27 Januar 2006

Neue Businesshypes

Ein Stück live erlebte Wirtschaftsgeschichte: Erst versucht man in Deutschland über viele Jahre hinweg, Unternehmen zu verkleinern, Betriebsteile einzustellen, und sei es für das Ziel, die Umsatz- oder Kapitalrentabilität optisch zu verbessern (ulkig: oft wird der absolute Gewinn durch derartige Maßnahmen nicht gesteigert).

Nicht nur ich vermute, dass die zusammen geklaubten und inzwischen überliquiden Milliarden der deutschen Konzerne schon bald zunehmend für Unternehmensübernahmen verwendet werden.

Börsengeschäfte sind ja auch viel lässiger als z.B. eine dauerhafte Bemühung um gute und am Markt erfolgreiche Produktqualität, wie man bei Daimler-Chrysler sehen kann. Am Ende jedenfalls fallen die Vorteile der Fusionen, die groß angepriesenen "Synergieeffekte", deutlich geringer aus als zuvor angenommen. Regelmäßig.

Bin ich hier bereits Opfer meiner Vorurteile? Kennt jemand z.B. deutsche Gegenbeispiele, also eine in jeder Hinsicht geglückte Großfusion eines deutschen Konzerns?

4 Comments:

At 27 Januar, 2006 19:22, Anonymous Rayson said...

Tatsächlich: Eine Verbesserung der Kapitalrentabilität, die der wichtigste Erfolgsmaßstab für Investoren ist, geht auch ohne Erhöhung des Gewinns. Das haben Brüche ja so an sich, dass man nur den Nenner zu verkleinern braucht, um sie zu vergrößern. Gleicher Erfolg bei weniger Einsatz ist doch was Schönes.

Aber tatsächlich, alle Wirtschaftszeitungen erwarten demnächst die große Einkaufstour der deutschen Konzerne. Thyssen und BASF legen ja schon mal los, Linde ist eher ein Sonderfall.

Die Begründungen sind immer dieselben: Man müsse "in der ersten Liga mitspielen", oder eben die berühmt-berüchtigten Synergien. Letztere haben den Vorteil, dass man sie rechnerisch nicht isolieren kann, also entfällt eine sinnvolle Erfolgskontrolle schon mal. Und die "erste Liga", nun - ich stelle mir da einen Manager vor, der zu dem Investor sagt: "Ok, wir haben zwar ihr Geld verpulvert, aber dafür sind wir jetzt in der ersten Liga!" Das Dortmund-Modell sozusagen.

Übernahmen, die übrigens mit reinen "Börsengeschäften" sehr wenig zu tun haben, sind bei Managern aus vielen Gründen beliebt:

- sie befriedigen Jagdinstinkt und Machtgelüste
- der Erfolg oder Misserfolg, definiert einfach als erfolgreicher Kaufakt, ist simpel festzustellen
- es werden genau die Mittel und Verhaltensweisen gefragt, die den Manager nach oben gebracht haben
- Außenpolitik ist immer spannender als Innenpolitik
- ein neues Fass aufzumachen ist immer befriedigender als das tägliche mühsame Bohren dicker Optimierungsbretter
- Bilanzen sind nicht mehr vergleichbar, Versprechen obsolet
- man kann die eigene Daseinsberechtigung als genialer "Stratege" untermauern

Wichtig ist, dass hinterher niemand überprüft, ob die vorgeschobenen Begründungen auch einem betriebswirtschaftlichen Test standhalten. Denn erstens schaut man ja nur nach vorne, und zweitens wäre das Ergebnis sowieso klar, so lange der Entscheider von damals noch im Amt ist.

Abgestoßen wird erst wieder vom Nachfolger.

 
At 27 Januar, 2006 20:27, Anonymous C.Lapide said...

Großfusionen können natürlich erfolgreich sein, wenn sie aus wirtschaftlichen Erwägungen durchgeführt werden und die von rayson erwähnten Gründe nicht die zentrale Motivation sind. Der Größenwahn der Manager, die vergessen, daß sie Angestellte sind ("Empire building") ist zumindest kein Kriterium, das auf eine erfolgreiche Fusion schließen läßt. Raysons Ausführungen ist hier nichts hinzuzufügen.

Auch bei wirtschaftlich eigentlich sinnvollen Fusionen ergeben sich Probleme, die die angestrebten "Synergieeffekte" oftmals ausgleichen oder überkompensieren. Manchen Statistiken zufolge ist dies sogar bei der Mehrzahl der Fusionen/Übernahmen der Fall.
Dennoch kann man nicht daraus schließen, daß Übernahmen/Fusionen generell schlecht seien. Die meisten der heutigen Großunternehmen entwickelten sich zu ihrer heutige Größe und Bedeutung durch Fusionen und Übernahmen.

 
At 27 Januar, 2006 20:48, Blogger Dr. Dean said...

@Rayson
Ich finde hier den Kommentar #1 bereits jetzt so gelungen, dass ich ihn schon jetzt sehr gerne als Gast-Beitrag verarbeiten würde!

(Natürlich nur, wenn das vom Autor gestattet wird)

Erst mal möchte ich noch abwarten, was die Diskussion(en) noch bringen - und mich auch selbst etwas schlauer machen (z.B. ein paar Bilanzen lesen u.a.).

Aber, wie schon gesagt, Rayson: Großes Lob! Die Motive sind schön herausgearbeitet worden.

Ich bin überlege gerade, ob es in der Wirtschaft eine Art "Schweinezyklus der Businessmoden" gibt, d.h., nach Jahren interner Optimierungsansätze kommen zyklisch die externen Optimierungsansätze in den Vordergrund.

Wollte man witzeln, könnte man hier vom einzigen Konjunkturzyklus sprechen, welcher der deutschen Volkswirtschaft noch verblieben ist.

 
At 27 Januar, 2006 21:43, Anonymous Rayson said...

@Dean

Ich würde mich sogar geschmeichelt fühlen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, mich in diesem Thema ziemlich gut auszukennen ;-)

Wenn ich nicht einverstanden wäre, dass man meine tiefschürfenden Erkenntnisse verbreitet, würde ich übrigens nicht bloggen und nicht kommentieren - mein Einverständnis kannst du also voraussetzen.

Man müsste den Text aber etwas überarbeiten, um ihn "beitragstauglich" zu machen, da er teilweise noch sehr Antwort ist.

 

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