23 September 2005

Ein Wort zu Hayek & seinen Fans

Seit einigen Jahren wird unseren Wirtschaftsstudenten zunehmend Hayek eingepaukt, dieser österreichische Ignorant, der nicht erkennen konnte, dass "freie" Marktprozesse menschliche Freiheiten gefährden können, der überdies z.B. private Monopole als "Tüchtigkeit" anpries, dieser bis zur Idiotie staatsfeindliche Extremist, der in jeglichen staatlichen Handeln eine übergroße Gefahr der Abschaffung der "Freiheit" wähnte, und in sozialer Marktwirtschaft einen "Weg zur Knechtschaft".

Im Grunde genommen beschreibt dieser Irre bereits den Wahnzustand der "modernen" Libertären bzw. neoliberalen Wirtschafts"experten"priester, die nahezu jede staatliche Aktivität, insbesondere Bemühungen um sozialen Ausgleich bzw. Chancengleichheit als einen fundamentalen Angriff auf die "Freiheit" empfinden. Gleich danach kommen Marktregulierungen, die als furchtbare Sklaverei empfunden werden. Typisch für diese Leute scheint zu sein, ein interessanter Fall struktureller Inkonsequenz, dass sie teure staatliche Bemühungen um Höchstrüstung/Kriegsführung nicht weiter erwähnenswert finden oder sogar als "unerlässlich" bejubeln. Direkte Angriffe auf die menschliche Freiheit z.B. im Namen von "Terrorabwehr" werden von Neoliberalen, die doch so um "Freiheit" besorgt sind, häufig gut geheißen oder ostentativ ignoriert. Der klassische Neoliberale ist auch ein Neokonservativer.

Eigentümliche Neoconnards.

Nun ist es nicht so, dass ich eine zu hohe Staatsquote für unproblematisch halte. Jenseits der 50%-Marke, vermutlich schon etwas früher, erzeugt eine hohe Staatsquote starke Effekte und Anreizverzerrungen, welche nahezu jede marktwirtschaftliche Ökonomie lähmen. Ich persönlich halte eine Quote von 33% für eine vernünftige Zielgröße, und ich bin mir sicher, dass mit dieser Quote eine vorzügliche Sozialstaatlichkeit realisiert werden könnte - wenn man dies anstrebt.

Im Übrigen wird jeder vernünftige Ökonom, wenn er sich von den Wahnhaftigkeiten der Hayek-Imitatoren frei gemacht hat, einsehen können, dass der menschlichen Freiheit grundsätzlich von vielen Seiten Gefahr droht. Es gibt da weitaus mehr als nur als die Gefahr eines wuchernden Staates, der seine Aufgaben oft nur tölpelhaft zu organisieren weiß. Zu diesen Gefahren zählen z.B. auch unzulänglich organisierte/finanzierte Sozialstaatlichkeit, allzu ungebremst agierende ökonomische und/oder soziale Übermacht von Institutionen bzw. ökonomischen Akteuren, hysterische Erscheinungen bei der Abwehr innerer/äußerer Feinde, oder auch Machtdefizite von Arbeitnehmern. Eine andere, heutzutage sogar beobachtbare Gefahr wird sichtbar, wenn der Staat von golfspielenden Snobs gelenkt wird, welche den Staat und seine Aufgaben hassen. Staatsversagen wird so zum Ergebnis einer Diskussion um Staatsversagen.

Machtdefizite von Arbeitnehmern? Der empirisch gestählte Ökonom wird bestätigen können, dass hinter diesem Begriff mehr Sinn für Realität steht als hinter dem ewigen Geheule der Neoconnards wegen ein paar Arbeitnehmerrechten.

Mein Schluss- und Leitwort an die Hayek-Fans:
Das Bemühen um Deregulierung ersetzt
keine vernünftigen ordnungspolitischen Vorstellungen.

7 Comments:

At 23 September, 2005 20:07, Blogger Rayson said...

Schade. Ich würde ja gerne kommentieren, aber nicht als Blogspot-Leiche. Komm, Deanchen, gib dir einen Ruck - soviele Kommentare überhäufen dich nicht, als dass du sie künstlich beschränken müsstest.

 
At 23 September, 2005 21:23, Blogger Dr. Dean said...

Rayson, das Bloggen ist für mich eine völlig neue Sache. Ich habe noch keine Ahnung, was man hier wie einstellen muss, damit das Kommentieren leichter und zugänglicher wird.

Ich werd mich schlau machen.

 
At 23 September, 2005 21:34, Blogger Dr. Dean said...

@Rayson. Update:
Danke für die Anregung!

Ich denke, jetzt ist alles in Ordnung.

//* Open for world modus = on *//

 
At 23 September, 2005 22:21, Anonymous Rayson said...

Na, wo das jetzt geklappt hat, muss ich dann wohl auch ;-)

Zunächst einmal: Wer sich als Wirtschaftsstudent etwas "einpauken" lässt, ist selbst Schuld. Meine Uni war damals sehr Keynes-geprägt, ohne dass das auf mich einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätte. Es ist immer sehr einfach, andere Meinungen mit Indoktrination und ähnlichem erklären zu wollen.

Ich finde, du bist in deiner Abgrenzung etwas unscharf. Hayek und noch mehr die "Neoliberalen" der Freiburger Schule waren ja nun im Gegensatz zu Rothbardschen oder Randschen Libertären eben nicht gegen jede staatliche Aktivität. Für Eucken z.B. war eine progressive Einkommensteuer selbstverständlich (eine Meinung, die ich nicht teile).

Auch dein Bemühen, die Welt in Raster einzuordnen, nähert sich eher dem Niveau an, das du kritisierst. Es ist keinesfalls Pflicht für Liberale, die US-Außenpolitik für durchgehend richtig zu halten. Libertäre (siehe "Freiheitsfabrik") lehnen die derzeitige sogar strikt ab, und auch unter Liberalen ist die Beurteilung nicht eindeutig. Die rigorosen Maßnahmen zur "Terrorbekämpfung" werden von beiden Richtungen abgelehnt.

Es kann natürlich auch sein, dass du dich auf einem Kreuzzug gegen gewisse "Pro-Westliche" befindest. Kann sein, dass du Liberale und Neocons unbedingt unter einen Hut bringen willst. Wenn denn das Ergebnis schon vorher feststeht, erübrigt sich allerdings auch jede Diskussion.

Ich halte übrigens sehr wenig davon, künstliche Fronten aufzubauen. Entweder man hat etwas zur Sache zu sagen, meinetwegen auch gerne provokant, oder man entscheidet sich für Kleinkriege.

Ich jedenfalls komme aus einer Ökonomie-Welt, die den Staat für ziemlich viele Zwecke einsetzen wollte. Je mehr ich davon in der Praxis mitbekam und theoretisch hinterfragte ("Ökonomische Theorie der Politik"), um so fraglicher wurde es aber, ob er diese Rolle überhaupt erfüllen kann. Es geht nicht um eine ideologische Fixierung auf den Markt. Es geht in den Grenzbereichen um die Auswahl des kleinsten Übels.

 
At 24 September, 2005 00:22, Blogger Dr. Dean said...

@ Rayson

1. Keynes hat auf mich auch nur wenig Eindruck gemacht. Er hat m.E. ein ganz gutes Gefühl für ökonomische Praxis und ist ein enorm lausiger Theoretiker. Ein paar Ideen sind interessant, seine Grundidee, dass in einer Phase tiefster wirtschaftlicher Depression der Staat eine gewisse Anreizwirkung auf den konjunkturellen Prozess ausüben könnte, die mag man ja noch hinnehmen. Die Terminilogie, der ganze Methodenapparat, die Theorieformulierungen, ja, eigentlich alles Übrige war für mich damals Wunschdenken bis M-Ü-L-L.

Am besten wusste das Keynes selber, der diese ganzen Ideen als beliebig austauschbaren Werkzeugkasten begriff.

Dass noch kaum ein Keysianer eine ernsthafte theoretische Auseinandersetzung mit dem einfachen Gedanken wagte, dass jede Staatsverschuldung mit Zinseszins zurück zu zahlen ist, und dass dies dann i.d.R. konjunkturdämpfende Wirkung entfaltet, genauer gesagt schon weit vorher über Effekte auf dem Geldmarkt, hat diesen ganzen Keynes-Müll für mich von Anfang an disqualifiziert.

2. Bei Hayek muss man auch differenzieren, okay. Es gibt a) einen Hayek mit noch funktionierendem Verstand, b) einen späteren Chicago-Hayek und c) ein Hayek-Zerrbild des libertären und neoliberalen Movements.

Ich richte mich gegen den BC-Hayek, und hoffe, dass das auch so verstanden wird. Der A-Hayek ist m.E. irrelevant. Ich kenne nicht einen einzigen Gedanken bei A-Hayek, der auch nur entfernt originär wäre.

3. Du hast recht, die Verknüpfung zwischen außenpolitischen Themen und Wirtschaftsdogma ist nicht zwangsläufig. Es ist aber in meinen Augen auffällig, das die meisten neoliberalen Meinungsmacher Hochrüstungsbefürworter sind oder weichherzig ignorant in dieser Frage wildester Staatswucherung, während sie ansonsten wirklich jeden einzelnen Pups, sofern dieser nach Sozialstaat riecht, mit größten publizistischen Aufwand bekämpfen.

Für mich ist das neoliberale Movement fundamentalistisch und ideologisch, in Teilen sogar extremistisch.

4. Ich halte es für eine gute Idee, Fronten entlang der Linie faktischer Kampfhandlungen zu benennen.

Nebelwerferei oder unverfängliche Beliebigkeit wäre vor dem Hintergrund der regelmäßig höchst einseitigen Empfehlungen neoliberaler Politikberatung nicht angemessen.

Die Zeiten sind vorbei, wo man die Frechheit noch hinnehmen kann, mit der von dieser Seite aus Priestertum und Wissenschaft vertauscht werden.

Eine ideologisch und in Sachen Wertehorizont inzwischen gänzlich entartete theoretische Bewegung muss man so nennen können.

Wenn sich eines fernen Tages echte (!) Neoliberale wieder von den jenen "Wissenschaftlern" scharf trennen möchten, die ihre an elitären Interessen ausgerichtete Nutzung von Modellen, Methoden und Theorien als alternativloses Resultat ökonomischer Wissenschaft darstellen, dann bin ich gerne bereit, den Frontverlauf zu überdenken.

5. Es geht nicht einfach um "das kleinste Übel".

Wer jene Denkfaulheit mit dem Namen "weniger Staat!" als unversal und für nahezu alle Problemstellungen wirkendes "besseres" Rezept ansieht, und sei es mit der abschwächenden Formulierung "kleinstes Übel", der hat noch nicht verstanden, von welcher Natur die meisten staatswirtschaftlichen ökononomischen Probleme sind.

Tatsächlich gibt es drei wesentliche Themenbereiche:

Erstens, die Fragen um Organisation und Größe des Staatssektors. Stichwort: Staatsversagen. Die Antworten darauf müssen allerdings weit differenzierter ausfallen, als einfach nur die Einschränkung des staatlichen Sektors zu fordern. Im Wesentlichen muss es sogar darum gehen, wie im mühseligen Detail (!)staatliche Aufgaben effizient organisierbar sind. Wenn man also z.B. über Kulturförderung spricht, dann kann es nicht einfach nur darum gehen, private Finanzierungen zu fördern und den Staat zurück zu nehmen. Das wäre Denkfaulheit, Empfehlungen auf diesem Niveau bringen sogar Debile zustande. Interessant ist vielmehr die Frage, wie ein Optimum aln Leistung zu erzielen ist. Die Frage wäre z.B. interessant, wo Förderung zu reduzieren ist und wo (im Sinne maximaler Kulturproduktion oder im Sinne möglichst breiter Kulturnutzung) die Förderung sogar aufzubauen wäre.

Zweitens die Fragen nach der Konstitution, Organisation und Regulation von Märkten. Stichwort: Marktversagen.

Drittens die im Wertehorizont sehr weit gestreuten normativen Fragestellungen nach der optimalen Erreichung gesellschaftlicher Zielsetzungen. Ein weites Feld.

Interessanterweise beschränken sich neoliberale "Wissenschaftler" i.d.R. darauf, die Berechtigung normativer Wünsche zu bestreiten.

Wenn ich damit recht habe (und davon bin ich z.Zt. recht deutlich überzeugt), dann belegt dies mit Beweiskraft, dass die meisten Neoliberalen mehr Ideologen sind denn Wissenschaftler.

 
At 24 September, 2005 23:57, Anonymous Rayson said...

Nun, so schlecht würde ich Keynes nun wieder auch nichŧ machen wollen. Er hat definitiv die Wissenschaft vorangebracht, und Friedmans Aussage "Wer are all Keynesians now" ist vor allem methodologisch zu verstehen. Das Problem scheint eher zu sein, dass Keynes nicht situativ, sondern absolut verstanden wird. Deswegen rede ich bei denen, die aus allem ein konjunkturell-keynesianisches Problem machen wollen, auch lieber von "Vulgär-Keynesianern".

Bei Hayek gefällt mir der Anspruch. Man muss ihn nicht teilen, aber bei dem politisch inhärenten Drang nach der Ausweitung des Staatsanteils wirkt auf mich eine explizite Gegenposition geradezu erfrischend. Ich führe sie auch gerne ins Feld, um die Gültigkeit der Argumentation von Staatsgläubigen zu testen.

Ich weiß nicht, was du unter "neoliberales Movement" subsumierst. Die Deutungshoheit dessen, was "neoliberal" ist, liegt ja eindeutig bei dessen Gegnern. Irgendwann muss jeder Nicht-Linke damit rechnen, in diese Schublade gesteckt zu werden. Um so wertloser ist sie. Mit meinem Blog-Compagnon Boche z.B. stimme ich in vielem überein, aber in vielem haben wir auch total gegensätzliche Meinungen. Vom Glauben angefangen bis zur Beurteilung der US-Außenpolitik. Aber beides betrachten wir für unsere liberale Ausrichtung nicht als substanziell.

Ok, wenn du Fronten aufbauen möchtest, werde ich dich daran nicht hindern können. Auch nicht wollen. Ich beschränke mir nur auf den Hinweis, dass so etwas erheblich zu Lasten der Differenzierungsfähigkeit geht. Vielleicht sogar beiderseits, denn wenn ich gezwungen werden sollte, mich irgendwann irgendwo für eine grob geschnittene Seite zu entscheiden, dann werde ich das auch konsequent entlang meiner als richtig erkannten Position tun. Vor dem Kampf hätte ich allerdings lieber eine Diskussion gesehen.

Es ist aus meiner Sicht auch zu billig, den Befürwortern von "weniger Staat" per se Denkfaulheit zu unterstellen. Aus meiner Sicht, und ich glaube, es verständlich erläutert zu haben, ist es ein Dreisprung. Meinetwegen auch eine Form der Dialektik. Aus dem "Marktversagen" folgt der Ruf nach dem Staat, aber das theoretisch ergründete und empirisch nachvollziehbare "Staatsversagen" diskreditiert diese Alternative als Allheilmittel. Daraus resultieren für mich zwei konkrete Ziele. Erstens: So wenig Staat wie nur irgend möglich. Zweitens: Wenn Staat, dann so dezentral wie möglich. Für mich steht immer der Staats-, weil immer Zwangseingriff unter Rechtfertigungszwang, und der zentrale steht es am meisten.

Ich empfinde es nicht als Zumutung, Rufe nach dem Staat konsequent als Rufe nach der Enteignung einiger zur Befriedigung der Interessen anderer zu verstehen. Das sind sie nämlich, und wenn die Gesellschaft diese offene Einstufung nicht aushält, ist der fragliche Staatseingriff auch nicht zu rechtfertigen. Es geht nicht darum, die "Berechtigung normativer Wünsche" zu bestreiten. Es geht darum, ihnen das Privileg der staatlich erzwungenen Befriedigung einzuräumen oder nicht.

 
At 16 November, 2005 16:43, Blogger Dr. Dean said...

Ich halte wenig von eine Dialektik, welche z.B. einseitig beim Begriff Staatsversagen beginnt. Ich meine, auch wenn meine Behauptung reichlich zugespitzt ist, dass damit ein Problem genereller Natur beschrieben ist.

Bei den Linken ist es in meinen Augen genau umgekehrt. Ihre "Dialektik" beginnt stets mit Marktversagen, wobei sie infolge prinzipieller Unvollkommenheiten linken Denkens oft nicht einmal den Mechanismus zu deuten wissen, also, ein Marktversagen nicht als Marktversagen deuten, sondern den Markt an sich als Versagen.

Dazu passt, und hier spreche ich in der Tat von einem Movement, eine Bewegung, den Staat an sich als Problem aufzufassen.

 

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