27 September 2005

Für Deutschland oder für Lobbyisten?

Wie sehen Lobbyisten Deutschland? :Als Selbstbedienungsladen.

Damit das bald besser klappt, verabreden sie aberwitzig teure Kampagnen, diesmal eine, welche uns Deutschen erklären mag, wie von uns zu denken und zu empfinden ist - und zwar möglichst konform zu den Ideen der Bertelsmann-Stiftung.

Ich las es gerade bei Flötenfuchs. Es ist interessant, was Agenturen wie Jung van Matt so treiben. Bibliotheken werden eine nach der anderen geschlossen, aber für so etwas sind jederzeit genügend Mittel vorhanden - 30 Mio Euro. Jetzt versuchen sie es also mit dem Nationalgefühl.

Gabor S. analysierte am 15.09.2005 die Wahlniederlage der gemerkelten Radikalreformer und meinte, dass dies an der generellen "Reformunwiligkeit" der Deutschen liegt. Die werbewirtschaftende Kokserelite zog schon vorher Konsequenzen bzw. eine gezinkte nationale Karte, die jetzt ausgespielt wird und bestens zum verordneten "Gründerzeit"-Feeling im Fall einer schwarz-gelben Mehrheit gepasst hätte. Man möchte die "Reform"bereitschaft der Deutschen in Richtung eines neoliberalen Politikverständnisses drücken. Die Ideen von Kirch waren erst der Anfang.

Denn darum geht es: Klassenkampf von oben. Das allzeit ruckende Geschwafel von der einen, möglichst schnell umzusetzenden Reform kennt keine Alternativen. Sie halten die deutschen Bürger für dumm.

Ich werde heute oder morgen einen netten Text dazu verfassen, vielleicht sogar ein richtiges Gegen-Manifest. Über uns Deutsche und den berechtigten Stolz bzw. Freude über das, was wir erreicht haben. Über unsere Agenda. Zukunft. Aufgemerkt!

Deutschland: Das ist bei uns - nicht bei dieser hysterischen Jammer-Elite, die Deutschland schlecht zu machen versucht.
Damit das klar ist.

P.S. Diese Werber rauschen in ihrem werbewirtschaftenden Raumschiff offenbar mit wenig Kontakt zur Normalität durch den Webspace - und merken daher nicht, dass sich ihre Kampagnenwebseite zwar gut auf ihren Notebooks präsentieren lässt - nicht aber auf den meisten Durchschnitts-PCs in unserem Land...

7 Comments:

At 27 September, 2005 19:09, Anonymous Rayson said...

Der Widerwille gegen Kampagnen dieser Art ist ja verständlich. Aber dass sich alle Seiten die jeweils passende Verschwörungstheorie dafür zurechtbasteln, ist komisch bis pathologisch.

Die einen sehen die Kampagne als Mittel zur Durchsetzung "neo-liberaler" Reformen, die anderen als Versuch, diese zu umgehen. Wobei der Verschwörungsanteil bei den Linken, die sich ja irgendwie erklären müssen, dass Journalisten doch da tatsächlich gegen die wissenschaftliche Weltanschauung anschreiben, deutlich höher ist.

 
At 27 September, 2005 20:34, Blogger Dr. Dean said...

@ Rayson

Erstens, diese Kampagne wird nicht von Journalisten veranstaltet. Diese dürfen da mitwirken, das ist alles.

Zweitens, ich sehe hier keine "Verschwörung", sondern den ganz natürlichen Ausdruck gesellschaftlicher Interessen. Mir stößt dabei allerdings der manipulative Charakter dieser Kampagne auf.

Drittens, dass die Bertelsmann-Stiftung bei dieser Kampagne federführend ist, dürfte einen recht guten Hinweis darauf geben, welche Interessen damit promotet werden.

Viertens, wenn du dir das "Manifest" dieser Kampagne auschaust, ist doch ziemlich klar, welche Aussage transportiert werden soll, nämlich so etwas wie "Geh endlich runter von der Reformbremse, es gibt keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Deutschland-Autobahn. Hör endlich auf, nach dem Staat zu fragen."

Das war jetzt leider fast eine wortwörtliche Übernahme - und es ist das, was die Macher der Kampagne nett eingepackt sagen wollen.

Darf man derartige Kampagnen nicht kritisieren?

 
At 28 September, 2005 14:08, Blogger accountgelöscht said...

Was man jedenfalls nicht glauben darf:

Dass das alles irgendeine grosse, geplante Verschwörung ist. So funktioniert das ja nicht. Deshalb ja auch die kognitive Dissonanz zwischen Botschaften der INSM (Deutschland am Abgrund, DESHALB Gürtel engerschnallen) und Du bist Deutschland (Wir alle zusammen sind ein tolles Deutschland, ABER Gürtel engerschnallen). Deshalb der ungeschickte Deutschlandfarben-Hundehaufen. Deshalb allenthalben diese seltsame Planlosigkeit, Lustlosigkeit und das Ungeschick bei den Kampagnenmachern.

Eine Verschwörung sähe anders aus, raffinierter. Dafür sind die Interessen aber auch zu wenig einheitlich unter den Auftraggebern. Die Schnittmenge reicht nur für so ein diffuses "Ruck"-Gerede. Aber natürlich ist es eine manipulative Einflussnahme, die man nicht nur für notwendig hält, sondern deren Notwendigkeit sich sogar exakt in den Geldbeträgen ausdrückt, die dafür zur Verfügung stehen.

Interessanter finde ich an diesen Kampagnen, wie ein technokratisch-kybernetisches Menschen- und Gesellschaftsbild der 60er (Die Wirtschaft) auf die postmoderne Gesellschaft Anfang des 21 Jhrd.s trifft - und grandios scheitert.

Die Idee dabei war, wie immer bei solchen Kampagnen mit politischem Inhalt, dass Menschen und ihre Meinungen sich wie Eisenspäne im Magnetfeld eines Magneten anordnen lassen. Das Feld sind die vermittelten Informationen, Bilder, Gefühle. Sie sollen die Öffentlichkeit formieren. Das hat auch wirklich mal ganz gut funktioniert, in konformistischen Massengesellschaften. Bestes, grusligstes Beispiel: Mao-China. Ein-Kind-Kampagne, Dreijahrespläne, etc. Die Gesellschaft als steuerbare Maschine. Nur stimmt dieses Gesellschaftsmodell heute schon lange nicht mehr.

In der Postmoderne trifft das nämlich auf eine sektorialisierte Post-68-Gesellschaft, die keine oder kaum gemeinsame verpflichtende Metaerzählungen und Mythen wie Patriotismus oder Gott mehr kennt.
Es trifft auf ganz unterschiedliche Lebenskonzepte, auf Ideen von Glück, Selbstverwirklichung, Style, Solidarität, Coolness. Auf kulturelle Phänomene. Inzwischen weltweit, übrigens.

In dem Sektor, in dem ich mich bewege, der recht gross ist, und meinungsbildend und innovativ, da stösst diese Kampagne auf eine Mischung aus Ungläubigkeit, Belustigung und Genervtheit. Niemand hat Bock, manipuliert zu werden. Und auf einer Metaebene sagen alle diese Kampagnen nur: "Wir haben gute Gründe, diese emotionalen Botschaften an dich herzustellen, wir glauben, das bewirkt unterbewusst was bei dir." Das wirkt einfach nicht vertrauensbildend.

Exkurs:

Hier in Hamburg gab es ja Anfang der 90er ein grosses Drogenproblem, laut Medien. Das gab es zwar schon vorher, aber es war eben sehr sichtbar, Dealer und Junkies am HBF, etc. (Übrigens läutete diese Horrorberichterstattung über Schanzenviertel, St. Georg, etc. damals endgültig die geistig-moralische Wende in der Berichterstattung des SPIEGEL ein, das ist auch ein interessanter Zusammenhang).

Die geniale Lösung von CDU und Schill-Partei : Man spielte an Bahnhöfen klassische Musik aus Deckenlautsprechern ab, Vivaldi und Co.. Untermauert wurde diese Kampagne mit "wissenschaftlichen" Erkenntnissen, nach denen klassische Musik Junkies fremd ist, sie verunsichert, und ihnen signalisiert, dass sie nicht dazugehören und abhaun sollen. In Wirklichkeit war natürlich noch viel Polizei im Spiel, und heute sind die Junkies eben "unsichtbarer", weil sie sich ihr Heroin und Crack in Wohnungen, und dezentral, kaufen. Es sind nicht viel weniger geworden. Die Bahnhöfe dudeln immer noch vor sich hin. Für die "Öffentlichkeit" war diese Massnahme der CDU/Schill-Partei aber ein durchschlagender Erfolg. Junkies weg, Theorie richtig. Schein und sein. Ich vermute, die gegenwärtigen Kampagnen "funktionieren" ganz ähnlich.

Das ist eine reine Simulation von Politik. An einer sichtbaren Oberfläche passiert etwas, irgendwelche Muster changieren, eine Bewegung, eine Änderung auf Screens.

Man müsste sonst eigentlich wahrheitsgemäss sagen: "Unsere Lösungen funktionieren nicht mehr, Entschuldigt bitte, wir hatten unrecht mnit unserem Menschenbild, unserer Politik, unseren Lösungen. Natürlich brauchen wir den Staat, und natürlich ist es krank, dass der Mensch der Wirtschaft dient, und nicht umgekehrt".

SO aber kann man nämlich einfach erst mal so weiter machen, und vor sich hin pfeifen. Im Dunkeln. Um sich Mut zu machen. Man tut ja was.

In Wirklichkeit sagen diese Kampagnen eigentlich nicht wirklich "alles muss anders werden". Davor werden sie sich ja hüten. Sie sagen: "Alles soll für uns so bleiben, wie es immer war, und dabei sollt ihr mitspielen, sonst geht es nicht. Deshalb arbeitet mehr, für Deutschland. Bitte!"

Ich bin gespannt auf die nächste Kampagne, die wird sich dann wohl vehement gegen die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens richten. Die spannende Herausforderung für die Agenturen wird dann darin bestehen, die hässliche Wahrheit aus Max Webers "Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus" in akzeptable, fluffige, postmoderne, emotionale Botschaften zu verpacken. (Wahrlich kein leichter Job.)

 
At 29 September, 2005 01:48, Anonymous Rayson said...

@dean

"Darf man derartige Kampagnen nicht kritisieren?"

Scherzkeks. Als ob es irgendwo jemanden gäbe (mich eingeschlossen), der das nicht macht.

Aber interessant, wie manipulativ du selbst vorgehst. Du machst aus "Geh runter von der Bremse" ein "Geh endlich runter von der Reformbremse", aus "Frage dich nicht, was die anderen für dich tun" ein "Hör endlich auf, nach dem Staat zu fragen" und hast dann noch die Chuzpe, das als "fast wortwörtlich" zu bezeichnen. Aber gut, du weißt ja, was die Initiatoren der Kampagne "eigentlich" sagen wollen, und da darf man der Erkenntnis schon mal ein wenig auf die Sprünge helfen, nicht wahr? Es dient ja der guten Sache.

Als "Argumentation" geht das bei bürgerlich geprägten Menschen wie mir allerdings nicht durch. Dazu fehlt mir dann doch die Endzeitgewissheit.

 
At 29 September, 2005 12:18, Blogger Dr. Dean said...

@ Rayson

Danke für die Kritik. Ich bin mir zwar sicher, dass ich in meiner kleinen Überspitzung in Bezug auf die Ziele der Bertelsmann-Stiftung absolut Recht habe, aber, was die übrigen Initiatoren angeht, Rayson, haben Sie mich mit Ihrem Hinweis zur Recherche angeregt.

Das geht soweit, dass ich inzwischen zu dieser Initiative gehöre...

Bislang zeichnet sich bei meiner Recherche ab, dass der eigentliche Initiatorenkreis ein etwas anderes Kommunikationziel verfolgen wollte.

Die federführenden Bertelsmänner nebst den beauftragten Werbefuzzis sahen sich aber offenkundig verleitet, die Message in diese richtung zu verzerren (jetzt überziehe ich deutlich):

"Halts Maul, maulen bringt nichts, sieh, dass du allein klar kommst, ja das ist super chaka-chaka, und die nächsten Reformen kommen mit Höchsttempo - das ist Deutschland".

Achtung: Absolut nicht im Interesse der eigentlichen Auftraggeber!

 
At 29 September, 2005 13:29, Anonymous Rayson said...

Hm, so unterschiedlich kann man diesen Text also lesen und die Intention der Kampagne auffassen.

Kann sein, dass die unterschiedliche Ausrichtung hinter den Kulissen letztendlich für die Wischi-Waschi-Gestalt von Text und Kampagne gesorgt hat, die ich vor allem zu erkennen meine.

 
At 29 September, 2005 16:47, Blogger Dr. Dean said...

Bertelsmann-Chef Thielen war maßgeblich bei der Umsetzung der Kampagene beteiligt. Und abgesehen von mehr "Aufbruchstimmung" sieht er folgende Zielsetzung im Rahmen der Kampagne:

- schnipp -

Thielen: Unabhängig davon, wer die Regierung bildet, der Reformkurs muß verstärkt fortgesetzt werden.

- schnapp -

Es geht ihm um die Begleitmusik zum neoliberalen Umbau unserer Gesellschaft, um den Marsch in eine neue Republik. Das muss wohl sein - die Bertelsmann-Stiftung hält ja die 12-jährige neoliberale Periode in Neuseeland immer noch für einen unbezweifelbaren "Erfolg" und eine Blaupause des nun auch von uns endlich mal anszustrebenden Wandels. Auch toll: Tschechien und Estland.

Du bist Estland.

 

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