11 November 2005

Ökonomische Gedankensprengsel (4) - Galen und die ökonomische Theorie

Mir kommt der heutige Stand ökonomischer Theorieentwicklung mitunter so vor, als sei es in einigen Bereichen eher unerwünscht, Kritik zu üben.

Ich sehe Züge des Meinungskampfes, eine verhängnisvolle Verknüpfung politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlichen Interessen, und, nicht weniger bedeutend, sogar zunehmende Versuche, den Stand der wissenschaftlichen ökonomischen Erkenntnis mit einer philosophisch-politischen Absicherungslehre zu begleiten.

Das erinnert ein wenig an die wissenschaftliche Stauung, die durch die wohlgeordneten Behauptungen des Mediziners Galen verursacht wurde, sowie die Treugläubigkeit, mit der man verhängnisvolle 1400 Jahre lang am anscheinend Wohlbegründeten festhielt.

Offenkundige Widersprüche werden verschüttet, wesentliche Fragestellungen garnicht erst untersucht, außer als Folie zur Abbildung der vorherrschenden Auffassungen.

Es war mengenmäßig noch nie so viel Wirtschaftswissenschaft wie heute - und doch scheint die wissenschaftliche Weiterentwicklung der ökonomischen Wissenschaft, soweit ich mir ein Urteil erlauben kann, etwas ins Stocken geraten zu sein.

Beispiel: Wo ist der ökonomische Wissenschaftler, der in Kenntnis des Machtgefälles zwischen den Vertragspartnern deutliche Hemmungen des Preisbildungsprozesses, sowie andere Erscheinungen von Marktversagen im bedeutsamen Markt für Mietwohnungen anzugeben und zu untersuchen wagt?

Warum gilt der Begriff "Marktversagen" als anrüchig, während "Staatsversagen" quasi als Grundkonstante vorausgesetzt wird? Ist das empirisch gerechtfertigt?

Ich kenne ein Dutzend "wissenschaftlicher" Untersuchungen auf dem Feld von Mietwohnungen und dem Preisbildungsprozess. Alle versuchen sie, den vermeintlichen oder tatsächlichen Interessen ihrer Auftraggeber zu dienen. Widersprüche zum bisherigen Theoriestand werden nicht gewürdigt, eine echte wissenschaftliche Diskussion fand hier in Deutschland ohnehin nicht statt. Da will wohl der eine "Sachverständige" dem anderen kein Auge aushacken.

Wann endlich werden Falsifikationsgelegenheiten ernsthaft bearbeitet?

Zum Beispiel bei vielen gescheiterten Entwicklungen in Russland, oder für viele Fälle diverser gescheiterter Privatisierungen. Wann werden derartige Entwicklungen dafür herangezogen, den offenkundig unvollständigen bzw. fehlerhaften Teil der ökonomischen Theorie zu überarbeiten - wo sind die Vertreter der mehrheitlichen Auffassungen, welche daran ernsthaft arbeiten?

Warum gibt es in der politischen Ökonomie so viel Meinungskampf, soviel unerschütterliches Beharren am Bisherigen, warum gibt es an Stelle von Falsifikationsliebe und Kritik ein so heftiges, nur scholastisch zu nennendes Scharmützel zur uneingeschränkten (!!) Aufrechterhaltung von Theorien, die in ihrer Anwendung scheiterten?
Was ist das für eine "Wissenschaft", die ihr Interesse an Widersprüchen verloren hat?

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