02 März 2008

Gedankensprengsel: Wenn man davon ausgeht, dass Geld als Leistungsanreiz wirkt, dann ergibt sich daraus üblicherweise (in angebotsökonomischer bzw. neoliberaler Logik) ein Argument für eine möglichst große Lohndifferenzierung. Es gibt jedoch innerhalb dieses Argumentationszusammenhangs ein starkes Gegenargument, das gegen eine allzu starke gesellschaftliche Lohnspreizung spricht: Nämlich die Erkenntnis eines abnehmenden Grenznutzens. Auf der Ebene der Individuen sinkt die Anreizwirkung des Geldes mit der Lohnhöhe, vereinfacht gesagt haben bei einem Niedriglohnempfänger monatlich 150 Euro deutlich mehr Bedeutung als bei einem Spitzenmanager.

Dieser Umstand hat - wenn man ihn konsequent weiterdenkt - eine enorme Bedeutung, denn er hebelt das Argument mit der "aus Anreizgründen" angeblich notwendigen großen Lohnspreizung aus. Vermutlich könnte man nun ein Modell der optimale Lohnspreizung konstruieren, indem man beide Wirkmuster (die übrigens beide empirisch belegt sind) zusammenfasst, um daraus eine optimale Lohnspreizung abzuleiten. Es gibt also auf der individuellen Ebene zwei monetäre Anreizfaktoren: Erstens der relative Lohnabstand zum sozialen Umfeld. Hier besagt die Empirie, dass bereits relativ kleine Unterschiede (z.B. 20 Prozent) eine relativ große Wirkung haben können. Zweitens der abnehmende Grenznutzen: Der Anreizunterschied nimmt mit dem relativen Mehrverdienst stark ab.

Geht man überdies davon aus, dass (jetzt unabhängig von der jeweiligen Markt- und Tarifsituation gedacht) in einem durchschnittlichen Betrieb fünf bis sechs Lohnstufen zur Konstruktion einer ausreichenden und Anreize schaffenden innerbetrieblichen Lohndifferenzierung ausreichen - und verallgemeinert man diesen Befund (etwas waghalsig - zugegeben) auf die gesellschaftliche Ebene, dann müsste man gesamtgesellschaftlich - reinweg über die Anreizdynamik gedacht - mit ca. 10 Lohnstufen auskommen (z.B. in der Reihung 0,37 - 0,47 - 0,58 - 0,67 - 0,87 - 1- 1,2 - 1,44 - 1,73 - 2,1 - 2,7), wobei sich ein größerer Teil der Arbeitnehmer, hier aus Anreizgründen strategischer Art, im einem mittleren Bereich aufhalten sollte. Die unterste Stufe entspräche dem Existenzminimum. Interessant kann man ggf. finden, dass diese theoretische Reihung der empirischen Lage überraschend gut entspricht, wenn man einmal den Bereich der Spitzengehälter (Definition: oberhalb doppeltes Durchschnittsgehalt) ausblendet.

Lässt man sich auf diese auf Anreizmaximierung gerichtete Argumentation ein, dann lässt sich recht einfach erkennen, dass z.B. die Forderung nach einer größeren Lohn- und Gehälterspreizung in der Gesellschaft (gerne vertreten von sogenannten Neoliberalen) unseriös ist. Eine Erhöhung der Lohndifferenzierung bewirkt immer eine gesellschaftliche Umverteilung - und damit indirekt eine Anreizverminderung derjenigen, die daraus resultierend ökonomisch herabgesetzt werden. Dabei sollte auch bedacht werden, dass genauso eine übertriebene Einebnung von Gehaltsunterschieden kontraproduktiv wirkt.

Weiterhin ist daran zu denken, dass sich Löhne in wettbewerblich gedachten Arbeitsmärkten nicht auf Basis abstrakter Anreizmodellierungen ergeben, sondern vor allem in Hinblick auf Knappheits- und Produktivitätsgesichtspunkte. Das ergibt mitunter einen großen Unterschied.

Im Bereich geistiger Arbeit (z.B. Programmieren) kann es hier eine enorme Differenzierung geben, welche deutlich über das Ausmaß hinaus geht, was sich als "leistungsgerecht" (im Sinne fairer Entlohnung) oder "anreizgerecht" deuten lässt. Anders gesagt, Arbeitsmärkte folgen keinen Gerechtigkeitsüberlegungen, sondern erstens relativen Knappheiten, zweitens den (durchaus als unfair verstehbaren) relativen Unterschieden, die eine Tätigkeit in Hinblick auf die betriebliche Wertschöpfung hat, sowie drittens dem Vorhandensein von gesellschaftlicher und individueller Macht. Insofern wird die Arbeit eines Vermögensverwalters oder Einkäufers auf Arbeitsmärkten - unabhängig von der jeweiligen individuellen Lesitung - regelmäßig höher bewertet werden als z.B. die Arbeit eines Handwerkers oder einer Krankenschwester.

Selbstverständlich sind das hier vor allem theoretische Überlegungen, zumal hier eine Reihe von Randbedingungen zu bedenken sind. Eine große gesellschaftliche Lohnspreizung setzt als notwendige Bedingung vor allem eine reiche Gesellschaft voraus - anderenfalls wird die Lohnspreizung zu einer Form gesellschaftlicher Gewalt, deshalb, weil die hohen und überdurchschnittlichen Löhne auf Kosten der übrigen gehen, was unmittelbar zu Not und gesellschaftlliche Herabsetzung führen wird. Man kann - durchaus stichhaltig - behaupten, dass z.B. das deutsche Wirtschaftswunder ausgeblieben wäre, hätte es damals die Lohnspreizung gegegeben, welche angebotsökonomisch orientierte Neoliberale für ideal halten. Mit anderen Worten, etwas gröber formuliert: Massenverelendung ist keine Wachstumsvoraussetzung, sondern wirkt ganz im Gegenteil depravierend.

Diese "Depraviationswirkung" niedriger Löhne ergibt sich - unabhängig von der ebenfalls bestehenden Wirkung auf das Individuum - auch daraus, dass sich die Qualifizierung von Mitarbeitern (langfristig: Produktivitätserhöhung) im Niedriglohnbereich aus betrieblicher Perspektive weniger lohnt bzw. gehemmt wird. Das ist deshalb der Fall, weil die Mitarbieterqualifizierung im Fall von Niedriglohnbeziehern überproportional teuer wird! Die Einsparungswirkung erhöhter Mitarbeiterproduktivität fällt wegen der Niedriglöhne nämlich vergleichsweise niedrig aus, während die Weiterbildungskosten gemessen am Niedriglohn wiederum überproportional hoch ausfallen. Niedriglöhne haben, sowohl in betrieblicher Hinsicht, wie auch in gesellschaftlicher Hinsicht eine ent-bildende Wirkung.

Wenn von Neoliberalen die angebliche gesellschaftliche Notwendigkeit von Niedrig- und Niedrigstlöhnen postuliert wird, so ist dies meiner Ansicht nach eine unseröse wirtschaftspolitische Idee. Es kann m.E. kein sinnvolles wirtschaftspolitisches Ziel darstellen, das Lohnniveau für weite Bevölkerungskreise abzusenken. Zwar wird behauptet, dass großflächige Lohnsenkungen die allgemeine ökonomische "Wettbewerbsfähigkeit" erhöhen würde, wobei sich die entsprechend argumentierenden Neoliberalen die Gesellschaft bzw. einen Nationalstaat quasi vor allem als Konkurrent zu anderen Staaten denken, und die beste bzw. einzige Konkurrenzoption darin sehen, die allgemeinen Löhne abzusenken.

Dazu sage ich: Ein Unternehmer, der derartig einseitig auf einem Markt auftritt und nur über den Preis zu konkurrieren versucht, ist im Regelfall ein Idiot, der auf lange Sicht hin schwerlich am Markt bestehen wird. Vermutlich hat das einseitig auf Preise bezogene Denken der Neoliberalen auch damit zu tun, dass Qualitätswettbewerb schwieriger zu modellieren ist als eine Preis-Nachfrage-Funktion. Primitives ökonomisches Denken entspricht aber keineswegs den Vorgängen in einem Betrieb bzw. Markt. Ein einzelnes konkretes Beispiel: Mit einer alten Digitalkameratechnologie (z.B. aus dem Jahre 2000) und einem Niedrigstpreis kann kaum ein einziges Produkt verkauft werden.

Wenn die deutsche Ökonomie vor allem als technologieorientiert begriffen wird - zumal in den Exportbereichen - dann sollte dies verdeutlichen, dass für unser Land vor allem die Qualität und Ausbildung des Arbeitnehmerfundus zählt - und weniger die von neoliberalen Rüpeln herbeifantasierte angebliche Notwendigkeit von Niedriglohn. Überdies ist ein gewisser Abstand vom Existenzminimum im Regelfall notwendig, damit ein Unternehmer loyale und leistungsbereite Arbeitnehmer hat.

Weiterhin sollte man bedenken, dass eine Gesellschaft mehr ist als eine ökonomische Konstruktion zur Durchsetzung anreizoptimaler Verhältnisse. Ein soziales gesellschaftliches Miteinander (z.B. auch in kultureller Hinsicht) setzt voraus, dass möglichst große Teile der Gesellschaft auf einem normalen Level gesellschaftlich partizipieren können, und das setzt wiederum eine gewisse Ähnlichkeit in den jeweiligen Konsummöglichkeiten voraus. Es ist z.B. bekannt, dass Bezieher von Niedriglöhnen (Definition: unterhalb 60% Durchschittslohn) vom kulturellen und gesellschaftlichen Leben zunehmend ausgegrenzt sind. Ich meine - das ist natürlich keine ökonomische Argumentation -, dass eine Gesellschaft zunehmend illegitime Züge aufweist, wenn hier ein großer der Teil der Menschen ökonmisch ausgegrenzt ist.

Ein letzter Aspekt, den ich hier noch aufschreiben wollte: Vermachtete Arbeitsmärkte (Beispiel: Manager können ihre Gehälter selbst festlegen) folgen mitnichten einer Leistungs- oder Marktlogik. Die übertriebenen Gehälter für Spitzenmanager haben nicht damit zu tun, dass es so unglaublich schwer wäre, einen guten Manager zu finden und anzuheuern, sondern sie reflektieren in erster Linie ihre Machtposition.

Und eben keine ökonomischen Notwendigkeiten. Wenn zunehmende Teile der Jahresgewinne von Aktiengesellschaften (zur Zeit ca. 5%, Tendenz steigend, in Ausnahmefällen teils schon 15%) für die obersten Managerschichten aufgewandt werden, und zwar für Löhne, die aufgrund ihrer überzogenen Höhe kaum noch eine Anreizwirkung entfalten, dann ist dies - aus ökonomischer Sicht - ebenso unerfreulich wie z.B. übertriebene Steuersätze. Viele deutsche Aktiengesellschaften befinden sich heute in einer Situation, wo sie mehr davon hätten, wenn sie die Spitzengehälter glatt halbieren würden - um mit den frei werdenden Mitteln ihre Mitarbeiter zu qualifizieren.

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