22 Mai 2006

Altruismus, Egoismus und zwei Zitate von Victor Klemperer und Alma Mahler-Werfel

Der moderne Mensch bekommt vom Zeitgeist munter eingebläut, dass sein Heil im Egoismus liege. Ex Egoisme lux. Hingegen sei Altruismus dem Menschen wesensfern, ein vorprogrammierter Niedergang, sozusagen Sozialstaatlichkeit, Denken von Gestern.

Ich stehe da mehr auf dem Standpunkt, dass ein guter und starker Mensch in beiden Bereichen stark sein muss: Altruismus UND Egoismus. Die Stärke in beidem macht es aus. Eine Reduktion auf nur einen Pol ist eine Verkümmerung und krankhaft.

Eine Person wird krank, wenn sie in ihrem Leben nur noch Altruismus kennt, auch eine Gesellschaft wird krank, wenn das fürsorgliche Element überhand nimmt. Schlimmer noch: Eine derartige Krankheit ist ansteckend, dann, wenn sie das Objekt der Fürsorge hilflos macht. "Ha!", werden jetzt Anhänger einer sozialstaatfreien Idee von Gesellschaft denken.

Indes, es gilt auch das Gegenteil. Eine Person wird krank und macht andere krank, wenn sie keine Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl besitzt, und ausübt, wenn sie ihre natürliche Hilfsbereitschaft verkümmern ließ, ihren altruistischen Anteil, wenn sie nur noch sich selbst kennt. Keine Person kann Person sein nur mit sich selbst. Das gleiche gilt auch für eine Gesellschaft.

Eine Gesellschaft, die das Mitgefühl verlernt, die ist krank und macht Menschen krank. Ich finde, wir Deutschen müssen da besonders aufpassen. Ich weiß kaum, woran es liegt, aber mein Eindruck ist, dass in unserem Kulturkreis immer noch eine üble Gefahr schlummert, eine Neigung, Sündenböcke zu suchen, die leider allzu leicht zu wecken ist. Es schadet m.E. nicht, wenn wir das von uns wissen.

Es schadet uns nicht, wenn der in uns inne wohnende Egoismus mit dem Altruismus ausgesöhnt wird, wenn Genusstüchtigkeit und Mitgefühl einander nicht widersprechen, wenn wir beides vollauf vermögen, als Individuen, und auch als Gesellschaft.

Die überaus lebenfrohe 19-jährige Alma Mahler-Werfel meinte am 15.März 1898 in ihrem bemerkenswert offenherzigen Tagebuch über ihren Bekannten Krasny, sowie zum Thema Egoismus:
Zum Schluss Krasny: Er ist sehr böse auf mich, dass ich ihm noch nicht geschrieben habe, wann er kommen solle, und nannte mich ein egoistisches Mädel. Nun ja, er hat ja recht: Mit ihm bin ich egoistisch, denn ich hasse ihn.
Egoismus als Ausdruck von Hass, Widerwillen oder Desinteresse im Umgang mit anderen. Und Altruismus? Hier fand ich ein überraschendes Zitat vom 60-jährigen Victor Klemperer, vom 19. Juni 1942:
Jetzt weiß ich, jetzt ist das Grauen immer in mir, auf ein paar Stunden übertäubt oder zur Gewohnheit geworden oder paralysiert vom «Es ist immer noch gut gegangen» und dann wieder als Würgeanfall lebendig. Das ist ein Streitfall zwischen Eva und mir. Sie sagt, es sei ihr nichts Neues und Überraschendes, sie habe das alles doch hundertmal gehört. Ich: Aber jetzt erst erlebe ich´s, meine Phantasie oder mein Altruismus waren nicht stark genug, um es so, ganz bei andern mitzuerleben. - Ich vergleiche dies Todesgrauen mit dem im Felde. Dies hier ist tausendmal gräßlicher.
Mich beeindruckt dieses Zitat. Das Miterleben ist ein Teil des Altruismus. Und bitte: Denke niemand von mir, ich wäre so klug, wie ich schreibe. Das Tun ist schwieriger als das Schreiben - wahre Klugheit liegt in der Tat.

6 Comments:

At 23 Mai, 2006 01:02, Anonymous Anonym said...

Meine Ansicht nach ist es ein häufig gemachter Fehler, Egoismus und Altruismus als Gegensatzpaar zu sehen.
Für mich ist der Altruismus nur eine positive Form des Egoismus, denn etwas für andere tun steigert immer das Selbstwertgefühl. Bei den Menschen, die mit ihrem ständigen Altruismus andere überfahren und hilflos machen, kommt der Egoismus krass zum Vorschein. Diese Menschen, die sich für sehr altruistisch halten, belügen sich selbst.
Ich bin ganz Deiner Meinung, dass der Mensch die beiden Seiten in sich vereinen muss.

 
At 23 Mai, 2006 10:32, Blogger John Dean said...

@Eule70
Interessanter Gedanke, Altruismus und Egoismus nicht als Pole und Gegensatzpaar zu betrachten, die einzeln gestärkt werden müssen und miteinander versöhnt, sondern von vorherein von einem vereinigten Idealzustand auszugehen, einer sozial positiven Form von Egoismus, bei dem sich Beides miteinander vereint ist und dann auf das Gleiche hinausläuft.

"Bei den Menschen, die mit ihrem ständigen Altruismus andere überfahren und hilflos machen, kommt der Egoismus krass zum Vorschein."

Ein mit Herrschsucht verbundener Altruismus. Wenn es denn überhaupt Altruismus ist, und nicht nur eine Technik zur Erlangung von Dominanz.

 
At 23 Mai, 2006 10:35, Anonymous Anonym said...

Ich schätze ganz besonders die Frau Alma Mahler-Werfel, das erste historisch belegte Exemplar einer nur in Deutschland vorkommenden Gattung, der Künstlerwitwe.

Überliefert ist von ihr auch eine schöne Bemerkung, die sich auf die Zeit bezieht, dies sie am Bauhaus zubrachte, als sie, wenn ich mich richtig erinnere, Bruno Taut (sein Kommentar zu seinen roten Häuserwänden: Rrrrrrotfrrrront) ihrer Frohschar einverleibte, und man dort noch echte Arbeiter mit breiten Fingernägeln hatte, und sich vorwiegend von selbst gezogenem Gemüse ernährte, in Form einer faserigen Brühe ohne Geschmack, die man mit sehr viel Knoblauch würzte, um sie geniessbar zu machen.

Sie sagte seinerzeit, man erkenne ein Mitglied des Bauhauses daran, "dass er aus dem Rachen stinkt".

Off-Topic, zugegeben, aber trotzdem unterhaltsam.

Es grüßt,

der Lebemann

 
At 23 Mai, 2006 10:36, Blogger John Dean said...

Nur mal son Gedanke: Vielleicht kann man zwischen
a) kooperierenden,
b) konkurrierenden und
c) schädlichen
Egoismus trennen.

 
At 23 Mai, 2006 10:40, Blogger John Dean said...

@Lebemann
Schöne AMW-Anekdote, die kannte ich noch nicht. Alma Mahler-Werfel ist jedenfalls ein unterhaltsames Studienobjekt.

 
At 23 Mai, 2006 12:34, Blogger che said...

Schon das Gegensatzpaar Altruismus-Egoismus ist falsch. Der Mensch ist grundsätzlich ein soziales Wesen. Wer das nicht glaubt, versuche mal nackt alleine in der Wildnis zu überleben. Kultur, Zivilisation, das alles ist nichts als geronnene Sozialität, menschliche Interaktion. Für die meisten Menschen aus traditionellen Gesellschaften, das habe ich bei vielen interkulturellen Begegnungen erlebt, besonders auch, wen bei den Ethnos so exostische Leute wie Touareg und Papua zu Besuch waren, erleben uns Deutsche als asozial und unsere Art des sozialen Umgangs miteinander als gestört. Im Weltmaßstab sind wir besonders egoistische Leute, doch auch bei uns klappt nichts, solange man sich rein egoistisch verhält. Interagio, ergo sum.

Niemand bleibt Solipsist, wenn er angegriffen wird und Andere in Rufweite sind.

 

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