28 November 2005

Die Bewegung gegen "Political Correctness"

Mittlerweile verbreitet sich eine bestimmte politische Haltung, nicht nur in Kreisen deutscher Neocon-Imitatoren. Auf nicht-rationale Weise ächten Neoconnards Abweichungen zu ihrer Weltsicht, und erklären im Ton der Inquisition oder jedenfalls recht empört, dass irgendetwas Ausdruck von "Gutmenschentum" oder "Political Correctness" sei.

Also zutiefst verachtenswert.

Schlimmer noch, sie fühlen sich durch "die Politisch Korrekten" verfolgt und bedroht. Würde es sich bei diesen Leuten mit ihrer Haltung lediglich um Sektierer halten, wäre diese ganze Begrifflichkeit ziemlich irrelevant.

Nur: Dem ist nicht so.

Der Parteinachwuchs von FDP und CDU ist inzwischen erheblich von Neoconnards mit diesem Gehabe geprägt, sogar in einem Teil unserer Leitmedien (besonders: SPIEGEL) beteiligen sich bedeutende Stimmen an einer Art Abwehrkampf gegen "Political Correctness". Man wirft dem politischen Gegner vor, er sei ein Beispiel für "Political Correctness".

Was steckt dahinter?

In der Sache nichts.

Es gab noch nie, schon garnicht in Deutschland, so etwas wie "Political Correctness". Wo soll das gewesen sein, wo wurden konservative oder liberale Stimmen bei uns diktatorisch unterdrückt?

Eben.

Der Begriff "Political Correctness" ist
(a) inhaltlich leer und
(b) rein pejorativ gemeint - dient also der Abwertung des politischen Gegners.

Es geht darum, den politischen Gegner auf der Affektebene zu diskreditieren. Es handelt sich um eine Sprachmanipulation im Dienst politischer Propaganda.

Es ist m.E. kein Zufall, dass diese politische Haltung, welche überall "Gutmenschen" oder "Politisch Korrekte" vermutet, bei jenen politischen Kräften besonders verbreitet ist, welche Politik vor allem als Freund-Feind-Gegensatz versteht - und nicht als den Versuch zur Gestaltung unseres Gemeinwesens.
Hinter dem Vorwurf "Political Correctness" steckt im Kern ein Problem mit dem Pluralismus
Fragen wir: Was ist das für eine politische Richtung, die sich von einer "Political-Correctness-Mafia" so arg bedrängt fühlt? Sind das möglicherweise (ausgerechnet!) die amerikanischen Konservativen und Neocons, welche die Mehrheit der amerikanischen Medien auf ihrer Seite haben? Sind es ihre deutschen Nachahmer?

Worum geht es diesen Leuten? Was haben die für ein Problem?

Geht es diesen politischen Gruppe darum,
(a) ihre Meinung frei äußern zu können oder darum,
(b) dass sie allein schon mit der Existenz abweichender "linker" Meinungen ein Problem haben?

Ich meine:

Die Variante (b) trifft zu.

Ulkigerweise taucht der Terminus "Policitical Correctness" seitens dieser politischen Richtung inhaltlich ausgerechnet dort am Häufigsten auf, wo Verstöße gegen die Menschenrechte oder Verstöße gegen den Rechtsstaat gerechtfertigt werden sollen, oder dort, wo es um die Verbreitung von Rüstungswahn, Ressentiments, extremen Feindbildern, Bedrohungsparanoia oder Kriegslügen geht.

Oder nicht?

Insofern ist diese neokonservative Bewegung "gegen Political Correctness" zugleich eine Bewegung gegen Anständigkeit. Wie wohlig und behaglich müssen sich bestimmte Leute (z.B. Steingart oder C.C.M.) vor diesem Hintergrund fühlen, endlich einmal "political incorrect" zu sein!

25 Comments:

At 29 November, 2005 13:50, Blogger mark793 said...

Hm, sehr interessante Analyse, die mich zum Nachdenken darüber anregt, wo ich eigentlich stehe in der Frage nach pc oder nicht pc. Soviel vorneweg: Ich bin nicht Teil der Bewegung gegen political correctness, ich bin weder neo- noch paläocon und würde mich politisch als leicht links von der Mitte einstufen.

Grundsätzlich stehe ich der zugrundeliegenden Intention, Sprache möglichst diskriminierungsfrei auszugestalten, auch sehr wohlwollend gegenüber. Und trotzdem verspüre ich bisweilen den Impuls, politisch inkorrekte Dinge von mir zu geben. Vielleicht, weil ich "sowas sagt man nicht" schon als Kind gerne als Anreiz verstanden habe, es trotzdem zu sagen.

Wer auch immer solche sprachlichen Tabus aufstellt, muss sich halt auch im Klaren darüber sein, dass der Tabubruch mit einem Lustgewinn einhergehen mag, der möglicherweise gar nicht bei jedem so politisch motiviert sein mag, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Womit ich nicht gesagt haben will, dass ich Ihre Milieustudie deswegen für unzutreffend halte. Ich wollte damit nur sagen, dass es auch ganz anders gelagerte Reflexe dagegen geben kann, sich seinen Sprachgebrauch von irgendjemand anderem vorschreiben zu lassen...

 
At 29 November, 2005 16:17, Blogger Dr. Dean said...

Nun, das Eine ist ja, sich gegen Sprachzwang zu richten. Solange man nicht beleidigt, sollte m.E. die Sprache frei bleiben.

Umständliche begriffliche Neuschöpfungen nutzen sowieso nichts, wenn die teils kritikwürdigen Verhältnisse bestehen bleiben. Die Idee, dass man über Sprachregelungen eine positivere Wirklichkeit herbeischreiben kann, ist irrig.

Das Andere sind jedoch die in vielen Medien häufiger werdenden Versuche sprachlicher Manipulation, wo in Form von Umwertungsversuchen ein Feind mit der Konnotation "politisch korrekt" oder "Gutmensch" konstruiert wird - um dann aus dieser Perspektive Denkverbote (z.B. im Namen patriotischer Correctness in den USA) durchzusetzen bzw. hier in Deutschland über eine Sprachstrategie in einigen Medien eine Abwertung politischer Positionen zu bewirken.

Es geht um das pejorative Beflecken z.B. von Friedensliebe und allem, was bestimmten Bestrebungen im Wege steht.

That's the game.

Vorne dabei, bei den emsigen Bemühungen um Neusprech: Unter anderem Leute wie C.C.M. und beachtlich viele andere Redaktionsmitglieder des SPIEGEL.

Gib mal bei Google den Suchstring **"politisch korrekt" site:www.spiegel.de** ein - und überlege dir dann,
(a) was für ein Feindbild damit aufgebaut wird
(b) welche politischen Ideen mit der Etikette "politisch korrekt" bekämpft werden.

Ich könnte an dieser Stelle zum Beispiel sagen: "C.C.M. hat die politische Sprache eines Schweinepriesters".

Aber das tue ich nicht, das wäre ein Beispiel für eine unzulässige Befleckung, auch, wenn man die Art und Weise, wie derartige Journalisten Feindbilder schaffen, m.E. kritisieren sollte.

Mich erinnert dieses (nicht nur dort vorhandene) manipulative Verhältnis zur Sprache an die sprachlichen Eigenarten von:
(a) Sektierer im Umfeld von 70er-Jahre-K-Gruppen
(b) Stalinismus
(c) BILD- bzw. WAMS-Kommentatoren
(d) SPIEGEL-Online, sobald der Steingart/C.C.M.-Bande das Texten überlassen wird.

Überall dort kann man diese Sprachstrategien gehäuft feststellen. Aber sogar bei INSM findet sich das. Viele NLP-Jünger in der Werbewirtschaft sind von derartigen linguistischen Ideen geprägt.

Zurück zur politischen Kommunikation:

Die heutigen Strategien schwarzer Kommunikation bauen im Grunde genommen auf die verdrehten, jedenfalls übertriebenen Bemühungen um Euphemismen setens der PC-Bewegung auf, allerdings dient die Sprachmanipulation jetzt nicht mehr dem (mit sprachlichen Mitteln überflüssigen) Schutz von Minderheiten, sondern dem manipulativen Aufbau politischer Feindbilder über das Gegenteil von Euphemismus, nämlich über Pejoration.

Mit diesem Mittel werden Ideen, Gruppen oder der politische "Feind") verächtlich gemacht.

 
At 29 November, 2005 22:57, Anonymous C.Lapide said...

Der Analyse würde ich nur partiell zustimmen. Selbstverständlich sind "Gutmensch" etc. pejorative ad hominem Äußerungen.

Aber der Gedanke, daß die PC lediglich dazu da war "Euphemismen" zu kreieren, die Menschen (Minderheiten) schützen sollte ist falsch. PC diente auch stets dazu, Sprachräume zu besetzen, und dort Diskussion nur im eigenen Sinne zu gestatten. PC war auch immer ein politisches Kampfinstrument. Daß dies jetzt nach hinten los geht - well Pech gehabt, mein Mitleid hält sich in Grenzen.

Ich verzichte darauf andere als "Gutmenschen" zu disqualifizieren, da diese in der Regeln stärkere, wirkliche Angriffspunkte bieten und ad hominem Argumentation zwar unterhaltsam sein kann, aber nur in weigen Fällen der Diskussion angemessen ist.

Apropos verächtlich machen. Was ist denn die Asicht hinter der Bezeichnung "Neoconnard"?

 
At 30 November, 2005 10:59, Anonymous Karsten said...

Das Problem mit der "Beleidigung", mit dem auch Gerichte immer wieder zu kämpfen haben, ist die Subjektivität der ganzen Sache. Was dem Einen eine Beleidigung ist, die ihn tief im innersten trifft und ihm Seelenqualen verursacht, ist für den Anderen nur "dummes Geschwätz", das ihn kaum trifft. Wo also soll die Bestrafung der Beleidigung ansetzen? Schon dann, wenn sich der angesprochene subjektiv beleidigt gefühlt hat (lässt jeder Art von Mimosen ein juristisches Kampfmittel), oder erst dann, wenn eine "objektive" Beleidigung stattgefunden hat, wenn also der Durchschnittsbürger die Bemerkung als eine Beleidigung empfinden würde? Und wer ist dieser Durchschnittsbürger? In diesem Sinne halte ich es mit Salman Rushdie, denn der fordert "das Recht, beleidigt zu werden" - also eine größtmögliche Toleranz gegenüber Verbalinjurien. Diese Haltung ist oft eine schwierige, dafür aber zumindest konsequent.

Als politisches Kampfmittel wird Sprache aber natürlich von allen Seiten gebraucht. Man muss also jede Bezeichnung dieser Art kritisch betrachten - und etwa unseren Gastgeber hier als "Gutmensch" oder "Politisch korrekt" bezeichnen zu wollen, ginge wohl etwas am Sinn der beiden Begriffe vorbei. PC so, wie ich sie ablehne, läuft auf Denk- und Diskussionsverbote hinaus. So lange diese nicht gefordert werden, ist doch alles in Ordnung... und wir können und nach Herzenslust streiten. Und wenn mich dann einer beleidigt, ignoriere ich ihn einfach. :)

 
At 30 November, 2005 11:43, Blogger che said...

Einspruch!

Da, wo ich her komme, in der linksradikalen Szene, war political correctness längere Zeit eine ernst- und gutgemeinter Konvention, Ausdrücke wie "Neger" nicht zu gebrauchen, das kleine I stets mitzusprechen (MigrantInnen etc.), nicht klein "man" sondern klein "mensch" zu sagen, in der Öffentlichkeit möglichst kein Fleisch zu essen etc., und das hatte durchaus den Charakter von Zwang und Zensur. Wer anders redete (also praktisch jeder Normalbürger) war ein "Verbalrassist" und "Verbalsexist".

Von daher ist der Begriff "politisch unkorrekt" für mich mit sehr positiven Assoziationen verbunden, wie "subversiver Humor" oder "loses Mundwerk". Es kann durchaus sein, dass die Neocons um solche Zusammenhänge wissen und sie sich zunutze machen.

 
At 30 November, 2005 13:44, Blogger che said...

..und um nicht missverstanden zu weren, die Szene verwendete den Begriff political correctness in diesem repressiven Sinne und fand das gut!

 
At 30 November, 2005 23:06, Blogger Dr. Dean said...

@C.Lapide

Guter Einwand!

Es ist vermutlich eine Frage der Abwägung und auch der Dosis. Und auch eine Frage, an wen z.B. eine Beschimpfung gerichtet ist.

Ist ein Wort trennscharf - und lässt mit dem "Neoconnard" dem anderen die Möglichkeit, sich recht simpel zu wehren, z.B. "ich bin gar kein Arschloch", dann, nun, ist das immer noch nicht toll.

Aber in geringer Dosis eingesezt, richtig und trennscharf adressiert, sehe ich hier kein großes Problem. Ein ehrliches Schimpfwort hat in meinen Augen mehr Wert als die Abwertung ganzer Gruppen, breit verteilter, nur diffus einzugrenzenden Gruppen (z.B. "die Gutmenschen").

Dann ist es besser, viel besser einfach von Naivität zu sprechen - statt von "Gutmenschen".

Ist es z.B. sinnvoll, wirklich jede Friedensliebe mit manipulativen Umwertungen, mit Methoden der Linguistik, pauschal wegzukübeln?

Da lob ich mir doch den Neoconnard! Es sind die Arschlöcher unter den Neocons gemeint.

Ich meine, Sprache sollte nach Möglichkeit halbwegs genau sein.

Manipulativ-diffuse linguistische Umwertungsstrategien im Rahmen politischen Meinungsmarketings halte ich für ziemlich problematisch (das betrifft auch linke PC-Sektierer) - und im Fall der Überdosis kann man diesen Sprachstil sogar proto-faschistisch nennen.

Vielleicht sollte ich L.T.I. von Viktor Klemperer lesen, vielleicht fällt meine Meinung anschließend anders aus.

 
At 01 Dezember, 2005 09:53, Blogger che said...

@"Gutmenschen": Dieser Ausdruck, ursprünglich jiddischer Herkunft, wurde in seiner heutigen Bedeutung von den Nazis, so weit ich weiß auch von Goebbels persönlich, zur Denunzierung von Pazifisten und Gegnern der NS-Rassegestze benutzt, insofern ist er mehr als "protofaschistisch". Was Du da als PC-Sektierertum bezeichnest, ist oder war im studentischen linken Milieu von Städten wie Göttingen, Hannover oder Bremen Mainstream (mit starker Ausstrahlung sowohl auf das Gewerkschaftsmilieu als auch auf die Schülerszene), d.h. für einen Personenkreis von zehntausenden Menschen, insofern weiß ich nicht, ob das noch als "Sekte" zu bezeichnen ist. Inhaltlich gebe ich Dir allerdings (weitgehend) recht. Grundsätzlich finde ich eine feministische/antiptatriarchale und antirassistische Linguistik zwar sinnvoll, aber erstens nur als Schriftsprache und zweitens nicht in Verbindung mit rrigidem Moralismus, den ich als Haltung grundsätzlich ablehne. Im Gegensatz zum Ausdruck "Gutmenschen" hat der Begriff der political correctness seine eigene Bedeutung, die nur in einem ganz bestimmten soziokulturellen Zusammenhang Sinn macht http://che2001.blogger.de/stories/354553.

 
At 01 Dezember, 2005 15:55, Anonymous Anonym said...

Diskriminierend?

Ich habe das schon bei Che gepostet, möchte es an dieser Stelle aber noch einmal wiederholen:
Man sollte nicht die Neocannards zum Maßstab aller Dinge machen und auch nicht alles glauben, was in der Wikipedia steht. Den Begriff Political Correct kenne ich mit einer sehr positiven Gewichtung. Unter Jungautonomen heißt "Ey, finde ich voll PC!" etwa das, was unsere Generation mit "Toff", "Knorke" und später "Geil" oder "Supi" ausdrückte.
MfG
workingclasshero

 
At 01 Dezember, 2005 20:13, Blogger Dr. Dean said...

Interessant finde ich, wie sich Begrifflichkeiten aus einer Schmäh- und Propagandasprache sogar bei echten Liberalen finden - und dort gelobt werden.

Ich glaube, gegenüber linguistischen Sprachstrategien sollte man eine gewisse Distanz pflegen.

Grundsätzlich.

Ein Übermaß davon ist in meinen Augen geistfeindlich, intolerant und a-liberal - egal wie gut es gemeint ist.

Den Hinweis von Che fand ich sehr gut. Man sollte hier wohl zwischen einem internen und extermen Gebrauch von Sprachregelungen unterscheiden.

Und doch durchweht (sogar unabhängig von der Absicht!) Sprachregelungen schnell ein Hauch von, so nenne ich das jetzt mal, "Repression mit Mitteln der Sprache".

 
At 02 Dezember, 2005 00:01, Anonymous Rayson said...

Interessant finde ich, wie sich Begrifflichkeiten aus einer Schmäh- und Propagandasprache sogar bei echten Liberalen finden - und dort gelobt werden.

Das ist doppelt falsch.

1. Ich kann nicht etwas loben, dessen Existenz ich bestreite.
2. Da wird nichts Vorgegebenes gelobt, sondern etwas Eigenes definiert.

Wenig PC, gebe ich zu. Aber auch nicht viel schlechter, als sich Ausreden dafür zurechtzubasteln, entgegen den selbst aufgestellten Maßstäbe Andere weiter herabsetzend beschimpfen zu können.

 
At 02 Dezember, 2005 09:07, Blogger che said...

Letztlich scheint der ostentative Gebrauch der "poltical incorrectness" bei den Neoconnards ein modebewusstes Anpassungsverhalten zu sein, mit dem sie auf Aufmerksamkeit und Sympathien hoffen. Es zeichnet die Neuen Rechten (das ist der Hauptunterschied ztu in der Wolle oder besser im braunen Kattun gefärbten Nazis) ja eh aus, dass sie besonders trendbewusst sind. Der streckenweise repressive Charakter der political correctness in der linken Szene und das scheinbar verbreitete Bedürfnis, sich darüber hinwegzusetzen oder damit zu brechen (vgl. die Aufmerksamkeitserfolge, die Wiglaf Droste mit seinem Spott zum Thema "sexueller Mißbrauch von Kindern" geerntet hat)scheint m.E. von den Neoconnards als Nährboden zum Unterjubeln eigener Inhalte betrachtet zu werden. Eigentlich ist political correctness etwas, das nur im Rahmen der Gesellschaft Neuenglands Sinn macht.Hier begegnen sich eine puritanische Moral, in der die Wahl des Wortes eine ganz andere Bedeutung hat als in der säkularen Gesellschaft Westeuropas, ein auf einflußreiche Organisationen wie Women´s Lib gestützter etablierter Feminismus und die durch formelle Antidiskriminierungs- und Partizipationstegelungen gestützten Interessen (affirmative actions)ethnischer Minderheiten in einem speziellen Mikrokosmos. Der Begriff der political correctness entstand in diesem Zuammenhang, seine Übertragung auf andere Diskurse bzw. Gesellschaften, gar seine Bagatellisierung als Buhwort gegen Andersdenkende ist so ähnlich wie der Gebrauch des Begriffs "libertär" für manchesterliberal oder "stalinistisch" für kapitalismuskritisch: Propaganda, die durch Umdefinition von Begriffen nach dem Bewusstsein der Leute greift.

Sehr schön dazu zu lesen und zeitlos aktuell: Horkheimer/Adorno "Dialektik der Aufklärung.Elemente des Antisemitismus" und nur Adorno "Negative Dialektik".

 
At 02 Dezember, 2005 13:06, Anonymous netbitch said...

Sprachregelungen als Repression: Das findet sich schon bei der Festlegung der deutschen Schriftsprache seit Luther, wobei es darum ging, bestimmte Moralbegriffe in die Sprache einfließen zu lassen, die vorher nicht in dieser Form verbalisiert wurden. Eine von eingebauten Repressionsmechanismen freie Sprache gibt es m.E. nicht.

 
At 03 Dezember, 2005 13:25, Blogger msh said...

Political Correctnes kann auch hierzulande durchaus bizarre Züge annehmen, z.B. wenn der Bundesverband der Grünen Jugend in einer Pressemitteilung zur Sicherheitspolitik davon spricht, "Deutschland sei von FreundInnen umzingelt". Dasdeckt sich wohl mit dem, was auch Che aus dem linken Spektrum zu berichten weiß.

Was aber tatsächlich nervt, ist wenn Political Incorrectness zum Selbstzweck wird - d.h., alles was an herrschenden Tabus rüttelt wird per se als gut angesehen.

Dieses Phänomen ist aber nicht ausschließlich (ja nicht einmal primär) bei prowestlich liberalen und konservativen Kreisen (du würdest abwertend von "Neoconards" sprechen) verbreitet!

Auch im rechtslibertären Dunstkreis rund um die Zeitschrift "Eigentümlich Frei" (siehe HIER) oder auch in Teilen der linken Blogosphäre (siehe HIER) wird der Tabubruch um des Tabubruchs Willen fleißig praktiziert.

Wenn ein linker Blogger ankündigt, jüdischen Journalisten in Anspielung an den Holocaust ein Fläschchen Feuerzeuggas zu schicken, und das dann als Protest gegen die Auschwitzkeulen-Schwingenden Neocons verkauft, so ist das wohl in viel größerem Maße eine Bewegung gegen Anständigkeit, als alles, was je auf prowestlichen Blogs zu lesen war.

 
At 03 Dezember, 2005 15:25, Anonymous Anonym said...

Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

 
At 03 Dezember, 2005 17:04, Blogger che said...

Absurdistanski Provokatorski

@msh: unerreicht - 1988 schrieb Eckhard Henscheid in der Titanic, dass das große I nie in Zusammenhang mit negativ oder kritisch bewehrten Kollektiven gebraucht würde, es sei in linken oder grünen texten z.B. nicht von MörderInnen oder PlünderInnen die Rede, sowas würde er aber gern
lesen ("bringt sie mir!"). Die Fachschaftsräteversammlung der Uni Göttingen sandte daraufhin eine formale Protestnote an die Titanic-Redaktion, die nicht abgedruckt wurde.

 
At 03 Dezember, 2005 19:51, Blogger Dr. Dean said...

@msh
Solche Erscheinungen, wie du sie da ansprichst, sind in meinen Augen die fast logische Folge übersteigerten Freund-Feind-Denkens.

Ich denke, Netbitch hat hier ein gutes Stichwort geliefert. Eine gänzlich repressionsfreie Sprache wird es wohl kaum geben.

Das kann also nicht das Ziel sein.

Aber ein klein wenig Bemühung um die Würde des anderen schadet nicht. Eine demokratischen Gesellschaft profitiert davon, wenn pejorative Begrfflichkeiten eher sparsam eingesetzt werden.

Das schließt den vereinzelten (!) Einsatz einer provokativen Zuspitzung nicht aus. Problematisch wird es m.E. aber, wenn z.B. "Politisch Inkorrekte" in ihrem ulkigen Stolz auf sektiererische Einstellungen die pejorative Herabsetzung des von ihnen Abweichenden zur Norm erheben.

Es ist auch keine gute Idee, in meinen Augen, die Bemühung um das Gute begrifflich herabzusetzen. Man hat soetwas im Zusammenhang mit der professionellen (!) Berichterstattung im Zusammenhang mit Live8 gesehen. Wie oft wurde der Begriff "Gutmensch" in diesem Zusammehang von den "Gatekeepern" eingesetzt!

Das Blöde an so etwas ist affirmative Manipulation des Lesers. Es muss kaum noch erläutert werden, warum Gratiskonzerte etwas Ablehnungswürdiges darstellen - es genügt die Etikette "Gutmensch".

Nochmal zum angesprochenen derben Ausrutscher von Politisch Inkompetent: Selbstverständlich ist es keine gute Idee, sich mit extremen Geschmacklosigkeiten am Bedrohungsgefühl von jemanden zu weiden.

Meinungsverschiedenheiten kann man auf bessere Weise austragen.

 
At 04 Dezember, 2005 18:46, Blogger che said...

Hierzu ein Nachtrag:

http://che2001.blogger.de/stories/356201/

 
At 05 Dezember, 2005 21:13, Blogger Dr. Dean said...

Mobbing gegen Andersdenkende
Dieses schöne Stichwort habe ich von Herrn Arne Hoffmann bwz. aus dieser Quelle.

Ich meine, damit wird auch klarer, wann die Fragwürdigkeit einer zuspitzenden pejorativen Begrifflichkeit ansteigt:
(a) mit der Häufigkeit ihres Gebrauchs
(b) mit der Pauschalität
(c) mit dem Umfang der impliziten bzw. konnotierten Unterstellungen

Wenn der politische Gegner bzw. dessen Ideen in einem pejorativen Kontext besrochen bzw. gesehen werden, dann trifft Hoffmanns Wort vom "Mobbing gegen Andersdenkende" besonders.

Allgemein denke ich: Charakter und Qualität einer (politischen) Kultur zeigen sich nicht zuletzt in ihrem Umgang mit der Abweichung, mit ihrer Offenheit bzw. Feindseligkeit.

Das betrifft dann auch die Sprache und ihrem Gebrauch.

 
At 06 Dezember, 2005 17:55, Anonymous vandal said...

Das hier scheint ein tolles Buch zum Thema zu sein:
http://www.transcript-verlag.de/ts238/ts238.htm

Die Leseprobe reißt leider ab, bevor es richtig interessant wird, aber so soll das wohl sein. Nur woher bekomm ich jetzt die 30 Euronen?

 
At 06 Dezember, 2005 20:10, Blogger Dr. Dean said...

@Vandal
Geben Sie besser 11,90 Euro aus! Die bessere Lesbarkeit gibt es als Bonus obenauf.

 
At 18 Dezember, 2005 14:54, Anonymous Tombox said...

Dem Artikel von Dr. Dean stimme ich zu, verwahre mich aber gegenüber der Verwendung der Wörter "Linguistik"/"linguistisch" in manipulativen Zusammenhängen. Die Linguistik befasst sich deskriptiv/explanativ mit natürlichen Sprachen, es geht um Sprachuniversalien, Lernbarkeit usw. Die Linguistik kann daher glücklicherweise keinen Beitrag zur Gedankenkontrolle der Menschheit leisten. Dass Sprache (im Unterschied zur Sprachwissenschaft) für derlei Zwecke verwendet werden kann, kann man ihr kaum vorwerfen.
Sei noch angemerkt, dass "Neurolinguistisches Programmieren" auch nicht das geringste mit Linguistik bzw. Neurolinguistik zu tun hat.

 
At 13 Januar, 2006 16:10, Anonymous Jochen said...

Neoconnard, neoconnerd oder postliberal?

Dr. Dean hat ja das in der Bloggosphäre mittlerweile geflügelte Wort "Neoconnard" geprägt, während ich mich dagegen wehre, das Gedankengut der angeblich so libertären Bloggerszene einzig auf die amerikanischen NeoCons abzuwälzen, da die Nockherberger Waisenkinder eher einem weltweit beobachtbaren Trend der - einen Wertepluralismus ablehnenden - Entliberalisierung zuzuorden sind, weshalb ich dieses Gedankengut lieber als postliberal bezeichne. Che2001 redet nun von Neoconnerds

 
At 05 Juni, 2007 10:15, Anonymous Anonym said...

Ich wundere mich als Franzose sehr, dass das Wort "Gutmensch" in Deutschland wieder in Mode kommt, ohne dass die meisten Leute sich über die Tradition dieses Schimpwortes im klaren sind ,die weit vor der Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht, die aber von den Nationalsozialisten aus guten Gründen gepflegt wurde.Dieser Ausdruck ist die verhöhnende semantische Umkehrung des wortes "goodman" ,das in den 1738 in England veröffentlichten sogenannten" Constitutions of Anderson " anzutreffen ist, die die allgemeinen Prinzipien der Freimaurerei zusammenfassen.Ich zitiere:
" A mason is obliged by his tenure to observe the moral law as a true noachida, and if he rightly understand the Craft,he will never be a never be a stupid atheist nor an irreligious libertin,nor act against concience.In ancient times, the christian masons were charged to comply with the christian usages of each country where they travelled or worked: but masonry being found in all nations,even of diverse religions ,they are now only charged to adhere to that religion in which all men agree, that is to be GOOD MEN and true, men of honour and honesty by whatever names religions or persuations they may be distinguished..." Die Freimaurer berufen sich hier explizit auf die noachidischen Gesetze, die die Juden als das Mindestmaß an moralischen Werten verstehen, das für die ganze Menschheit Gültigkeit hat.Dass Freimaurer für den Humanismus, den Universalismus, den Rationalismus plädiert und dazu beigetragen haben ,diese Werte in politische Institutionen umzusetzen , erklärt , warum die Bekämpfer jener Werte den Ausdruck so gern in den Mund nahmen.Übersetzt man das Wort mit Pharisäer, kommt die Verbindung zum Antisemitismus offen zutage. Nicht von ungefähr wurden in der NS- Phraseologie Freimauer und Juden in einen Atemzug erwähnt.Ich befürchte,im deutschen Topf brodelt immer noch die selbe Suppe : Antiliberalismus, Antiparlamentarismus Ethnizismus, Angst vor Überfremdung usw...
Angesichts dessen, was "Gutmenschen"Feinde
in den Dreißigern und Vierzigern angerichtet haben ,erscheinen mir das phoenixartige Wiedererscheinen dieses Ausdruckes und die politische Amnäsie als besonders besorgniserregend.
ein französischer Beobachter des Völkischen

 
At 29 September, 2007 17:52, Blogger Dominik Hennig said...

Schaut mal auf http://zine.paxx.tv/?p=22

Ein Lob der Political Correctness aus libertärer Feder!

 

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