18 November 2005

Ideologiekritik (1) - Neocon-Imitatoren und "der" Islam

Seit Überwindung des Blockgegensatzes mit Russland wird von Neocons eine besondere Litanei verbreitet, besonders durch extremistische Kreise, die (z.B. in Gestalt von Elliott Abrams) durchaus weltpolitischen Einfluss haben:

Wer "den" Islam nicht pauschal verunglimpft, der sei ein Antisemit. Potentiell oder real, egal. Man könne nicht gleichzeitig Muslime bzw. den Islam vor herabsetzender Hetze in Schutz nehmen, ohne gleichzeitig ein böser Judenfeind zu sein. Die Gefahren "des" Islams seien immens, "der" Islam sei per se antiwestlich und müsse im "Kampf der Kulturen" auf das Äußerste bekämpft werden. Entweder man sei für uns oder gegen uns usw. usf.

*gähn*

Derartige Leute werden verblüffend häufig durch den militärisch-industriellen Komplex und aus dieser Ecke finanzierten "Think Tanks" unterstützt, welche einer von mehreren gewichtigen Faktoren in der heutigen amerikanischen Politik sind.*

Ein verbreiteter, ausgesprochen leitbildartiger, und nicht uninteressanter Gedanke von Neocons ist, dass die Kombination moralischer Stärke mit realpolitischer Schwäche unheilvoll ist.

Richtig.

Das heißt aber längst noch nicht, dass politisches Denken und Ethik im eigenen Handeln über Board geworfen werden können.

Wer Politik nur in Freund-Feind-Gegensätzen begreift, statt als Gestaltungsaufgabe, der ist im Kern destruktiv.

Die hysterische Dämonisierung "des" Islam und der Muslime als Feindbild, sowie das Ablehnen zutreffender Differenzierungen, sind keineswegs Ausdruck von Stärke, sondern Ausdruck einer geradezu verwegen zu nennenden Erbärmlichkeit.

Guten Tag!

*Nach der Degradierung von Bolton sowie der Verabschiedung von Feith, Wolfowitz und anderen, sieht es so aus, als ob die amerikanische Administration den Einfluss dieser Denkrichtung begrenzt. Die aktuelle Restaurierung diplomatischer Zusammenarbeit, mit der deutlichen Handschrift von Frau Rice, scheint dies zu bestätigen.

2 Comments:

At 19 November, 2005 13:39, Anonymous C.Lapide said...

Das Problem des Neokonservativismus ist meines Erachtens eher, daß er, im Gegensatz zum Konservativismus, eine deutlich idealistische Komponente besitzt. Idealismus ist einerseits attraktiv, aber auch gefährlich, wie die beiden Großideolgien des 20. Jhd, gezeigt haben.
Dieser Idealismus bietet Angriffsflächen, wenn der eigene Anspruch, z.B. bei der Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten, an der Wirklichkeit scheitert oder zumindest mit Schwierigkeiten kämpft.

Zum Islam. Meiner Meinung nach machen beide Parteien Fehler. Die einen, die Islam mit Islamismus gleichsetzen und die, die Islam streng vom Islamismus trennen wollen.
Der Islamismus ist m.E. nicht ohne das islamische Umfeld und geistige Erbe denkbar. Es steht doch außer Zweifel, daß der Koran & das Leben des Propheten genügend hergeben was die Gewalttätigkeiten nicht nur erklärbar macht, sondern auch rechtfertigt. Gleichzeitig gibt es aber genügend Muslime, die Gewalt und Islamismus ablehnen. Die Auseinandersetzung zwischen Sunniten und Schiiten, die wir im Irak sehen, ist ebenfalls islamische Tradition und stammt noch aus der Zeit der unmittelbaren Nachfolge Mohammeds, in der sich die verschiedenen potentiellen Nachfolger durch Krieg und Meuchelmord an die Macht gebracht haben. Ursprünglich hatten beide Parteien auch noch eine unterschiedliche Auffassung des Heiligen Krieges, die Sunnis mehr auf wirklichen Kampf gegründet, die Schiiten eher auf den "inneren" Kampf eines Menschen fokussiert.

Auf anderer Ebene gesprochen gibt es durchaus Interdependenzen zwischen der Gewaltrechtfertigung von Marx Lenin und der Franfurter Schule und der RAF, aber nicht jeder Marxist billigt das oder folgt dieser Interpretation.

Somit läßt sich feststellen, daß ohne Islam kein Islamismus existieren würde, gleichzeitig der Islam aber sicher nicht auf Islamismus und Salafismus reduziert werden kann. Auf politische Implikationen verzichte ich hier.

Zusätzliche Probleme ergeben such unabhängig vom Islam natürlich dadurch, daß die muslimischen Einwanderer aus Kulturen kommen, die gesellschaftliche Traditionen haben, die mit den europäischen teilweise nur bedingt kompatibel sind. Wie gesagt, dies ist erstmal unabhängig vom Islam, trägt aber natürlich zur gegenseitigen Entfremdung bei.

 
At 19 November, 2005 15:22, Blogger Dr. Dean said...

Ich gehe in vielen Gedanken konform, und finde es bemerkenswert, wie sich bei vielen Neocons Idealismus mit speziellen Wirtschaftsinteressen gekreuzt haben, die von der Konkfliktisierung internationaler Verhältnisse profitieren.

Eine, so nenne ich es mal, strukturelle Amoral in einer Bewegung idealistischer Moralisten.

Da ist einerseits ein ehrlicher, tief empfundener Idealismus im Namen der "Freiheit" - gleichzeitig zeigt sich, dass antifreiheitliche Ressentiments direkt und unmittelbar zum Wesenskern dieser Bewegung gehören.

Und dass diese Ressentiments teils ungewöhnlich aggressiv und mit geradezu theologischen Eifer (eine Erscheinung, die wir Deutschen viel zu gut kennen) vorgetragen werden, finde ich ausgesprochen interessant, dazu kommen die bemerkenswerten Strategien politischer Kommunikation aus diese Ecke.

Interessant finde ich auch, wie und auf welche Weise diese Bewegung gefördert wird - erheblich und in recherchierbarer Weise direkt aus den Kreisen der amerikanischen Rüstungsindustrie.

Das mag nach Verschwörungstheorie klingen - und wäre es auch, wenn jetzt angenommen wird, dass die Neocon-Bewegung sich direkt aus diesen ökonomischen Interessen ableiten lässt - oder von dort aus "erfunden" worden wäre.

Richtiger wäre m.E. die Vermutung, dass der militärisch-industrielle Komplex eine Bewegung aufgegriffen, gefördert und (!) in der Agenda beeinflusst hat.

Ich halte diese Verbindung - aber auch die Bewegung für sich unheilvoll. Dass diese Bewegung mittlerweile sogar in den deutschen Parteinachwuchs in FDP/CDU erheblich ausstrahlt, belegt die Dominanz und Attraktivität dieser Bewegung.

 

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