10 Juli 2006

Die 1,3-Millionen-Lüge und das Institut der deutschen Wirtschaft

Das IW meldet dieser Tage, auf eine in wissenschaftlicher Hinsicht extrem lächerliche Weise, dass "1,3 Millionen Arbeitsplätze" in Deutschland "nur zögerlich" besetzt würden oder sogar langfristig unbesetzt blieben. Man zeigt sich entsetzt und als Grund für die angeblich millionenfach unbesetzten Arbeitsplätze behaupten die sogenannten Forscher des IW:
"Trotzdem gelingt es nur sehr zögerlich, die Arbeitslosen auf die freien Stellen zu vermitteln – etwa weil die Jobsucher oft nicht bereit sind umzuziehen."
Dem IW, diesem Abschaum vorgegaukelter Wissenschaft, vertrauen zum Beispiel die "arbeitsmarktpolitischen Sprecher" der SPD (Klaus Brandner) und der CDU (Ralf Brauksiepe), welche auf dieser fragwürdigen (nein: falschen) "wissenschaftlichen" Basis neue Verschärfungen für notwendig erklären.

Dabei sind diese Fraktionssprecher nicht einmal in der Lage, die Zahlen dieser "Studie" korrekt zu lesen (Brandner/Brauksiepe schwafeln von "1,2 Millionen" Arbeitsplätzen), geschweige denn in der Lage, die üble Unwissenschaftlichkeit der Zahlen zu erkennen.

Schlimmer noch: Die für neo"liberales" Denken bekannten Klaus Brandner und Ralf Braukspiepe haben sich untereinander bereits auf weitere Leistungskürzungen und Sanktionen verständigt! Nach der Sommerpause wollen sie z.B. Arbeitslosen Nebentätigkeiten verbieten, weil sie annehmen, dass dann viele dieser angeblich "1,3 Millionen Arbeitsplätze" besetzt würden. Denn die "meisten dieser Stellen" erforderten keine Qualifikation und könnten von jedem ausgeübt werden...

So sieht das aus, wenn neoliberal gesinnte Politiker auf die Lügen der "wissenschaftlichen" Wirtschaftslobby reinfallen, welche den Arbeitslosen die Schuld an der Arbeitslosigkeit in die Schuhe zu schieben versucht, zum Beispiel auch in diesem Lügenportal.

Ich meine: Die Dominanz parteilicher "Wissenschaft" gehört zu den Grundübeln unserer Zeit.

9 Comments:

At 11 Juli, 2006 02:26, Anonymous Anonym said...

Diese Stellen, die keine Qualifikation fordern, können wohl nur unterste Lohnstufe sein. Dafür umziehen, mit Familie, oder Wochenend-Pendeln, womit dann der halbe Monatslohn weg ist? Zynismus und Ahnungslosigkeit. Unqualifizierte, d.h. Hilfsarbeiten wurden immer von Ortsansässigen gemacht (eben weil man die leichter heuern und feuern kann).

 
At 11 Juli, 2006 10:06, Blogger che said...

Schritt für Schritt wird eine neue Schicht von Sklaven etabliert, oder meinetwegen Heloten und Metöken. Arbeiten für den Sozialhilfesatz, Deportation äh von der Arbeitsagentur zwangsweise verfügter Umzug, ohne Sinn und Verstand, denn es ist eher das rapide Wachstum unserer Wirtschaft, das mit immer neuen Rationalisierungsschüben Arbeitslosigkeit schafft als mangelnde Bereitschaft von irgendwem, zu arbeiten. Aus der Sicht der normal arbeitenden Bevölkerung unterhalb einer wirklich hohen Qualifikation stellt sich die Perspektive so dar: Immer mehr arbeiten für immer weniger Lohn bei immer höher steigenden Preisen und immer höheren Arbneitsnormen. Es ist nur auf Perspektivlosigkeit und individuelle Atomisierung der Leute zurückzuführen, dass da noch niemand rebelliert hat. Doch wenn jemand dauernd geschlagen wird, schlägt er irgendwann einmal zurück.

Blogkommentator Loellie hatte es schon passend ausgedrückt: Die Dritte Welt als verlängerte Werkbank, die Verlagerung der prekären Produktion ins Ausland ist ein Auslaufmodell. Was kommt, ist die Dritte Welt in der Ersten, die Working Poor als Normalfall. In einem Spiegel-Artikel Ende der 90er hatte das Timothy Garton Ash schon deutlich gemacht, als er schrieb, auch in Deutschland und Frankreich, die sich dem neoliberalen Modell bisher widersetzt hätten, müsste eine Schicht von bis zu einem Drittel der Bevölkerung geschaffen werden, die auf Dauer im Elend lebt, um Druck auf alle lohnabhängig Beschäftigten zu machen. Was wir hier vor uns haben, ist nicht politische Dummheit, sondern gezielte Sozialpolitik als Klassenkampf von oben.

 
At 11 Juli, 2006 10:39, Anonymous Anonym said...

Klassenkampf von oben trifft es, insbesondere die Kampagnen von INSM, IW Köln und Springer. Interessant wäre zu erfahren, wie die Zahl von 1,3 Millionen Stellen erfasst wurde. Denn zahlreiche Stellenanzeigen sind in der Regel nichts weiter als Werbung oder der Versuch, das eigene Rating zu verbessern. Die Politik ist hingegen dankbar für jeden ach so "wissenschaftlichen" Beleg, dass die Arbeitslosen das Problem seien und bekämpft werden müßten, denn so kann man sich lange vor Strukturreformen drücken, bei denen auh die eigenen Kasten (Beamte, Politiker) Federn lassen müßten.

Parteiliche "Wissenschaft" ist das eine Problem, ein viel größeres ist käufliche "Wissenschaft", die sich vor den Interessen der Wirtschaft wie ein williges Luder bückt und alles schluckt, solange es nur ausreichend honoriert wird. Das ist keine Wissenschaft mehr, sondern eine Unkultur pseudowissenschaflicher Schlamperiche.

MfG

Daniel

 
At 12 Juli, 2006 07:54, Anonymous Anonym said...

Wenn ich Ihre Sprache geniesse "Abschaum" etc., dann weigere ich mich dagegen zu argumentieren. Das ist die Sprache eines Faschisten und selbst, wenn ich die Zahlen dieser "Wissenschaftler" für interessensgelenkt halte, ist es vom Abschaum zur Müllentsorgung nicht mehr weit.

 
At 12 Juli, 2006 11:01, Anonymous Anonym said...

@anonym:

Wenn man inhaltlich nichts entgegenzusetzen hat, kritisiert man die Form? Da dürfen natürlich Faschismus- / Antisemitismus-Vorwürfe nicht fehlen, wenn einer an der eigenen neoliberalen Ideologie kratzt. Wie wwäre es zur Abwechslung mal mit inhaltlicher Auseinandersetzung?

MfG

Daniel

 
At 12 Juli, 2006 13:56, Anonymous Anonym said...

Hat weh getan ? Nun noch mal für Daniel. Ich bin mit Ihnen einig, dass diese Zahlen so nicht stimmen und was sich so Wissenschaftler nennt, nicht immer reine Wissenschaft (gibt es die überhaupt ?)ist, sondern der Wunsch das Ergebniss ist. Aber "Abschaum" ? Ich bleibe dabei, wer eine solche Sprache pflegt,tanzt Arm in Arm mit dem denen, die er bekämpft.
Und ich wüsste nicht, wo ich Ihnen Antisemitismus vorgeworfen habe,sollte ich ?

 
At 12 Juli, 2006 14:53, Anonymous Anonym said...

Ich sehe das ähnlich, die "Working Poor" könnten künftig der gesellschaftliche Normalfall werden. Wobei beileibe nicht nur "Neo-""Liberale" diesem "Modell" Vorschub leisten, sondern auch "Konservative" und vor allem die Verbetriebswirschaftlichung von Volkswirtschaft und Politik. (Ein beinahe schon unfreiwillig satiremäßiges Beispiel ist das "Städteranking" der INSM (INSM): http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23055/1.html )

Warum keine Rebellion erfolgt? Einer der Gründe mag sein, dass jeder Rebell in unserer Gesellschaftordnung automatisch den noch vorhandenen "Halt" verliert - will sagen: nur die Bereitschaft, alles, aber auch alles, zu verlieren, verleiht die Kraft zur Rebellion. Wer allerdings nichts mehr zu verlieren hat, ist in aller Regel zu sehr mit dem nackten Überleben beschäftigt, um ernsthaft rebellieren zu können.

 
At 13 Juli, 2006 19:08, Blogger che said...

Dean, wieso beantwortest Du keine Mail, und wieso kommentierst Du nirgends mehr? Gesundheitlicher Gründe?

Beste Grüße!

 
At 13 Juli, 2006 19:22, Anonymous Anonym said...

anonym meinte: "Wenn ich Ihre Sprache geniesse 'Abschaum' etc., dann weigere ich mich dagegen zu argumentieren. Das ist die Sprache eines Faschisten und selbst, wenn ich die Zahlen dieser 'Wissenschaftler' für interessensgelenkt halte, ist es vom Abschaum zur Müllentsorgung nicht mehr weit."
Ich glaube, anonym hat recht, dass man die Vokabel 'Abschaum' nicht so verwenden, wahrscheinlich auf Menschen überhaupt nicht anwenden sollte.
Einerseits gibt es dafür moralische Gründe - eine Hatz auf Menschen, die als "böse" identifiziert wurden, will ich nicht.
Andererseits ist es auch noch theoretisch falsch, denn das interessegeleitete Verfertigen von Statistiken ist nicht einer individuellen moralischen Verworfenheit geschuldet, sondern hat gesellschaftliche Gründe.

Man muss allerdings auch sagen, dass wiederum die Arbeitslosen wie Abschaum behandelt werden. Ich wünsche mir aber keine "ehrliche" Politik oder Interessensvertretung, die zugibt, dass die Lohnabhängigen schlicht Material ("Humankapital") sind, deren Einkommen ein leider notwendiger, aber möglichst zu minimierender Abzug vom nationalen Kapital darstellt.

 

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