16 April 2007

JRvm möchte mehr Blog-Kontrolle - Interview

Herr Jean-Remy von Matt möchte für die Blogger gerne mehr Kontrolle. Hat er heute in einem Interview gesagt, jedenfalls kann man das seinen Aussagen entnehmen, wenn man sie ein wenig dekonstruiert (siehe unten), zumal, wenn man weiß, was ihn sonst so bewegt. (F!xMBR bzw. via)

JRvM findet, Jahre später, es nun doch nicht mehr überraschend, dass er mit seinen nicht sehr feinen Bemerkungen für einen Aufruhr gesorgt hat. Tja. Vielleicht, ist das in einem Blog platzierte Interview auch ein Stück weit ein Textballon, mit dem er erkunden will, wie es mit dem kollektiven Gedächnis in der Blogosphäre bestellt ist.

1. Ich glaube, dass er mit diesem Interview diesmal nix gesagt hat, was sich in realweltlichen Scheißhäusern zur Niederschrift eignen würde. Da fehlt der Zug drin.

Früher war das in JRvMs Interviews noch anders:

Diese Denkzelle [ein «Denk-Klo» in JRvMs Agentur] wurde beinah legendär. (...) Im Prinzip brauche ich nur Ruhe. Wenn ich sie habe, fällt mir was ein. Auf der Toilette habe ich immer die besten Ideen. Ich habe mir zwar vorgenommen, dies nicht mehr zu erzählen, weil es mir ein Lebensmittelkunde nie verzieh, als ich öffentlich sagte, die Idee für seine Werbung hatte ich auf dem WC. (Quelle)
Was als Aussage ja vielleicht ein Stück weit erklärt, wie JRvM auf seinen Scheißhausspruch gekommen ist, mit der er Blogs und die Blogger abqualifizierte. Blogs stören ihn bzw. sie vermindern den kommerziellen Wert seiner im Denk-Klo ersonnnen Werbeslogans. Blogs sind nicht so leicht zu funktionalisieren wie klassische Medien.

JRvM meint, dass es für sein Auftreten, bei den richtigen Leuten jedenfalls, nur Lob gab. Er hat wieder einmal alles richtig gemacht. In seiner Erinnerung gab es:
Die Prügel von den Blogs selbst und das Schulterklopfen von einigen bekannten Top-Journalisten. (...) Es ist klar, dass der etablierte Journalismus (...) sich klammheimlich über meine plakative Formulierung freute.
Wer sein Verhalten also kritisierte, steht unten, und wer ihn lobte, steht oben. So läuft das in der Welt von JRvM.

2. Ich glaube dafür nun umso fester, jedenfalls in Bezug auf sein überzogenes Selbstbewusstsein (bei dem es weder Überaschungen noch eigene Fehler gibt): Ich würde jede Menge Koks in der Nase benötigen, um sowas von überzeugt von mir zu sein. Nunja, vielleicht ist das auch nur eine Werberkrankheit. Kannjasein.

3. Aber bitte, unabhängig von dieser für meinen Geschmack etwas zu aufgeblasenen Type, es soll niemand von mir sagen, dass ich irgendetwas Generelles gegen neoliberale Werbekokser habe, die mit aller Kraft versuchen, die Bürger mit Werbedreck, Lügen und Agendasetting zuzuscheißen, während sie sich ihre Sprüche dafür tatsächlich in einem kloähnlichen Raum ausdenken. Nett oder amüsant sind sie doch eigentlich alle, oder?

4. Lustig finde ich, dass Herr von Matt nun behauptet bzw. andeutet, dass er die Klowandsprüche lanciert hat, als Versuch eines Agendasettings:

Das mit dem Themen setzen über Blogs habe ich ja mit den Klowänden vorgemacht. Natürlich funktioniert das, wenn man ein überraschendes Statement zu einem brisanten Thema liefert.

Anders gesagt, die “interne” Mail wurde dann gezielt und bewusst nach draußen gegeben, quasi Viralmarketing by JRvM? Nein, das glaube ich nicht.

Kritik und Häme verbreiten sich [in Blogs] nun mal schneller als Loblieder. Das schränkt die Möglichkeit ein, ein positives Marken-Statement über Blogs verbreiten zu lassen.

Er sagt auch:

Blogger sind die glaubwürdigeren Verkäufer. [Denn] sie geniessen (...) “Street Credibility”. Damit bieten sie schon mal eine sehr gute Basis für Online-Werbung. Umgekehrt kann aber zuviel Werbung genau ihre Glaubwürdigkeit relativieren. (...) Die Top-50-Blogs sind entscheidende Meinungsbildner.

5. Jean-Remy fragt sich, wie bekommt er Blogs instrumentalisiert - wie bekommt man die "glaubwürdigeren Verkäufer" für "positive Marken-Statements". Sein eigentliches Hauptproblem aber ist: Wie kriege ich die Blogosphäre kontrolliert? In seinen Worten:

Es ist klar, dass der etablierte Journalismus bei diesen Ich-Medien auch kritische Aspekte erkennt (...) eines der Hauptprobleme der Bloggerszene ist: die schwer kontrollierbare (…) Meinungsäusserung (...) Und die sind ja auch Kern meiner Kritik. Da schreibt irgend ein [Blogger], dass (...) dass Dein Produkt versteckte Mängel hat. Das ist Meinungsäusserung im Schutz der Anonymität pur, eben Klowand-Gekritzel.

Der Werber hätte gerne mehr Kontrolle und weniger Kritik. Das sagt er auch an anderer Stelle. Da trifft es sich für ihn bzw. seine Werberinteressen gut, dass es immer mehr Topblogger gibt, die sich von Werbung kaufen lassen. Auch eine Form von Kontrolle. Das nimmt die Unabhängigkeit und Kommerzfremdheit aus der Blogosphäre. Der von Adel abstammende Herrenreiter und Sozialdarwinist wird über adical ganz bestimmt nicht unglücklich sein.

Sozialdarwinist? Doch, könnte man so sehen. Leute, die im Leben viel Glück hatten, zumal, wenn dazu kommt, dass dieses Glück von eigenen Anstrengungen begleitet war, die neigen m.E. dazu, sich das Funktionieren der sozialen Welt vor allem mit dem "Prinzip Darwins" vorzustellen:

Da Blogs dem Prinzip Darwins unterliegen, dass nur die besten überleben können, gehe ich von einem kontinuierlichen Ansteigen der Qualität aus.
Man könnte darüber streiten, ob die Topblogs durch eine darwinistische Positivauswahl an die Spitze der Blogcharts gelangten. Oder kommen sie dadurch an die Spitze, dass sie den Geschmack der Masse am besten treffen. Man kann darüber streiten, ob diese Blogchartkönige zu jedem Thema "die besten" Blogs und Blogger repräsentieren. Ob der ganze Prozess des Bloggens nicht zuerst ein kommunikativer ist - und kein selektiver. Oder auch, ob auch der Longtail eine Quelle guter Gedanken und Kommunikation darstellt, oder quasi nur die Ansammlung vernichtenswerter Blogversager im Sinne des Darwinprinzips.

Ich erinnere daran, dass Blogs wie Shesaiddestroy von der Bildfläche nicht etwa verschwanden, weil sie nicht gut genug waren. Nein, dafür gab es andere Gründe. Ich frage, ob nicht jedes gute Gespräch zwischen Menschen einen Wert darstellt, unabhängig davon, wo dieses Gespräch stattfindet. Ich kann mich richtig aufregen, wenn jemand nur noch in Bestenlisten und sozialdarwinistischen Kategorien denkt. Also: Schluss.

Hinweis auf ein satirisches Interview mit JRvM und ein alter Artikel von mir.

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2 Comments:

At 17 April, 2007 22:57, Anonymous pantoffelpunk said...

Im Zusammenhang mit der Meldung, dass "Du bist Deutschland II" ins Haus steht, wundert dieses Interview nicht. Er versucht, einen Kanal klar zu machen.

Aber ich sehe auch die Alpha-Lister, die jetzt die Möglichkeit haben, für Ihre Tätigkeiten - sagen wir - geldwerte Vorteile zu erlangen, nicht als grundsätzlich käuflich an und darum bin ich guter Hoffnung, dass er überhaupt nicht landen wird. Null.

Es fällt mir grundsätzlich schwer, dem Don zuzustimmen, aber er schrieb unter dem Interview kurz und knapp, dass der Typ (von Matt) so wie so verschissen hat, und ich denke, er hat schlicht Recht.

Von Matt wird in Klein Bloggersdorf nicht ernst genommen. Gestern nicht, heute nicht und morgen nicht. Und das ist auch gut so.

Natürlich wird "DbD II" Thema in Klein Bloggersdorf, aber es wird ein lustiges, da bin ich sicher.

 
At 20 April, 2007 05:36, Anonymous Anonym said...

Tja, nun hat sich dieser von Matt auch in die Reihen derer eingeordnet, die nicht die geringste Ahnung vom Darwinismus haben.
Was interessiert mich eigentlich so ein Schwätzer? Gar nicht.
Soll er weiter seine Klositzungen machen.

 

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