05 August 2006

Neoliberale Denkverbote (1) - Ursachen von Kinderlosigkeit

Typisch für stark ausgeprägte Ideologien sind Denkverbote, welche gewährleisten, dass jene Fragestellungen nicht berücksichtigt werden, welche die Grundannahmen der Ideologie erschüttern könnten.

Von neoliberalen "Denk"zentren wie INSM, Bertelsmannstiftung und priesterlichen Ökonomieprofessoren gibt es zwar jede Menge Erörterungen über die Ursachen von Kinderlosigkeit, aber wichtige Fragestellungen werden ausgeblendet.

So gibt es Zusammenhänge zwischen einer prekären Lebenssituation (angeblich sei diese motivierend und überhaupt gut für die Ökonomie) und Familienplanung. Wie Rudolf Stumberger in der Telepolis zeigt, sinkt z.B. die Geburtenrate von Journalisten, sogar recht drastisch, wenn die Sicherung des Lebensunterhaltes in diesem Berufsbild schwieriger wird. Wie heutzutage.

Im Berufsleben habe ich oft beobachtet, dass Kinder bei Kollegen dann zur Welt kommen, nachdem diese auf der Karriereleiter die Sprossen erklommen haben oder einen lukrativen, gut bezahlten Arbeitsvertrag mit Zukunftsaussichten ergattern konnten. Vielleicht war das Zufall, aber ich bin geneigt, hier einen Zusammenhang zu sehen.

Meine Hypothese lautet: Der Kinderwunsch ist zwar heutzutage unverändert hoch, aber die für normale Bürger schwieriger gewordenen ökonomischen Verhältnisse bzw. Unsicherheiten in der Lebensplanung halten viele Menschen von der Familiengründung ab.

Umgekehrt ist die Geburtenrate in Frankreich deutlich höher, und die Gründe (zu den übrigens auch die französischen Mindestlöhne rechnen) sind wenig geeignet, um die asoziale neoliberale "Eigenverantwortungs"ideologie in ein blendendes Licht zu tauchen.

Also werden diese Fragestellungen in der herkömmlichen Wirtschaftswissenschafttheologie weitgehend ignoriert, z.B. vom Professor HW Un-Sinn oder vom Demokratiefeind Meinhard Miegel, welche sich ansonsten aber berufen fühlen, ihre familienpolitischeAnsichten "wissenschaftlich" zu formulieren.

Ein Beispiel für Miegels dreiste Ignoranz:
"Offensichtlich reichen finanzielle Anreize nicht aus. So wurde in Deutschland das Kindergeld seit 1974 real verzehnfacht, ohne dass dies irgendeine positive Auswirkung auf das Geburtenverhalten gehabt hätte. Umgekehrt gibt es in den Vereinigten Staaten oder Irland praktisch überhaupt keine finanziellen Anreize, und trotzdem ist in diesen Ländern die Geburtenrate wesentlich höher als in Deutschland. Das Geld ist es also nicht, jedenfalls nicht in erster Linie. Entscheidend sind Sicht- und Verhaltensweisen. So denkt die Mehrheit der Franzosen: Ein Leben ohne Kinder ist kein Leben. In Deutschland hingegen denken die meisten, dass Menschen ohne Kinder es ganz einfach besser haben. Dass Kinder nicht nur eine materielle Belastung, sondern auch eine Lebensbereicherung sein können, wird von vielen nicht gesehen."
Die Lösung des INSM-"Botschafters" (d.h. Propaganda-Verantwortlichen) Miegel lautet: Mit dem Kapitalismus ist alles okay, aber "die meisten" müssten sich halt umstellen, und Kinder, bitteschön, als Bereicherung sehen. Punkt. Dieser Professor, welcher der Neuen Rechten nahe steht (siehe Criticón 168), propagiert Bewusstseinswandel an Stelle von Problemlösungen, und ignoriert als "Wissenschaftler" die Gründe der Kinderlosigkeit, und zwar vollständig.

Ähnlich auch Professor Unsinn:
"Auf der Welt insgesamt gibt es zu viele Menschen. Andererseits werden arbeitsfähige Menschen schon in 20 Jahren, wenn die ersten Baby-Boomer in Rente gehen, fehlen. Daraus könnte man schließen, dass man die Lücke durch Immigration schließen sollte. Aber das sind schon ganz erhebliche Immigrationsströme, die wir dann brauchen würden. Gesetzt den Fall, es würden nur junge Menschen immigrieren und wir wollen im Jahr 2035, beim Höhepunkt der demografischen Krise unseres Landes, die Relation von Alten und Jungen auf dem heutigen Niveau halten, müssten 43 Millionen Menschen einwandern. (...) Die Rechnung zeigt, dass die Immigration als Lösung des deutschen demografischen Problems weit überschätzt wird. So viel Immigration wie wir brauchen, kann sich selbst der Liberalste nicht vorstellen. (...) Nur wenn die Deutschen den steinigen Weg durch die ökonomische Wirklichkeit wählen, werden sie die neuen Auen finden."
Professor Unsinn predigt blumig und irrational wie ein Theologe.

Die Ausage: "
Nur wenn die Deutschen den steinigen Weg durch die ökonomische Wirklichkeit wählen, werden sie die neuen Auen finden." bedeutet im Kontext, dass das Problem niedriger Geburtenraten durch härteste neoliberale Reformen angeblich gelöst werden würde. Warum er dies meint, begründet er nicht.

P.S.
Mehr und bessere Gedanken macht sich z.B. Antje Schrupp. Bei Ulysses, Daniel und Stefan finden sich ebenfalls Anregungen.

+++ Update +++
Word2Go setzt sich mit dem Thema auseinander. Bemerkenswert fand ich z.B. seinen treffenden Hinweis, dass die "Freiheit liebenden" Neoliberalen ruckzuck auf Zwang setzen, wenn sie ihre gesellschaftlichen Vorstellungen durchsetzen wollen:
"Zusätzlich stellen uns die Neoliberalen vor ein weiteres Paradoxon. Man könnte es auch argumentative Inkoherenz, zumindest aber Inkonsequenz nennen. Sie, die sonst so dogmatisch für freie Märkte und freie Individuen werben, verfallen angesichts der Bäuche deutscher Frauen in einen regelrechten Steuerungswahn."

5 Comments:

At 05 August, 2006 16:55, Anonymous Anonym said...

ach ja, der Ärger mit den Trackbacks. Warum funktionieren die bei Dir eigentlich nicht? Na gut, dann eben manuell:

Bei Dr. Dean, der mal wieder in grossartiger Manier gegen die neoliberalen Denkfabriken polemisiert, bin ich auf den interessanten Artikel "Mythos Geburtenrate" von Antje Schrupp gestossen. Darin nimmt sie viele der dramatisierenden Allgemeinplätze in der gegenwärtigen Debatte über die deutsche Kinderlosigkeit auseinander.

 
At 06 August, 2006 08:26, Anonymous Anonym said...

Heidiho.
Interessantes Blog was du da hast.

"Wer heute darüber nachdenkt was er morgen zu fressen kriegt freut sich nicht über die Schönheit des Universums." - Orwell.

Ja stimmt schon, ein 45 Stunden Job mit Hungerlohn ist ein schlechte Grundlage für Kinder aber warum fördert der Staat Kinder nicht besser? Denn wer sagen wir mal 2 Kinder hat, ein mittelschlechtes Einkommen zieht der ist doch noch viel mehr abhängier vom Arbeitsleben? Das ist doch toll, den kann man mobben und schikanieren wie man will, er oder sie tun es wegen ihrer Kinder willen doch dann oft trotzdem. Die Chinesen sind da ja ein gutes Beispiel. Sie arbeiten sich blöde in irgendwelche Manufakturen die Schuhe für Eurpäer herstellen nur damit ihre kleine ein bisl Schule machen duerfen. "Damit es denen mal besser geht als uns" Und solche Sprüche habt ihr ja bestimmt auch schon mal gehört. Die Kleinen werden dann hier wie da einfach in die Gehirnwasch äh Denkfabrik Schule gebracht, fein Kapitalismuskonform gestanzt und den Eltern fehlt die Luft zum atmen, die Zeit um darüber nachzudenken wie sie sich von ihrer Herrschaft befreien können. Sollten sie dann doch mal in Rente gehen sind sie ja oft bereits so ausgebrannt das da eh nicht mehr viel übrig ist, vom etwaigen möglichen gefährlichen Gedankengut als ein paar hohle linke Phrasen.

 
At 07 August, 2006 16:10, Blogger littleandy said...

Kleine Bemerkung zum Artikel von Antje Schrupp, auf den du verlinkst:
"Das wird aber nur der Fall sein, wenn die ideologischen Scheuklappen fallen und wir endlich weg kommen vom Ideal der konfektionierten Vater-Mutter-Tocher-Sohn-Familie. Man könnte auch sagen: Nötig wären mehr Frauen, die tun, was sie wollen. Die zum Beispiel trotz Vaterschaftsverweigerung ihres Partners (erneut) Mutter werden."
DAS kann aber nur funktionieren, wenn Väter nicht automatisch zu "Zahlevätern" werden, ungeachtet der Tatsache, ob sie Väter werden wollten oder nicht.

 
At 08 August, 2006 21:16, Anonymous Anonym said...

"Meine Hypothese lautet: Der Kinderwunsch ist zwar heutzutage unverändert hoch, aber die für normale Bürger schwieriger gewordenen ökonomischen Verhältnisse bzw. Unsicherheiten in der Lebensplanung halten viele Menschen von der Familiengründung ab."

Überraschenderweise haben aber hierzulande gerade die Asis die meisten Kinder. In den Talkshows hat jede 20jährige schon mindestens zweimal geworfen.
Und bei unseren migrationshintergründigen Freunden sieht's noch drastischer aus.
Vom Kindergeld und Mutterschaftsgeld etc. kann man nämlich ganz gut leben.

 
At 09 August, 2006 13:03, Anonymous Anonym said...

Scheisse ist Scheisse ist Scheisse.

Anstatt völlig weltfremd konservative Marktfeinde als "Neo"-Liberale zu bezeichnen, würde ich ihnen eine Portion Hayek, Mises, Popper oder Rand an ans Herz legen. So würden sie erkennen, woraus sich der liberale Ekel gegen Etatistenschweine aller Coloeur (das gesamte Parteinspektrum von NDP über KPD bis CSPDU) speißt.

Was aber hier verbreitet wird ist nicht mehr als warme Luft. Viel Ahnung von Nichts. Marktmechanismen und deren funktionieren in einem Minimalstaat, der Vorraussetzung für eine freie Marktwirtschaft, sind ihnen Wohl genauso fremd wie Intellekt in irgendeiner Form.

 

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