26 Januar 2006

Der Hamas-Sieg und der Fluch

Ich sehe wieder einmal, dass ich viel zu wenig von diesem Konflikt verstehe.

Ich begreife nicht, weder die Lage in den Palästinensergebieten, noch die Motivation der Wähler. Kaum öffnen sich in Israel vorsichtig die Türen zum Frieden, schon scheinen die Palästinenser beweisen zu wollen, dass sie zum Unglück streben.

Die Geschichte hat schon viele Völker gekannt, die sich über lange Jahrzehnte, ja sogar Jahrhunderte beharkten. Und schon oft wurden in diesen Konflikten die Vertreter der Mitte ins Abseits gedrängt. Starkmeierei, Vergeltungwünsche oder auch radikale Heilslehren sind in schweren Konflikten leider zu typisch für unser schwaches Geschlecht.

Hat die Situation der Besatzung die Bevölkerung so sehr radikalisiert, war der politische Islam als echatologisch verstandene politische Ideologie schon so sehr auf dem Vormarsch, dass mit dem Hamas-Sieg gerechnet werden musste?

Ich weiß nicht. Ich habe im Augenblick keine Idee, wie es weiter geht.

Selbst, wenn am Ende der Auszählung die Gerüchte über einen Hamas-Wahlsieg doch knapp daneben liegen sollten, so ist der Zankapfel noch explosiver geworden und das Misstrauen unüberwindbar?

Es scheint ein Fluch auf diesem Land zu liegen. Eines Tages wird es sich wenden - bis dahin bleibt noch viel zu tun. Auch hier bei uns. Schalom!

3 Comments:

At 26 Januar, 2006 13:26, Blogger che said...

"Hat die Situation der Besatzung die Bevölkerung so sehr radikalisiert, war der politische Islam als echatologisch verstandene politische Ideologie schon so sehr auf dem Vormarsch, dass mit dem Hamas-Sieg gerechnet werden musste?"
- Nein, darum geht es nicht. Von der Mehrzahl der Palästinenser wird die Hamas in erster Linie als wohltätige Hilfsorganisation wahrgenommen. Während der ersten Intifada 1988-91 bauten die späteren Hamas-Leute in den Flüchtlingslager genannten Slumstädten Schulen, Krankenhäuser und Werkstätten. Im Gegensatz zur total korrupten Fatah hat die Hamas das Image, moralisch sauber zu sein, und das passt natürlich gut zur religiös-eifernden Attitüde. Das Drama der progressiven Palästinenserorganisationen ist ja, dass es in erster Linie Exilorganisationen sind, die aus Palästinensern in der Diaspora bestehen. Die DFLP etwa (Demokratische Front zur Befreiung Palästinas, aus meiner Sicht die mit weitem Abstand vernünftigste Palästinenserorganisation und die erste, die Israel anerkannte und beim Zustandekommen des Osloer Friedensabkommens eine zentrale Rolle gespielt hat) besteht mehrheitlich aus Akademikern im europäischen Ausland und in Tunesien und Algerien. Die palästinensische Linke hat daher keine Massenbasis,sie gilt als akademischer Zrkel, der während der harten Jahre der Intifada bequem im Ausland saß, ein Vorwurf, den man auch der engeren Führungsclique um Arafat machte.
Da sie vor Selbstmordattentaten bis auf wenige Einzelaktionen der PFLP zurückschreckte und bewaffnete Aktionen gegen Militär und Polizei, aber nicht gegen israelische Zivilbevölkerung richtet, gilt die palästinensische Linke außerdem als lasch. In einem Land, in dem man anläßlich einer Hochzeit ein 30-Schuss-Kalaschnikow-Magazin abfeuert und wo pubertierende Jungs, die von zu Hause weglaufen, sich üblicherweise einer Guerrilla-Kampfgruppe anschließen (das verstehen die unter Freiheit und Abenteuer) gilt rücksichtslose Brutalität als Zeichen von Engagement und Ernsthaftigkeit. Um der palästinensischen Linken die klassenkämpferische Basis zu nehmen, haben die CIA und der saudische Geheimdienst über viele Jahre hinweg die Hamas unterstützt. Heutzutage stellt sie sich dem einfachen Volk auf der Straße als die ehrlichere, geradlinigere, konsequentere Palästinenserorganisation dar. Sie hat einen militärischen Arm, der rücksichtslos brutale Srelbstmordattentate begeht und nicht davor zurückschreckt, Raketen auf vollbesetzte Märkte abzuschrecken, aber der größere Teil ihrer Aktivitäten ist karitativ, und ohne diese Tätigkeiten wären viele der sogenannten Flüchtlingslager schon nicht mehr lebensfähig. Es geht also nicht um eine islamische Eschatologie oder einen religiösen Chiliasmusd, wir sind hier nicht bei Al Kaida. Mir erzählte mal ein Palästinenser, man habe ihm, als sein Vater starb, dessen Kalaschnikow gegeben und gesagt, nun müsse er seinen Platz einnehmen. Da war er 14. Er erlerbte Jahre voller Kämpfe, die sich meist so abspielten, dass man salvenfeuernd durch irgendwelche dunklen Gassen rannte, er wüsste bis heute nicht, ob er je einen Menschen getötet hätte, es könnte aber auch eun gutes Dutzend sein. Vom Frieden bekam er überhaupt erst eine Vorstellung, als er nach Deutschland kam, vorher hätte er sich davon keinen Begriff machen können. Und er sagte auch, das Leben eines Menschen, der in völliger sozialer Hoffnungslosigkeit in einem Flüchtlingslager aufwachse hätte für diesen selber keinen Wert, man würfe es gerne weg, wenn das Heldenruhm bringt.

Zum Hintergrund ist das hier ganz lesenswert

http://www.gcn.de/download/M_Reduktion.pdf, ansonsten geh auf meinem Weblog mal auf den Link "Internationale Heimatkunde", da gibt es recht ausgewogene und fundierte Informationen zu dem Thema.

 
At 26 Januar, 2006 16:09, Anonymous bloggnjus said...

Achso den Irakkrieg blenden wir einfach aus? Hallo??? Die "Vermittlungsbemühungen" des Westens brigne dort seit Jahren genau null Effekt. Aber dann kommter Herr Bush und bringt "Frieden" für den Irak. Mich wundert die anti-westliche Stimmung dort überhaupt nicht. Mich wundert eher, dass die Palsätinenser noch keine Anschlage gegen die USA oder Europa durchgeführt hätten.
Selbiges gilt ausserdem auch für den Iran, ist es denn ein Wunder das dort so ein Spinner Präsident wird, nachdem die Amerikaner, völlig grundlos und brutal noch heute Luftangriffe im Nachbarland fliegen. Wie würde wohl die Deutschen über die USA denken, wenn sie den "Diktator Chirac" gestürzt hätten??

 
At 26 Januar, 2006 16:21, Blogger che said...

Dass der Irak-Krieg auf die politischen Haltungen in der ganzen islamischen Welt von höchster Bedeutung ist hat ja niemand bestritten. Ausschlaggebend für das Wahlergebnis in Palästina sind aber innerpalästinensische Entwicklungen. Selbst die Hamas hat ja schon Vereinnahmungsversuche aus der Kaida-Ecke zurückgewiesen mit dem Argument, die Lage in Palästina habe nichts mit externen Konflikten zu tun. Gut, dies ist natürlich auch Überlebensstrategie, nachdem es im zweiten Golfkrieg 1991 Saddam Hussein war, der eine Verbindung zwischen diesem Krieg und dem Palästina-Konflikt herzustellen versuchte. Wer allerdings wie ich die lange Geschichte der palästinensischen Bruderkämpfe verfolgt hat (ich habe noch vor Augen, wie die Fatah-Ablehungsfront mit Katiuszas auf Arafat-Truppen gefeuert hat ), der wird zu dem Schluss kommen, dass das Wahlergebnis hauptsächlich innerpalästinensische Gründe hat.

 

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