15 Juli 2006

Warum wird von der IDF die Infrastruktur im Norden des Libanon angegriffen?

Eine Frage an meine Leser: Warum wird von der IDF im Norden des Libanons die Infrastruktur angegriffen?

Das Blog lebanonunderattack berichtet:
"Israel destroying North infrastructure - No Hezbollah base in the North. BUT Israel is now destroying all infrastructure in the North: an electricity central in Dennieh, water dams in Tripoli, the seaport [as well as Batroun and Amchit’s leisure and fishing seaports], communication hotspots [mobile telephony, satellite television…]"

Auch die Angriffe der IDF auf christliche Städte und Dörfer im Libanon passen nicht so recht zur angeblichen Selbstverteidigung gegen Hisbollah, die im Westen als Erklärung der militärischen Angriffe akzeptiert wird. Ist es denkbar, dass Olmert und Amir Perez die Armee nicht in Griff haben?

+++ Update 16.07.2006 +++
Wie ich gerade in der Wiener Presse lese, agiert die IDF bei ihrem Krieg gegen den Libanon mit einem unbeschränkten Mandat, unabhängig von der israelischen Regierung, mit "voller Handlungsfreiheit". Die Gerüchte, dass der Verteidigungsminister Amir Perez überfordert ist, scheinen begründet zu sein, umso mehr, als er vor dem Hintergrund von bereits mehr als 100 toten libanesischen Zivilisten darüber schwafelt, die libanesische Regierung müsse nun "den Preis bezahlen, solange sie daran scheitert, Ordnung im eigenen Haus zu schaffen".

Dieses rücksichtslose und kriegslüsterne "Argument" mit dem Preis-bezahlen-müssen ist ist eine klassisch faschistische Argumentation.

Was der militärisch naive Perez nicht kapiert: Dieser Krieg der IDF gegen den Libanon richtet sich in erster Linie gegen jeglichen Friedensprozess, der von den Falken der IDF gewiss mehr gefürchtet wird als die gelegentlichen Entführungen einzelner Soldaten. Die arabische Liga bzw. ihr Sprecher Amr Mussa erklären dieser Tage, dass der Friedensprozess endgültig tot ist. Die Generalstäbe der IDF haben ihr strategisches Kriegsziel also bereits zu guten Teilen erreicht...

Inwischen hoffen nicht nur George Bush, sondern auch arabische Staaten auf eine Friedensvermittlung durch Angela Merkel. Sie erhält damit Gelegenheit zu zeigen, dass sie (hoffentlich) mehr vermag als lächerlichstes Vloggen oder absprachewidriges Vermasseln einer Gesundheitsreform.

+++ Update +++
Inzwischen versagte A.Merkel erneut. Auf dem G-8-Gipfel lehnte sie das ihr von verschiedenen Seiten angetragene Verhandlungsmandat ab und ließ, nach Angaben der Hamburger Morgenpost verlauten, dass "andere dafür berufen" seien.

So ist sie: Unsere überforderte, halbherzige Zauder-Kanzlerin.

17 Comments:

At 16 Juli, 2006 10:54, Anonymous Lara said...

Hallo Dr. Dean,

wie kommst du denn darauf, dass Olmert etwas gegen die Zerstörung hätte? Für so eine Interpretation gibt es meiner Meinung nach keine Anhaltspunkte, eigentlich läuft doch alles nach Plan (http://www.iasps.org/strat1.htm):

http://antiwar.com/justin/?articleid=9301

"With Saddam out of the way, the second phase of the "Clean Break" scenario is unfolding before our eyes. And the propaganda war is going just as well as the military aspect of the campaign: the Israelis are no fools. They realize they can't proceed without the tacit complicity of the U.S. and the Europeans, who must be made to look the other way as the IDF commits war crimes on the ground. Under the pretext of avenging the "kidnapping" of one of their soldiers – and, more recently, two more – they have unleashed a military assault planned well in advance of the allegedly precipitating incidents.

This is surely one of the most threadbare excuses for a war ever uttered. One wonders how Israel's spokesmen can say it with a straight face. Soldiers in wartime are captured, not "kidnapped." If Hezbollah has "kidnapped" those two Israeli soldiers, then how do we describe the jailing of thousands of Palestinians, including hundreds of women and children, on the basis of their alleged sympathy for Hamas – now the democratically elected government of Palestine? In any case, it appears, according to this report, that Hezbollah has some Israeli competition when it comes to the business of kidnapping."

Und Merkel als Vermittlerin einsetzen zu wollen, ist dann doch etwas naiv. Die sagt ohnehin nur, was ihr aus Jerusalem und Washington diktiert wird - eher wird die Hölle zufrieren, als dass diese Dame Olmert und Bush die Tour vermasselt.

Grüße, Lara

 
At 16 Juli, 2006 11:16, Blogger Dr. Dean said...

Ich denke eher, dass Merkel zu einem eigenen Standpunkt in der Lage ist. Ihr fehlt das außenpolitische Standing von Schröder und Fischer, was ein Nachteil ist, zudem gilt sie bereits als persönliche Freundin von Bush, aber ich kann mir beim besten Willen nicht denken, dass sie die nahöstliche Eskalation begrüßt. Zudem steht ihr ein eingepielter außenpolitischer und diplomatischer Apparat zur Verfügung, der hoffen lässt, dass eine Vermittlung möglich ist.

 
At 16 Juli, 2006 17:37, Anonymous Anonym said...

dr. dean, deine kritik scheint mitten ins schwarze getroffen zu haben: der sstatler versucht dich jedenfalls grade zum antisemiten abzustempeln. und die bulldogge aus b. macht natürlich mit.

 
At 16 Juli, 2006 19:19, Blogger che said...

Warum schreibst Du IDF? Meines Wissens sprechen die Leute hebräisch, und man kann ruhig Zahal sagen. Mit "faschistisch" wäre ich vorsichtig. Klassische Kriegspropaganda, Vernichtungsabsichten wäre alles okay - aber wenn jede Argumentation, die mit einer Eskalation taktisch umgeht gleich faschistisch wäre, ja dann wäre auch diversen Verschwörungstheorien Tür und Tor geöffnet. Man muss nicht solche Keulen verwenden, um das Vorgehen der Zahal falsch zu finden.

 
At 16 Juli, 2006 20:56, Anonymous Anonym said...

ist zahal eigentlich die rechtsnachfolgerin der irgun?

 
At 16 Juli, 2006 21:47, Blogger che said...

Es gibt keine Rechtsnachfolgerin der Irgun Leumi. Zahal ist die hebräische Bezeichung der israelischen Streitkräfte einschließlich Geheimdienst und Polizei. Der augenblickliche Oberbefehlshaber ist allerdings ein Hardliner, wie es ihn seit 1982 (General Eitan) nicht mehr gegeben hat.

 
At 16 Juli, 2006 22:04, Anonymous Anonym said...

hardliner in israel sind schätzungsweise vergleichbar mit leuten wie pinochet, oder den de klerks in südafrika mit denen sie sich prima verstanden und super geschäfte machten. nicht?

 
At 16 Juli, 2006 22:46, Blogger che said...

Also, abgesehen davon, dass damals die Bothas und nicht die De Klerks in Südafrika am Ruder waren, ist der Vergleich ahistorisch. Eine rechte Likud-Regierung, die damals rechter war als der Likud heute, kann ebensowenig mit einer Kadima-Arbeitspartei-Regierung verglichen werden wie eine von Fatah und PLF dominierte PLO mit der Hamas. Steinmeyer ist nicht Strauß, Blair ist nicht Thatcher, Olmert ist nicht Begin oder Zamir. So funktioniert es nicht!

 
At 16 Juli, 2006 23:02, Blogger che said...

Und noch ein Nachschlag: Eine israelische Führung, die damals mit Rassisten/Faschisten kooperiert hat, ist auch deswegen noch nicht mit diesen identisch. Solche Gleichsetzungen sind platt, falsch und tumb.

 
At 16 Juli, 2006 23:11, Anonymous balou said...

Lieber che
glaubst Du nicht, dass Du Dein Gegenüber überforderst? Die Welt ist schwarz oder weiß, gut oder böse - basta. So einfach ist das - man nur fest dran glauben.

 
At 16 Juli, 2006 23:25, Anonymous balou said...

Das geht jetzt aber wirklich @was zu weit

 
At 16 Juli, 2006 23:25, Blogger che said...

Wer ein Gesamtkollektiv "Israel" unabhängig von Parteien oder einzelnen Akteuren
(die israelische Parteienlandschaft reicht von religiösen Fundamentalisten über Ultrarechte und dem konservativen, in sich höchst heterogenen Likud, die pragmatische Kadima, die sozialistische Arbeitspartei, die antizionistischen Kommunisten und die undogmatisch-linke Mazpen-Richtung, und das ist schon eine Vereinfachung einer unglaublich komplizierten Politlandschaft)
oder ein Gesamtkollektiv "Die Palästinenser" (Fatah ist nationalistisch, PLF linksnationalistisch, PFLP linksnationalistisch-kommunistisch, DFLP internationalistisch-kommunistisch mit besonderen Interessen der Palästinenser, Hamas islamistisch mit unterschiedlichen Ausdifferenzierungen, Djihad eine radikal-islamistische Terortruppe), wer also zwei solche Gesamtkollektive annimmt, ist Rassist. Punkt und Stopp.

 
At 16 Juli, 2006 23:31, Anonymous workingclasshero said...

Kann es sein, dass hier Wölfe zittern?

 
At 16 Juli, 2006 23:33, Anonymous Anonym said...

nach deiner ansage, che, sind alle, die dem b. aus b. folgen, rassisten. in dieser sache folge ich dir gerne. das berliner pack und seine gefolgschaft im rest der republik ist nicht nur dumm, sondern auch noch blöd.

hurra! hurra! hurra! schreien sie angesichts der grausamkeiten, furzen in ihre sessel und wiXXsen auf ihre tv-screens...

bravo.

 
At 17 Juli, 2006 08:44, Anonymous Anonym said...

@ che

zu der Aussage:

"...wer also zwei solche Gesamtkollektive annimmt, ist Rassist. Punkt und Stopp. "

Warum wäre man denn ein "Rassist" ? Ist der Begriff, dieses kleine Keulchen des deutschen Geistesmenschen nicht etwas überstrapaziert ?

Nimmt man dann automatisch an dass es zwei Rassen gäbe, z.B. "die Palis" und "dä Joodn" ? Oder vereinfacht man fälschlicherweise einen komplexen Sachverhalt ?

Nur so eine Frage, und vielleicht weil mich das mit dem "Rassismus" beginnt zu langweilen.

Es grüßt,

der Lebemann

 
At 17 Juli, 2006 10:08, Blogger che said...

Lieber Lebemann, mich langweilt nun meinerseits, mit welch abgedroschenen Methoden hier Bloggerbashing betrieben wird - damit meine ich nicht Dich, sondern anonym - und es wäre in der Tat noch viel zu sagen, aber nicht zu dieser Zeit und an diesem Ort. Nur so viel: Automatisch davon auszugehen, dass Kritik an einem bestimmten Vorgehen einer israelischen Militärführung automatisch Antisemitismus beinhaltet, gehört ebenso zu den gehirngeschrumpften Modellen wie umgekehrt die dämonisierte Vorstellung eines bösen Israel in den Köpfen von Islamisten und (sehr vielen) Arabern oder die Vorstellung Araber/Palästinenser=Islamismus in der Wahrnehmung israelischer oder westlicher Scharfmacher. Ich wende mich gegen die Tyrannei des Nationalen und gegen die Ethnisierung des Sozialen. So, und damit steige ich aus diesem unseligen Thread aus.

 
At 17 Juli, 2006 10:27, Blogger Dr. Dean said...

Ich schließe mich der Auffassung von Lebemann an.

Außerdem gebe ich noch zwei Punkte zu bedenken:

Erstens, dass - weitgehend unabhängig von der jeweiligen politischen Ordnung - massiver Gewalt fast immer ein unseliges Moment und eine Art "ansteckende Eigendynamik" innewohnt und oft auch Tendenzen, die faschistoid sind, besonders im Bereich der Gewalt rechtfertigenden Argumentationen.

Zweitens halte ich Amir Perez in seinem Amt nach wie vor für überfordert. Er unterschätzt m.E., dass der Generalstab der IDF eigene, von der politischen Führung des Landes unabhängige Strategien zu verfolgen in der Lage ist. Das ist indes keine israelische Besonderheit. Ich meine: Überall dort, wo das Militär sehr groß und mächtig ist, lassen sich ähnliche Mechanismen feststellen. Dies gilt z.B. auch für unsere eigene Bundeswehr, die sich in ihren Dienstbestimmungen und mit ihren eigenen Juristen z.B. außerordentlich schwer mit der Verfassung tut, zum Beispiel, indem sie das jederzeit gegebene Verweigerungsrecht des einfachen Soldaten im Fall eines Angriffskriegs bestreitet oder auf dem Dienstweg außer Kraft zu setzen sucht.

Es ist in meinen Augen eine weltgeschichtliche Beobachtung, dass derartige Eigendynamiken, vorbei an Verfassung, Volk und Staat, zum Wesensmerkmal fast jeden Militärs gehören.

Da Israel zu einem besonders starken und mächtigen Militär gewzungen ist, ist somit auch klar, dass der Verteidungsminister in diesem Land eine besonders anspruchtsvolle Position besetzt, und es besonders häufig mit Eigenmächtigkeiten und unabhängigen politischen Zielsetzungen des Militärs zu tun bekommt, was noch verschärft wird durch gewisse Traditionen des militaristischen Chauvinismus in der Öffentlichkeit. Schnell geschieht es vor einem derartigen Hintergrund, dass ein Minister, und sei er noch so gut, überfordert sein kann, oder sogar beinahe hilflos zusehen muss, dass sein Einfluss auf die Art der Kriegsführung nicht so groß ist, wie es wünschenswert wäre.

 

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