08 August 2007

Merkwürdigkeiten und ein Streik

Den geplanten Streik der Lokführer sehe ich zwiespältig. Einerseits: Nach Jahren der Entmachtung der Arbeitnehmerseite ist es zur Erreichung eines Kräftegleichgewichts (von dem wir weit entfernt sind) positiv zu werten, wenn sich gewerkschaftliche Forderungen auch einmal als durchsetzbar erweisen.

Andererseits: Der Eindruck entsteht, auch durch den Umfang der eingeforderten Lohnerhöhungen, dass die Lokführer ihre besondere, überproportionale Streikmacht missbrauchen, die unmittelbar an ihr Berufsbild gekoppelt ist. Sie treffen mit ihrem Streik, anders als andere Berufsgruppen, sehr viele andere Menschen. Eine angestrebte Einkommenssteigerung von 30 % ist übertrieben. Das gilt gleichermaßen für Lokführer wie für neoliberale Mammonvergötzer, welche z.B. eine EBIT-Rendite von "nur" 22,5 % als ernsten Anlass für eine umfassende Entlassungswelle betrachten.

Am Ende wird es mit einem Kompromiss enden und insofern: Der formulierte Einwand schwindet und es ist gut, gerade in seiner Beispiel gebenden Funktion, wenn sich Arbeitnehmerinteresssen - auch über einen Streik - einmal als durchsetzbar erweisen.

Interesant sind jedoch die überaus typischen Reaktionen der Öffentlichkeit. Der SPIEGEL beweist sich dabei erneut als Kampfblatt für die Reaktion - und überdies als gellend wahrheitswidrig, wenn dort "mik" bzw. der SPIEGEL-Journalist Michael Kröger heute, am 8.8., schreibt:
Einmischung in den Tarifkonflikt bei der Bahn gilt in der Politik als Tabu - nur gute Ratschläge sind erlaubt. Darum schert sich Bundesumweltminister Gabriel nicht mehr: Er stellt sich als erstes Mitglied der Regierung ausdrücklich hinter die Forderung der Lokführer. (...)
Indes: Das ist nicht wahr. Sofern man bei SpOn als Redakteure keine Deppen beschäftigt, welche außerstande sind, die Meldungen der eigenen Zeitung zum Thema zu lesen, ist hier von einer absichtlichen Lüge auszugehen, bei dem der SPIEGEL seine Publikationsmacht missbraucht: um gegen eine ihm missliebige Meinungsäußerung eines Ministers zu protestieren. Drei Tage zuvor, am 5.8., berichtete man nämlich bereits, diesmal wohlwollend, dass bereits ein anderes erstes Mitglied der Regierung sich in den Tarifkonflikt eingemischt hat:
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) warnte unterdessen vor einem Streik. (...) "Kommt es zu Bahn-Streiks, so schadet das der Wirtschaft und dem Ansehen Deutschlands. So macht man sich keine Freunde."
Aha. Das war also für den SPIEGEL in Ordnung. Und nun zu einem anderen Thema, ebenfalls typisch für den Zustand der deutschen Öffentlichkeit im Umgang mit Arbeitnehmerinteressen, nämlich die Reaktion von Professor Un-Sinn auf den Tarifkonflikt:
Ifo-Chef Hans-Werner Sinn nannte es ökonomisch verheerend, sollte sich die GDL mit ihrer Forderung nach einem eigenen Tarifvertrag durchsetzen: Deutschland würde damit einen weiteren Schritt in Richtung von Berufsstands-Gewerkschaften gehen, wie sie früher in England die Arbeitsmärkte beherrschten und die das Schlimmste seien, was einem Land auf dem Arbeitsmarkt passieren könne: «Denn sie neigen zu solch aggressiven Lohnforderungen, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten der betroffenen Branchen so sehr abgebremst werden, dass selbst die Gewerkschaftsmitglieder in ihrer Gesamtheit den Schaden haben.» (Quelle)
Tja - so sieht also moderne Wirtschafts"wissenschaft" aus: Einseitig und radikal auf Seite des Arbeitgeberlagers. (Unsinn von Sinn hier vollständig)

Professor Unsinn, der zur Zeit lautesten Hupe der INSM-Propaganda, ist nicht aufgefallen, dass selbst bei voller Durchsetzung der Forderungen der Lokführer diese dann gerade einmal ein durchschnittliches (!) Gehaltsniveau erreichen. Allein die Tatsache, dass ein Streik mal wieder erfolgreich sein könnte, sowie der Wunsch der Streikenden nach gewerkschaftlicher Selbstorganisation, lässt den Herrn Unsinn vom drohenden Untergang des Abendlandes faseln. Nebenbei: Wenn bereits durchschnittliche Löhne für eine Berufsgruppe, so jedenfalls Herr Unsinn, dieser Berufsgruppe "in ihrer Gesamtheit" Schaden zufügen, müsste er dann nicht konsequenterweise für die Reduktion z.B. von hohen Managergehältern oder seines eigenen Professorengehaltes kämpfen?

Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang auch stellt, ist: Können niedrigere Entgelte für Wirtschaftsprofessoren verhindern, dass diese kontrafaktischen Unsinn verbreiten, zum Beispiel:
  1. "Großbritannien hat Deutschland beim Pro-Kopf-Einkommen deutlich abgehängt, (...)"
  2. "Die alten britischen Schwächen zeigen sich nun hierzulande."
  3. "Die Konkurrenz zwischen Anbietern von Komplementen tendiert hingegen dazu, die Preise zu erhöhen und die am Markt verkauften Mengen zu senken. "
Richtig ist: Übergroße Anbieter- oder Nachfragermacht hat i.d.R. schädliche Auswirkungen. Ist das bei den Lokführern der Fall? Nun, nimmt man deren Lohnhöhe als Maßstab, so sind sie - zumal gemessen an ihrer Ausbildung und Verantwortung - als untermächtig zu klassifizieren. Dass sie das ändern möchten, mag eines fernen Tages in gewerkschaftlicher Übermacht enden. Vielleicht - sehr wahrscheinlich ist das jedenfalls nicht. Und schon garnicht, wenn man sich als Wirtschaftswissenschaftler dazu äußert. Von "britischen Verhältnissen" bzw. übermächtigen Gewerkschaften ist man in Deutschland sehr weit entfernt - gestrost kann vom Gegenteil ausgegangen werden, nämlich von übersteigerter Arbeitgebermacht.

An einer anderen Stelle, wenngleich mit Bedacht nicht so formuliert, hat Professor Unsinn Recht: Gewerkschaften, die nicht berufsständisch organisiert sind, sondern als große Sammelgewerkschaft, sind nicht etwa mächtiger (was z.B. die Hoffnung von VERDI war), sondern oft ohnmächtiger - und damit schlechter geeignet, um Arbeitnehmerinteressen zu organisieren. Und das ist es, was Professor Unsinn möchte: Ohnmächtige Gewerkschaften. Besser noch: gar keine.

Wären eine Gewerkschaft tatsächlich so mächtig, dass sie als Einzelgewerkschaft "wie ein Monopolist" auftreten könnte, unfair und zu Lasten der Gesamtheit, dann wäre dies gesamtwirtschaftlich tatsächlich schädlich.* Jeder, der die Verhältnisse in unserem Land kennt, wird allerdings wissen (mit Ausnahme von Propaganda-Hupen wie Herr "Sinn"), erstens, dass von übermächtiger Arbeitnehmermacht in unserem Land kaum gesprochen werden kann und, zweitens, dass ein Wohlfahrt erzeugender Marktprozess, eigentlich sogar jeder Vertrag, etwas Besonderes voraussetzt: Nämlich die Gleichmächtigkeit der jeweiligen Verhandlungspartner.

Das implizite Leitbild der Neoliberalen, nämlich machtlose Arbeitnehmer und möglichst mächtige, von keinerlei Regelung gehemmte Arbeitgeber ist in jeglicher Hinsicht vermurckst. Es nicht geeignet zur Stellungnahme bei sozialen Konflikten, und es ist nicht einmal (stellt man sich dort den Arbeitsmarkt als simple Preis-Mengen-Funktion vor) geeignet, um sinnvolle Vorschläge zur Beschäftigungssteigerung zu machen.

Ein kleiner vorschneller Exkurs zum Niedriglohn-Dogma der Neoliberalen

Liebe Neoliberale, nun lest und staunt, euer Niedriglohndogma ist nicht nur unfair, sondern es vernichtet Anreize auf dem Arbeitsmarkt, und Qualität. Es entwertet den Faktor Arbeit - und sorgt auf diesem (Um-)Weg für eine niedrigere gesamtwirtschaftliche Produktivität. Denn dort, wo Menschen sich nur prekär mit Niedriglöhnen von Job zu Job hangeln, um sich damit gerade einmal über Wasser halten, dort bauen sich Qualifikationen deutlich schechter auf (nachweislich!). Dazu kommen - meist - schlechte Arbeitsbedingungen, sowie eine relativ geringe Arbeitsproduktivität. Warum? Da es für Arbeitgeber auf "billige Arbeit" bzw. billige Arbeitnehmer nicht so sehr ankommt, verkommt dort (unter anderem!) die Produktivität.

Die "Nachfrage nach Arbeit" seitens der Arbeitgeber steigt mit einem größer werdenden Niedriglohnbereich und dem Umfang prekärer Beschäftigung nicht (!) bzw. nicht so stark an, auch als Ergebnis dieses Entwertungsprozesses. Wer sich weit unterdurchschnittlich bezahlt sieht, fühlt sich i.d.R. weder an seine Tätigkeit, noch an seinen Arbeitgeber sonderlich gebunden. Die Arbeitsqualität und -produktivität verfällt. Dazu kommt, dass in Zeiten arbeitgeberseitiger Übermacht für Managerkreise eine gewisse Verführungssituation gegeben ist, nämlich, dass sie den ökonomischen Fortschritt ihrer Betriebe nicht durch verbesserte Faktorkombination, Innovationen, oder bessere kundenbezogene Leistungen zu erreichen suchen (also: Leistung), sondern bevorzugt durch Erpressung der eigenen Arbeitnehmer - z.B. hin zur entgeltfreien Ausweitung ihres Arbeitsumfanges.

Die Leistungen eines Betriebes werden damit aber nicht besser und der Wohlstand einer Gesellschaft nimmt durch Nutzung der Erpressungsmacht von Arbeitgebern nicht zu - im Gegenteil.

Die Anreizverminderung durch niedrigere Löhne kommt auch, gesamtgesellschaftlich durchaus übel, auf Seiten von Arbeitslosen, Langzeitarbeitslosen und "stiller Reserve" zum Tragen: Wenn bei diesen als "realistischer Weg" nur noch der Marsch ins Prekariat bzw. in den Niegrigstlohnbereich gilt, dann erodieren damit die notwendige Anreize, mit voller Kraft eine Beschäftigung anzustreben. Auch das ist messbar. Ich behaupte: Die Persistenz der deutschen Langzeitarbeitslosigkeit hat neben einer verfehlten Steuer- und Abgabenpolitik auch mit dem realen Lohnverfall der letzten 15 Jahre zu tun, besonders im (nur übel untersuchten) Bereich der Einstiegsgehälter- und löhne.

Liebe Neoliberale: Mit dem massiven Verfall von Anreizen und Löhnen schafft man keinen gesamtwirtschaftlichen Wohlstand.

* Mises-Schüler, Hayekianer sowie andere Anhänger der österreichischen Schule müssten hier, wollten sie in ihrer Theorie konsequent bleiben, allerdings auch im Fall monopolistisch wirksamer Gewerkschaften von den lobenswerten "Anreizen" einer Monopolsituation sprechen. *hihihi*.

Hinweis zu den Bildern: Der Dank für die CC-Bilder geht an Janissary und Bowbrick.

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1 Comments:

At 11 August, 2007 15:32, Blogger Wolfgang said...

Die Neoliberalen sagen doch, dass alleine der Markt den richtigen Gleichgewichtslohn automatisch bestimmt. Das Gericht kam zum Schluß, dass der Schaden für die Bahn und die Volkswirtschaft unverhältnismäßig hoch sei. Demnach muß bei der Lohnfindung für die Lokführer ein Marktversagen vorliegen. Die Löhne stehen nicht in einem Gleichgewichtsverhältnis zum Schaden. Mithin sind die Löhne zu gering und könnten demnach ohne weiteres um 30% (oder auch mehr) erhöht werden.

 

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