21 April 2006

Nachlese Irakkrieg (1)

Jeffrey Gedmin zählt immer noch recht viel im politischen Berlin, wohl auch, weil ihm Nähe zur Bush-Administration nachgesagt wird. Gedmin? Ein WELT-Essayist und neokonservativer Polit-Aktivist, der sich für eine radikalmarktlich-militaristische Agenda einsetzt. Finanziert wird er u.a. vom Aspen-Institut und vom American Enterprise Institute.

Am 4. März 2003 trat er bei Politik-Digital auf und stellte im Live-Chat zwei Wochen vor Beginn des Irak-Kriegs den damals aktuellen Spin der Neocons dar:

Moderator: Ich gehe davon aus, dass Saddam Hussein Ende 2003 weg ist, haben Sie vor einigen Wochen gesagt. Das klingt nicht so, als gäbe es eine Alternative zum Krieg.

Jeffrey Gedmin: Ich glaube, dass der Krieg immer noch vermeidbar ist. Das liegt aber an Saddam Hussein. Wenn er bereit ist, alle Massenvernichtungswaffen aufzugeben, dann ist die Sache erledigt.

So lassen sich beliebige Kriege begründen. Gedmin sprach hier von nicht existenten MWBs und einer nicht existenten Bedrohung. Für einen PNAC-Mitbegründer und Mitglied der amerikanischen Militaristenunion ist diese Art der Kriegsbegründung m.E. wenig überraschend.

Nach ähnlichem Muster wird es im Augenblick auch im Fall Iran probiert, jedoch zeichnet sich ab, dass sich die amerikanische Öffentlichkeit nicht erneut täuschen lässt.

Der Volksmund weiß: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.

14 Comments:

At 22 April, 2006 06:53, Anonymous Anonym said...

Lebst Du in Reichweite iranischer Raketen? Wirst Du den persischen Irren bei der WM in Deutschland auch herzlich willkommen heißen, auf daß er nur Israel bei Gelegenheit vernichten (sei es durch Atomwaffen oder Finanzierung von Terroristen) möge und gnädig zu uns Deutschen sei?

Verfolgst Du den Konflikt um das iranische Atomprogramm überhaupt, oder machst Du es wieder wie (vermutlich) im Fall des Irakkrieges und belässt es bei Pazifismus und "Kein Blut für Öl"-Parolen?

 
At 22 April, 2006 12:37, Blogger John Dean said...

@Nite Owl
Ich habe mich noch nie vor irakischen Waffen gefürchtet. Heute ist das genauso. Insofern ist das amerikanische Irak-Abenteuer
a) zunächst nur teuer (rund 400 Mrd. USD sind nicht grade wenig) und
b) weltpolitische destabilisierend, aber okay, darüber kann man durchaus streiten - aber falls man "Terrorismus" als die ulitmative Gefahr (ich: hahaha) betrachtet, hat sich die Lage erst durch die Intervention entscheidend verschlechtert, vor allem
c) es ist schade um die vielen zigtausend gestorbenen Menschen, um hundertausende an Verletzten, um die allgemeine Verschelchterug der Lebensverhältnisse für das irakische Volk
d) man hätte Hussein auch zivilisieren können oder beseitigen können. Wenn wirklich Hussein das Problem gewesen wäre (ich hege gewisse Zweifel an der Sinnhaftigkeit des beliebten Feindbildes, hach, so frei bin ich), dann hätte man halt einen von über 100.000 Schlapphüten (oder sogar James Bond?).

100.000 Mann gegen einen Mann (plus 10 Leibwächter) - da muss doch was zu machen sein. Im Fußball jedenfalls wäre das sowas wie eine Feldüberlegenheit.

nite owl, Du fragst: Verfolge ich die Sache mit dem iranischen Atomprogramm überhaupt?

Naja, man entkommt dem allgemeinen Gekreische ja nun leider nicht. Den irren Arschmybutt finde ich aus ganz anderen Gründen ziemlich problematisch. Diskussion hier.

Aber Krieg?

Sorry, wie seltsam muss man denken, um diesen Gedanken überhaupt ernsthaft zu erörtern?

Hey, dieser Hirnkrüppen und die von ihm beauftragten Wissenschaftler benötigen noch mindestens fünf Jahre bis zur Bombe. Bis dahin wird sich schon eine Lösung finden.

 
At 22 April, 2006 17:51, Blogger che said...

nite owl: Wer hat die einzige demokratie, die es im iran jemals gegeben hat, durch einen blutigen putsch bneseitigt und die diktatur des schah mohamed reza pahlewi eingesezt, eines der brutalsten folterregime in der zweiten hälfte des 20ß.jahrhunderts? Die usa. wer hat den schah jahrzehntelamg mit waffen beliefert und es ihm ermöglicht, die iranische opposition und die kurdische minderheit systematisch zu massakrieren? Ebenfalls die usa.
Das mullah-regime gibt es nur deshalb, weil der schah die bürgerliche und die linke opposition bei friedlichen demos mit maschinengewehren in fetzen schießen ließ (gute deutsche mg3-wertarbeit, durch hermes-bürgschaften abgesichert, der tod ist auch im orient oft ein meister aus deutschland)und die moschee der letzte rückzugsraum für politische versammlungen bleb. Erst hier kamen geistlichkeit un opposition zusammen, hier ist die keimzell des islamischen fundamentalismus im iran.
Ich bin sehr dafür, das iranische atomprogramm zu stoppen, möglichst multilateral über die uno. Auch für einen israelischen luftschlag á la osirak hätte ich, wenn nichts anderes hilft, verständnis. Aber die Sache durch einen us-geführten krieg zu regeln, nun das entspräche folgendem muster: Ein mensch wird durch ununterbrochene mißhandlung um den verstand gebracht und läuft amok, und die umgebung veerlangt, dass der ursprügliche mißhandler den amokläufer töten müsste. Das ist die moral, die hinter der forderung nach einem amerikanischen militärschlag steht.

 
At 23 April, 2006 02:08, Anonymous Anonym said...

@che: Zunächstmal ist eine zweite "Koalition der Willigen", trotz der ein oder anderen Drohung, unrealistisch - ich glaube nicht das dies von den USA gewünscht wird.

Man wird es aber möglicherweise für notwendig erachten - ebenso wie ich das tue.

"Auch für einen israelischen luftschlag á la osirak hätte ich, wenn nichts anderes hilft, verständnis."

Es wird wohl diesmal nicht so einfach sein, heißt es - und wenn es dann zum Krieg kommt ist ja noch zu befürchten das Mehrheiten in Europa Israel die schuld geben...

Bezüglich Iran und Mossadegh habe ich einst eine Vorlesung gehört die nicht auf der populären CIA-Affäre aufbaute, sondern auf inneriranische (Verteilungs-) Konflikte.

Was nun die "Wahrheit" ist weiß ich natürlich auch nicht - tut ansich auch nichts zur sache.

"Das mullah-regime gibt es nur deshalb, weil..."

Das ist sicher komplizierter, ebensowenig wie der zweite Weltkrieg alleine mit den Schwachpunken und Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages zu erklären ist.

Ja, "der westen" hat oft die "falschen" unterstützt - oft weil es keine "richtigen" gab bzw. man es für notwendig hielt.

 
At 23 April, 2006 02:16, Anonymous Anonym said...

dr.dean: Ich gebe zu, für mich war und ist auch ein vertretbares Motiv für diesen Krieg das Regime zu stürzen und Demokratie und Freiheit zu ermöglichen - man ist ja auch dabei das zu tun und wird noch lange Zeit zu tun haben.

zu b), ja, das bestreite ich - auch was Terrorismus angeht ist das nicht so klar - zum einen haben wir ein Regime weniger das Terroristen unterstützt (nicht Al Kaida, aber zumindest die Hamas) und die Terroristen die im Irak morden tun das nicht global.

zu c), ja, es ist schade um jeden - aber wir sollten nicht so tun als ob der Irak, die Region und die Welt sonst völlig in Ordnung, eine heile Welt, wäre.

zu d) man hat das ja auch lang genug versucht, bevor er durch Krieg gestürzt wurde - soweit man nicht sogar gute Geschäfte mit ihm gemacht hat.

wie gesagt: Krieg halte ich auf absehbare Zeit für unrealistisch - eben gerade aufgrund Irak und Afhanistan etc. - ob Deine Aussage mit den 5 Jahren zutrifft weiß ich nicht, ich denke nicht.

 
At 23 April, 2006 11:53, Anonymous Anonym said...

Wer soll eigentlich noch das Demokratie- und Freiheit-Gerede ernst nehmen? Welche Freiheit und Demokratie haben wir den bis jetzt im Irak? Wahlen unter starkem Truppen- und Polizeischutz - toll! Freiheit? Die Freiheit, entweder von Selbstmordattentätern oder GIs abgeknallt bzw. in die Luft gejagt zu werden - geil!

Aber wer war das neulich noch, der meinte, dass der IRak schon auf dem Weg zur zweiten USA sei, weil es da schon mehr Handys gebe als in Deutschland oder so ähnlich? Ich meine, das war bei den Kasperln von PIPI. Aber die sind genauso lächerlich wie die aufgestellte Behauptung. Die einzigen Iraker, denen es im Irak derzeit gut bis sehr gut geht, das sind die, die GIs und Extremisten am besten schmieren können - so wie Bush im Wahlkampf besten vom Skull & Bones-Zirkel die Millionen in den A.... gesteckt bekam und dafür im Gegenzug danach S&B-Schergen in hohe Posten hievte.

Wenn das Demokratie sein soll...

MfG

Daniel

 
At 23 April, 2006 21:23, Anonymous Anonym said...

klar, eine totalitäre Diktatur ist vergleichsweise übersichtlich und Außenstehende kriegen so gut wie nichts von mit.

 
At 24 April, 2006 09:38, Blogger che said...

Der Widerspruch ist so ohne Weiteres nicht auflösbar. Saddams Regime hat in der "großen heroischen Anfal-Offensive", wie das ganz offiziell hieß, 180 000 KurdInnen teils vergasen und teils mit Bulldozern in die Erde pflügen lassen. Was unter Saddam im Land passierte, war so grauenvoll, dass die Beseitigung dieses Regimes auf jeden Fall begrüßenswert war. Nur: Als dieser Genozid, nach der Shoah, dem Völkermord an den Armeniern und den Killing Fields in Kampuchea der viertgrößte der Menschheitsgeschichte war, sich ereignete, haben die USA tatenlos zugesehen - Irak war ein Verbündeter gegen den Iran. Saddam war, wie meine kurdischen Freunde es einmal ausdrückten, ein Kettenhund der USA, der sich losgerissen hatte.


Es mag schon sein, dass der bürgerkriegsähnliche jetzige Zustand nicht schlimmer ist als die nicht öffentlich berichtete Realität unter der Diktatur. Nur war das Schicksal der irakischen Menschen den US-Strategen während der schlimmsten Verbrechen des Regimes völlig egal. Beim dritten Golfkrieg ging es um Ölinteressen, nicht um strategische Waffen des Irak (wie behauptet wurde) oder gar um Menschenrechte (was auch gar nicht im Vordergrund der Kriegslegitimation stand).
So sehr ich dafür bin, den Iran an der A-Waffen-Produktion zu hindern, glaube ich nicht, dass bei einem Krieg gegen das drittgrößte Ölland der Welt, geführt von einer US-Administration, die überwiegend aus ehemaligen Führungskräften der Ölindustrie besteht, es in Wirklichkeit um Anderes ginge als Öl.


Im Übrigen: Man nenne mir ein einziges KZ, dessen Gaskammern und Verbrennungsöfen durch gezielte Angriffe alliierter Bomber zerstört wurden.

 
At 24 April, 2006 23:04, Anonymous Anonym said...

Wer eine möglichst idealistische und moralische Außenpolitik will sind ja gerade die von Euch (dr.dean/ Daniel/che) so verhassten Neokonservativen - dazu gehört auch das diese am ehsten von allen US-Außenpolitikern bereit sind Allianzen mit fragwürdigen Regimen zu lösen.

Zum einen glaube ich daran das es nie nur ein Motiv, eine Ursache oder eine Auslöser gibt - zum anderen ist zumindest aus Sicht der USA, und der objektiven Realpolitk (wenn es denn sowas gibt) die idealistische Politik nicht immer die bessere.

"Im Übrigen: Man nenne mir ein einziges KZ, dessen Gaskammern und Verbrennungsöfen durch gezielte Angriffe alliierter Bomber zerstört wurden."

Das ist nun ein ganz neues Thema... ich denke man hat zum einen befürchtet das der Angriff von der deutschen Propaganda ausgeschlachtet wird (die Toten den Allierten vorgeworfen werden) und zum anderen man am meisten erreicht wenn man die Deutschen möglichst schnell besiegt.

wir wissen ja heute das es auch Massenmorde ohne industriellen Anlagen gab...

 
At 25 April, 2006 11:36, Blogger che said...

Nein, nite owl, ich gehe davon aus, dass die Westalliierten die KZs bewusst nicht bombardierten, teils, weil die inhaftierten Juden für sie auch nur "überflüssige Esser" waren, teils, weil der Fortbestand der Vernichtungslager praktisch für die eigene Propaganda war. Noch 1946 haben britische Mandatstruppen jüdische Flüchtlinge in Palästina zurück ins Meer gejagt, den ersten Nahostkrieg gewann das - damals sozialistische - Israel nur dank Waffenhilfe aus der Tschechoslowakei. Diese Konstruktion von "moralischer Politik" halte ich für eine Chimäre, sie stimmte damals nicht, und sie stimmt heute nicht (okay, der Benes-CSSR zum damaligen Zeitpunkt gestehe ich die evtl. zu). Großmächte haben Interessen, nichts weiter.

 
At 25 April, 2006 11:37, Blogger che said...

Ach ja, da gibt es eine aktuelle Studie zu:


http://www.gerdgruendler.de/Keine%20Bomben%20auf%20Auschwitz.html

 
At 25 April, 2006 13:05, Blogger John Dean said...

@nite owl
Würde die drastische Steigerung der Militärausgaben (als Ergebnis der Neocon-Ideologie) von einem etwa gleich starken Anstieg der US-Entwicklungshilfe begleitet werden, dann würde ich evtl. in Erwägung ziehen, ob Dein Argument mit der "idealistischen und moralischen" Außenpolitik der USA mehr ist als politische Propaganda bzw. eine rhetorische Hülle für Hegemonialpolitik.

Im Übrigen (das ist typisch linksliberal) meine ich:

Die Welt hat schon genügend schlechte Erfahrungen mit "Idealismus" gemacht, der seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen trachtet.

Militarismus ist eine Plage, und zwar völlig egal, in welcher Gestalt sie auftritt.

Von diesem Grundsatzargumenten abgesehen hätte ich an Stelle Nite Owl angesichts der durchwachsenen außenpolitischen Bilanz der USA recht erhebliche Zweifel an der Idee vom "guten Hegemon".

Ich halte weder etwas vom verblödeten Urvertrauen auf das "grundsätzlich Gute in der der US-Außenpolitik", noch halte ich etwas von der radikallinken Chimäre einer angeblich stets bösen US-Außenpolitik.

Das irre Alpglühen in den Augen von Neocons, ob nun "im Namen der Freiheit" oder über lächerlich hysterisch begründete, angebliche Notwendigkeiten zum militärischen "Kampf gegen den weltweiten Terror": das macht mir Sorgen, nicht zuletzt deshalb, weil die verfügbaren Machtmittel erheblich und die damit verbundenen prinzipiellen Missbrauchsgefahren proportional hierzu sind.

Wenn man begriffen hat, dass Außenpolitik kein Feld ist, wo man eine "freien Entfaltung" des Militarismus wünschen kann, dann fällt die faschistoide Neocon-Ideologie bereits in sich zusammen.

Und es spielt dabei keine sonderliche Rolle, ob der jeweilige Militarismus nun behauptetermaßen "idealistisch moralisch" ist oder ungeschminkt nach Hegemonie dränkt.

Es bleibt immer (!) ein sehr erhebliches Legitimitätsproblem, und keine politisch-demagogische Formel von "Freiheit" oder "Antiterror" kann diesen Mangel auf Dauer überdecken.

Und nur mal eine Randbemerkung an Idealisten, welche immer noch unter Anwendung von schrecklichen Gewaltmitteln ihre Ideologie verbreiten wollen:

Der Irakkrieg wird dem amerikanischen Steuerzahler etwa 400 Mrd US-Dollar kosten.

Hätte man stattdessen davon 1/4 (also: 100 Mrd.) dafür aufgewendet, um damit die Demokratisierung der Baath-Partei und des Iraks zu fördern (immerhin ein Betrag von satten 10.000 US-Dollar pro erwachsenen Iraker), und zusätzlich eine Reihe von Schlapphüten finanziert, welche Saddam nebst Clan killen, dann hätte man sich das ganze Irak-Abenteuer sparen können.

Okay, das hätte aber im US-Fernsehen weniger hübsche Bilder gegeben, von wegen "unsere Jungs" und "unserer Präsident" in Miltitärklamotten.

Gegen den chauvinistischen Charme von gemusterten Olivgrün hat eine nüchterne Außenpolitik vermutlich kaum eine ernsthafte Chance.

400 Milliarden US-Dollar für einen Völkerrecht brechenden Angriffkrieg? Sir, yes, sir, we like that very much!! It is so much idealistic to fight for the good in the world! We are great! Kill the enemies! Let freedom prevail!!

100 Milliarden US-Dollar für einen friedlichen Wandel? Outch, our tax! This is unsexy, no way!! Tax cuts, so help me god!

 
At 19 August, 2010 08:58, Anonymous Anonym said...

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