksichtigt er dabei nur einen Teil der Handlungsalternativen, und ist in der komplexen Wirklichkeit oftmals von erlernten Verhalten, Leitideen, den Zeitgeist und Ideologien beeinflusst, zweitens gibt er sich in der Regel zufrieden, sobald er eine hinreichend attraktive Option gewählt hat. Drittens folgt der in der realen Wirtschaftswelt aktive Mensch nicht allein dem Motiv der Einkommens- und Vermögensmaximierung, sondern strebt auch nach Fairness.

Es scheint auch in der Wirtschaft zahlreiche Werte zu geben, die keine Geldwerte sind.

Nun ist es beispielsweise denkbar, dass eine ganze Volkswirtschaft von einer Art Angststörung befallen ist, ein Erscheinung subrationalen Verhaltens. Die Bürger haben Angst vor der Zukunft, verzichten sogar auf Familiengründungen. Es wird übertrieben gespart, statt normal zu konsumieren. Die Banken stellen diese Mittel nicht der einheimischen Wirtschaft zur Verfügung, die ihrerseits seit vielen Jahren von übertriebener Investitionszurückhaltung gekennzeichnet ist.

Die Wirtschaftslenker wiederum neigen zur Jammerei, beklagen z.B. gerne den Wirtschaftsstandort und eine angeblich krebsartig wuchernde Staatsquote (die übrigens z.Zt. nicht weit vom Stand von 1970 entfernt ist!) und achten bei ihren Dispositionsenscheidungen daher übertrieben auf die Möglichkeiten von Stellenabbau, sie vernachlässigen in der Tendenz alternative Handlungsoptionen - was wiederum den Gesamtprozess beeinflusst.

Wir erhalten: Die deutsche Lähmung (bitte das Dürerbild großklicken!).

Es ist m.E. kein guter Ausweg, nicht einmal im Ansatz, wenn die Politik in Reaktion darauf 25 Milliarden Euro (das ist viel) in ein sogenanntes Investitionsprogramm verpulvert. Ich will nicht sagen, dass alle Maßnahmen in diesem Paket unsinnig sind, aber ein guter Teil wird einfach versickern. Es wäre also besser, zumal diese Aufwendungen mit Zins und Zinseszins bezahlt werden müssen, weitgehend auf dieses Maßnahmenpaket zu verzichten.

Man kommt aus der Falle eines gesamtwirtschaftlich subrationalen Verhaltens nicht heraus, indem man verfügbare Mittel suboptimal einsetzt. Anderes wäre nützlicher und günstiger zu haben, z.B. die Abschaffung ineffizienter Steuerarten und Regularien. Wirkungsvoll wäre z.B. auch ein Sozialabgaben-Freibetrag (bes. für den unteren Mittelstand), gegenfinanziert durch Aufhebung der Bemessungsgrenzen und maßvolle Erhöhung der Abgaben für 400-Euro-Jobs.

Im Übrigen empfehle ich den Züricher Spitzenökonomen Ernst Fehr, einem kommenden Nobelpreisträger, z.B. "A Theory of Fairness, Competition and Cooperation" (PDF).

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