17 Dezember 2006

Zitat zum Sonntag

"Die Vielzahl der Erscheinungen [der Literatur] bewirkt natürlich, daß das einzelne Gebilde losgelöst dasteht, nicht mehr als Glied in der Kette, unbezogen auf das Totale und hauptsächlich auf die Entwicklung seines Schöpfers. Das Gefühl der Folge geht verloren. Merkwürdig, daß das Wort Folge das Wort Erfolg aus sich herausgebildet hat, das dann zu seinem Vernichter geworden ist. Erfolg ist nicht bloß ein Endpunkt, sondern bedeutet die Überbelichtung einer Tat oder eines Ziels und die Verdunkelung der Wege und Stationen, die dazu geführt haben. Eine Quelle beständigen Leidens für den, der sich seines stufenmäßigen Ganges bewußt ist und dem jede Stufe einen wichtigen Teil des Weges bedeutet. Es nimmt dann alles einen so zufälligen Charakter an, als ob man selber nur ein Kind des vorübergehenden Tags wäre und hinter dem jeweils letzten Produkt sich ein Vakuum ausdehnte. Das Einzige, was Bindung und Zusammenhang schafft, ist zur Not der Name, jedoch der Glaube, der sich auf den bloßen Namen stützt, ist Aberglaube. Es ist ein ungesunder Zustand des Kreditwesens, auch im Geistigen, wenn man sich immer wieder dort legitimieren soll, wo man bereits unwiderlegliche Beweise für seine Identität geliefert hat. Die Notwendigkeit des Ichseins ist ohnehin eine fortwährende innere Belastung: eine Erkenntnis, die zu den wesentlichsten der neueren Psychologie gehört und in das ganze Problem von Individualismus und Kollektivismus schlägt. Sie ist bei mir sehr früh entstanden, schon im Caspar Hauser bricht sie durch. Sonderbar, daß man das eigene Ich nur durch den Namen gültig fortsetzen kann. Das geistige Gesicht hat eben vorläufig noch keine so unverkennbare Prägung wie das physische; in unserm Paß ist kein Platz vorgesehen für die Werke. Da keine Kontinuität der Wirkung besteht, hat der Schaffende das Gefühl, als verschlinge der Name sein Werk, und wenn man nachprüft, muß man zugeben, daß die größten Taten der Geschichte viel mehr an Namen geknüpft sind als an Inhalte, das heißt, die Namen werden zu starren Masken, hinter denen kein Leben mehr ist. Ich bin fast sicher, daß jeder Ruhm eine Art von Maske ist und sich von einem tiefen Mißverständnis nährt, mit dem sich die Menschheit über einen unlösbaren Konflikt hinweghilft, dem zwischen der augenscheinlichen Unwirksamkeit auf die Vermehrung der Glücksmöglichkeiten."
(Quelle)

Das habe ich heute gelesen und empfehle es weiter.

Kleiner Seitenhieb mit erheblichen Wahrheitsanteil: Selbstredend bin ich mir der unbestreitbaren Ungenügsamkeit meiner Halb- und Viertelbildung eingedenk inkl. einem womöglich unverdienten Doktortitel - und z.B. heidelberger Wissenschaftsversager Assistenten mögen mir daher verzeihen, dass ich deren intellektuelle Licht- und Wundergestalten, z.B. Mark Steyn, Christopher Hitchens, Ludwig Mises, Borat oder Otto Lambsdorff z.Zt. etwas vernachlässige.

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