29 Dezember 2006

Wikipedia und der Fluch der Mehrheit

Es ist viel über die Qualität von Wikipedia gelästert worden**, oder über das mitunter engstirnige und Niveau verwässernde Editierverhalten seiner BearbeiterInnen. In der Summe können zwei Feststellungen getroffen werden:

Erstens ist das durchschnittliche Niveau von Wikipedia erstaunlich hoch, und liegt oft sogar über dem Niveau von Lexikonverlagen. Zweitens gibt es dennoch an vielen Stellen unangenehmste Qualitätsprobleme, z.B. zahlreiche Wissenslücken, die Überbetonung tagesaktueller Fragestellungen, unübersichtliche und teils hirnrissig editierte Artikel oder die Nivellierung von Wissen durch Bearbeiter. Ich meine hier solche Bearbeiter, welche lediglich den mitunter unzureichenden Wissenstand der Mehrheit repräsentieren.

Es gibt sogar recht hässliche Probleme, besonders ausgeprägt z.B. in politischen Lexikoneinträgen oder bei Beiträgen, welche für Fans interessant sind, einmal, dass dort bornierte Fanatiker bzw. fanatisch Bornierte Edit-Kriege führen (PR-Agenturen und sogar politische Think Tanks haben Wikipedia inzwischen als Zielobjekt entdeckt), und andererseits, dass exzellente Beiträge im Laufe der Zeit durch Durchschnittsbearbeiter verwässert werden, wenn die ursprünglichen Ersteller keine regelmäßige Kontrolle mehr vornehmen.

Für Minderheitenstandpunkte gibt es eher wenig Toleranz, zumal, wenn es um weltanschauliche Fragen geht. Scheinbar ist es so, dass "die Mehrheit" der Bearbeiter exzellente Beiträge zwar achtet, aber im Laufe der Zeit, auch mangels geistigen Rüstzeugs, regelmäßig verwässert und verschlimmbessert. Der Fluch der Mehrheit.

Ein großes Problem? Jain. Günstigerweise zeigt sich, dass die besonders aktiven Wikipedia-Bearbeiter, welche den Großteil aller Bearbeitungen vornehmen, im Laufe der Monate und Jahre deutlich dazulernen. Wikipedia bildet - in besonderer Weise auch seine Bearbeiter.

Dieser Lerneffekt bei den besonders intensiven Bearbeitern ist m.E. der Hauptgrund dafür, dass Wikipedia in der Summe gut dasteht. Je mehr Bearbeiter zur Verfügung stehen, umso besser wird es in der Regel. Der Segen der Vielzahl.

Dummerweise wird aber selten ein bestimmtes, durchaus noch gutes Niveau überschritten, - jedenfalls bei Artikeln mit zahlreichen aktiven Bearbeitern gibt es quasi eine "Qualitätsgrenze nach oben" - bedingt durch das Durchschnittsniveau der Bearbeiter. Zudem gibt es Artikel, welche üble Bearbeiter geradezu magisch anziehen.

Ein Beispiel für derartige Probleme gefällig? Der inzwischen erbarmungwürdig schlechte Artikel "Neoliberalismus" gibt beredte Auskunft darüber, gerade auch in der Geschichte seiner zahlreichen Bearbeitungen und Editwars. Besonders exzellente Bearbeiter gehen in derartigen Situationen mit ihren Bearbeitungen unter.

Glaube ersetzt hier Wissen. Fanatismus, Hartnäckigkeit und geschickt eingebrachter Verdrehungwille ersetzen Fairness und Kooperativität im Umgang mit fremden Bearbeitungen, während sich gute und exzellente Bearbeiter frustriert abwenden. Das ist quasi eine Art Marktversagen.

Was wäre zu tun, um diesen Zustand zu verbessern?

Ähnlich wie Prof. Ockenfels vom Institut für experimentelle Ökonomie an der Universität Bonn meine ich, dass eine kostengünstige und oft ausreichend wirksame Lösung in der Einführung eines guten und aussagekräftigen Reputationssystems besteht. Übrigens, zusammen mit eBay arbeitet Herr Ockenfels gerade an einem neuen Reputationssystem, welches im Laufe des Jahres 2007 starten soll.
"Das Ebay-Bewertungssystem schützt Käufer laut Studie nur unzureichend. Ein Problem, das Ebay erkannt hat – bis Mitte 2007 will das Unternehmen ein deutlich detaillierteres Bewertungsschema einführen. Bei der Entwicklung hat sich Ebay unter anderen von Ockenfels beraten lassen." (Quelle)
Empfehlenswert ist zum Thema Reputation und Qualitätssignale der sehr gut lesbare Artikel "Ökonomie des Vertrauens" (PDF), welcher u.a. die Grundlagen des Homo Oeconomicus betrachtet.

Ein Vorschlag zu Wikipedia:

Wikipedia könnte verschiedene (fachliche) Niveaus von Bearbeitern trennen, zum Beispiel in Form einer vierklassigen Liga*, innerhalb der sich die jeweiligen Bearbeiter um eine gute Reputation (und Aufstieg in die nächste Liga) bemühen können. Die fachliche Beurteilung von Bearbeitern erfolgt schwerpunktmäßig aus der höheren Liga.

Allerdings müsste man sich bei Wikipedia dann noch mehr als bei Ebay Gedanken über die zu setzenden Anreize für a) besonders gute b) besonders schlechte Teilnehmer machen, sowie darüber, wie "Rache-Beurteilungen" bzw. die Wirkung der Drohung mit Rachebeurteilungen verhindert werden können, denn anderenfalls sinkt die Zuverlässigkeit des Reputationssystems. Es müssen dazu Anreize für qualifizierte Beurteilungen gegeben werden (bei eBay z.B. geringere Auktionsgebühren). Und bei Wikipedia?

Außerdem müsste der einebnende "Mainstream-Effekt" abgeschwächt werden, welcher bewirkt, dass bevorzugt Bearbeitungen geschätzt werden, unabhängig von ihrem Niveau, welche den Mainstream repräsentieren. Wie geht man damit um, wenn sich verschiedene Standpunkte nicht unter einen Hut bringen lassen?

Ich meine, dass das oben angesprochene "Liga-System", bei dem die Bearbeiter/Bearbeitungsbeurteilungen v.a. durch Bearbeiter einer höheren Liga erfolgen, dem Racheeffekt, der sehr bedeutenden Gefahr für jedes Reputationssystem vorbeugen könnte, - allerdings muss dann besondere dafür gesorgt werden, dass dies nicht den "Mainstream-Effekt" verstärkt. Knifflig.

Lösungen für diese Problematiken wären sehr lohnenswert.

* Man könnte sich der idealen (d.h. anreizoptimale) Struktur eines derartigen Ligasystems mit Simulationsrechnungen annähern. Ich denke, ein guter Ausgangspunkt wäre folgende Verteilung: Liga 0 (quasi unterste Liga bzw. Nicht-Liga): Unterste 10% der Bearbeiter. Blutige Anfänger, Trolle und Idioten. Liga 4: 50 % der Bearbeiter. Anfänger und Durchschnitt. Liga 3: 34% der Bearbeiter. Guter Durchschnitt. Liga 2: 5% der Bearbeiter. High Potentials. Liga 1: Oberstes 1% der Bearbeiter. Exzellenz.

** Weltanschauliche Minderheiten sind mit Wikipedia natürlich besonders unzufrieden. So hört man von mehr oder minder liberalen Rechtsbloggern zahlreiche Klagen.

6 Comments:

At 29 Dezember, 2006 18:39, Anonymous Anonym said...

wikipedia ist m.e. als ernst zu nehmende enzyklopädie nicht mehr zu gebrauchen. da wird gelogen und zurecht gebogen, dass die schwarte kracht. ich erinnere nur zu gern an die mär von "che, dem massenmörder". einfach lachhaft, das geseier der liberalalalamilitanten nullchecker.

 
At 31 Dezember, 2006 00:14, Anonymous Anonym said...

wikipedia mausert sich m.e. zur ernst zu nehmenden enzyklopädie. die artikelqualität steigt stetig, selbst obskurste spezialthemen werden umfassend und aktuell behandelt. nur gute quellen und fakten gewinnen diskussionen. ich erinnere nur an lobende rezensionen von wikipedia etwa in "nature". höchst interessant, wie die ganze bevölkerung sich eine enzyklopädie bastelt.

 
At 31 Dezember, 2006 09:49, Anonymous Perspektive2010 said...

Es ist in der Tat bedenklich, wenn politisch motivierte Spinner, meistens aus der Achse neoliberal-libertär, arnacho-kapitalistisch, rechts, rechtsextrem, die Daten in Wikipedia verdrehen und verbiegen, so dass es zu Editwars zwischen objektiven Autoren und solchen politischen Agitatoren kommt. Man sollte sich vor Augen führen, dass das neoliberale Konzept das Gedankengebäude der Rechtsextremen widerspiegelt, von der “natürlichen Auslese” bis hin zur undemokratischen Einstellung zur Demokratie, siehe z.B. http://www.perspektive2010.de/blog/2006/12/30/was-ist-eigentlich-neoliberalismus/

Gruß

Alex

 
At 02 Januar, 2007 03:10, Blogger t-mix said...

Marktversagen. Der ist gut, das gefällt mir.

Bei diesem ganzen neoliberalen Gesocks frage ich mich ob es jemals funktioneren würde, alles auf einen "freien Markt" (=Gewinstreben) zu reduzieren. Das ist so als ob man das menschliche Zusammenleben auf den Arterhalt (=Sex) reduzieren würde. Ich frage mich auch wie man mit so einem eindimensionalen Weltbild wie es gewisse Gruppen an den Tag legen leben kann. Ist das nicht langweilig alles auf einer Achse Markt&gut - Rest&Schlecht anzuordnen...

 
At 02 Januar, 2007 03:18, Blogger t-mix said...

Achja, was die Mehrheit/Minderheit Problematik in der wikipedia anbetrifft ist der englische Artikel zum Thema 9/11 recht schön, weil er neben der offiziellen Meinung (die wohl noch die Mehrheitsmeinung ist) auch die Minderheit zu Wort kommen läßt, die nicht daran glaubt. Letztlich ist es eine Frage des Glaubens und man sollte da Glaubensfreiheit walten lassen...

 
At 04 Januar, 2007 18:43, Blogger la deutsche vita said...

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Wikipedia ein Reputationssystem braucht. Erstens wäre das genauso anfällig für Glaubensfragen und ideologische Grabenkämpfe wie die Inhalte seiner Artikel. Und zweitens wird ein schlechter Artikel nicht dadurch besser, dass sein Autor glaubwürdig ist. Letzteres ist ja genau die Schwachstelle des akademischen Wissenschaftsbetriebs: nachdem man die hohen Eintrittsbarrieren überwunden hat, erhält man einen Glaubwürdigkeitsvorschuss, der dann auch durch schlechte wissenschaftliche Leistung kaum mehr korrigiert werden kann. Die Stärke von Wikipedia liegt darin, dass seine Artikel - anders als wissenschaftliche Publikationen - tatsächlich gelesen werden. Und dass jeder der vielen Leser sofort einen direkten Feedback geben kann. Gerade wegen dieser Offenheit sind die meisten Artikel so überraschend gut. Der erste Effekt, den eine Reputationshierarchie hätte, wäre diese Offenheit abzubauen und die Dynamik von Wikipedia zu bremsen. Verglichen mit diesem Verlust wäre die rein theoretische Möglichkeit, gute von schlechten Autoren unterscheiden zu können, ein vernachlässigbarer Gewinn. Wikipedia ist eben kein Markt, wie Ebay, und seine Schwächen sind nicht Ausdruck eines Marktversagens, sondern lediglich Symptom eines unvermeidbaren Trade-Offs zwischen Selbstorganisation und hierarchischer Kontrolle.

 

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